Alice Schwarzer schreibt

War die Silvester-Nacht organisiert?

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„An diesem Donnerstag war ausnahmsweise mal der Talk bei Markus Lanz die bessere Wahl (...) Obwohl sich Lanz Alice Schwarzer eingeladen hatte. Die raunte davon, ob es nicht verdächtig sei, dass es zu Silvester in so vielen deutschen Städten und europäischen Ländern gleichzeitig solche massiven Angriffe auf die Freizügigkeit der Frauen gegeben habe. Wenn da mal nicht der ‚Islamische Staat’ dahinterstecke, so Schwarzer. Die Emanzipation der Frau sei den ultrafundamentalistischen Terror-Muslimen ja schließlich der größte Dorn im Auge.“ Merke: Freizügigkeit - nicht Freiheit.

Der Spiegel 
Frei von
jeglicher
Sachkenntnis

Soweit der Spiegel-Online-Rezensent nach der Sendung zur Sache – frei von auch nur einem Hauch Sachkenntnis. Dass Justizminister Maas bereits am 5. Januar erklärt hatte: „Niemand kann mir erzählen, dass das nicht abgestimmt und vorbereitet wurde", das weiß der Mann nicht. Auch nicht, dass Innenminister de Maizière am 11. Januar öffentlich darüber sinnierte, ob die Überfälle „möglicherweise organisiert“ gewesen seien. Ebensowenig kennt er die Erklärung von BKA-Chef Holger Münch: „Sie (die Männer) haben sich gezielt verabredet, da sie auch aus dem überregionalen Raum kamen.“ (Zum Beispiel aus Belgien und Nordfrankreich, Hochburgen der marokkanischen Islamisten). Und schon gar nicht kennt der Mann aus Berlin-Mitte die längst entflammte internationale Debatte, in der zum Beispiel die Algerierin Mariem Helie Lucas schreibt: „Eigenartig, dass die Parallelen (zwischen dem Kölner Bahnhofsplatz und dem Kairoer Tahrir Platz, Anm. d. Red.) nicht gesehen werden. Will Europa denn so gar nicht von uns lernen?

Nein, will es anscheinend nicht. Denn sonst hätten wir vieles, worüber wir jetzt lamentieren, schon vorher kommen sehen. Allerdings muss man sagen, dass selbst bei Berücksichtigung der gewohnt niedrigschwelligen Erwartungen an das deutsche „Nachrichten"-Magazin ein solcher Totalausfall von Information, Objektivität und journalistischer Sorgfaltspflicht dann doch leicht überrascht. Höchste Zeit also, es nicht länger beim „Raunen“ meiner „Verschwörungstheorie“ in nächtlichen Talkshows zu belassen, sondern hier aufzuschreiben, was wir bisher wissen – und auf welche Fragen wir dringend Antworten finden müssen!

Sexueller Terror
Eine Strategie
im Heiligen
Krieg?

Solche Ausbrüche kollektiver sexueller Gewalt wie in der Silvesternacht in sechs europäischen Ländern und Dutzenden von Städten hat es bisher in Europa noch nie gegeben. Das ist eine neue Dimension. In Nordafrika und Nahost hat die sexuelle Bandengewalt - bei uns neckisch als „Gang Bang“ bezeichnet – Tradition. Es gibt dafür sogar ein eigenes Wort: taharrush gamea. Als massenhaftes kollektives Phänomen allerdings ist sie auch in den arabischen Ländern relativ neu: Das tauchte erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, als die Araberinnen begannen, sich zu emanzipieren: raus aus den Häusern und rein in den öffentlichen Raum.

Die taharrush gamea in Tunis während des sogenannten Arabischen Frühlings fand bei uns wenig Beachtung. Aber die systematische sexuelle Gewalt auf dem Tahrir-Platz in Kairo ging durch die internationalen Medien, nicht zuletzt, weil auch westliche Journalistinnen Opfer wurden. Auf dem Tahrir-Platz hatten 2013 Banden von jungen Männern über Monate hunderte von Frauen geschlagen und betatscht: Busen und Genitalien, bis hin zur Vergewaltigung. Das waren die Monate, in denen das ägyptische Volk auf die Straße ging, um zunächst gegen Mubarak zu protestieren und sich dann von dem noch diktatorischeren islamistischen Muslimbruder Mursi zu befreien. Dabei fighteten und hofften die Frauen an vorderster Front.

Der Terror war erwiesenermaßen organisiert und ging von Islamisten aus. Was kein Zufall ist. Die Frauen sollten eingeschüchtert und wieder aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden. „En-nsa, l-ed-dar!“ gröhlten die Männer („Frauen ins Haus!“)

Taharrush gamea
Erprobt auf dem
Tahrir-Platz

Die Emanzipation der Frauen ist seit jeher der Hauptfeind der muslimischen Fundamentalisten, gegen sie gibt es zahllose Pamphlete. Der so genannte „Islamische Staat“ ist dabei nur die Spitze des Eisberges dieser längst international organisierten Terroristen, ihre Basis erstreckt sich von Teheran bis Köln oder Paris.

Die Islamisten führen Krieg gegen den Westen – spätestens seit dem 11. September, und der Westen zittert vor Anschlägen mit Kalaschnikows und Selbstmordattentätern mit Sprengstoffgürteln, wie in Paris oder Istanbul. Mit weiteren gezielt organisierten Anschlägen wird gerechnet. Denn das hohe Wissen der Strategen des Heiligen Krieges über uns und ihre militärische Erfahrung sind bekannt, ja berüchtigt.

Jetzt kommt also offensichtlich ein neues Element hinzu: die sexuelle Gewalt gegen Frauen. Sie ist seit jeher eine Waffe im Krieg. Damit schlagen die Täter zwei Fliegen mit einer Klappe: Erstens werden so die Frauen körperlich und seelisch zerstört. Zweitens werden so ihre Männer – Väter, Brüder, Ehemann – gedemütigt: Der Gegner ist noch nicht einmal in der Lage, seine „eigenen“ Frauen zu schützen (Susan Brownmiller analysierte diese Strategie als erste 1975 in „Gegen unseren Willen“). Bei der Variante taharrush gamea sollen die Frauen im arabischen Kulturkreis außerdem mit dem sexuellen Terror aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden.

In 6 Ländern,
gleichzeitig -
ein Zufall?

In Köln gibt es bis jetzt 650 Anzeigen, mehr als die Hälfte wegen sexueller Gewalt in der Silvesternacht. Von Hamburg werden 205 Anzeigen gemeldet. In Bielefeld haben etwa 500 Männer „nordafrikanischer, arabischer Herkunft“ versucht, eine Disco zu stürmen, heißt es. Es ist ihnen nicht gelungen, sonst hätten wir auch von da ein paar hundert Anzeigen. Und die Aufzählung könnte immer so weiter gehen: Stuttgart, Wien, Kopenhagen, Stockholm.

Das alles soll Zufall gewesen sein? Sehr unwahrscheinlich!

Hat der „Islamische Staat“ also ein rotes Handy, von dem aus er persönlich in Köln, Zürich oder Kopenhagen anruft? Nein, das hat er gar nicht nötig. Die Strukturen der islamistischen Terroristen sind dezentral, wie wir wissen – es genügen gezielte Impulse aus der Zentrale. So würden bei den über 1.000 Männern am Kölner Hauptbahnhof eine Handvoll Provokateure gereicht haben, die das Ganze seit ein, zwei Wochen vorbereitet haben. Von Handy zu Handy, von Mund zu Mund: Silvester gehen wir Frauen klatschen! Diese „Huren“, die da abends auf der Straße sind, haben es nicht anders verdient...

Es wäre die subversivste Waffe. Jeder Mann hat sie.

Kurzum: Befinden wir uns in einem neuen Stadium des „Krieges“ der Islamisten gegen den Westen? Ein Stadium, in dem zu den bekannten Waffen nun die der Sexualgewalt hinzukommt? Das wäre die wohl subversivste Waffe. Denn jeder Mann hätte sie bei sich - und keine Kontrolle könnte dagegen etwas ausrichten.

Nicht nur ich und arabische Feministinnen, auch deutsche Minister stellen sich seit Tagen diese Fragen. Dass ein Spiegel-Online-Autor am 15. Januar das noch nicht einmal ahnt, ja auch noch dummdreist über diese These hämt, das ist nicht nur sein Problem und das eines Blattes, das so etwas veröffentlicht. Die Ignoranz vieler Medien in Deutschland ist unser aller Problem. Vor allem das von uns Frauen.

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Alice Schwarzer (Hrsg.): "Die große Verschleierung. Für Integration. Gegen Islamismus". (2011, KiWi, das Buch ist nur noch als Ebook erhältlich) und "Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz" (2002, KiWi). mehr

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Flüchtlinge: Was jetzt passieren muss!

© Bernadett Szabo/Reuter
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In der Ende Oktober erscheinenden nächsten EMMA wird es, nicht überraschend, auch um Flüchtlinge gehen. Um die Frauen, die helfen – aber auch um Frauen, die sich Sorgen machen um ihre eigenen Rechte. Oft sind das ein und dieselben Frauen. Denn eines ist klar: Nicht nur die Frauen und Mädchen in den Aufnahmelagern sind in besonderer Gefahr (und haben nicht selten schon in ihren Heimatländern oder auf der Flucht sexuelle Gewalt über sich ergehen lassen müssen). Auch unsere Gleichberechtigung ist in Gefahr, wenn jetzt Hunderttausende meist junger Männer in unser Land strömen. Sie kommen aus frauenverachtenden Traditionen und (Bürger)Kriegsländern und sind geprägt von Gewalt. Das könnte unsere in den letzten zweihundert Jahren erkämpften Menschenrechte und die in den letzten 40 Jahren errungene Gleichberechtigung durchaus ins Wanken bringen. Darum müssen Männer wie Frauen raschestmöglich aufgeklärt werden über unseren Rechtsstaat und unsere Gleichberechtigung der Geschlechter. Und die Flüchtlingsfrauen müssen besonders geschützt werden. Hier ein Forderungskatalog:

IN DEN UNTERKÜNFTEN

  • Für alleinreisende Frauen und Mädchen müssen getrennte Unterkünfte bereit gehalten werden.
  • In den gemischten Unterkünften müssen nach Geschlechtern getrennte, abschließbare Sanitäranlagen zur Verfügung stehen. 
  • Frauen und Kinder müssen darüber aufgeklärt werden, dass sie (sexuelle) Gewalt nicht hinnehmen müssen, sondern dass das Straftaten sind.
  • In den Lagern muss es spezielle Ansprechpartnerinnen für Frauen in Not geben.
  • In den Frauenhäusern muss es auch Plätze für Flüchtlingsfrauen in Not geben.
  • Die BetreuerInnen von Flüchtlingen müssen spezielle Schulungen erhalten für geschlechtsspezifische Probleme.
  • Täter müssen konsequent verfolgt werden, auch wenn sie selber gleichzeitig Opfer sind.
  • Bei Einschüchterungsversuchen – wie z.B. der Weigerung, sich von Frauen helfen zu lassen (Bedienungen, Betreuungen, Polizistinnen etc.) oder der Aufforderung an muslimische Frauen, sich „züchtig“ zu kleiden – muss Null Toleranz gelten.
  • Das Sicherheitspersonal in Flüchtlingsunterkünften muss für die Problematik der (sexuellen) Gewalt gegenüber Frauen geschult werden. Ein besonderes Augenmerk muss auch auf mögliche islamistische Agitation durch das Personal liegen – und diese sofort unterbunden werden.

IM ASYLVERFAHREN

  • Geschlechtsspezifische Gründe wie patriarchale oder islamistisch motivierte Gewalt müssen anerkannt werden.
  • Weibliche Dolmetscher müssen zur Verfügung stehen, damit die Frauen nicht vor Scham schweigen.
  • Während der Anhörung von Müttern müssen die Kinder betreut werden.

BEI DER INTEGRATION

  • Von Anbeginn an müssen Sprach- und Aufklärungskurse gekoppelt sein.
  • Zur Aufklärung über die Demokratie gehört das Kapitel Gleichberechtigung der Geschlechter. Ebenso die Akzeptanz aller von der normativen Heterosexualität abweichenden sexuellen Orientierungen.
  • Die Teilnahme von Frauen an allen Kursen muss verpflichtend sein. Müttern muss dafür eine Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt werden.
  • Selbstverständlich darf es keine Relativierung unserer Gesetze und Sitten im Namen der Religion geben.
  • Werbe- und Rekrutierungs-Aktivitäten von Salafisten und anderen rückschrittlichen Muslimverbänden in den Aufnahmelagern müssen strikt untersagt werden. Dasselbe gilt für christliche Sekten wie z.B. die Evangelikalen.
  • Übergriffe auf Frauen bzw. Kinder und Verstöße gegen unsere Gesetze müssen rasch und konsequent geahndet werden.

Forderungen als pdf zum Ausdrucken

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