Alice Schwarzer: Mein Lebenslauf

Mutter Erika, Großeltern Ernst und Grete Schwarzer.
Mutter Erika, Großeltern Ernst und Grete Schwarzer.
Mit acht Jahren in der Schule Pfalzgrafenstraße.
Mit acht Jahren in der Schule Pfalzgrafenstraße.
Schlussball Wuppertal 1959, mit Tanzpartner Tom.
Schlussball Wuppertal 1959, mit Tanzpartner Tom.

1942 bis 1961: Kindheit und Jugend

Ich bin am 3.12.1942 in Wuppertal geboren. Als uneheliches Kind wuchs ich bei meinen Großeltern auf, die ich Mama und Papa nannte. „Mutti“ hatte den Status einer älteren Schwester (Foto links). Nach der Bombardierung wurden wir nach Stadtlauringen/Franken evakuiert, wo ich bis zum sechsten Lebensjahr auf einem Bauernhof aufwuchs und in der Zwergschule eingeschult wurde. Einer chaotischen Schulzeit folgte mit eine kaufmännische Lehre. Mit 16 war ich ganz brav auf der Tanzschule (Foto Schlussball). Ich tanze bis heute leidenschaftlich gerne.

Meine Clique. Riverboatshuffle auf dem Rhein.
Meine Clique. Riverboatshuffle auf dem Rhein.
Ich mit 19. Das Foto machte "mein erster Freund".
Ich mit 19. Das Foto machte "mein erster Freund".
Mit der besten Freundin Barbara im Urlaub.
Mit der besten Freundin Barbara im Urlaub.

1962 bis 1963: Aufbruch in die Welt

Eigentlich wollte ich Innenarchitektin werden, landete aber im Büro. Das ödet mich an. In der Freizeit habe ich eine vergnügungs- und tanzwütige Mädchenclique (Foto links: Riverboatshuffle auf dem Rhein). Mein Leben ist: Rock’n’Roll, Nouvelle Vage, Literatur, Jazz und Partys. Mit 20 ziehe ich mit meiner besten Freundin Barbara nach München, wohne in Schwabing, jobbe in einem Verlag und abends als Empfangsdame in dem angesagten Live-Jazz-Club "Nachteule". Ich interessiere mich leidenschaftlich für alles, vor allem für Politik, habe aber keine Berufsperspektive.

Als Au-Pair mit Patrick, Jean François & Yvonne.
Als Au-Pair mit Patrick, Jean François & Yvonne.
In Paris auf der Pont Royal, fotografiert von Bruno.
In Paris auf der Pont Royal, fotografiert von Bruno.
Mit Bruno auf unserer ersten Reise, nach Venedig.
Mit Bruno auf unserer ersten Reise, nach Venedig.

1964 bis 1965: Frankreich, die zweite Heimat

Ab 21 habe ich einen Plan: nach Paris gehen. Französisch lernen, den Horizont erweitern und dann ein Volontariat als Journalistin machen. So ziehe ich es durch. In Paris putze ich, tippe und hüte Kinder. Im Sommer 1964 lerne ich den Jurastudenten Bruno Pietzsch kennen, der bis 1974 mein Lebensgefährte sein wird. Uns verbindet auch ein leidenschaftliches politisches Interesse. Ich liebe Paris, das für mich zur zweiten Heimat wird, gehe aber nach Deutschland zurück, um bei den Düsseldorfer Nachrichten zu volontieren.

Bei Pardon, hinter mir Kromschröder, rechts Knorr.
Bei Pardon, hinter mir Kromschröder, rechts Knorr.
1968. Ferien, nach den Barrikaden in Paris.
1968. Ferien, nach den Barrikaden in Paris.
Rollenreportage: Profi-Flirt mit Udo Jürgens.
Rollenreportage: Profi-Flirt mit Udo Jürgens.

1966 bis 1969: Traumberuf Journalistin

Am 1. Februar 1966 beginne ich mein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten. Es macht mir großen Spaß. Mit einem Umweg über eine Frauenzeitschrift in Hamburg gehe ich Anfang 1969 als Reporterin zu Pardon, die mit konkret als eine Medienstimme der APO gilt. Ich sympathisiere stark mit den 68ern, aber die sind aus der Nähe weniger revolutionär als ich dachte. Bei Pardon bin ich die einzige Frau in der Redaktion und Nachfolgerin von Wallraff, also Spezialistin für Rollenreportagen: vom Fließband in der Fabrik bis zum Gast im Club Med in Agadir (im Strandkorb mit Udo Jürgens).

Dreharbeiten für mein TV-Porträt von Beauvoir.
Dreharbeiten für mein TV-Porträt von Beauvoir.
Gespräch mit Sartre über "Revolutionäre Gewalt".
Gespräch mit Sartre über "Revolutionäre Gewalt".
„Les Filles“, die Mädchen vom MLF (ich Mitte unten).
„Les Filles“, die Mädchen vom MLF (ich Mitte unten).

1969 bis 1974: Korrespondentin & Feministin

Im Sommer 69 gehe ich wieder nach Paris. Ich ziehe mit Bruno zusammen und finde als freie Korrespondentin für Funk, TV und Print schnell eine Lücke: als Spezialistin für die Folgen des Barrikaden-Mai 68. Ich interviewe zum Beispiel Jean Paul Sartre zur revolutionären Gewalt und mache ein TV-Porträt über Simone de Beauvoir. Nebenher studiere ich an der „roten“ Fakultät Vincennes, Psychologie und Soziologie (u.a. bei Foucault). Ich bin ab Herbst 1970 eine der Pionierinnen der Pariser Frauenbewegung (MLF). Wir schockieren und verändern rasch die Öffentlichkeit: Die Feministinnen sind da!

„Ich habe abgetrieben“ - Nouvel Obs & Stern.
„Ich habe abgetrieben“ - Nouvel Obs & Stern.
Ich in Paris 1973. Die Aufnahme macht Bruno.
Ich in Paris 1973. Die Aufnahme macht Bruno.
Frauenkonferenz 1974. Irgendwo im Gewühle bin ich.
Frauenkonferenz 1974. Irgendwo im Gewühle bin ich.

1971 bis 1974: Feminismus in Deutschland

Im Mai 1971 exportiere ich die Idee zu dem provokanten Selbstbekenntnis „Ich habe abgetrieben“ nach Deutschland. Die Veröffentlichung am 6. Juni 1971 im Stern wird zum Auslöser der deutschen Frauenbewegung. Im Herbst erscheint mein erstes Buch: „Frauen gegen den §218“, zwei Jahre später das zweite: „Frauenarbeit – Frauenbefreiung“ (über die Un/Vereinbarkeit von Familie und Beruf). Von nun an nutze ich meinen Beruf auch für meine feministischen Anliegen - gerate jedoch zunehmend zwischen die Mühlsteine von hie Professionalität und da Basisbewegung.

Die Abtreibungs-Sendung, 1974 für Panorama.
Die Abtreibungs-Sendung, 1974 für Panorama.
Das Streitgespräch am 2.2.1975 mit Esther Vilar.
Das Streitgespräch am 2.2.1975 mit Esther Vilar.
Lesung 1975 zum „Kleinen Unterschied“.
Lesung 1975 zum „Kleinen Unterschied“.

Ab 1974: Zurück in Deutschland

Es folgen zwei Jahre großer Aktivität. Ich engagiere mich in der Frauenbewegung und arbeite für TV (Panorama) und Funk (WDR). An der Uni Münster habe ich 1974/75 einen Lehrauftrag bei den Soziologen. Am 2.2.1975 führe ich das Streitgespräch mit Esther Vilar, das die Nation bewegt (Bild über mich: "Die Hexe mit dem stechenden Blick."). Im Herbst 1975 veröffentliche ich „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“, über die Funktion von Liebe und Sexualität bei der (Selbst)Unterdtückung von Frauen. Ab jetzt bin ich die geliebte und gehasste „Feministin Nr. 1 in Deutschland.“

Das EMMA-Team beim Machen der ersten Ausgabe.
Das EMMA-Team beim Machen der ersten Ausgabe.
Am Schreibtisch, Tag für Tag, Abend für Abend.
Am Schreibtisch, Tag für Tag, Abend für Abend.
Im EMMA-Team 2017.
Im EMMA-Team 2017.

Ab 1977: Die Verlegerin und Chefredakteurin von EMMA

Am 26. Januar 1977 erscheint die erste EMMA. Die Startauflage von 200.000 ist in wenigen Tagen vergriffen, 100.000 werden nachgedruckt. Viele sagen EMMA den baldigen Tod voraus, andere ahnen, dass „hier für die moderne Gesellschaft mehr Sprengstoff liegen wird als in den Traumtänzereien verworrener Systemveränderer" (FAZ). Die Turbulenzen sind groß. Ich bin eine erfahrene Journalistin, aber Chefredakteurin und Verlegerin muss ich noch lernen. Das von mir mit dem Honorar vom „Kleinen Unterschied“ (unter)finanzierte Blatt ist bis heute ökonomisch und politisch unabhängig.

Bei "Wer wird Millionär?": Publikums-Bambi!
Bei "Wer wird Millionär?": Publikums-Bambi!
Im Stammcafé Select, Boulevard Montparnasse.
Im Pariser Stammcafé Select, Bd Montparnasse.
Mit Bettina Flitner, Place de Lices in Saint Tropez.
Mit Bettina Flitner, Place de Lices in Saint Tropez.