Reporterpreis für Ronan Farrow

Alice Schwarzer und Ronan Farrow bei der Verleihung des Reporterpreises am 3.12.2018 in Berlin. Foto: Daniel Wolcke
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es ist mir eine Ehre, Ihnen den Reporterpreis für investigativen und mutigen Journalismus zu überreichen. Und ich freue mich über die klarsichtige Entscheidung der Jury. Auch ich kenne niemanden auf der Welt, dem ich heute diesen Preis lieber übergeben würde.

Als Sie im Oktober letzten Jahres, nach vielen Hürden, letztendlich im New Yorker die Ergebnisse Ihrer Recherchen über den mächtigen Filmmogul Weinstein veröffentlichten, da mussten Sie mit einem gewaltigen Skandal rechnen. Schließlich waren die Übergriffe, war die sexuelle Gewalt von Weinstein seit Jahren in der Branche ein offenes Geheimnis – ganz wie im Fall des Politikers Dominique Strauss-Kahn – und war das nicht der erste Versuch, es öffentlich zu machen.

Aber Sie waren der Erste, der es nach einem Jahr Recherche geschafft hat, gleich 13 Frauen zum Reden zu ermutigen und das Ergebnis in „eine journalistisch und juristisch wasserdichte Form“ zu gießen, wie die Jury betont. Seither haben laut Recherche der New York Times in den vergangenen zwölf Monaten 960 Opfer ihr Schweigen gebrochen und rund 200 Täter ihre Stelle verloren. Allein in Amerika. Mehr noch: Die MeToo-Bewegung hat die ganze Welt erfasst. Und Sie haben das ausgelöst.

Sie haben noch eine Rechnung offen, mit einer Gesellschaft, die wegsieht

Das war alles andere als einfach. Sie waren und sind, ganz wie die Opfer, enormen Einschüchterungen und Drohungen ausgesetzt. Sie mussten zeitweise sogar untertauchen. All das haben Sie in Kauf genommen. Was kein Zufall ist. Sie sind der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen – Sie wissen, wovon Sie reden. Sie haben noch eine Rechnung offen: eine Rechnung mit einer Gesellschaft, die wegsieht; eine Rechnung mit einer Justiz, die täterfreundlich ist – und eine Rechnung mit den Medien, die ihre Wächterfunktion lange nicht angemessen wahrgenommen haben.

Als Sie den Skandal öffentlich machten, waren Sie 30 Jahre alt. Doch Sie wissen seit Ihrem fünften Lebensjahr, worum es geht bei der sexuellen Gewalt zwischen mächtigen Männern und Abhängigen. Erst jüngst haben Sie erklärt: „Meine Familien-Erfahrung hat mich zu jemandem gemacht, der den Machtmissbrauch von Kindesbeinen an verstanden hat.“

Mit Ihrem Angriff auf die sexuelle Gewalt im Berufsbereich, also ebenfalls zwischen Abhängigen, haben Sie das Fundament der Macht ins Wanken gebracht. Denn der Kern aller Machtverhältnisse ist immer die Ausübung oder Androhung von Gewalt. Das ist zwischen Völkern so, zwischen Klassen, Ethnien oder Religionen – und auch zwischen den Geschlechtern. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist das fundamentalste Machtverhältnis zwischen Menschen, auf ihm bauen alle anderen Hierarchien auf.

Seit Ihrem 22. Lebensjahr sind Sie Anwalt, seither auch Journalist und Politikberater, unter anderem von Hillary Clinton und Barack Obama. Jüngst haben Sie ein Buch über „Das Ende der Diplomatie“ veröffentlicht. Darin kritisieren Sie kenntnisreich die Strategie der Vereinigten Staaten, in Konfliktsituationen nicht zu verhandeln, sondern bewaffnet zu intervenieren. Krieg als Lösung. Doch dieser Krieg beginnt nicht auf dem Schlachtfeld. Er beginnt in Kinderzimmern und Schlafzimmern; in Filmstudios, Büros und Fabriken.

Sie sind angetreten,
die Kultur
des Schweigens
zu ändern

Wie Sie wissen, haben wir Feministinnen in den 70er-Jahren begonnen, die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder öffentlich zu machen. Anfang der 80er-Jahre haben dann Amerikanerinnen erstmals das sexual harassment im Beruf angegriffen. Es sollte noch fast 40 Jahre dauern, bis die Bombe platzte.

Die Welt ist klein. Weinstein war auch Produzent von Woody Allen. In dem Zusammenhang haben Sie scharfe Kritik an den Medien geübt: „Die Old-School-Medien haben dazu beigetragen, eine Kultur der Straflosigkeit und des Schweigens zu schaffen“, haben Sie beklagt. Sie sind angetreten, das zu ändern. Und Sie treffen hier auf Kolleginnen und Kollegen, die das ebenfalls ändern wollen.

Was im Fall von sexueller Gewalt besonders schwierig ist. Oft steht Aussage gegen Aussage. Und der mutmaßliche Täter muss das mutmaßliche Opfer unglaubwürdig machen, will er sich selber reinwaschen.

Denn die Reinwaschung von Tätern kann bei Sexualverbrechen immer nur auf Kosten der Opfer gehen. Das besorgt inzwischen für vermögende Angeklagte ein regelrechter Erwerbszweig: die Litigation PR. Dabei arbeiten manche Anwälte, Werbefachleute und Journalisten zusammen.

Auch Ihre Schwester Dylan ist ein Opfer der Litigation PR. Seit ihrem sechsten Lebensjahr versichert sie immer wieder, ihr Vater habe sie vielfach missbraucht. Der hatte schon vor dem Eklat die richterliche Auflage, sich wegen seines „unangemessenen Verhaltens“ gegenüber seiner Tochter therapieren zu lassen sowie ein eingeschränktes Umgangsrecht: Er durfte mit dem Kind nicht allein sein. Es ist trotzdem passiert.

Sie haben tausende Frauen in der ganzen Welt ermutigt, endlich zu reden!

Damals war es nicht – wie vielfach kolportiert – Ihre Mutter, die Woody Allen angezeigt hat, sondern der Kinderarzt. Der war alarmiert über die „offensichtlichen Anzeichen für Missbrauch“. Es gibt in den USA ein Gesetz, das Ärzte verpflichtet anzuzeigen. Es gab auch Augenzeugen, darunter der Babysitter. Und der ermittelnde Staatsanwalt erklärte, es gäbe einen „hinreichenden Verdacht zur Anklage“, doch er wolle dem „zerbrechlichen, kindlichen Opfer“ den Stress eines Prozesses ersparen.

Trotz alledem haben die Medien, manche bis heute, so getan, als könne man die Wahrheit nicht wissen.

Sie, der einzige leibliche Sohn unter den zehn Kindern des Paares, haben sich früh und öffentlich von Ihrem Vater losgesagt. Doch Sie haben gleichzeitig Ihrer Schwester Dylan, die beinahe an den Folgen zerbrochen wäre, lange geraten, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn Sie befürchteten, dass keiner ihr glauben würde – und sie nur noch mehr zerschmettert würde. Mit Grund. Dylan ist vor zwei Jahren erstmals wieder an die Öffentlichkeit gegangen – zum Zeitpunkt Ihrer Recherche.

Sie haben einmal gesagt: „Ich schäme mich dafür, Dylan zum Schweigen geraten zu haben.“

Sie müssen sich nicht mehr schämen, Ronan. Sie haben tausende Frauen in der ganzen Welt ermutigt, endlich zu reden. Sie haben die Omertà gebrochen.

Dear Ronan, dafür danken wir Ihnen. 

(For the English version of the laudation click here)

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Meine Existenz stand auf dem Spiel

Ronan Farrow: "Wenn ihr überzeugt seid von eurer Wahrheit, lasst euch nicht einschüchtern!" © Daniel Wolcke
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Ich möchte euch die einfachere und persönlichere Seite der Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die nicht nur einem Journalisten passieren kann. Die Realität ist, dass ich nicht gerade gefeiert wurde, als ich im letzten Jahr begann, die Geschichte rauszubringen. Ich machte meinen Job in einer Zeit, in der wenige Menschen daran glaubten, dass das eine Erfolgsgeschichte werden würde.

In Wahrheit stand meine Karriere vor dem Abgrund. Ich hatte keine Unterstützung mehr von meiner Agentur. Mein Vertrag ging zu Ende. Und da ich mich weigerte, mit der Recherche an der Weinstein-Geschichte aufzuhören, bekam ich auch keinen neuen. Der Verleger meines Buches über „Das Ende der Diplomatie“ (Anm.d.Ü.: Gerade auf Deutsch erschienen) ließ mich fallen; er weigerte sich, auch nur eine einzige Seite meines Manuskriptes, an dem ich seit Jahren gearbeitet hatte, anzusehen.

Ich musste
mein Zuhause verlassen, weil ich verfolgt und bedroht wurde

Gleichzeitig erfuhr ich, dass eine andere Zeitung an einem Exklusivbericht über die Weinstein-Story arbeitete und dass sie mich überholen wollten. Mir wurde klar, dass ich allein dastand. Ich wusste nicht, ob es mir jemals gelingen würde, die Geschichte zu veröffentlichen, ob ein ganzes Jahr Arbeit daran zu irgendetwas führen würde. Ich wusste nicht, ob ich all die mutigen Frauen, die mir vertraut hatten, würde enttäuschen müssen.

Ich musste mein Zuhause verlassen, weil ich verfolgt und bedroht wurde. Ich wurde von einem mächtigen und reichen Mann mit Klagen bedroht. Er sagte, dass er die besten Juristen des Landes anheuern werde, um mich auszulöschen und meine gesamte Zukunft zu zerstören.

Ich dachte, selbst wenn es mir gelingen würde, all das durchzustehen, und ich einen Weg finden würde, diese Geschichte zu publizieren, wusste ich immer noch nicht, ob sie überhaupt irgendjemanden interessieren würde. Denn ich hatte ein Jahr lang mit Menschen verbracht, die mir sagten, dass dies keine Geschichte sei. Ich war ernsthaft an einem Punkt, an dem ich nicht wusste, ob ich morgen noch einen Job im Journalismus haben, ob ich überhaupt jemals wieder im Journalismus arbeiten können würde.

Ich wünschte, ich könnte Ihnen erzählen, dass ich zuversichtlich war. Dass ich meiner selbst sicher war. Dass es mir nichts ausmachte, oder ich einfach sagte: „Zur Hölle damit!“. Würde es jemals einen Film darüber geben, bin ich sicher, dass es da einen Moment geben würde, an dem der Schauspieler grinsen, seine Stimme senken und sagen würde: „Nur über meine Leiche werde ich aufhören“ und dann festen Schrittes aus dem Raum schreitet.

Ich war verzwei-
felt, ich hatte Angst & wusste nicht, ob ich das Richtige tat

Aber die wahre Version ist, dass ich verzweifelt war, dass ich Angst hatte und nicht wusste, ob ich das Richtige tat. Da waren so viele Stimmen in meinem Ohr, die so überzeugende Argumente dafür hatten, dass ich gerade im Begriff sei, einen großen Fehler zu machen. Diese Menschen waren nicht böse, aber sie sahen die Welt so, wie sie vor einem Jahr noch war und schlussfolgerten: „Es ist es nicht wert. Du erzählst diese eine Geschichte auf Kosten so vieler anderer Geschichten“. Sie sprachen angesichts der Realität sehr rational darüber, was unsere Kultur akzeptieren würde und was die Gesellschaft interessiert. Und das waren Menschen, denen ich vertraute.

Auch meine Chefs sagten: „Du musst damit jetzt aufhören, lass es los“. Mein Agent sagte: „Das wird zu viele Beulen in deiner Karriere hinterlassen.“ Und selbst geliebte Menschen fragten: „Ist es das wirklich wert?“ Sie sagten, dass ich meine gesamte Karriere aufs Spiel setzen würde für eine Geschichte, die vielleicht nichts bewirke. Ich habe über all diese Einwände sehr genau nachgedacht, weil ich selbst einfach überhaupt nicht mehr wusste, was ich denken sollte.

Ich erinnere mich gut an den Tiefpunkt im letzten Herbst. Ich schlief nicht mehr und verlor Gewicht. Ich saß in einem Taxi und fuhr von einem Informanten zum nächsten, am Telefon meine schon so lange tapfer mitleidende Beziehung. Ich hatte gerade erfahren, dass ich vermutlich endgültig von einer anderen Zeitung überholt worden war. Ich sank in mir zusammen und weinte. Ich erinnere mich, dass ich sagte: „Ich habe mich zu weit aus dem Fenster gehängt. Ich habe mich verzockt. Ich habe alles verloren.“ Und meine Beziehung sagte: „Okay, wir werden zuhause über all das sprechen. Aber gib jetzt dem Taxifahrer erstmal ein ordentliches Trinkgeld.“ (Der Fahrer hieß Omar, und er war sehr mitfühlend. Vielen Dank, Omar.)

Ich habe dennoch nicht aufgehört. Ich hätte mir sonst nie wieder ins Gesicht schauen können, wenn ich den Frauen, die so viel riskiert haben, nicht gerecht geworden wäre. Und auch, weniger nobel: Weil ich schon zu hoch gepokert hatte und es keinen Weg mehr zurückgab.

Im Rückblick ist es immer klar, ob Entscheidungen richtig waren oder nicht. Im Rückblick weiß man, ob es richtig war, die Pistolen rauszuholen oder aber die andere Wange hinzuhalten. Ob es richtig war, eine Geschichte nicht aufzugeben und weiterzumachen, oder ob es richtig war aufzugeben. Und zwar nicht, weil du feige bist, sondern weil es andere Geschichten gibt und so vieles, was man machen kann.

Ich habe nicht aufgehört. Ich hätte mir sonst nie wieder ins Gesicht schauen können.

Aber in dem Moment, da weiß man nicht, wie wichtig eine Geschichte wird. In dem Moment, da weiß man nicht, ob man kämpft, weil man richtig liegt, oder ob man kämpft, weil das eigene Ego, der Wunsch zu siegen, das Selbstbild vom Helden in der Geschichte die eigene Wahrnehmung vernebeln. Man kann ein Feeling haben. Man kann einen Instinkt haben. Man kann einem Bauchgefühl folgen: Eine kleine innere Stimme sagt dir, was zu tun ist. Aber du kannst dir eben nicht sicher sein.

Das ist ein Thema, das viele Journalisten und Journalistinnen hier in ihrer Arbeit beschäftigt. Auch Alice hat dies getan, sie hat harte politische Fights ausgefochten und den Frauen immer und immer wieder eine Stimme gegeben - selbst wenn dies hieß, harte Kontroversen durchzustehen. Und auch das Team von der Zeit, das den Skandal um den deutschen Regisseur recherchiert hat, hat das riskiert.

Also, wenn ihr überzeugt seid von eurer Wahrheit, liebe Kollegen und Kolleginnen. Lasst euch nicht einschüchtern! Macht euer Ding!

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus der Dankesrede von Ronan Farrow für die Verleihung des Sonderpreises vom „Reporterpreis“ am 3. Dezember 2018 in Berlin. Hier Teil 1 und Teil 2 der Rede zum Anhören.

 

 

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