Alice Schwarzer schreibt

Die Wahrheit der Silvesternacht

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Knapp zehn Monate nach der Kölner Silvesternacht legte der Wiesbadener Rechtspsychologe Prof. Rudolf Egg dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss von NRW seine Stellungnahme vor. Analysiert werden konnte darin allerdings nur ein Aspekt des Geschehens: nämlich die sich in den Anzeigen niederschlagende Sicht der Opfer. Die Analyse der polizeilichen und politischen Kommunikation steht noch aus. Wir dürfen gespannt sein.

1.000 der insgesamt 1.580 Anzeigenden sind Frauen. In zwei von drei Fällen ging es dabei um Sexualdelikte, allein oder in Kombination mit Diebstählen. Das Gutachten, das Prof. Egg gestern im Untersuchungsausschuss vorstellte, liegt EMMA vor. Was sich daraus ergibt, ist noch viel erschreckender als das, was bisher schon bekannt war.

Täter wollten 
„Ungläubige“ 
schädigen und
sie riefen
Allahu Akbar

Allem voran das Versagen der Polizei. Auch ich hatte bisher die These vertreten, die Polizei sei selber Opfer gewesen: Opfer eines politischen Tabus beim Umgang mit Migranten und Flüchtlingen, sowie ihrer Überforderung vor Ort. Doch folgt man den Aussagen der Frauen, war die Polizei nicht nur abwesend oder überfordert, sie hat zum Teil auch bewusst weggesehen oder sogar die Klagen der Frauen einfach nicht ernst genommen. Hier ein paar Stimmen aus den Anzeigen:

„Wir sind mit einer Gruppe von Frauen an der Wand entlang in Richtung Bahnhof gegangen. Wir haben dann zwei Polizisten angetroffen und ihnen erzählt, was pas­siert ist und ob sie uns helfen könnten. Einer von den Polizisten sagte: Geht weiter und fahrt nach Hause, ich kann euch nicht helfen.“

„Wir sind dann in Richtung des Domes gegangen, da wir dachten, dass dort mehr Polizei sei und wir sicherer wären. Aber auch dort wurde unkontrolliert mit Raketen geschossen, Polizei haben wir gar nicht gesehen. Auch dann haben immer wieder Gruppen von Männern versucht uns einzukesseln. Wir sind dann um die Ecke gegangen und sind dort auf einen leeren Streifenwagen gestoßen. Nach etwa fünf Minuten kamen vier Polizisten, zwei Männer und zwei Frauen. Die sind in den Streifenwagen eingestiegen und weggefahren…“

„Unmittelbar nach dem Feuerwerk wollten wir über den Domplatz die Domtreppen wieder hinunter zum Bahnhof. Dort stießen wir auf eine riesige Menge von nordafri­kanischen Männern, die offenbar von einer Gruppe vermummter Polizisten aufge­halten worden sind ... Wir haben uns durch die Menge durchgekämpft und sind zu einem Polizisten gelangt. Wir haben ihn um Hilfe gebeten, er hat uns aber zurück in die Menge geschoben ... Ich gelangte dann zu einer Polizistin, die ich um Hilfe ge­beten habe. Sie war noch pampiger als der erste Kollege und hat uns ebenfalls zu­rück in die Menge geschickt. Uns wurde das Gefühl gegeben, dass man als Frau nichts wert sei und dass man angefasst werden konnte, wie es den Männern gefallen hat. Man fühlte sich absolut wehrlos."

Polizei schickte
Frauen zurück
in die rasende
Männer-Meute

„Meine Freundin hat dann einen Polizisten angesprochen, der vor diesem Ausgang stand. Ich habe ihm geschildert, was mir passiert ist und habe ihm auch die Männer gezeigt, denn sie waren noch vor Ort. Sie machten nicht den Ein­druck, dass sie nun auf der Flucht wären, im Gegenteil: Die Gruppe der Männer hat hinter dem Eingang immer weitergemacht und auch andere Leute belästigt. Und dies alles unter den Augen des Polizisten. Deshalb habe ich den Polizisten aufgefordert hier einzugreifen, was er allerdings nicht getan hat. Er sagte zu mir persönlich: ‚Da kann ich nichts machen‘.“

„Wir sind in dieser Nacht von ca. sieben Männern, die untereinander Arabisch geredet hatten, bedrängt worden. Wir wurden an die Wand gedrückt und zwischen den Beinen, an den Brüsten und am Kopf betatscht. Einer dieser Männer fasst mir zwischen die Beine, leckte sich seine Finger danach ab und versuchte dann, mir diesen Finger in den Mund zu stecken. Als wir uns wehrten, wurden wir auf das Übelste beschimpft und brutaler angefasst. Wir haben uns losgerissen und sind Richtung Breslauer Platz gelaufen. Diese Männer liefen uns nach, im Bereich des Kreisverkehrs standen an der Ecke zwei Polizisten. Beide Beamte sahen uns und auch klar und deutlich diese Täter. Wir sprachen die Beamten an, dass wir Hilfe benötigten und versuchten alles in der Hektik zu schildern. Der eine Polizist ließ uns nicht ausreden, der andere drehte sich in Richtung Rheinufer und tat so, als ob er da etwas Wichtiges zu schauen hätte. Uns wurde dann erklärt, wir sollten uns beruhigen, es sei sicherlich nicht so schlimm gewesen. Sie könnten uns nur raten, da nicht mehr hineinzugehen, sie würden es auch nicht tun. Meine Freundin schrie den Beamten an, dass es da drin brutal zuging. Er ermahnte uns, mit ihm anständig zu reden. Es kamen noch andere Frauen herbei und wir waren uns alle einig, beide Beamte wollten oder durften nichts unternehmen. Es wäre sicherlich einfach gewesen, als wir auf beide zuliefen und um Hilfe riefen, sofort einen der Täter, der dicht hinter uns war, festzuhalten. Die Beamten taten das nicht.“

„Meine Freundin aus Köln war völlig fertig. Sie war am Weinen und hat uns erzählt, dass sie einen Finger im Po hatte... Ich möchte noch dazu sagen, dass wir am Brü­ckenkopf die dort stehende Security angesprochen und die Situation geschildert haben. Die haben uns aber nicht ernst genommen. Eine Frau hat zu mir gesagt, dass man als junge Frau an solchen Tagen solche Orte meiden soll. Die Art und Weise, wie die Security reagiert hat, hat mich richtig geärgert. Es war nicht so, dass die zu viel zu tun hatten. Vielmehr standen die in Gruppen zusammen und haben sich un­terhalten.“

Das klingt beunruhigender, als bisher bekannt. Neu ist auch, dass es nicht nur die Methode „Höllenkreis“ gab, bei dem 5 bis 20 Männer die Frauen umringten, ihnen an den Po, in den Schritt und „in alle Öffnungen“ fassten (und sie häufig in den After oder in die Vagina penetrierten). Die Männer bildeten auch Reihen, an denen entlang sie die Frauen jagten. In manchen Fällen jagten sie die Frauen auch zwischen zwei Reihen durch. Und jeder griff zu. Wenn die Frauen empört waren oder sich wehrten, wurden sie ausgelacht. Und als „Schlampen“ bezeichnet (man kennt solche Szenen aus Kriegssituationen, in denen die Besatzer das mit den eroberten Frauen machen).

Nur zwei Prozent der Betroffenen erklärte, sie seien von „deutsch oder europäisch“ aussehenden Männern angegriffen worden. Alle anderen sprachen von „arabisch“ oder „südländisch“ aussehenden Männern. Und nur ein Viertel aller Anzeigen war bis zum 2. Januar eingegangen. Dreiviertel erfolgten erst, nachdem der Skandal öffentlich geworden war, die Opfer sich also durch die Empörung ermutigt fühlen konnten.

Die Männer
hatten sich
verabredet

Im Laufe des Abends erschall auch mindestens einmal der Ruf „Allahu Akbar“ (Allah ist groß), das ist auf einem der Videos zu hören. Und ein aus Syrien stammender Arzt berichtete der Polizei, er sei an dem Silvesterabend im Bahnhof von einem Mann aufgefordert worden, sich „an den Diebstählen zum Nachteil der ‚Kufar‘ (Ungläubige) zu beteiligen. Die hätten schließlich auch den Krieg in die arabischen Staaten gebracht. Deshalb kann man sie hier ruhig schädigen.“ Die Person habe „sprachlich aus Libyen“ gestammt.

Die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden waren, hatten von Anbeginn an darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um „nordafrikanisch oder arabisch“ aussehende und sprechende Männer gehandelt habe. Sie waren deswegen zunächst als „Rassistinnen“ beschimpft worden. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Erst allmählich war die bittere Wahrheit durchgedrungen: Die Täter waren nicht nur aus diesen Ländern, sondern zu fast hundert Prozent Asylbewerber und Illegale gewesen; überwiegend aus Marokko und Algerien, einige auch aus Syrien.

Das Gutachten geht davon aus, dass die über 2.000 Männer sich auf dem Bahnhofsvorplatz verabredet hatten, via Facebook oder Handy sowie Mundpropaganda in den Flüchtlingslagern. Es lässt offen - und muss offen lassen -, ob die Täter in ihrer Mehrheit mit verbrecherischen Absichten angereist waren, oder ob sich das erst im Laufe des Abends entwickelt hat. Denn das ist aus den Anzeigen nicht zu erkennen. Dazu müssten auch die polizeilichen und juristischen Erkenntnisse ausgewertet werden.

Gewalt eskalierte,
weil Polizei
keinen Einhalt
geboten hat

Es handelte sich auf jeden Fall um zahlreiche, mobile Tätergruppen. Die Gutachter halten für wahrscheinlich, dass die Stimmung im Laufe des Abends eskalierte, was mit der „Broken Windows-Theorie“ zu erklären sei. Danach eskalieren solche Massengewalt-Situationen, wenn ihnen nicht früh Einhalt geboten wird. Was in Köln der Fall war. Schon gegen 18 Uhr hatten am Silvesterabend hunderte dieser überwiegend jüngeren Männer randaliert und u.a. die Fenster des Doms mit Böllern beschossen. Und zwar so stark, dass bei den etwa 3.000 Menschen in der Abendandacht beinahe eine Panik ausgebrochen wäre. Doch die Polizei schritt nicht ein.

Ich sehe durch den jetzigen Erkenntnisstand meine frühen Thesen bestätigt. Die Männer hatten sich verabredet, um auf ihre Art zu "feiern". vermutlich gab es eine Handvoll Initiatoren; Leute, die genau wussten, was sie da planten, als sie die „Einladung“ zu der Kölner „Silvesterfeier“ an die Flüchtlinge und Illegalen aus muslimischen Herkunftsländern lancierten.

Doch warum Köln? Der Platz liegt verkehrstechnisch zentral; die Kölner Polizei und Justiz ist für Milde bekannt; und der Dom, das wichtigste Heiligtum im christlichen Abendland, steht auch da.

Die Nachricht hat sich dann lawinenartig verbreitet, wohl innerhalb von Tagen oder gar Stunden. An Silvester sind die Männer vermutlich in den unterschiedlichsten Stimmungen und Absichten angereist. Dass für die meisten der Horrorabend nicht die erste Jagd auf Frauen war, zeigt ihre Routine beim „Frauenklatschen“: vom Bilden des „Höllenkreises“ bis hin zu den „Schandreihen“. Die Täter haben schwarmartig agiert. Im Laufe des Abends ist das Ganze dann immer mehr eskaliert. Die Haupttatzeit für die sexuellen Gewalttaten lag laut Gutachten zwischen 20.30 Uhr und 23.30 Uhr.

3 von 4 Frauen
zeigten erst
viel später an

Die Opfer machen in ihren Anzeigen immer wieder darauf aufmerksam, dass die Männer „überhaupt keine Hemmungen“ mehr hatten, auch wenn Polizei in Sicht war. Und dass sie selber „Todesangst“ hatten. Auch, dass sie als Frauen nicht ernst genommen und mit Verachtung behandelt wurden, von den Tätern wie auch von vielen Polizisten und Polizistinnen. Viele der Opfer sind nach dem traumatischen Erlebnis in dieser Nacht bis heute in Therapie.

Alice Schwarzer

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„DER SCHOCK – die Silvesternacht von Köln“, hrsg. von Alice Schwarzer (KiWi, 7.99 €)

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Alice Schwarzer schreibt

Die ZEIT zu Besuch in Köln

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Neun ReporterInnen berichteten in Text und Bild über 19 Seiten des ZEIT-Magazins vom 23. Juni über die Silvesternacht von Köln. Die sei „zur Projektionsfläche in der Flüchtlingsdebatte“ geworden, trotz der allgemeinen Erregung sei jedoch „eine Frage unbeantwortet“ geblieben: „Was geschah wirklich?“ – Umso frustrierender für die geneigten LeserInnen, dass die ZEIT-Journalisten sich genau diese Frage noch nicht einmal wirklich gestellt haben, geschweige denn beantwortet.

Ginge es nach der ZEIT, ist in dieser Nacht in Köln nur das übliche Silvester-Chaos etwas stärker als sonst aus dem Ruder gelaufen. Doch jetzt bestätigt ein gerade veröffentlichter Bericht des Bundeskriminalamtes: Da ist etwas bisher in Europa noch nie Erlebtes passiert! Allein in Köln hatte es in der Silvesternacht 650 sexuelle Übergriffe gegeben. Gesamt – mit Hamburg, Stuttgart und Düsseldorf – haben allein in dieser Nacht über 2000 Männer 1.200 sexuelle Gewalttaten verübt. Doch nur 120 Täter wurden ermittelt, mehrheitlich Nordafrikaner und Neuankömmlinge – und bisher nur vier verurteilt und zwei freigesprochen.

Agitierten Provo-
kateure tausende
Männer, die
im Schwarm
agierten?

Warum? Das liegt an deren Methode, nicht individuell zu handeln, sondern kollektiv. Die Gruppe schützt die einzelnen Täter und verwirrt und bedroht verstärkt die Opfer. Auch die Identifikation der Verantwortlichen wird so erschwert. Es ist ein Phänomen, das Nordafrikanerinnen und Ägypterinnen nur zur Genüge kennen und das sie den „Höllenkreis“ nennen.

Dieser Methode versucht nun das reformierte Sexualstrafrecht Rechnung zu tragen, wo es im § 184 jetzt im schönsten Juristendeutsch heißt: „Wer eine Straftat dadurch fördert, dass er sich an einer Personengruppe beteiligt, die eine andere Person zur Begehung einer Straftat an ihr bedrängt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn von einem Beteiligten der Gruppe eine Straftat nach den §§ 177 und 184 begangen wird.“ Diese Paragraphen betreffen die „sexuelle Nötigung“ und Vergewaltigung sowie die neu unter Strafe gestellte „sexuelle Belästigung“. Der Widerspruch von Grünen und Linken ausgerechnet gegen diesen Passus ist befremdend, weil arg realitätsfern.

Bleibt die zentrale Frage: War die Nacht geplant? Justizminister Maas hatte früh von „organisierter Kriminalität“ gesprochen. Dafür gäbe es keine Hinweise, erklärte nun BKA-Präsident Holger Münch. Und in der Tat muss man sich das wohl etwas anders vorstellen. Eher agitierten vor (und in) der Nacht einige wenige Provokateure gezielt; die Nachricht vom „Feiern“ am Kölner Hauptbahnhof verbreitete sich sodann im Schneeballsystem – und in der Nacht selbst agierte die Masse schwarmartig. Das sind, wie gesagt, neue Methoden, die erst einmal erkannt werden müssen, um sodann angemessen bekämpft werden zu können.

Wer hat Youssef angesimst, und was stand in den Nachrichten?

Doch leider haben die ZEIT-Reporter sich all diese Fragen noch nicht einmal gestellt. Dabei waren sie mindestens einmal ganz dicht dran. Bei Youssef, dem Marokkaner. Seine Spur haben sie sogar bis nach Casablanca verfolgt. Und erfuhren dort von seiner Mutter, dass Youssefs Vater genauso ein Hänger war, wie es der 19-jährige Sohn heute ist: arbeitslos und auf Alk & Drogen.

Nach Köln, sagt Youssef, sei er über Spanien gekommen, wo er mit harten Drogen gedealt hat („Weil es dort keine Arbeit gibt“). Und dann, via Tante in Paris, nach Deutschland, "wegen der Willkommenskultur“. Gereist sei er in Zugtoiletten. Und gelandet ist er in der Flüchtlingsunterkunft Willich bei Köln.

Angeklagt war Youssef nach Silvester wegen „Diebstahls einer Pfandflasche“. Mehr konnte man ihm offensichtlich nicht nachweisen. Mehr habe er sich auch nicht zuschulden kommen lassen, beteuerte er treuherzig. Sein Verteidiger gab sich empört und sprach von „allgemeiner Hysterie“ und „Hetzjagd“ auf Ausländer. Youssef war also bald raus aus der U-Haft. Und nur 48 Stunden später ging es in Dortmund schon wieder um Alkohol, Drogen und einen Handy-Diebstahl. Inzwischen ist der Marokkaner abgetaucht. Vermutlich nach Paris.

Die Rechtsreform
trägt der neuen
Gruppengewalt
Rechnung!

Was für eine vertane Chance der ZEIT-Reporter! Denn sie berichten zwar: „Kurz vor Jahresende erschienen auf Youssefs Handy mehrere Nachrichten, dass man in Köln ein bisschen feiern könne“. Doch haken die Journalisten nun nach? Fragen sie: Von wem kamen denn die Nachrichten? Was stand genau darin? Und in welcher Art von Kontakt standen Sie mit den Planern dieser Nacht in Köln? Nein, das alles wurde nicht gefragt. Warum nicht?;

Über die Youssefs in Brandenburg würde gewiss anders berichtet, da würde nachgehakt. Sie heißen Kevin oder Dennis. Sie haben ganz ähnliche Lebensläufe wie der Marokkaner. Auch sie sind perspektivelos. Auch sie sind frustriert. Und was tun sie? Sie gehen Ausländer klatschen. Denn der Rassismus ist ihre Art, den Frust abzuladen und sich nicht mehr so klein zu fühlen – sondern größer als die verachteten Anderen.

Die marodierenden Jungmänner in deutschen Landen sind stolz, Rechte zu sein. Die meisten von ihnen aber wissen noch nicht einmal, was "rechts" ist. Sie kaschieren nur ihr kleines Ich in einer großen Sache. Dasselbe gilt für die marodierenden Jungmänner in muslimischen Ländern. Sie sind stolz, Muslime zu sein, haben aber oft keine Ahnung vom Koran (wie auch Studien über die in den Dschihad ziehenden jungen Männer zeigen). Auch sie verstecken ihr kleines Ich in la Grande Cause. Doch sie folgen keineswegs einem aufgeklärten Islam, sondern den rückwärtsgewandten Parolen der Schriftgläubigen und Gotteskrieger. Sie leben nicht nach dem Koran; sie saufen, nehmen Drogen, sind gewalttätig. Ganz wie die Militanten des selbsternannten Islamischen Staates, die ebenfalls für sich in Anspruch nehmen, sie seien die einzig "wahren Muslime"

Wenn Kevin & Denis in Brandenburg Ausländer klatschen...

Doch diese Youssefs aus Casablanca oder Algier gehen keine Ausländer bzw. Deutsche klatschen, sie gehen Frauen klatschen. Warum? Weil der Sexismus ihre Art ist, Frust abzureagieren und sich nicht mehr so klein zu fühlen – sondern größer als die verachteten ewigen Anderen, die Frauen. (Und bei der Gelegenheit dissen sie die deutschen Männer als „Muschis“ gleich mit.) Ihre Untermenschen sind die Frauen. Sie sind stolz, Männer zu sein. Und diese Schlampen haben es eh nicht besser verdient, wenn sie in der Nacht auf der Straße rumlaufen. Doch der ideologische Hintergrund der vom Islamismus Infizierten scheint die wohlmeinenden deutschen Medien nicht zu interessieren. Es geht ja nicht um Rassismus, sondern nur um Sexismus.

Richtig, die Frauenverachtung ist nicht neu für die Söhne dieser Länder. So haben vermutlich schon Youssefs Vater und Großvater in Casablanca gedacht. Denn das Patriarchat hat in Nordafrika wie Nahost eine lange Tradition und ist nie von einer starken Frauenbewegung erschüttert worden. Und das in fast allen muslimischen Ländern geltende islamische Familienrecht, das aus Frauen Unmündige und Abhängige macht, macht es nicht gerade besser. Aber das alles genügt noch nicht für den aktuellen Wahnsinn.

Man muss wissen, dass Länder wie Marokko oder Algerien, woher die meisten Täter der Silvesternacht kamen, in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren weitgehend von den Islamisten unterwandert wurden. Die Attitüde des radikalen Islam gehört auf der Straße dazu. Das beschreiben auch arabische Autoren wie Kamel Daoud oder Boualem Sansal eindringlich in ihren aktuellen Texten, die regelrechte Hilferufe an die freie Welt sind. Sie beklagen, dass wir Europäer sie im Namen einer falschen Toleranz im Stich lassen und den radikalen Islamisten ausliefern.

Nicht zufällig sind diese Länder die Herkunftsländer so vieler Terroristen. Denn der selbsternannte Islamische Staat ist für die Youssefs dieser Erde ein Land der Verheißung, und seine Killer sind ihre Helden.

Der Islamismus
lässt die Flammen
hoch schlagen.

Diese frustrierten, entwurzelten jungen Männer drangsalieren nicht nur ihre eigenen Frauen - mehr denn je! -, sondern ziehen nun bis nach Europa und überfallen auch hier die „zu freien“ Frauen. Dass das im 21. Jahrhundert so ist (Köln war nicht der einzige und nicht der letzte Fall dieser Art), das hat mit der Offensive des politisierten Islam zu tun. Er liefert das ideologische Gerüst: den verschärften Männlichkeitswahn, Frauenverachtung inklusive. Dieser Islamismus ist der Funken, der jetzt die Flammen des schon lange glimmenden Feuers hochschlagen lässt.

Aber das will nicht nur bei der ZEIT niemand wissen. Begriffe wie Muslime, Islam und Islamismus kommen nicht vor in dem 19-seitigen ZEIT-Artikel. Oder doch, einmal. Da, wo der bei mir recherchierende Kollege mir „Islamkritik“ unterstellt – und das, obwohl ich ihn nach unserem Gespräch noch einmal schriftlich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass ich mich noch nie zum Islam geäußert habe (der ist für mich als Glaube Privatsache), sondern ausschließlich zum politisierten Islam, dem Islamismus.

Doch den Unterschied zwischen Islam und Islamismus scheint man leider nicht nur bei der ZEIT auch im Jahr 2016 - auch nach Paris, Brüssel, Köln oder Istanbul - immer noch nicht begreifen zu wollen. Also geht es immer weiter mit dem politisch korrekten Wegsehen und Leugnen der Probleme. Da darf man sich nicht wundern, wenn auch die AfD-WählerInnen den Unterschied zwischen Islam und Islamismus nicht kennen.

Kein Wunder, dass auch AfD-Wähler nicht unterscheiden zwischen Islam & Islamismus.

Die Frauen in den muslimischen Ländern aber kennen den Unterschied sehr wohl. So ist zum Beispiel gerade in Frankreich eine Biografie über Loubna Abidar erschienen. Die Marokkanerin spielt die Hauptrolle in dem vielfach preisgekrönten Film „Much Loved“. Die Schauspielerin verkörpert darin eine Prostituierte – woraufhin sie in Marokko als „Hure“ geschmäht, verfolgt, ja geschlagen wurde. Es eskalierte so, dass Abidar nach Frankreich fliehen musste.

Auch Loubnas Mutter und Großmütter könnten ein Lied singen von Rechtlosigkeit und Gewalt. Doch wie wir heute erleben, ist die Entrechtung der Frauen in der islamischen Welt noch steigerbar. Am Ende des Gesprächs sagt Loubna zu Marion Van Renterghem, der Le-Monde-Reporterin, mit der sie das Buch gemacht hat: „Vor zehn Jahren wäre ich nicht so verfolgt worden in Marokko, nur weil ich diese Rolle gespielt habe. Dass es so läuft, liegt weder an der muslimischen Religion, noch an der muslimischen Tradition – der Grund ist der neue Islam.“

Alice Schwarzer

Der Artikel erschien zuerst in der "Welt"

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"Der Schock – die Silvesternacht von Köln", hrsg. von Alice Schwarzer (KiWi). mehr

 

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