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Islamismus: Der alltägliche Terror

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Das Problem ist nicht neu. Die Folgen der Agitation des politisierten Islam sind auch in Deutschland seit Anfang der 1990er Jahre sichtbar. Doch bis heute wird der Fehler gemacht, den Islamismus als religiöse und nicht als politische Bewegung zu behandeln, was er ist. Denn die Menschen muslimischer Herkunft in unserem Land sind keine Religionsgemeinschaft, sondern bestenfalls eine Schicksalsgemeinschaft, und das auch keinesfalls immer freiwillig. In dieser Gruppe sind rund 90 Prozent demokratisch gesinnte Muslime und maximal 10 Prozent Scharia-Anhänger. Und diese Mehrheit haben wir im Stich gelassen. Stattdessen haben wir eine falsche Toleranz gegenüber der Minderheit der Fundamentalisten walten lassen.

Jetzt ist die Aufregung groß: wegen der Greueltaten der Gotteskrieger in Nahost, wegen der islamistischen Attentate mitten in Europa und wegen der aus dem „heiligen Krieg“ zurückkehrenden Söldner, die immer öfter die eigenen Kinder sind. Plötzlich zittern wir um unser Leben.

Nach dem Verlust ihrer Halbgötter wie Che Guevara oder Mao wurden sie nun Anhänger Mohammeds

Um das Leben der Anderen hätten wir schon seit 1979 zittern können, seit der Machtergreifung Khomeinis. Der Ayatollah, der mit Hilfe seiner Anhänger das eigene Volk niederknüppeln ließ, hatte schließlich aus seinem Programm kein Geheimnis gemacht, so wenig wie einst Hitler in „Mein Kampf“. Doch die Anderen waren weit weg. Zu tausenden, ja hunderttausenden wurden sie Opfer der Islamisten in Afghanistan, Algerien, Tschetschenien und, nach dem Sturz bzw. der Erschütterung der weltlichen Autokraten, auch in Irak und Syrien. Für die Frauen wurde die Apartheid ausgerufen. Alle, die sich nicht auf die Knie oder unter den Schleier duckten, waren und sind in Lebensgefahr.

Gleichzeitig agitierten diese Gottesstaatler in den muslimischen Communities und an den Universitäten in Westeuropa, ausgestattet mit Petro-Dollars aus Saudi-Arabien & Co. Ab den 1990ern ging die Saat auf. Das schlichte Gut/Böse-Schema und das geschlossene Denksystem des Islamismus zog in ihrer Männlichkeit erschütterte Türken und Araber sowie ideologisch heimatlos gewordene Deutsche an, die nach dem Verlust ihrer Halbgötter wie Che Guevara oder Mao nun Anhänger Mohammeds wurden. Ihnen folgte die nächste Generation auf der Suche nach Sinn und Halt in einer individualisierten, kapitalistisch orientierten Gesellschaft. Die Dschihadisten aus den Vorstädten griffen zur Kalaschnikow, die Studierten hissten die Anti-Rassismus-Flagge.

Die stark konservativen bis islamistischen Verbände stehen nur für sieben Prozent der MuslimInnen

Obwohl der Verfassungsschutz schon 2001 vor den radikalen Islamisten als „Gefahr Nr. 1“ gewarnt hatte, wird deren Agitation im Herzen von Europa bis heute nicht wirklich ernst genommen. Dem Kulturrelativismus und der Infragestellung von Rechtsstaat und Gleichberechtigung der Geschlechter wird kaum Einhalt geboten. Im Gegenteil: Ausgerechnet die Repräsentanten der muslimischen Verbände sind noch immer die bevorzugten „Dialogpartner“ von Politik und Kirchen.

Dabei sind diese Verbände stark konservativ bis islamistisch und repräsentieren nur eine verschwindende Minderheit der in Deutschland lebenden MuslimInnen. Hinzu kommt: Ideologisch wie finanziell sind sie mehr oder weniger abhängig vom Ausland, genauer gesagt: von islamisch oder islamistisch beherrschten Ländern wie der Türkei oder Saudi-Arabien. 2007 haben die vier größten sich in dem Dachverband „Koordinationsrat der Muslime“ (KRM) zusammengetan. Nach Schätzung von Experten repräsentiert der KRM allerdings nur maximal 280.000 Menschen – das sind gerade mal sieben Prozent der in Deutschland lebenden Muslime. Und was ist mit den restlichen 93 Prozent?

Im KRM sind u.a. die Ditib, der „Zentralrat der Muslime“ und der Islamrat. Die Ditib, die „Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion“, ist der verlängerte Arm von Erdoğans Partei AKP. Sie betreibt ca. 1000 Moscheen in Deutschland, also jede dritte. Verkündet wird dort, was aus Ankara verlautet. Vor der Machtergreifung des bekennenden Gottesstaatlers Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2003 waren die Ditib-Moscheen echte Stätten des Dialogs – heute weht da ein ganz anderer Wind.

Auf der Internetseite islam.de wird die legitime Verstoßung der Frau bei Scheidung propagiert

Der „Zentralrat der Muslime“ (dessen Name sarkastischerweise auf den „Zentralrat der Juden“ anspielt) wurde 1994 von einem bekennenden Scharia-Anhänger mitgegründet: dem emeritierten Botschafter und Konvertiten Wilfried Murad Hofmann. Und auch der heutige Zentralrats-Vorsitzende Aiman Mazyek kann nicht im Ernst als fortschrittlich bezeichnet werden. Der „Medienberater“ betreibt u.a. die Internetseite islam.de, auf der er den Koran schriftgläubig interpretiert, inklusive der legitimen Verstoßung der Frau bei Scheidung. Auch unterstützt bzw. initiiert der Zentralrat seit Jahrzehnten Eltern, die ihre Töchter vom Schwimmunterricht bzw. Schulausflügen „freistellen“ lassen wollen; oder Lehrerinnen, die für „das Recht auf das Kopftuch“ auch in der Schule kämpfen (gerne Konvertitinnen).

Und dann ist da noch der Islamrat. Er wird dominiert von Milli Görüs. Die nationaltürkische Bewegung wurde von dem rechtsextremen „grauen Wolf“ Necmettin Erbakan gegründet, und wegen ihres „antidemokratischen Staatsverständnisses“ lange vom Verfassungsschutz beobachtet.

Dem bunten Treiben dieser höchst fragwürdigen Verbände hat die deutsche Politik bis heute fast tatenlos zugesehen, schlimmer noch: Sie hat mit ihnen kooperiert. Die Grünen und Die Linke gehen dabei sogar soweit, so manches Anliegen der Islamisten zu dem ihren zu machen. Was auch, wenn auch nicht nur, mit der jüngeren deutschen Geschichte zu tun hat: Jetzt nur nicht noch mal einen Fehler machen. Doch heraus kam in Wahrheit eine neue Variante des Rassismus: eine Art „Fremdenliebe“, die eigentlich nur die andere Seite der Medaille Fremdenhass ist. Alles Fremde gilt nun als gut statt böse. Aber es bleibt das Fremde, das Andere.

Die Frauen kommen kaum aus dem Haus und sprechen kein Deutsch – das ist bei denen nun mal so. Die Mädchen werden separiert von den Jungen – das ist bei denen nun mal so. Der Vater erwürgt die Tochter, weil sie in der Disco war oder einen Freund hat – andere Länder, andere Sitten.

Die aufgeklärte Mehrheit der Musliminnen - die ersten Opfer -  haben wir im Stich gelassen.

Doch wir sind in unserem Land, in einem demokratischen Rechtsstaat, der allen Menschen gleiche Chancen und Rechte gewährt, auch unabhängig vom Geschlecht. Die Mehrheit der Menschen muslimischer Herkunft in Deutschland sieht das genauso. Doch diese aufgeklärte Mehrheit haben wir im Stich gelassen. Dabei sind sie die ersten Opfer der Radikalen, nicht wir. Ihnen sind wir Solidarität und Menschenrechte schuldig!

Allerdings haben auch sie geschwiegen. Zu lange geschwiegen. Jetzt melden sie sich endlich zu Wort. In einer Umfrage, die EMMA in ihrer nächsten Ausgabe veröffentlichen wird, bekennen sich Intellektuelle, KünstlerInnen, UnternehmerInnen und PolitikerInnen aus dem muslimischen Kulturkreis offensiv zu den Werten der Aufklärung und fordern eine kritische Revision des Islam.

Sie definieren sich nicht über die Religion. Für sie ist der Koran kein Gesetzbuch, sondern eine historische Schrift, die es im Licht der Moderne neu zu interpretieren gilt. Und für sie verläuft die Trennlinie nicht zwischen hie Muslime und da Nicht-Muslime – sondern zwischen Gottesstaatlern und Demokraten. Diese Muslime, gläubig oder nicht, sollten nicht länger nur unsere Nachbarn, Kollegen und Freunde sein, sondern endlich auch die Ansprechpartner der Politik.

Alice Schwarzer

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Alice Schwarzer (Hrsg.): "Die große Verschleierung - für Integration, gegen Islamismus" (EMMA/KiWi-Buch). Und: "Die Gotteskrieger - und die falsche Toleranz" (KiWi). mehr

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Alice Schwarzer schreibt

Kopenhagen-Attentat: Kopie von Paris

Loic Venance/AFP/Getty Images
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Die lähmende Trauer über die selbstgerechte Ermordung von 17 Menschen, die tagelang über dem ganzen Land lag, mündete in der größten Demonstration in der Geschichte Frankreichs: Für die Freiheit! Für die Gleichheit! Für die Republik! 

Und so, wie unter den Opfern auch französische Muslime und Juden waren, so protestierten gegen den islamistischen Terror auch alle gemeinsam. Das offensive Bekenntnis zu der ermordeten Equipe von Charlie Hebdo, „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie), ist im ganzen Land plakatiert. An Theatern, Kinos, Museen und in den Schaufenstern von Pariser Bistros ebenso in der bürgerlichen Rive Gauche wie in Belleville, dem arabischen Viertel.

"Je suis Charlie, Flic, Juive. Je suis la République."

Und längst geht die Solidarität weit über Charlie hinaus. Sie gilt auch den drei ermordeten Polizisten – darunter ein Algerier-Franzose und eine Frau – sowie den vier in einem koscheren Supermarkt von dem Komplizen der zwei Killer ermordeten Juden. Inzwischen taucht der Slogan auf: „Je suis Charlie, Flic, Juive / Je suis la Republique“ (Ich bin Charlie, Polizist, Jude / Ich bin die Republik).

Es sieht also ganz so aus, als gebäre das Grauen die Hoffnung. Als würde das blutige Massaker zum Weckruf für die Bürger und die Politiker.

Und das nicht nur in Frankreich, sondern hoffentlich auch in Deutschland und den anderen westeuropäischen Ländern.

Höchste Zeit zu unterscheiden zwischen Islam und Islamismus, diesem faschistoiden politischen Missbrauch des Glaubens für eine politische Machtstrategie. Gemeinsam mit der Mehrheit der friedlichen und demokratischen Musliminnen und Muslime in unseren Ländern müssen wir jetzt gegen diese Gottesstaatler auf dem Kriegsfuß angehen.

Glaube muss Privatsache sein. Religion und Staat gehören strikt getrennt.

Und zwar nicht erst, wenn sie schon getötet haben, sondern bereits da, wo sie das Gift ihrer Scharia-Propaganda in unsere Gesellschaften träufeln: durch die Relativierung unserer demokratischen Werte. Im Bildungswesen zum Beispiel. Da haben die IslamistInnen und ihre SympathisantInnen es schon erreicht, dass viele muslimische Mädchen nicht mehr den gleichen Zugang zur Bildung haben wie Jungen, und die Geschlechter wieder getrennt werden.

Oder im Rechtswesen. Da wird heute in Deutschland im Zivilrecht – dem Hauptterrain der Benachteiligung oder gar Entrechtung von Frauen – nach dem jeweiligen Recht des Herkunftslandes „Recht“ gesprochen! Und selbst im Strafrecht wird so manches Mal von allzu toleranten RichterInnen das Recht im Namen der Religion relativiert (Stil: Der arme Vater konnte nicht anders, als seine Tochter nach der Disco umbringen – er ist schließlich Muslim). 

Das alles darf nicht länger hingenommen werden! Glaube muss Privatsache sein. Auch für Muslime. Religion und Staat gehören strikt getrennt. Für alle, für Christen oder Juden ebenso wie für Muslime. Das Rad der falschen Toleranz muss zurückgedreht werden – zugunsten einer echten Integration.

Alice Schwarzer

 

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