Alice Schwarzer schreibt

Schröder/Schwarzer: Die Kontroverse

Artikel teilen

Und wir lernen, uns gegenseitig zu misstrauen, nichts voneinander begreifen, nichts lernen zu wollen. Die Jüngeren nicht von den Erfahreneren – und die Älteren nichts von den Jüngeren, weil sie gegeneinander ausgespielt werden.

Ein alter Trick, den der Feminismus doch schon mal durchschaut hatte, oder?

Also: Meine Kritik an der CDU-Ministerin Schröder hat natürlich Null mit ihrem Alter zu tun – so wenig wie das bei ihren Positionen eine Rolle spielt. Was Schröder als Ministerin bisher getan und gesagt hat, fände ich genau so unzureichend oder falsch, wenn sie nicht 32, sondern 62 wäre. Unsere Kontroverse hat etwas mit Inhalten zu tun. Frau Schröder und ich haben unterschiedliche politische Einschätzungen und Positionen.

Und darüber kann, ja muss man reden.

24. November. Es geht mal wieder ganz schön rund in den Medien apropos Schwarzer. Wobei auffallend ist, dass der Ton in den benachbarten deutschsprachigen Ländern, in Österreich und der Schweiz, deutlich sachbezogener bzw. objektiver ist. mehr

Auch die Ministerin selbst ist inzwischen um Sachlichkeit bemüht. In einem Interview mit Focus wies Schröder die polemischen Fragen zurück und sagte: „Wenn Frauen diskutieren, heißt das immer gleich Zickenkrieg, bei Männern wird aber nicht von ‚Hengstkrieg’ gesprochen.“

So sehe ich das auch, Frau Ministerin! Bleiben wir also bei der Sache. Ich bin dabei.

Ganz und gar unsachlich ist ein Teil der Flut von Artikeln, die zurzeit mal wieder über mich hinwegschwappen. Dabei ist spürbar, dass die Kontroverse mit der konservativen Frauenministerin nicht das einzige Motiv ist. Auch mein Engagement im Fall Kachelmann scheint eine Rolle zu spielen. Aber: Da lasse ich mich ganz gewiss nicht einschüchtern!

Erstaunlich finde ich trotz meiner Erfahrung mit solchen Kampagnen dennoch immer wieder, wie vogelfrei ich für manche meiner GegnerInnen bin. Die ärgsten Suadas erscheinen auch und gerade in der so genannt „seriösen Presse“ (wie z.B. in FAS und SZ). Journalistische Verantwortung oder gar Ethik scheinen in diesen Blättern Fremdwörter zu sein. Ein jeder und eine jede kann ihren Projektionen, Interpretationen und Diffamationen freien Lauf lassen.

Dieser Ton scheint mir in Deutschland stärker verbreitet als anderswo. Und gerade Frauen oder gar Feministinnen gegenüber gibt es kaum Hemmungen. Da wird selten sachlich kritisiert und lieber persönlich diffamiert.

Ich habe das in den letzten 35 Jahren immer wieder erlebt. Und auch diese Welle wird wohl nicht die letzte sein. Aber, wie hat Simone de Beauvoir nochmal so trefflich gesagt: "Zweifellos ist es bequemer, in blinder Unterwerfung zu leben, als an seiner Befreiung zu arbeiten: Auch die Toten sind der Erde besser angepasst als die Lebenden."

Nun, ich lebe. Wappnen wir uns also für die nächste Runde.

18. November. Eigentlich stecke ich in der Produktion der nächsten EMMA. Doch seit ich am 8. November einen Offenen Brief an Frauenministerin Schröder veröffentlicht habe, hält die Sache mich in Atem. Der Heftigkeit der Reaktionen entnehme ich, dass das Thema Feminismus brandaktuell ist – obwohl ich seit Jahren immer wieder lesen darf, Feminismus sei von gestern. Es wird heftig debattiert: Wie steht es um die Gleichberechtigung? Haben wir Frauen schon alles erreicht? Und ist das, was wir erreicht haben, eigentlich wünschenswert? In der nächsten EMMA werden gleich mehrere Autorinnen Antworten geben auf diese Fragen.

Doch die Meinung der Bevölkerung zur Schwarzer/Schröder-Kontroverse kennen wir schon jetzt, dank einer Stern-Umfrage von forsa. Danach finden 45 Prozent aller befragten Frauen und Männer die Feminismus-Schelte von Schröder falsch und halten die CDU-Frauenministerin für „ungeeignet“ auf diesem Posten. Nur 26 Prozent geben Schröder recht (29 Prozent haben gar keine Meinung zu ihr). Die Menschen sind also weiter, viel weiter als die aktuelle Frauenministerin. Übrigens: Selbst CDU-AnhängerInnen finden zu 37 Prozent ihre Ministerin „ungeeignet“. mehr

Der Anti-Feminismus ist so alt wie der Feminismus
Falsch ist auch die Unterstellung, es handele sich hier um einen Generationen-Konflikt. Der Anti-Feminismus ist so alt wie der Feminismus. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die sich von den Frauenrechtlerinnen distanzieren, gab es immer schon. Und meist ist diese Distanzierung mantramäßig begleitet von der Versicherung: „Ich habe nichts gegen Männer.“ Oder, besser noch: „Ich liebe Männer.“ Ein sehr alter Hut, den längst auch die meisten Männer belächeln.
Auch ich mag Männer, manche. Zum Beispiel wenn sie so kluge Kommentare schreiben wie Alan Posener am 14. November in der „Welt am Sonntag“. Der erinnerte daran, dass die feministische Analyse des Zusammenhangs zwischen traditioneller Sexualität und Unterwerfung schlicht eine Selbstverständlichkeit sei in einem Land, in dem zum Beispiel die Vergewaltigung in der Ehe überhaupt erst seit 1997 strafbar ist.

Der Focus und die Hintergründe
Hingegen gibt es durchaus auch Frauen, die ich nicht mag. Zum Beispiel Eva Herman. Das wird niemanden überraschen. Und auch die mir persönlich unbekannte Christine Eichel, die Co-Autorin von Hermans Buch „Das Eva-Prinzip“, gehört nicht zu meinen Favoritinnen. Eichel ist seit kurzem Ressortleiterin von „Kultur & Leben“ in Wolfram Weimers neuem Focus. Und als solche ließ sie prompt eine gewisse Cora Stephan eine zweiseitige Suada über „das keifende Marktweib“, diese „entfesselte Furie“ (womit sie mich meint) schreiben. Cora Stephan wiederum ist mir ebenfalls persönlich unbekannt, fällt mir jedoch seit den 1980er Jahren als vehemente Pro-Porno-Propagandistin auf. Die Welt ist eben klein. Und manchmal ist es einfach aufschlussreich, die Zusammenhänge zu kennen.

Das gilt für die gesamten Medien, wie immer. Allerdings bewegt sich da gerade etwas. Zwar rappelt es mal wieder massenhaft Klischees auf meine Kosten – und können auch die Berufs-Alphamädchen weiterhin nicht einen Satz sagen, ohne zuvor zu versichern, dass sie auf keinen Fall meiner Meinung sind – aber es weht doch ein Windhauch durch so manchen Artikel. Ich mag noch nicht von einem „frischen Wind“ reden, spüre aber einen neuen Hauch von Offenheit.

Reden wir über die Hypersexualisierung
Vielleicht ist das der Beginn einer neuen Debatte? Einer Debatte, in der alle, die es ernst meinen – und nicht um jeden Preis immer nur Spaß haben wollen – sich Fragen stellen wie diese:

Was hat uns der Feminismus eigentlich gebracht? Sind vielleicht gerade manche jungen Frauen eher einem Pseudo-Feminismus auf den Leim gegangen? Einem Pseudo-Feminismus, der uns weismachen will, alles sei möglich: Karriere, Mutterschaft, Leidenschaft? Einen Pseudo-Feminismus, der suggeriert, maximaler Konsum sei der Gipfel der Freiheit und Hyper-Sexualisierung sei der Höhepunkt der Befriedigung? Einem Pseudo-Feminismus, in dem es nur noch um die eigene Karriere geht und Probleme wie die Arbeitslosigkeit anderer oder der religiöse Fundamentalismus in fernen Ländern Spaßverderber sind?
40 Jahre Neuer Feminismus – das ist nicht viel für eine politische Theorie und Praxis, die sich mit einer Schieflage beschäftigt, die seit Jahrtausenden währt. Der Feminismus ist also blutjung – alt ist das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern. Das nimmt nur immer neue Gestalt an: mal entblößt es sich, mal verhüllt es sich. Aber die Lösung kann weder Striptease noch Kopftuch heißen.

Artikel teilen
 
Zur Startseite