Alice Schwarzer schreibt

Algerien: Kampf um Freiheit!

Foto: Billal Bensalem/Imago/Zuma Press
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Frauenrechtlerinnen kämpfen seit 50 Jahren dagegen. Bisher (fast) erfolglos. In den Protesten, die jetzt Hunderttausende auf die Straßen treibt, sind die Frauen auffallend präsent. „Die Atmosphäre ist heiter, ja familiär“, mailen mir Freundinnen aus Algier, Oran und Sétif. Die Frauen marschieren mit und stoßen ihre traditionellen Youyous aus, eine Art Freuden-Jodler.

Nicht nur am Frauentag geht es in dem nordafrikanischen Land jetzt um viel, sehr viel. An der Seite ihrer Brüder und Freunde gehen die Enkelinnen der einstigen Unabhängigkeitskämpferinnen auf die Straße, um gegen ein erstarrtes, korruptes Regime zu protestieren. Sie fordern Demokratie, gleiche Rechte und ökonomische Teilhabe.

Auslöser für die seit Tagen andauernden Proteste, die inzwischen das ganze Land erfasst haben, sind die für den 18. April angekündigten Wahlen. Zu denen präsentiert sich nach 20 Jahren an der Macht zum fünften Mal der schwerkranke Präsident Abd al-Aziz Bouteflika, der längst nicht mehr regierungsfähig ist und von einer mafiösen Clique, die in ihre eigene Tasche wirtschaftet, manipuliert wird.

Alice Schwarzer im Interview auf France24

Bouteflika ist kein Diktator. Er war einst die Hoffnung des Landes nach einer sozialistischen Militärregierung. Und nach den „schwarzen Jahren“ in den 1990ern, in denen der von Islamisten angezettelte Bürgerkrieg über 200.000 Tote gekostet hat. Was das Land wie durch ein Wunder überlebt hat. „Es könnte uns gehen wie den Syrern“, sagen die AlgerierInnen heute mit Blick zurück.

Doch das Volk ist dennoch schwer traumatisiert. Und die Jugendarbeitslosigkeit ist groß. Hinzu kommt, dass das postsozialistische Land heute im Würgegriff einer religiös begründeten Rigidität ist: Alkoholverbot, Kopftuchwahn etc.

Jetzt scheint der Knoten zu platzen. Und gerade die Frauen spielen dabei eine zentrale Rolle. Dieser 8. März ist für sie der Moment, Algerien und der ganzen Welt zu zeigen: Wir sind vollwertige Bürgerinnen! Die Straße gehört auch uns! Wir wollen frei sein!

Alice Schwarzer: "Meine algerische Familie" (KiWi)
       Alice Schwarzer: "Meine algerische Familie"

Bisher hatte das Regime jeden BürgerInnen-Protest im Keim erstickt mit der Drohung: Ohne uns fällt das Land ins Chaos oder die radikalen Islamisten übernehmen die Macht. Es stimmt, dass diese Gefahr droht. So wie es in anderen muslimischen Ländern nach dem so genannten „arabischen Frühling“ passiert ist, der schnell zum Winter wurde. In das ausbrechende Chaos drängen die bestens organisierten (und von Saudi-Arabien etc. finanzierten) Islamisten und manipulierten die Revolten zu ihrem Gunsten.

Doch die Algerier sind zumindest gegen diese Gefahr gefeit. Sie haben schließlich in den blutigen 1990er Jahren erlebt, wozu diese selbsternannten „Gotteskrieger“ fähig sind. Sie wollen endlich Demokratie, Rechtsstaat und wirtschaftlichen Fortschritt.

Und die Algerierinnen träumen von gleichen Rechten.

Algerien ist das größte Land Afrikas. Und es ist ein Schlüsselland für Nordafrika - und für Europa. Sollte das algerische Volk diesen Kampf nicht gewinnen, so wäre das auch dramatisch für uns. Denn dann schwappen die Probleme - und die Flüchtlinge - bis mitten nach Europa.

Weicht das Regime zurück und verschiebt die Wahl, damit sich echte Kandidaten präsentieren können und nicht nur Marionetten? Und bekommen auch die so unerschrockenen Algerierinnen endlich volle Bürgerrechte? In den kommenden Wochen werden existenzielle Entscheidungen fallen, die auch uns sehr direkt angehen. Auf welche Seite schlägt sich das Militär, wenn es hart auf hart kommt? Auf die des Regimes oder die des Volkes? Und auch die Haltung des Westens - wem gilt seine Solidarität? - wird eine entscheidende Rolle spielen.

Alice Schwarzer

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