Alice Schwarzer schreibt

1978: Die 1. Sexismus-Klage!

Alice Schwarzer, Inge Meysel und Henri Nannen am 14. Juli 1978 im überfüllten Verhandlungssaal.
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Vom ersten „Es reicht!“ am 14. Juni 1978 in der Küche der EMMA-Redaktion bis zur Urteilsverkündigung am 26. Juli, bei der Richter Engelschall bedauerte, die „Beklagten“ aufgrund der bisher – und immer noch! – fehlenden Rechtsgrundlage nicht verurteilen zu können, vergingen 42 Tage. Tage, in denen nicht nur Frauen und Männer, Juristinnen und Juristen, sondern auch Journalistinnen und Journalisten heiß diskutierten. Der „Stern-Prozess“ hat, sieben Jahre nach dem Selbstbekenntnis von 374 Frauen „Ich habe abgetrieben“ in eben diesem Stern, die Nation erschüttert.

 

Waren die Covergirls vom Stern wirklich ein Verstoß gegen die Menschenwürde von Frauen und erniedrigten diese Darstellungen Einzelner ein ganzes Geschlecht? Das war die Argumentation, mit der EMMA-Anwältin Gisela Wild vor dem Hamburger Landgericht Klage einreichte.

Klage gegen die Halbnackte von hinten, der sich der Fahrradsattel zwischen die Pobacken schob. Klage gegen die Nackte von hinten, die in knappen schwarzen Dessous auf einem sitzenden Mann „ritt“, der sein Gesicht zwischen ihren Brüsten vergraben hatte. Klage gegen die nackte Grace Jones von der Seite, deren Fußgelenke in schweren Ketten lagen (ein Foto von Helmut Newton - da hätten wir gleich auch noch Klage wg. Rassismus einlegen können).

Und das alles nicht etwa auf irgendeinem Pornoblatt von der Reeperbahn, sondern auf dem Titel des Stern. Der war in den 1970er Jahren noch ein ungleich bedeutenderes linksliberales Blatt mit höherem Anspruch als heute.

Meine Klage zusammen mit neun weiteren Frauen – darunter Inge Meysel, Erika Pluhar und Margarethe von Trotta – wurde angenommen und der Prozess für den 14. Juli anberaumt. Bis er losgehen konnte, vergingen einige Stunden, denn das Gericht musste innerhalb des Gebäudes mehrfach umziehen. Letztendlich war auch der große Plenarsaal des Hamburger Oberlandesgerichtes zu klein. Die Medien drängten und stapelten sich, und die deutschen JournalistInnen mussten sich den knappen Platz mit den internationalen Medien teilen. „So groß war damals das öffentliche Interesse“, schrieb der damalige Feuilleton-Chef des Spiegel, Hellmuth Karasek, in seinem Kommentar. Der allerdings erschien nie in seinem eigenen Blatt – Spiegel-Chef Augstein kegelte ihn persönlich raus (und EMMA veröffentlichte ihn schließlich).

 

Die großen Medien-Mogule waren hart drauf, ganz hart. Der kritisierte Stern-Chef Henri Nannen höhnte über die frustrierten „Grauröcke“. Und Augstein beklagte die „Meinungs- und Geschmacksdiktatur“ der Frauen, die „aus blinder Wut die demokratische Rechtsordnung zerstören“ wollten.

Doch sein eigener Feuilleton-Chef, und nicht nur der, sah das zunehmend ganz anders. „Klar war, dass Frauen hier ein Signal setzen wollen“, schrieb er. Ein Signal gegen „die neuen Knebel“ und „neuen Fesseln“ des angeblichen Fortschritts (Wir sind so frei. - Heute würde frau sagen: Ich tue das freiwillig.) Karasek: Doch am Ende „bliebe von Henri Nannens hochfahrendem Vorwurf von den ‚freudlosen Grauröcken‘ (…) kaum etwas übrig.“

In der Tat, aus dem vermeintlichen „Sommergag“ war im Laufe des Prozesses, bei dem ich zusammen mit der Anwältin vor Gericht vortrug, eine ernste Sache geworden. „Die Klage hat uns nachdenklich gemacht“, sprach Stern-Chef Nannen bei Prozessende in das Mikro der Agence Press. Dass das in seinem Fall nicht stimmte, bewies er in den folgenden Monaten mit einer mit allen, einfach allen Mitteln betriebenen juristischen – und damit ökonomischen – Verfolgung von EMMA. Aber immerhin: Er hatte verstanden, dass er so tun musste.

Selbst einschlägig feminismusferne Blätter wie die Süddeutsche Zeitung wechselten in diesen Wochen auf die Seite der Sexismus-Klägerinnen. „Die leisen Ansätze von Verständnis für Frauen lassen hoffen, dass die Verkrüppelung einer auf rigoroser Trennung und Ausbeutung der Geschlechter basierenden Gesellschaft nicht wieder hingenommen werden müssen“, räsonierte die SZ. Und die Frankfurter Rundschau kommentierte: Das Urteil sei eine Ohrfeige für all diejenigen, die die Klägerin (EMMA) „in eine dubiose Ecke geschoben und diffamiert hatten“.

 

Ja, liebe KollegInnen: Da gab es ihn noch, den Dialog. Und nicht nur das Gegenhalten oder Schweigen.

Selbst Richter Engelschall sprach bei der Urteilsverkündigung seine „Hochachtung vor dem Mut und dem Engagement der Klägerinnen“ aus und die Hoffnung, dass es in 20, 30 Jahren ein Gesetz gebe, auf Grund dessen der Sexismus à la Stern (und Kompagnon) auch juristisch zur Verantwortung gezogen werden könne.

Das Gesetz gibt es bis heute nicht. Und als vor zwei Jahren Heiko Maas, damals noch Justizminister, einen zaghaften Vorstoß machte, wenigstens gegen die sexistischen Auswüchse in der Werbung endlich auch gesetzlich vorgehen zu können - da schlug ihm ein Sturm der Entrüstung entgegen: Zensur! Meinungsdiktatur! Prüderie! Der Minister verstummte rasch.

Waren wir denn vor 40 Jahren schon mal weiter? Ja. Heute können Frauen zwar Kanzlerin oder Soldatin sein, aber unsere Haut wird schamloser denn je zu Markte getragen. Und manche Frauen sind nicht nur selber so frei, nein, sie tun es sogar „freiwillig“.

Damals hatten wir Feministinnen es geschafft, vielen Männern die Augen zu öffnen. Und wir konnten uns einig glauben mit der Mehrheit der Frauen. So hatte sich 1978 der Klage der zehn Frauen unter anderem auch der Deutsche Frauenrat angeschlossen mit seinen zehn Millionen Mitgliedern.

 

1978 gab es eben noch keine „jungen Feministinnen“, die Pornografie „geil“ finden. Wir waren selber jung und ziemlich entschlossen. Und den meisten Männern imponierte das. Denen war eh klar, dass wir recht hatten. Denn wer es selbstverständlich findet, Frauen als Objekte darzustellen, der findet es auch selbstverständlich, dass Frauen zur Verfügung zu stehen haben und als Menschen zweiter Klasse auch nur zweiter Klasse verdienen dürfen.

Inzwischen ist es komplizierter geworden. Das so überraschend attackierte starke Geschlecht hat sich wieder gefangen und weiß mit der Kritik umzugehen. Selbst bis MeToo öffentlich wurde, musste schließlich so einiges zusammenkommen. Und die Medien finden inzwischen allemal Frauen, die im Namen eines vorgeblich „jungen Feminismus“ alles gaaanz anders sehen: Frauen, die Pornografie und Prostitution „geil“ finden und jegliche Kritik daran „von gestern“. Solche Frauen würden es nicht fünf Minuten lang aushalten, für ihr Engagement öffentlich als „frustrierte Grauröcke“ beschimpft zu werden.

Müssen wir also wieder von vorne anfangen? Vielleicht. Und dann besser gleich gemeinsam mit denjenigen unter den Männern, die längst verstanden haben.

Alice Schwarzer

Interview mit Alice Schwarzer zur Stern-Klage in der "Aktuellen Stunde" im WDR: Hier ansehen

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