Alice Schwarzer schreibt

Wie masochistisch sind Frauen?

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Das Muster ist vertraut: Charaktervolle Jungfrau begegnet Traumprinzen. Der kommt nicht auf dem Schimmel geritten, sondern mit dem Hubschrauber geflogen, und er hat nicht nur strahlende, sondern auch dunkle Seiten. Wie alle sexy Traumprinzen. Das Dunkle gehört dazu, zu unseren kulturell geprägten Sex-Fantasien über Männer.

Doch in Wahrheit ist „Shades of Grey“ keine Geschichte über weiblichen Masochismus, sondern über männlichen Sadismus. Aber es ist dennoch keine Pornografie. Denn hier geht es nicht um depersonalisierte Fickszenen, sondern um eine Frau und einen Mann, ihre Geschichte und ihre Gefühle, in die erotische Szenen plus ein paar Hardcore-Spielchen eingebettet sind. Immer steht im Vordergrund seine Rücksichtnahme auf sie. Christian ist ein charmanter Sadist. Und Anastasia lässt sich nie zum passiven Objekt degradieren, sie bleibt denkendes und handelndes Subjekt.

„Shades of Grey“ ist ein Liebesroman. Der Traumprinz liebt seine Wachgeküsste ebenso wie sie ihn. Er ist ritterlich, fürsorglich und ein fantastischer Liebhaber – solange er es nicht übertreibt. Doch genau das will er. Er will mit ihr seine dunkle Seite ausleben. Die ist – das erfahren wir früh – Resultat seiner schweren Kindheit. Und die verliebte Frau ist bereit, den Mann zu retten. Wie gewohnt.

Also lässt sie sich ein Stück auf seine Fantasien ein. Sie macht mit und entdeckt zu ihrem Erschrecken, dass manches auch ihr Spaß macht. Doch bevor es echt ernst wird, geht sie. Die trotz ihrer Naivität keineswegs schwache Literaturstudentin verlässt den strahlenden Multimillionär, der ganz nebenher auch noch Gutes in Afrika tut. Sie unterwirft sich ihm letztendlich eben nicht! Und genau das macht wohl die Faszination der Millionen Leserinnen aus: Das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können.

Denn es gibt ihn ja, den weiblichen Masochismus. Wir wissen seit langem, dass er der Versuch der Seele ist, real erlittene Erniedrigung und Schmerz umzumünzen und lustvoll zu besetzen. Doch sind masochistische Fantasien keineswegs gleichzusetzen mit masochistischen Taten. In der Fantasie ist die Masochistin Herrin der Lage, in der Realität ist es der Sadist.

Dieses Thema ist allen voran von der aufbrechenden Frauenbewegung ab Anfang der 1970er Jahre offensiv angegangen worden. Nach den ersten gegenseitigen Geständnissen – Du etwa auch? – haben wir Feministinnen uns an die Analyse unserer so unemanzipierten Träume gemacht. Bereits in ihrem ersten Jahr, im September 1977, hatte EMMA eine Titelgeschichte über „unsere sexuellen Fantasien“. Das war für viele befreiend.

Anfang der 1980er Jahre aber kam der Rückschlag, zweifellos eine Reaktion auf die Frauenbewegung. Nun wurde der Sadomaso-Sex regelrecht propagiert. Das kam vor allem aus der homosexuellen Männerszene, die mit ihr befreundete Lesbenszene machte mit und auch in fortschrittlichen Heterokreisen war SM plötzlich angesagt. Aber entsprach diese SM-Welle in den Medien auch der Realität? Offensichtlich nicht.

Alle Sexstudien sagen das Gegenteil. Noch jüngst bestätigte mir der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt, die Anzahl der praktizierenden heterosexuellen Sadomasochisten – bzw. BDSM, wie das heutzutage heißt – sei „ein Prozentsatz hinterm Komma“. Also eine verschwindende Minderheit. Wie aber lässt sich dann die Fülle von SM-Darstellungen in Medien, Literatur, Film und Kunst erklären? Sie scheint das Wunschdenken gewisser Männer zu sein. Die, die sich in ihren Chefsesseln oder Hausherr-Positionen von emanzipierten Frauen bedroht sehen. Die, die Frauen eben lieber auf allen Vieren imaginieren als ihren aufrechten Gang zu akzeptieren.

Doch Fantasien sind eines, die Realität ist ein zweites. Bei real praktizierenden SadomasochistInnen steht das Leben nicht neben der Sexualität, sondern durchwirkt sich beides gegenseitig. Die sexuelle Unterwerfung im Schlafzimmer wirkt sich auch in der Küche aus. Genau das ist die Gefahr, vor allem für Frauen, die in der Regel den masochistischen Part haben – und meist nur auf Order die Sadistin spielen.

Ich bin gefragt worden, ob dieses Buch ein Rückschlag für die Emanzipation sei. Ich sehe das nicht so. Zumindest nicht in der ersten Folge dieser Trilogie (die beiden nächsten Folgen sind schon geschrieben). Da erlaubt sich eine 48-jährige Frau und Mutter zweier Kinder, ihren Liebesträumen und sexuellen Fantasien freien Lauf zu lassen. Gleichzeitig achtet sie penibel darauf, dass ihre Protagonistin nicht den Überblick verliert, den Kopf auf den Schultern behält. Als Christian zu weit geht, verlässt Anastasia ihn – trotz ihres gewaltigen Liebesschmerzes.

Übrigens: Im Anhang des Buches dankt die Autorin, die im Leben Erika Leonard heißt, ihrem Ehemann für seine „göttlichen Qualitäten im Haushalt“. Wenn das nicht sexy ist.

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Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich über weiblichen Masochismus

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