Wie masochistisch sind Frauen?

Das Muster ist vertraut: Charaktervolle Jungfrau begegnet Traumprinzen. Der kommt nicht auf dem Schimmel geritten, sondern mit dem Hubschrauber geflogen, und er hat nicht nur strahlende, sondern auch dunkle Seiten. Wie alle sexy Traumprinzen. Das Dunkle gehört dazu, zu unseren kulturell geprägten Sex-Fantasien über Männer.
Doch in Wahrheit ist „Shades of Grey“ keine Geschichte über weiblichen Masochismus, sondern über männlichen Sadismus. Aber es ist dennoch keine Pornografie. Denn hier geht es nicht um depersonalisierte Fickszenen, sondern um eine Frau und einen Mann, ihre Geschichte und ihre Gefühle, in die erotische Szenen plus ein paar Hardcore-Spielchen eingebettet sind. Immer steht im Vordergrund seine Rücksichtnahme auf sie. Christian ist ein charmanter Sadist. Und Anastasia lässt sich nie zum passiven Objekt degradieren, sie bleibt denkendes und handelndes Subjekt.
„Shades of Grey“ ist ein Liebesroman. Der Traumprinz liebt seine Wachgeküsste ebenso wie sie ihn. Er ist ritterlich, fürsorglich und ein fantastischer Liebhaber – solange er es nicht übertreibt. Doch genau das will er. Er will mit ihr seine dunkle Seite ausleben. Die ist – das erfahren wir früh – Resultat seiner schweren Kindheit. Und die verliebte Frau ist bereit, den Mann zu retten. Wie gewohnt.
Also lässt sie sich ein Stück auf seine Fantasien ein. Sie macht mit und entdeckt zu ihrem Erschrecken, dass manches auch ihr Spaß macht. Doch bevor es echt ernst wird, geht sie. Die trotz ihrer Naivität keineswegs schwache Literaturstudentin verlässt den strahlenden Multimillionär, der ganz nebenher auch noch Gutes in Afrika tut. Sie unterwirft sich ihm letztendlich eben nicht! Und genau das macht wohl die Faszination der Millionen Leserinnen aus: Das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können.
Denn es gibt ihn ja, den weiblichen Masochismus. Wir wissen seit langem, dass er der Versuch der Seele ist, real erlittene Erniedrigung und Schmerz umzumünzen und lustvoll zu besetzen. Doch sind masochistische Fantasien keineswegs gleichzusetzen mit masochistischen Taten. In der Fantasie ist die Masochistin Herrin der Lage, in der Realität ist es der Sadist.
Dieses Thema ist allen voran von der aufbrechenden Frauenbewegung ab Anfang der 1970er Jahre offensiv angegangen worden. Nach den ersten gegenseitigen Geständnissen – Du etwa auch? – haben wir Feministinnen uns an die Analyse unserer so unemanzipierten Träume gemacht. Bereits in ihrem ersten Jahr, im September 1977, hatte EMMA eine Titelgeschichte über „unsere sexuellen Fantasien“. Das war für viele befreiend.
Anfang der 1980er Jahre aber kam der Rückschlag, zweifellos eine Reaktion auf die Frauenbewegung. Nun wurde der Sadomaso-Sex regelrecht propagiert. Das kam vor allem aus der homosexuellen Männerszene, die mit ihr befreundete Lesbenszene machte mit und auch in fortschrittlichen Heterokreisen war SM plötzlich angesagt. Aber entsprach diese SM-Welle in den Medien auch der Realität? Offensichtlich nicht.
Alle Sexstudien sagen das Gegenteil. Noch jüngst bestätigte mir der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt, die Anzahl der praktizierenden heterosexuellen Sadomasochisten – bzw. BDSM, wie das heutzutage heißt – sei „ein Prozentsatz hinterm Komma“. Also eine verschwindende Minderheit. Wie aber lässt sich dann die Fülle von SM-Darstellungen in Medien, Literatur, Film und Kunst erklären? Sie scheint das Wunschdenken gewisser Männer zu sein. Die, die sich in ihren Chefsesseln oder Hausherr-Positionen von emanzipierten Frauen bedroht sehen. Die, die Frauen eben lieber auf allen Vieren imaginieren als ihren aufrechten Gang zu akzeptieren.
Doch Fantasien sind eines, die Realität ist ein zweites. Bei real praktizierenden SadomasochistInnen steht das Leben nicht neben der Sexualität, sondern durchwirkt sich beides gegenseitig. Die sexuelle Unterwerfung im Schlafzimmer wirkt sich auch in der Küche aus. Genau das ist die Gefahr, vor allem für Frauen, die in der Regel den masochistischen Part haben – und meist nur auf Order die Sadistin spielen.
Ich bin gefragt worden, ob dieses Buch ein Rückschlag für die Emanzipation sei. Ich sehe das nicht so. Zumindest nicht in der ersten Folge dieser Trilogie (die beiden nächsten Folgen sind schon geschrieben). Da erlaubt sich eine 48-jährige Frau und Mutter zweier Kinder, ihren Liebesträumen und sexuellen Fantasien freien Lauf zu lassen. Gleichzeitig achtet sie penibel darauf, dass ihre Protagonistin nicht den Überblick verliert, den Kopf auf den Schultern behält. Als Christian zu weit geht, verlässt Anastasia ihn – trotz ihres gewaltigen Liebesschmerzes.
Übrigens: Im Anhang des Buches dankt die Autorin,, die im Leben Erika Leonard heißt, ihrem Ehemann für seine „göttlichen Qualitäten im Haushalt“. Wenn das nicht sexy ist.
 

Weiterlesen
Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich über weiblichen Masochismus

Kommentare

Interessant, könnte auch zu einem unlängst die Öffentlichkeit beschäftigenden Gerichtsprozess passen ..so etwas verklärt, als Roman leicht verdaulich.

Alexander Wagner

Mann merkt aus Alice's Worten, dass sie in erster Linie beruhigt ist,dass der Roman nicht schlimmer ist.
Mir gefällt, dass im Roman drauf hingewiesen wird, dass der Sadist durch Traumatisierung wurde wie er ist.
Das war ja lange in der Psychologie eine eindeutige Erkenntnis, allerdings arbeitet die SM-Szene,zu der auch viele Psychologen gehören, mit Hochdruck daran, dem Sadomasochismus jede psychologische Fehlentwicklung abzusprechen.
Auch scheint es Alice zu gefallen, dass hier jemand den Mut hat zu gehen wenn es zu bunt wird. Wenigstens etwas, wenigstens geben sich hier die Protagonistinnen nicht auf Lebenszeit hin. Das ist in der Sadomaso-Szene aber eh eher selten.Denn Masochistinnen sind im Inneren schwach und zerrissen und projizieren ihren omnipotenen Master nur. Sie beenden ständig Beziehungen,gehen dann aber die selben wieder ein mit einem anderen Sadisten.
Es gibt schlimmere Bücher,dafür macht dieses Buch den SM evtl. gesellschaftsfähig,SM-Seiten dürften Zulauf kriegen.

Den medialen Rummel um dieses Buch bekomme ich (glücklicherweise) nicht mit und will es auch nicht. Nur eins: Schade um die vielen Bäume, die für die Papierproduktion für eben dieses Buch draufgehen mussten.
So eine Besprechung von Alice Schwarzer hätte nicht erwartet! Wenn ich das schon höre: sexuell unerfahrene Frau (hier Jungfrau) wird durch einen Mann durch heterosexuellen und hier auch gewältigen Sex zu Frau! Boah nee, also das ist alles andere als feministisch!
Wirklich schade. Da wäre eine ausführlichere Besprechung des feministischen Manifests "Fleischmarkt" viel schöner gewesen. (In der Print-Emma leider zu kurz.)

Wann endlich wird BDSM ebenso als natürliche sexuelle Neigung akzeptiert...???
Früher wurde Homosexualität pathologisiert, inzwischen kräht kein Hahn mehr danach. Diese Entwicklung steht dem Sadomasochismus immer noch bevor.
Immer wieder spannend zu lesen, was Außenstehende über SMler zu wissen meinen. Es gibt nicht "die eine Ursache" für die Neigung, genauso wenig, wie es immer "die mächtigen Herren" sind, die zum Ausgleich zur Domina gehen, die "schwachen Frauen", die sich auch im Bett dominieren lassen, die "männerhassenden Frauen", die dominant werden oder die Machos, die etwas gegen emanzipierte Frauen haben und sie deshalb sexuell erniedrigen wollen. Was für ein Quatsch.
In der Szene gibt es genauso alle Typen von Menschen wie überall anders.

"Wir wissen seit langem, dass [der weibliche Masochismus] der Versuch der Seele ist, real erlittene Erniedrigung und Schmerz umzumünzen und lustvoll zu besetzen."
Ich finde, dass in dieser Debatte zu wenig differenziert wird zwischen Sadomasochismus als natürliche und gesunde sexuelle Neigung und pathologischem Sadismus/Masochismus. Pathologischer Masochismus mag auf Verletzungen der Seele zurückgehen, aber für die submissiven SadomasochistInnen kann das nicht verallgemeinernd unterstellt werden.
Ich selbst hatte eine sehr schöne, behütete Kindheit und weiß trotzdem schon seit der Grundschulzeit, dass mich gewisse Szenarien erregen. Den Hang zum SM habe ich eher entdeckt als meine "normale" Sexualität. So geht es übrigens vielen SMlern. Warum wird BDSM nicht endlich als natürliche Normabweichung genauso wie Homosexualität akzeptiert?
Warum wird BDSM immer in einen Topf mit "traumatischer Kindheit" geschmissen?

...diese Reihe besteht aus 3 Büchern und offensichtlich hat Alice sie nicht zu Ende gelesen, hätte sie aber sollen! Es bleibt nicht beim Nein. Sorry! Hier ist dazu eine wirklich gute und informative Besprechung einer amerikanischen Autorin, die ich nur empfehlen kann und die das Problem auf den Punkt bringt. Leider nur auf Englisch: http://therumpus.net/2012/05/the-trouble-with-prince-charming-or-he-who-...

Anbiederung an den Mainstream ist doch gar nicht mehr nötig. In englischsprachigen Ländern gibt es endlich eine Wiederauferstehung des Radikalfeminismus; habe mich heute den ganzen Tag von Ihren endlich wieder mutig analysierenden Debatten "fesseln lassen". Das Private ist politisch, Gedanken "erschaffen die Welt". Pornografie ist "nur Phantasie" und doch verändert sie unsere Welt massiv, hin zu einem Backlash, der alle Arbeit wieder vergessen lassen wird. Warum sollte ein erfolgreicher "Liebesroman" nicht ebenfalls seine Wirkung haben. Die unpolitischen Mädchen, die nicht mehr über den Tellerrand gucken, glauben eine "freie Sexualität", urplötzlich aus dem luftleeren Raum entstanden, auszuleben, oder eben zu phantasieren, und meinen, das hätte ja alles keine Auswirkungen. Wir sind die letzten, die noch etwas kritischen Geist in all diese "Ach, es ist doch nur"-Denk- und Debattierabstinenz streuen könnten. Wir brauchen uns den Sexnegativen nicht zu unterwerfen, we can do (it) better..

Charakter läßt sich von Sexualität nicht trennen. Ein sehr lebensbejahender, liebevoller, zärtlicher Mensch wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch eine sehr zärtliche Sexualität haben. Kann man sich innerlich sehr reiche, schöpferisch begabte Menschen wie Albert Schweitzer, Mozart, Mutter Theresa mit Peitsche und Fessel vorstellen? Wohl kaum.
Wer sich klein, schwach, defizitär fühlt, zudem gefühlsarm ist, wird wohl im seelischen Bereich durch Machtgehabe kompensieren und dieses Verhalten bestimmt nicht vor der Schlafzimmertür ablegen.
Wer durch sadistische Praktiken sex. erregt wird, hat aus meiner Sicht auch einen sadistischen Charakter.

Das Buch werde ich nicht lesen. Grundsätzlich, weil ich derzeit keine Lust auf eine Liebesschnulze habe, wo die Protagonistin einem Kerl hinterher schmachtet und erst am Ende ein wenig Selbstbewusstsein gewinnt. Letztlich auch deshalb nicht, weil der Inhalt angeblich so sein soll wie diese unsägliche Vampir-Saga.
Tatsache ist aber, dass das Buch ein totales Mainstream Produkt ist und einen Hype in durchschnittlichen Bevölkerung verursacht.
Ansonsten schliesse ich mich, dieses Buch betreffend, dieser Meinung an:
http://www.sueddeutsche.de/leben/pornos-fuer-frauen-manche-frauen-haette...

Stimme Lozen völlig zu. Auch ich häte weder eine solche Besprechung erwartet noch brauche ich "Liebesromane" in der Art von Twilight und Shades of Grey. Für mich ist dieses Buch und das ganze Genre drumherum ein klarer dieses Buch ein Rückschlag für die Emanzipation.

Seiten

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.