Warum ich trotz allem Putin verstehe!

Russland wird beschuldigt, einen neuen kalten Krieg anzetteln und in die Ukraine einmarschieren zu wollen; Präsident Putin wird dämonisiert und gar mit Hitler verglichen. Dabei war es zunächst der Westen, der keine Ruhe gab und unaufhaltsam Richtung Osten drängte - und weiter drängt.

Der Geburtsfehler des Ukraine-Konflikts war, dieses Land vor die Alternative zu stellen: EU oder Russland! Denn die Ukraine ist ein Brückenland, neigt halb zum Westen, halb zum Osten und genau das hätte sie auch bleiben sollen. Aber das scheint jetzt verspielt. Statt diese West/Ost-Lage als Stärke zu begreifen, ist sie nun eine Schwäche und befindet sich das Land in einer Zerreißprobe. Für diese Zerreißprobe tragen beide Verantwortung: Putin, aber auch der Westen.

Wenige Westländer, allen voran Deutschland, haben nach der Eskalation zwar zunächst versucht, zur Differenzierung und Befriedung beizutragen. Doch der von Außenminister Steinmeier und Kollegen mit dem zu dem Zeitpunkt noch amtierenden Präsidenten Janukowitsch ausgehandelte Kompromiss – Rückführung der präsidialen Kompetenzen auf den Stand von 2004 und Wahlen am Jahresende – war innerhalb weniger Stunden von dem extrem durchwachsenen (von aufrecht empört bis nationalistisch bzw. faschistoid) besetzten Majdan-Platz hinweggefegt worden und von einem traditionell käuflichen Parlament bestätigt. Der heute amtierende Präsident Alexander Turtschinow, professioneller Ökonom und Timoschenko-Vertrauter, ist also auch nicht gerade lupenrein demokratisch legitimiert, was den Westen nicht hindert, dies hochtönend von Russland in der Krim zu fordern.

Überhaupt der Ton. Die West-Medien scheinen in ihrer Herablassung Russland gegenüber und der Schuldverteilung – guter Westen, böser Osten – quasi gleichgeschaltet. 96,77 Prozent der auf der Krim lebenden Menschen votieren für die Zugehörigkeit zu Russland? Und das "störungsfrei" unter den Augen internationaler Beobachter. Na und! „Wir“, die EU und Amerika, erkennen das nicht an und drohen mit Sanktionen. Was beim Kosovo recht war, die einseitig erklärte Loslösung von Serbien, ist für die Krim noch lange nicht billig.

Die Kriterien für das reichlich strapazierte Argument „Demokratie“ wechseln je nach Interessenlage. Ob wir ein Vorgehen als „demokratisch“ und "völkerrechtlich legitimiert" bezeichnen, scheint nicht etwa von der Art des Vorgehens abzuhängen, sondern eher davon, wer da vorgeht. Stichwort: Irak. Stichwort: Afghanistan. Stichwort: Libyen.

Wir, der Westen, jedenfalls schreiten unaufhaltsam weiter gen Osten. 1990 noch hatte der Westen dem damaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow, der die Öffnung einleitete, versprochen, den Machtbereich der NATO nicht weiter gen Osten auszudehnen. Seither ist viel passiert, zu viel. Heute ist Russland umzingelt: an der Südflanke von überwiegend islamistisch beherrschten Staaten, an der Westflanke von Demokratien, die in dem satten Gefühl ihrer ökonomischen Macht in der Offensive sind.

Die Kinder und Enkel der Ermordeten leben heute in Russland.

In den Nachbarländern Polen und Tschechien sind amerikanische Raketen stationiert. Würde die Ukraine Teil der EU, stünde die NATO direkt an der russischen Grenze. Darum ist heute selbst Gorbatschow, der einstige Gegenspieler, an Putins Seite: Der Präsident der Öffnung hält Putins wehrhafte Strategie der eisernen Faust heute für richtig. Denn die Einkreisung Russlands macht nicht nur Putin Angst. So lange schließlich ist es noch nicht her, dass Nazi-Deutschland Russland überfallen hat – am Ende lagen da 25 Millionen Tote: Kinder, Frauen, Männer. 25 Millionen. Die Kinder und Enkel der Ermordeten leben heute in Russland.

Ja, Putin ist zweifellos ein autokratischer Herrscher. Russland scheint nach Jahrhunderten der Entmündigung im Zarenreich und Jahrzehnten der Bevormundung im Stalin-Reich noch nicht reif für eine Demokratie. Doch wir erinnern uns: Auch Deutschland hat fast zweihundert Jahre gebraucht, bis es zur Demokratie fand. Auch Russland braucht Zeit.

Ein Russland ohne einen Putin würde vermutlich in der Faust der Mafia enden. Putin scheint heute das kleinere Übel - und in den Augen seiner Landsleute mutiert er gerade zum Helden. Der Westen wäre also gut beraten, weniger hoffärtig zu sein. Statt Sanktionen wären Verhandlungen angesagt, statt Großmachtsprüche aus Washington Telefonate auf Augenhöhe zwischen Berlin und Moskau.

Kommentare

Alice nein!!!!! Die Ukrainer in dieser Art und Weise zu demütigen , und die Schwäche auszunützen , ist völlig charakterlos !!!!!!
Selbst bestimmung, ja natürlich.
Doch die Art und Weise wie hier mit dem kleinen Bruder umgegangen wird..... Ist völlig inakzeptabel!!
Das erzeugt , Hass,Neid, Stolz,Zorn,Angst, Feindschaft!!!!!

Alice Nein!!!!
Putin hatte Angst dass es ihm auch so gehen könnte wie den Machthabern in der Ukraine.

Darum diese Krim inszenierung! Er surft jetzt auf einer Sympathiewelle.....
Diese Art von Politik stärkt den intoleranten,rechten Nationalismus ... Das ist sch...!!
Die Gefühle der Menschen in der Ukraine, zählen für P. nichts....!!!
Dieser russische Präsident ist machthungrig, intolerant und korrupt.
Er schürt ein Klima der Angst.
Schade, ... denn ich liebe russische Literatur, Malerei und Musik !
Schade, denn die Ukraine und Russland, beide Staaten gehören in ein tolerantes selbstbewusstes Europa.
Schade für viele Russen, .... die Freiheit und Toleranz geht vor die Hunde ....
Alice, bitte nimm diesen selbstverliebten Volksverführer nicht in Schutz!

Hallo Frau Schwarzer. Erst mal finde ich Ihren Kommentar sehr mutig, da er sich von der üblichen in der Presse vertretenen Meinung positiv abhebt. An einer Stelle komme ich aber immer wieder zum Nachdenken. Auch bei Ihnen wird suggeriert, jeder Staat kann nur dann vollkommen sein, wenn er unseren Weg der Demokratiefindung gegangen ist. Auch das finde recht arrogant. Ist das tatsächlich die einzig mögliche Staatsform in der es den Menschen gut gehen kann? Wenn ich mir ansehe wie Deutschland Demokratie in den entscheidenden Fragen lebt, kommen mir Zweifel. Existiert das Wort Demokratie nur formell und im Sprachgebrauch?

Als Deutscher, der seit 25 Jahren in Russland lebt und arbeitet, finde ich den Artikel sehr nah an den praktischen Realitäten. Man liest nicht viele Beiträge in dieser Tonlage in den deutschen Medien.
Aber haben sich die deutschen Steuerzahler auch schon einmal überlegt, was die Ukraine kostet, wenn die EU rsp. Deutschland die „Schicksalsverantwortung“ für die Ukraine übernimmt? Der deutsche Steuerzahler soll mit seinem Geld in der Ukraine investieren. Nur wer investiert, will auch irgendwann Dividende sehen. Wann sieht der deutsche Steuerzahler diese Dividende und vor allem in welcher Form? Es gibt eine Meinung, die darauf vielleicht eine Antwort gibt: http://kaliningrad-domizil.ru/portal/information/-mit-deutschem-akzent-/...

Auf diesen Kommentar haben wir gewartet! Bravo, richtig fundiert und mit guten historischen Kenntnissen... Sie sollten mal auf den Maidan fahren und mit den Ukrainern sprechen, dann werden Sie vielleicht Ihre Meinung ändern. Schade, dass Sie die getöteten Ukrainer noch im Tode so demütigen!

ganz zum Schluss des Artikels steht dann doch etwas ganz Richtiges: Jahrhunderte Zarenreich und Stalin-Herrschaft. Vielleicht ist noch die Brjeschnew-Doktrin hinzuzufügen, die der jetzige Präsident Russlands in allen Ausprägungen kennt und die, wo Russland sich wieder stärker glaubt, aufzuleben scheint. Es ist richtig, dass der ---Sowjetunion--- 1990 zugesagt würde, die Nato würde sich nicht ausbreiten. Diese SU ist aber wenig später, zum Bedauern Putins, selber zerfallen, und die Osteuropäer nutzten diese Schwäche und haben Schutz bei der Nato gesucht, um sich endgültig aus der Umklammerung Russlands zu lösen. Vielleicht interessiert, dass zB die drei baltischen Länder völkerrechtlich nie zur SU gehörten, in Russland aber bis heute die Meinung vertreten wird, die drei hätten sich 1940 freiwillig angeschlossen. Das lernt man auch in Russland in der Schule.
Russland ist kein Opfer. Putin weiß was er tut. Die Angst bei unseren Nachbarn und Partnern kalkuliert er ein.

Frau Schwarzer, Sie machen sich mit diesem Beitrag unprofessionel.
Erstens, glauben Sie wirklich, dass das Referendum auf der Krim legitim sei, wenn nicht, wie können Sie diese Zahelen hier angeben. Es hätten auch 200% der Bevölkerung für Putin gestimmt wenn er das so befolen hätte. Wenn Sie das Referendum für legitim halten, scheinen Sie auch Kontakt mit der Realität verloren zu haben.
Zweitens, alle Länder die jetzt NATO Mitglied sind, wollten es so. Weil es keiner der Russischen Regierung traut, und die letzten Ereinisse zeigen, dass dies nicht unrecht ist. Kennen Sie den Begrif Selbstbestimmung?
Letztlich auch wenn die Interessen von Putin nachvollziebar sind, sind seine Metoden heuzutage nicht akzeptabel. Und wer mit Verbrechern verhandelt und nachgibt wird zum Verbrecher selbst.
Zum Schluss bitte nennen Sie den Präsidenten Gorbachov nicht "russisch" sondern sovjetisch. Es ist historisch unkorrekt. Es waren 15 Republiken, nicht nur Russland, zu Ihrer Erinnerung.

ich komme aus Odessa(am Schwarzen Meer) und würde gerne auch ein Paar Wörter von mir schreiben.
Putin ist ein perfekter KGBist(FSBist) und dadurch ist er auch ein perfekter Stratege. Kein von diesen blöden(oder um sachlich zu bleiben sag ich Mal "beschränkten") Typen wie Klitschko. Der russische Herrscher hat mit einer Klappe mehr als 2 Fliegen geschlagen:
1. Er hat wieder Krim. Das Volk? - Nein, natürlich nicht. Der bekannteste sowietische Kriegsmarschall meinte ein Mal: Маршал Жуков "Солдат не жалеть, бабы еще нарожают"(Übersetzt: Kümmert euch nicht um Männer(Soldaten), die Frauen gebähren weitere). Genau das ist auch Putins sein Motto. Krim ist sein Militärbasis(Zugang zu EU).
2. "Brudervolk" - wie Wladimir Wladimirowitch schön sagte wird immer von Russen gehänselt(zwar JA - es ist beidseitig - Ukrainer "mögen" die Russen auch sehr, aber wer jemanden als Bruder bezeichnet - belagert es nicht mit bewaffneten "Selbstverteidigungsmilizen")

3. Mit dem Referendum bringt er ein wichtiges Thema ins europäische Forum: Unabhängigkeit der Autonomien. Katalonien, Baskenland, Venedig - manche auf friedliche Art und Weise und manche auf weniger friedliche.
4. Der Zweck der EU bestand nicht nur darin wirtschaftlich eine Vereinigung zu erstellen, sondern auch ein Gegengewicht auf dem eurasischen Kontinent gegenüber Russland zu sein. Jetzt aber spaltet sich schon ohnehin durch den Krisis angeschlagenes Sozium.

Putin ist einer der größten Tyrannen seit Hitler. Und nur weil die Menschen in Russland nicht wie in Korea vor Hunger sterben(gibt's aber auch!) heißt nicht, dass das Land auch dem Weg zur Demokratie ist.

Der Grund wieso Putin noch an der Macht ist - ist Angst vor Herrscherwechsel. Wer weiß was für ein Despot nach ihm die Zügel übernimmt.
Krimer Referendum ist(war) eine Wahl zwischen einem Boot, das schon fast völlig mit dem Wasser überlaufen ist und einem Boot, wo das Wasser bis zum Knöchel steht

Sie nutzen auch nur die halbe Wahrheit Frau Schwarzer.

Wenn wir dahinkommen, dass man in andere Länder einmarschiert wenn dort vermeindliche Landsleute leben, dann dürften die Russen auch Berlin Charlottenburg einnehmen? Oder was ist mit der sorbischen Minderheit? Oder dürfen wir dann in Kaliningrad einmarschieren? Oder in Chile? Oder darf die Türkei dann auch Kreuzberg in Anspruch nehmen?

Bei allem Verständnis für Russland, vergessen Sie nicht die Gründe warum Polen und Tschechien in der NATO ist. Auch der Nazivergleich hinkt.

Hören Sie bitte auf Geschichte so zu verwenden wie Sie es gerade brauchen.

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