War der Kölner Tatort rassistisch?

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Dieser KölnerTatort wollte - ein Jahr nach dem Schock-Silvester - alles richtig machen. In dem seither eskalierenden Klima der Polarisierung und der steigenden rassistischen Ressentiments wollte er uns lehrbuchhaft zeigen, dass unsere größten Probleme nicht die Fremden sind, sondern unsere eigene Voreingenommenheit. Und dass die bösesten Buben allemal die von der selbsternannten deutschen Bürgerwehr sind, in Köln die fiktive „Wacht am Rhein“.

Da ist gewiss was dran. Nur: Was herauskam bei diesem Tatort, war – schwer Rassismus verdächtig. Vom Ende her gesehen.

Denn es agierten: Ein deutscher Kleintierhändler, der sich bei den Wächtern hatte verhetzen lassen, und einem tunesischen Kleingauner, der zusammen mit seinen Co-Gaunern seit einiger Zeit das Viertel unsicher machte, auflauerte - doch dann versehentlich den eigenen Sohn erschoss.

Ein tunesischer, voll integrierter Lebensmittelhändler mit netter deutscher Freundin, der einen unschuldig Verdächtigten in seinem Keller fast zu Tode gefoltert hätte, um ein Geständnis zu erpressen. Er hatte ihn im Verdacht, den Sohn des Kleintierhändlers erschossen zu haben.

Zu guter Letzt der falsch Verdächtigte, ein tunesischer Student mit deutscher Staatsangehörigkeit, der seinen Peiniger ausgerechnet in dem Moment ermordet, in dem der ihn freilassen will.

Und die Moral von der Geschicht? Auf der deutschen Seite die von dem Bösewicht aufgehetzten Bürgerwehrler; eine nachdenkliche, aber stumm vor sich hinguckende Frau (die Mutter des Erschossenen); sowie ein Vater, der aus Versehen zum Mörder seines Sohnes geworden war.

Was soll uns das lehren? Dass alle Nordafrikaner mit Vorsicht zu genießen sind?

Auf der „Fremden“-Seite: eine Bande nicht gerade sympathischer, aus Nordafrika kommender Kleinkrimineller; der besonders nette und sanft wirkende Händler, der im Zorn über seine missratenen Landsleute, die auch ihn in Misskredit bringen, zum Folterer wird; sowie der nur wegen seines Aussehens in Verdacht geratene tunesische Student, der nur am falschen Ort den falschen Hoody angehabt hatte.

Reden wir nicht von der Unwahrscheinlichkeit und Konstruktion der Geschichte oder der Unglaubwürdigkeit der Charaktere (bis auf die flotten Jungs, die die Kölner Polizei im Dienstverkehr „Nafris“ zu nennen pflegt). Aber reden wir davon, dass es in diesem Tatort nur zwei Sorten Nordafrikaner gibt: die respektlosen, gewalttätigen Jungs mit den gegelten Haaren; und die eigentlich integrierten Bürger, die längst zu uns gehören, die in diesem Plot jedoch überraschend zu Folterern bzw. Mördern wurden.

Was soll uns das lehren? Dass alle Nordafrikaner mit Vorsicht zu genießen sind, auch unsere Nachbarn? Selbst wenn es uns bisher völlig egal war, woher sie kommen? Und das ausgerechnet im weltoffenen, toleranten Köln.

Sorry, liebe Tatort-Macher, ihr habt es sicherlich gut gemeint. Aber genau das ist in dieser Debatte eines der Probleme: nicht nur das Bösgemeinte, sondern auch das Gutgemeinte. Denn wie wir jetzt mal wieder gesehen haben, lauert letztendlich auch unter der toleranten Firnis oft eine gewisse Voreingenommenheit; die sich gerne in einer Überkompensation entlarvt. Resultat: Der antirassistisch gemeinte Tatort hatte drei Täter: einen deutschen und zwei integrierte! Nordafrikaner. Das hat dann doch, mit Verlaub, nicht nur einen Hauch von Rassismus.

Danach kam Anne Will zum Thema. Das habe ich mir erspart.

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Schwarzer zieht Bilanz: Ein Jahr danach

Schwere Anschuldigungen: Hat die Polizei die Frauen im Stich gelassen? - © Maja Hitij/dpa
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Zehn Monate danach rede ich noch einmal mit ihr: Claudia Vosen, 49, alleinerziehende Mutter einer 16-jährigen Tochter und Quasi-Mutter des 14-jährigen Sohnes ihres Lebensgefährten. Die vier waren am 31. Dezember 2015 auf dem Weg zum Feuerwerk am Rhein im Kölner Bahnhof in den Silvester-Horror geraten. Claudias Lebensgefährte war abgedrängt worden, und sie war zusammen mit dem Jungen und dem Mädchen in den „Höllenkreis“ geraten. „Meine Tochter war hinter mir. Das war der Fehler. Sie ist blond.“ Nach einer unendlich langen halben Stunde spuckte die rasende Männermeute die vier wieder aus.

Für mein Buch „Der Schock“ hatte Frau Vosen mir das Erlebte eindrücklich geschildert. Und jetzt, ein paar Wochen vor Silvester 2016? „Silvester bleibe ich zuhause“, sagt Claudia Vosen. „Meine Tochter will feiern gehen, aber …“ Ohne Pfefferspray gehen Mutter und Tochter seither nicht mehr aus dem Haus. „Ich bin sonst gar nicht so der ängstliche Typ“, sagt sie. „Und ich ärgere mich richtig darüber, dass mir das jetzt immer bewusst ist. Vor allem – dass ich meine Kinder nicht schützen konnte!“ Überfüllte Busse oder auch Menschenansammlungen meidet sie seither. „Obwohl wir doch so gerne in Konzerte gehen.“

Claudia Vosen hat neun Monate lang eine Therapie gemacht, einmal die Woche. „80 Prozent liegen jetzt hinter mir. Aber das heißt ja nicht, dass ich es vergessen hätte. Karneval haben wir diesmal gar nicht gefeiert. Dabei sind wir doch echt kölsche Jecken. Und meine Tochter ist auch nicht zu Halloween gegangen.“

Verfahren eingestellt.
Täter konnte nicht ermittelt werden.

Im Juli war „der Schrieb von der Polizei“ gekommen: Verfahren eingestellt, Täter konnte nicht ermittelt werden. „Das hatte ich erwartet“, sagt Frau Vosen. „Aber trotzdem war es natürlich niederschmetternd.“

Auch der Wiesbadener Rechtspsychologe Prof. Rudolf Egg legt knapp zehn Monate nach der Kölner Silvesternacht dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss von NRW seine Stellungnahme vor. Analysiert werden konnte darin allerdings nur ein Aspekt des Geschehens: nämlich die sich in den Anzeigen niederschlagende Sicht der Opfer. Die Analyse der polizeilichen und politischen Kommunikation steht noch aus. Wir dürfen gespannt sein.

1000 der insgesamt 1580 Anzeigenden sind Frauen. In zwei von drei Fällen ging es dabei um Sexualdelikte, allein oder in Kombination mit Diebstählen. Das Gutachten, das Prof. Egg am 24. Oktober präsentierte, liegt EMMA vor. Was sich daraus ergibt, ist noch viel erschreckender als das, was bisher schon bekannt war.

Allem voran das Versagen der Polizei. Auch ich hatte bisher die These vertreten, die Polizei sei selber Opfer gewesen: Opfer eines politischen Tabus beim Umgang mit Migranten und Flüchtlingen, sowie ihrer Überforderung vor Ort. Doch folgt man den Aussagen der Frauen, war die Polizei nicht nur abwesend oder überfordert, ­sondern hat zum Teil auch bewusst weggesehen oder sogar die Klagen der Frauen einfach nicht ernst genommen. Hier ein paar Stimmen aus den Anzeigen:

„Wir sind mit einer Gruppe von Frauen an der Wand entlang in Richtung Bahnhof gegangen. Wir haben dann zwei Polizisten angetroffen und ihnen erzählt, was passiert ist und ob sie uns helfen könnten. Einer von den Polizisten sagte: Geht weiter und fahrt nach Hause, ich kann euch nicht helfen.“

„Wir sind dann in Richtung des Domes gegangen, da wir dachten, dass dort mehr Polizei sei und wir sicherer wären. Aber auch dort wurde unkontrolliert mit Raketen geschossen, Polizei haben wir gar nicht gesehen. Auch dann haben immer wieder Gruppen von Männern versucht uns einzukesseln. Wir sind dann um die Ecke gegangen und sind dort auf einen leeren Streifenwagen gestoßen. Nach etwa fünf Minuten kamen vier Polizisten, zwei Männer und zwei Frauen. Die sind in den Streifen­wagen eingestiegen und weggefahren …“

"Wir haben um Hilfe gebeten.
Er hat uns zurück in die Menge geschoben."

„Unmittelbar nach dem Feuerwerk wollten wir über den Domplatz die Domtreppen wieder hinunter zum Bahnhof. Dort stießen wir auf eine riesige Menge von nordafrikanischen Männern, die offenbar von einer Gruppe vermummter Polizisten aufgehalten worden sind. Wir haben uns durch die Menge durchgekämpft und sind zu einem Polizisten gelangt. Wir haben ihn um Hilfe gebeten, er hat uns aber zurück in die Menge geschoben. Ich gelangte dann zu einer Polizistin, die ich um Hilfe gebeten habe. Sie war noch pampiger als der erste Kollege und hat uns ebenfalls zurück in die Menge geschickt. Uns wurde das Gefühl gegeben, dass man als Frau nichts wert sei und dass man angefasst werden konnte, wie es den Männern gefallen hat. Man fühlte sich absolut wehrlos.“

„Meine Freundin hat dann einen Polizisten angesprochen, der vor diesem Ausgang stand. Ich habe ihm geschildert, was mir passiert ist und habe ihm auch die Männer gezeigt, denn sie waren noch vor Ort. Sie machten nicht den Eindruck, dass sie nun auf der Flucht wären, im Gegenteil: Die Gruppe der Männer hat hinter dem Eingang immer weitergemacht und auch andere Leute belästigt. Und dies alles unter den Augen des Polizisten. Deshalb habe ich den Polizisten aufgefordert hier einzugreifen, was er allerdings nicht getan hat. Er sagte zu mir persönlich: ‚Da kann ich nichts machen‘.“

„Wir sind in dieser Nacht von ca. sieben Männern, die untereinander Arabisch geredet hatten, bedrängt worden. Wir wurden an die Wand gedrückt und zwischen den Beinen, an den Brüsten und am Kopf betatscht. Einer dieser Männer fasst mir zwischen die Beine, leckte sich seine Finger danach ab und versuchte dann, mir diesen Finger in den Mund zu stecken. Als wir uns wehrten, wurden wir auf das Übelste ­beschimpft und brutaler angefasst. Wir haben uns losgerissen und sind Richtung Breslauer Platz gelaufen. Diese Männer liefen uns nach, im Bereich des Kreisverkehrs standen an der Ecke zwei Polizisten. Beide Beamte sahen uns und auch klar und deutlich diese Täter. Wir sprachen die Beamten an, dass wir Hilfe benötigten und versuchten alles in der Hektik zu schildern. Der eine Polizist ließ uns nicht ausreden, der andere drehte sich in Richtung Rheinufer und tat so, als ob er da etwas Wichtiges zu schauen hätte. Uns wurde dann erklärt, wir sollten uns beruhigen, es sei sicherlich nicht so schlimm gewesen. Sie könnten uns nur raten, da nicht mehr hineinzugehen, sie würden es auch nicht tun. Meine Freundin schrie den Beamten an, dass es da drin brutal zuging. Er ermahnte uns, mit ihm anständig zu reden. Es kamen noch andere Frauen herbei und wir waren uns alle einig, beide Beamte wollten oder durften nichts unternehmen. Es wäre sicherlich ­einfach gewesen, als wir auf beide zuliefen und um Hilfe riefen, sofort einen der Täter, der dicht hinter uns war, festzuhalten. Die ­Beamten taten das nicht.“

„Meine Freundin aus Köln war völlig fertig. Sie war am Weinen und hat uns erzählt, dass sie einen Finger im Po hatte ... Ich möchte noch dazu sagen, dass wir am Brückenkopf die dort stehende Security ­angesprochen und die Situation geschildert haben. Die haben uns aber nicht ernst ­genommen. Eine Frau hat zu mir gesagt, dass man als junge Frau an solchen Tagen solche Orte meiden soll. Die Art und Weise, wie die Security reagiert hat, hat mich ­richtig geärgert. Es war nicht so, dass die zu viel zu tun hatten. Vielmehr standen die in Gruppen zusammen und haben sich unterhalten.“

Die Männer bildeten sogar Reihen, durch die sie die Frauen jagten

Das klingt beunruhigender, als bisher bekannt. Neu ist auch, dass es nicht nur die Methode „Höllenkreis“ gab, bei dem 5 bis 20 Männer die Frauen umringten, ihnen an den Po, in den Schritt und „in alle Öffnungen“ fassten (und sie häufig in den After oder in die Vagina penetrierten). Die Männer bildeten auch Reihen, an denen entlang sie die Frauen ­jagten. In manchen Fällen jagten sie die Frauen auch zwischen zwei Reihen durch. Und jeder griff zu. Wenn die Frauen empört waren oder sich wehrten, wurden sie ausgelacht. Oder als „Schlampen“ bezeichnet (Man kennt solche Szenen aus Kriegssituationen, in denen die Besatzer das mit den eroberten Frauen machen).

Nur zwei Prozent der Betroffenen erklärte, sie seien von „deutsch oder europäisch“ aussehenden Männern angegriffen worden. Alle anderen sprachen von „arabisch“ oder „südländisch“ aussehenden Männern. Und nur – oder immerhin! – ein Viertel aller Anzeigen war bis zum 2. Januar eingegangen. Dreiviertel erfolgten erst, nachdem der Skandal öffentlich geworden war, die Opfer sich also durch die allgemeine Empörung ermutigt fühlen konnten.

Im Laufe des Abends erschall auch mindestens einmal der Ruf „Allahu Akbar“ (Allah ist groß), das ist auf einem der Videos zu hören. Und ein aus Syrien stammender Arzt berichtete der Polizei, er sei an dem Silvesterabend im Bahnhof von einem Mann aufgefordert worden, sich „an den Diebstählen zum Nachteil der ‚Kufar‘ (Ungläubige) zu beteiligen. Die hätten schließlich auch den Krieg in die arabischen Staaten gebracht. Deshalb kann man sie hier ruhig schädigen.“ Die Person habe „sprachlich aus Libyen“ gestammt.

Die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden waren, hatten von Anbeginn an darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um „nordafrikanisch oder arabisch“ aussehende und sprechende Männer gehandelt habe. Sie waren deswegen zunächst als „Rassistinnen“ beschimpft worden. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Erst allmählich war die bittere Wahrheit durchgedrungen: Die Täter waren nicht nur aus diesen Ländern, sondern zu fast hundert Prozent Asylbewerber und Illegale gewesen; überwiegend aus Marokko und Algerien, einige auch aus Syrien.

Das Gutachten geht davon aus, dass die über 2000 Männer sich auf dem Bahnhofsvorplatz verabredet hatten, via Facebook oder Handy sowie Mundpropaganda in den Flüchtlingslagern. Es lässt offen – und muss offen lassen –, ob die Täter in ihrer Mehrheit mit verbrecherischen Absichten angereist waren, oder ob sich das erst im Laufe des Abends entwickelt hat. Denn das ist aus den Anzeigen nicht zu erkennen. Dazu müssten auch die polizeilichen und juristischen Erkenntnisse ausgewertet werden.

Schon gegen
18 Uhr hatten Männer randaliert, den Dom mit Böllern beschossen

Es handelte sich auf jeden Fall um zahlreiche, mobile Tätergruppen. Die Gutachter halten für wahrscheinlich, dass die Stimmung im Laufe des Abends eskalierte, was mit der „Broken Windows-Theorie“ zu erklären sei. Danach eskalieren solche Massengewalt-Situationen, wenn ihnen nicht früh Einhalt geboten wird. Was in Köln der Fall war. Schon gegen 18 Uhr hatten am Silvesterabend hunderte dieser überwiegend jüngeren Männer randaliert und u.a. die Fenster des Doms mit Böllern beschossen. Und zwar so stark, dass bei den etwa 3000 Menschen in der Abendandacht beinahe eine Panik ausgebrochen wäre. Doch die Polizei schritt nicht ein.

Ich sehe durch den jetzigen Erkenntnisstand meine frühen Thesen in dem im Mai herausgegebenen „Schock“ bestätigt. Die Männer hatten sich verabredet, um auf ihre Art zu „feiern“. vermutlich gab es eine Handvoll Initiatoren; Leute, die genau wussten, was sie da planten, als sie die „Einladung“ zu der Kölner „Silvesterfeier“ an die Flüchtlinge und Illegalen aus mus­limischen Herkunftsländern lancierten.

Doch warum Köln? Der Platz liegt verkehrstechnisch zentral; die Kölner Polizei und Justiz ist für Milde bekannt; und der Dom, das wichtigste Heiligtum im christlichen Abendland, steht auch da.

Die Nachricht hat sich dann lawinenartig verbreitet, wohl innerhalb von Tagen oder gar Stunden. An Silvester sind die Männer vermutlich in den unterschiedlichsten Stimmungen und Absichten angereist. Dass für die meisten der Horrorabend nicht die erste Jagd auf Frauen war, zeigt ihre Routine beim „Frauenklatschen“: vom Bilden des „Höllenkreises“ bis hin zu den „Schandreihen“. Die Täter haben schwarmartig agiert. Im Laufe des Abends ist das Ganze dann immer mehr eskaliert. Die Haupttatzeit für die sexuellen Gewalttaten lag laut Gutachten zwischen 20.30 Uhr und 23.30 Uhr.

Die Opfer berichteten in ihren Anzeigen von ihrer "Todesangst" 

Die Opfer machen in ihren Anzeigen immer wieder darauf aufmerksam, dass die Männer „überhaupt keine Hemmungen“ mehr hatten, auch wenn Polizei in Sicht war. Und dass sie selber „Todesangst“ hatten. Auch, dass sie als Frauen nicht ernst genommen und mit Verachtung behandelt wurden, von den Tätern wie auch von vielen Polizisten und Polizistinnen. Viele der Opfer sind nach dem traumatischen Erlebnis in dieser Nacht bis heute in Therapie.

Es hatte an diesem Abend aber selbstverständlich auch „die guten Araber“ gegeben. Sie waren eher zufällig am Kölner Bahnhof. Wie der zitierte syrische Arzt oder der Syrer Hesham und seine Freunde. Hesham hat an diesem Abend eine der überfallenen und weinenden Frauen beschützt, die Amerikanerin Caitlin Duncan, und ihr sogar geholfen, ihren von den Tätern abgedrängten Freund in der Menge wiederzufinden.

Ich habe Hesham, dem ich Wochen später zufällig in seinem Wohnort Waldbröl begegnete, im „Schock“ ein kleines Denkmal gesetzt. Und ich habe Kontakt zu ihm gehalten – und mich gefreut, ihm auch meinerseits helfen zu können. Seine Frau und seine beiden kleinen Söhne waren noch im Frühling im Bombenhagel von Aleppo. Im Mai wagte die Frau dann mit den Kindern die Flucht in die Türkei, zwei Wochen zu Fuß durch die Berge – und da saß sie nun auf der Straße. Und ein total verzweifelter Hesham konnte nichts tun.

Ich habe es dann geschafft, mit Hilfe der sehr verständnisvollen deutschen Botschaft in Ankara, Heshams Familie im Juni nach Deutschland zu holen. Als ich die ­Familie zu mir einlade, erzählen sie mir ihre Geschichte: Hesham und Elham hatten sich an der Universität in Aleppo zum ersten Mal gesehen; er studierte Englisch, sie Arabisch. Die beiden haben – selbstverständlich ohne jemals vorher auch nur eine Minute allein zusammen zu sein – geheiratet und beide als Lehrer ­gearbeitet.

An diesem Sommertag in meinem Garten schlägt die sanfte Elham bei Tisch die ganze Zeit die Augen nieder, während ihr Mann redet und ihre Söhne rum­toben. Als ich in die Küche gehe, kommt sie hinter mir hergelaufen und umarmt mich innig. Elham ist islamisch verschleiert. Irgendwann frage ich sie lachend, welche Haarfarbe sie denn habe. Da antwortet Hesham für sie: „Die Haarfarbe meiner Frau kenne nur ich!“

Die Familie
aus Aleppo
hat bereits
Zukunftspläne

Die Familie aus Aleppo hat Asyl und Hesham, der schon nach einem Jahr gut Deutsch spricht, bereits einen Plan für die Zukunft: Er will zusammen mit seiner Frau Arabischunterricht geben. Nicht nur für Deutsche, sondern auch und vor allem für Landsleute, die nicht selten Analphabeten sind.

So wie Sattar, der Mann der afghanischen Familie in meiner Nachbarschaft. Um sie kümmere ich mich seit einem Jahr. Der 27-jährige Sattar lernt gerade zum ersten Mal Lesen und Schreiben: auf Deutsch. Er ist von Beruf Anstreicher, sehr offen und lacht gerne. Bei der Begrüßung umarmt er mich. Seine 26-jährige Frau Karima trug vor einem knappen Jahr noch ein Kopftuch, das allerdings schon damals bedenklich rutschte. Ostern hatte sie bereits einen wippenden Pferdeschwanz und griff auch mal zur Zigarette. In Afghanistan war Karima ab ihrem zwölften Lebensjahr unter die Burka ­gezwungen worden.

Die beiden sind seit elf Jahren verheiratet, sie war 15, er 17. Sie hatten sich vor der Eheschließung noch nie gesehen. Doch sie hatten Glück. Sie verstehen sich gut und haben zwei besonders nette Kinder: die temperamentvolle, eigenwillige Nahit, die am liebsten auf Bäume klettert und dank nachbarschaftlicher Unterstützung jetzt Schwimm- und Musikunterricht hat, und der eher schüchterne, gern schmollende Nima, dem gerade sein größter Wunsch erfüllt wurde: Er ist im Fußballverein. Beide Kinder gehen seit Monaten in die deutsche Schule. Als Nahit mit wehendem Haar an uns vorbeirennt, schaut die Mutter ihr nach und sagt: „In Afghanistan müsste meine Tochter jetzt unter die Burka.“

Vor ein paar Wochen war das gefürchtete „Interview“, die Anhörung. Im 50 Kilometer entfernten Bonn, morgens ab 7.30 Uhr. Ich weiß nicht, wie die Bürokraten sich vorstellen, wie auto- und orientierungslose Flüchtlinge das zu der Uhrzeit schaffen sollen. Ich habe die beiden also an dem Morgen nach Bonn gefahren – nicht zuletzt in der Hoffnung, mal mit eigenen Augen zu sehen, wie das geht. Pustekuchen. Ich wurde gleich am Tor abgewiesen. Und die beiden kamen erst abends um acht wieder raus. Sie haben dank meiner Anleitung via Handy dann mit Zug und Bus die 50 Kilometer allein zurückgefunden.

Nicht nur mit den Füßen ankommen, sondern auch mit Herz und Verstand

Kürzlich kam die gute Nachricht: Sie haben ihn, den Flüchtlingsstatus! Die ­Familie kann mindestens drei Jahre bleiben. Bedingung: der Wille zur Integration und das Erlernen der deutschen Sprache. Doch neuerdings geht Karima nicht mehr zum Deutschunterricht. Sie ist im fünften Monat schwanger und verkündet: „Ich schwanger. Ich nicht Deutschunterricht.“ Und dann erklärt sie mir radebrechend, dass Deutschland ja zu wenig Kinder habe und sich sicherlich freue, dass sie jetzt ein Kind bekommt.

„Meine“ afghanische Familie ist also in einer genau umgekehrten Lage wie „meine“ syrische Familie. Die neuen Sitten fallen Sattar und Karima leicht, ja sind willkommen, zumindest was die neuen Rechte angeht – aber werden beide auch die Pflichten ernstnehmen? Eines ist klar: Auch unter guten Bedingungen wird die Integration von hunderttausenden Menschen aus ihren fernen Ländern dauern. Vermutlich gelingt sie in der Regel erst in der nächsten Generation.

Geben wir den Flüchtlingen also eine reale Chance! Die Chance, nicht nur mit den Füßen hier anzukommen, sondern auch mit Herz und Verstand. Nicht nur die Männer aus diesen patriarchalisch ­geprägten und islamistisch verhetzten Ländern haben Nachholbedarf, auch die Frauen müssen ihre neuen Chancen erkennen. Und wir westlichen Frauen haben das Recht darauf, nicht zurück­gestoßen zu werden in archaische Verhältnisse.

Karima wird zurzeit gut zugeredet, ­unbedingt den Deutschunterricht wahr­zunehmen, viermal die Woche. Und demnächst wollen Hesham und Elham mich zum Essen einladen. Ich bin gespannt.

Alice Schwarzer

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