Alice Schwarzer schreibt

Für Prostituierte, gegen Prostitution!

Simone de Beauvoir mit Prostituierten.
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In Wien fordern Prostituierte eine gesetzliche Sozialversicherung und selbstverwaltete Häuser. In Amsterdam wehren sie sich gegen geplante Eros-Center auf holländisch: Bordellschiffe, auf die sie abgeschoben werden sollen. In Paris verteilen sie auf dem Strich Flugblätter zu den Wahlen ("Auch wir haben ein Wahlrecht!") und gründen einen Verein zur "Aktion und Verteidigung von Prostituierten". In Genf werden sie vorstellig bei der UNO und fordern die Einlösung der auch ihnen, zumindest auf dem Papier, zugestandenen Menschenrechte. In London und New York sind sie seit Jahren militant: Engländerinnen erzwangen im Parlament eine Verbesserung des Prostituiertengesetzes mit der Drohung, ihre Kundenliste (auf der so mancher Parlamentarier figurierte) zu veröffentlichen. Und die Frauen der Prostituierten-Selbstorganisation Coyote sagen offen: Ohne die Unterstützung der Feministinnen wären wir nicht so weit gekommen.

Sexualität - Spiegel und Instrument der Unterdrückung von Frauen.

Nur hier, in der Bundesrepublik, scheint Ruhe zu herrschen. Noch. Die Ruhe vor dem Sturm. Denn so wie Anfang der 70er Jahre die gesamte neue Frauenbewegung in der Bundesrepublik verspätet, zögernder und zäher begann, als in den westlichen Nachbarländern, so beginnt auch der direkte Angriff auf die Prostitution hier später, aber unaufhaltsam. Denn die Prostituierte ist eine Schlüsselfigur dessen, was so abwiegelnd "Frauenfrage" genannt wird; und der Kampf gegen die Prostitution - der nur auf den ersten Blick paradoxerweise gleichzeitig ein Kampf für die Prostituierten ist - ist Hauptschlachtfeld des Frauenkampfes.

In den vergangenen Monaten mehrten sich auch hierzulande die Zeichen. Prostituierte gingen in die Offensive: Sie zeigten, wie in Bochum, brutale Zuhälter an; sie protestierten, wie in München, gegen ihre Vertreibung vom Straßenstrich. Erste Begegnungen zwischen Prostituierten und aktiven Feministinnen zeitigten Früchte: so entstand in Berlin der Treffpunkt "Cafe Hydra" ("unabhängig, parteiisch, unmoralisch") und in Hamburg das nach den Prinzipien der "Häuser für geschlagene Frauen" organisierte autonome Prostituiertenhaus »Arche«. Langsam aber stetig rücken die Zeichen auf Sturm...

Sexualität. Spiegel und Instrument der Unterdrückung von Frauen. Hier sind Erniedrigung, Scham und Unterwerfung von Frauen verankert. Dies ist das Fundament männlicher Macht und weiblicher Ohnmacht. - Prostitution. Zerrspiegel und Endprodukt einer Sexualität, in der es nicht um Liebe geht, sondern um Macht. Wir Frauen sind vom Patriarchat mit vielen Spaltungsmanövern auseinandergetrieben und aufeinandergehetzt worden. Die Schönen gegen die Häßlichen, die Alten gegen die Jungen, die Mütter gegen die Nicht-Mütter, die Berufstätigen gegen die Hausfrauen. Und: die Prostituierten gegen die Nicht-Prostituierten. Darum ist schon der Beginn eines Gesprächs zwischen Frauen, die von der gewerbsmäßigen Prostitution leben, und solchen, die dies nicht tun, ein unerhörter Schritt.

Kate Millett tut mit ihrem 1971 erschienenen Buch "Das verkaufte Geschlecht" (Deutsch 1981) diesen Schritt. Die Art, wie sie ihn tut, ist eine radikale Absage an dieses Spaltungsmanöver. Sie ist Gleiche, hat eine von vier Stimmen, spricht von der eigenen Prostitution und - ihrem Wunsch nach Schwesterlichkeit mit den Frauen, die dieses Stigma der Prostitution, das heimlich auch das ihre, das unsere, ist, offen tragen. 

Männer gehen zu Prostituierten, weil sie totale Verfügbarkeit und das Gefühl der Macht suchen.

Zu Beginn der Frauenbewegung pflegten wir (noch ganz im marxistischen Geiste Engels) zu räsonnieren: die Prostitution ist die Kehrseite der Monogamie. Heute können wir es genauer sagen: Zwar sind Prostitution wie Monogamie Ausdruck der Doppelmoral und der Ideologie von der Frau als Ware - die eine kauft man für eine Nacht, die andere für ein Leben; die eine für ein paar Scheine, die andere für den Unterhalt und die soziale (Schein)Sicherheit. Doch: Männer gehen eben nicht zu Prostituierten, weil »ihre« Frau nicht will und/oder sie keine andere Frau kriegen können. Männer gehen zu Prostituierten, weil sie bei ihnen etwas suchen, was sie bei der Nicht-Prostituierten in dieser Konzentration nicht bekommen: die totale Verfügbarkeit und das totale Gefühl der Macht.

"Das, was sie kaufen, ist, wenn man so will, Macht", sagt die Ex-Prostituierte J. im Gespräch zu Kate Millett. "Sie können uns sagen, was wir zu tun haben, und von uns wird erwartet, daß wir ihnen angenehm sind und ihren Befehlen folgen. Selbst wenn man es mit einem Masochisten zu tun hat, der selbst am Gehorchen Lust findet, gehorchen wir seinem Befehl, ihm Befehle zu geben. Wenn sie zum Beispiel damit anfangen, ihre Meinung über die 'Nigger' zu sagen, dann kann man nur 'Oh ja' sagen und ihnen recht geben. Das ist es, was ich einfach nicht ertrug, solche Dinge. Da hatte ich wirklich das Gefühl, ihnen den Arsch zu lecken - mehr, als wenn ich es in Wirklichkeit tat. Das ist das Erniedrigendste: ihnen immer recht geben zu müssen." Für J. ist darum "das Schlimmste" an der Prostitution, "daß man nicht nur Sex verkauft, sondern auch seine Menschlichkeit. Man verkauft seine Menschenwürde: Nicht so sehr im Bett, als mehr dadurch, daß man den Handel abschließt, daß man sich kaufen läßt."

Die darauf folgende Analyse Kate Milletts gipfelt konsequent in der Aussage: "Ich sehe in der Prostitution so etwas wie ein Paradigma: ein Exempel für die soziale Situation der Frau, wie sie im Grunde besteht. Hier wird nicht nur ihre Abhängigkeit offenbar, verknüpft mit den finanziellen Beziehungen zwischen den Geschlechtern, in Ziffern und Zahlen fixiert, statt versteckt hinter Paragraphen eines Heiratsvertrags. Mehr noch wird durch den bloßen Akt der Prostitution unser Wert deklariert: als Wert einer Sache. Was die Prostituierte in Wahrheit verkauft, ist nicht Sex, sondern ihre Entwürdigung. Und der Käufer, der Kunde, kauft nicht Sexualität, sondern Macht: die Macht über einen anderen Menschen."

Im Bereich der psychischen Auswirkung der Unterwerfung von Frauen, ihrer Verinnerlichung von Erniedrigung und ihrer Selbstverstümmlung ist die Radikalfeministin Kate Millett ohne Zweifel eine der klarsichtigsten Autorinnen. Gehetzt von theoretischer Erkenntnis und eigener Betroffenheit umkreist sie diesen Sumpf in uns. Sie schreibt im Verkauften Geschlecht: »Es wird viel Unsinn über den Masochismus der Frau erzählt. Die Männer im allgemeinen und die Psychoanalytiker im besonderen behaupten, er sei der Frau angeboren. Man kann darin eine Zwecklüge sehen, eine 'Rationalisierung', da man ja weiß, daß jede an einer Frau begangene Grausamkeit sich auf diese Weise rechtfertigen läßt ( . . . ) Wenn uns ein so selbstzerstörerisches Verhalten aufgezwungen worden ist, dann, weil unsere Gesellschaft es darauf angelegt hat, etwas in ihren Frauen zu zerstören: ihr Ich, ihre Selbstachtung, ihre Hoffnung, ihren Optimismus, ihre Phantasie, ihr Selbstvertrauen, ihren Willen. 'Masochismus' ist in einer solchen Gruppe nur der Anpassungsreflex jeder unterdrückten
Gruppe, die überleben will. Denn wenn die Mitglieder einer solchen Gruppe nicht an ihrer eigenen Unterdrückung mitarbeiten, indem sie den Haß und die Verachtung ihrer Unterdrücker gleichsam übernehmen, würde ihre Insubordination zutage treten, und sie/würden bestraft werden und vielleicht sterben müssen."

Darum ist der Griff nach der Menschenwürde - die allen Frauen vorenthalten wird, nicht nur, aber eben doch vor allem auch den Prostituierten! - ebenso revolutionär wie untrennbar vom Griff nach dem Geld, nach ökonomischer Autonomie oder gar Macht. Es ist nicht erst eine Erkenntnis der revolutionären Befreiungsbewegungen dieses Jahrhunderts, daß es bei der Unterdrückung von Menschen nicht nur um direkten materiellen Nutzen, sondern um Macht im weitesten Sinne geht. Erniedrigung und Ausbeutung bedingen sich gegenseitig.

Und genau darum haben zum Beispiel die Titelbilder im Stern (& Compagnon) sehr viel mit Leichtlohngruppen und Gratisarbeit von Frauen zu tun: Wen man verachtet, den kann man auch getrost ausbeuten. Uns Feministinnen ist das klar. Seit wir angetreten sind, kämpfen wir nicht nur für Brot, sondern auch für Rosen - Symbole materieller und psychischer Autonomie. Prostituierte kriegen Brot, aber keine Rosen. Wir Frauen und Männer der Konsumgesellschaft verhungern nicht mehr. Wir haben zwar noch gegen viel krasses soziales Unrecht zu kämpfen, aber nicht selten kaschiert mehr Geld nur die Entfremdung und Würdelosigkeit der Natur der zu leistenden Arbeit. Das ist bei der Prostitution nicht anders als bei den beschwichtigenden Top-Löhnen in der Werbung oder dem abwiegelnd geplanten Taschengeld für Hausfrauen. Kleiner Unterschied zwischen Männern und Frauen: Männer kassieren mehr, und wenn Frauen wirklich mal was verdienen, kassieren die Männer es meist gleich wieder ab. So in der Prostitution, wo der Löwenanteil des von Frauen verdienten Geldes in die Hände der Zuhälter, Barbesitzer und des Staates fließt! Um so erstaunlicher ist es, daß neuerdings aus frauenbewegten Kreisen Texte auftauchen, die all diese doch längst errungenen Erkenntnisse vernachlässigen und die Frauenfrage auf die Geldfrage reduzieren - und damit zurückfallen auf eine längst überwunden geglaubte platt-materialistische Ebene, die die sozialen und psychologischen Dimensionen von Abhängigkeit und Herrschaft nicht erfaßt.

Sicher, es stimmt: immerhin bekommt die Prostituierte Geld für das, was so manche Ehefrau/Freundin ebenso wider Willen, aber dennoch umsonst tut. Sicher, es stimmt: gerade Frauen können Geld nur allzugut gebrauchen. Doch was ist der Preis für die Prostitution? Und wer bekommt letztendlich dies von Frauen angeschaffte Geld? "Prostitution ist eine Art Sucht. Es ist die Sucht nach Geld." sagt J. in "Das verkaufte Geschlecht". "Alle sind wegen des Geldes Prostituierte geworden. Bei den meisten Call-Girls in Uptown handelt es sich nicht um die Wahl zwischen Leben und langsamem Hungertod, sondern zwischen 5.000 und 25.000 Dollar im Jahr, oder zwischen 10.000 und 50.000 Dollar. Das ist ein ganz hübscher Unterschied." Und darum, so J.: "Wenn ich an die Zeit der Prostitution zurückdenke, geschieht es in einem großen Zwiespalt. Es ist nicht alles negativ." Und: "Lieber wäre ich Prostituierte als verheiratete Frau, die an einen Mann gebunden ist, den sie nicht ertragen kann."

Nur - maximal jede zehnte Prostituierte ist heute eine "freie" Prostituierte, ist zumindest frei von der "privaten" Unterdrückung, hat keinen Zuhälter der abkassiert und auf ihre Kosten lebt. Die meisten Prostituierten können das Geld, das sie verdienen, nicht für sich nutzen, sie enden im Elend, so wie das durch die Profumo-Affäre einst berühmt gewordene Call-Girl Christine Keeler: sie war schon mit 36 Jahren am Ende, war Sozialhilfeempfängerin.

Der Preis, den die Prostituierte zahlt, ist ein Preis, den Frauen - in den unterschiedlichsten Varianten - auch in anderen Bereichen zahlen: die soziale Ächtung, den Selbsthaß, die Entfremdung. "Ich habe als Prostituierte bei weitem nicht so oft geweint wie als Studentin. Es gibt da einen gewissen Unterschied. Als Prostituierte war ich irgendwie nicht ich selbst", sagt J. "Ich empfand es nicht so stark. Man fühlt sich einfach nicht in dieser Weise gedemütigt. Vielleicht weil man als Prostituierte schon so tief unten ist, daß man nicht mehr sehr gedemütigt werden kann."

Kate Millett kennt auch "die anderen Arten der Prostitution", die an der Universität zum Beispiel: "Die Kriecherei vor den Departmentchefs, in den Fakultätssitzungen." Aber: "Ich weiß auch, was J. die Jahre der sexuellen Prostitution gekostet haben. Ich kann es an ihren Augen sehen, wenn das Blau der Iris tot wie Glas ist." Es kann uns Frauen heute also nicht um eine Mystifizierung der Prostitution gehen. So wenig, wie um eine Mystifizierung des Hausfrauendaseins oder der Karriere, der Mutterschaft oder der Homosexualität. Es kann uns nur um die genaue Erkenntnis gehen: was erreichen wir dabei und was verlieren wir? Jede muß dabei den Platz einnehmen, den sie einnehmen kann und will. Eine moralische Verurteilung der Wahl einer jeden Frau scheint mir ebenso falsch wie die ideologische Verschleierung des Preises, den sie dabei zahlt.

Der Kampf mit den Prostituierten muß darum für eine Radikalfeministin immer gleichzeitig der Kampf gegen die Prostitution sein! So wie der Kampf mit den Hausfrauen der gegen die Gratisarbeit von Frauen ist, oder der mit den Fließbandarbeiterinnen der gegen das Fließband. Wenn wir Frauen das Recht auf Menschenwürde fordern, dann dürfen wir nicht nur überleben, sondern wir müssen leben wollen. Leben mit erhobenen Kopfe. "Es ist weder ein romantischer noch ein frömmelnder Unsinn, wenn ich in der Prostitution ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehe", sagt Kate Millett. Und die Verbrecher, das sind nicht wir, die sich Prostituierenden (für Geld oder für "Liebe", direkt oder indirekt). Die Verbrecher, das sind die, die es wagen zu glauben, man könne die Seele eines Menschen und seinen Körper wirklich kaufen.

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