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Kohl: Unter vier Augen

Hannelore und Helmut Kohl im Jahr 1998. © Imago
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Es war im Sommer 1998. Ich machte zusammen mit Johannes Gross eine Interview-Reihe für RTL mit den Top-Politikern aller Parteien: von Schäuble über Fischer und Schröder bis hin zu Kohl, dem amtierenden Kanzler. Wir trafen ihn im Kanzleramt in Bonn – und da passierte das Unerhörte.

Bis dahin hatte Kohl für mich wenig Überraschendes gehabt. Er setzte die rückständige Frauenpolitik seines Vorgängers Schmidt fort, die später wiederum von Schröder weitergeführt wurde. Für alle drei Kanzler rangierte Frauen- und Familienpolitik unter „Gedöns“ (Schröder). Politikerinnen, die das nicht hinnehmen wollten – wie die Frauenministerinnen Rita Süßmuth und Angela Merkel – wurden von Kohl hart ausgebremst. Allerdings: Kohls Europapolitik hatte mir, dem Nachkriegskind, immer eingeleuchtet. Er hatte meinen Respekt dafür.

An diesem Sommertag 1998 tranken wir nach dem Interview auf der Terrasse des Kanzlerbungalows noch ein Glas Wein. Da nahm der Bundeskanzler – der mich schon zu Beginn demonstrativ offen und freundlich begrüßt hatte – mich zur Seite.

In mein fassungsloses Schweigen hinein erzählte er mir, seine Frau sei nach dem Krieg als junges Mädchen Opfer einer extrem brutalen Gruppenvergewaltigung durch russische Soldaten geworden, die sie nur knapp überlebt habe. Sie sei bis heute verstört darüber. Und ob denn ich nicht mal mit ihr reden könnte.

Diese Vergewaltigung war damals noch ein Geheimnis und wurde erst bekannt, als 2011, nach ihrem Tod, die Biographie über Hannelore Kohl erschien. Damals habe ich lange darüber nachgedacht, habe gezögert – aber letztendlich Frau Kohl nicht kontaktiert. Leider. Weil sie und ich überhaupt keinen persönlichen Kontakt hatten – und es mir heikel schien, sie einfach darauf anzusprechen.

Doch hat das Gespräch mit Helmut Kohl auf der Terrasse des Kanzlerbungalows meinen Blick verändert. Meinen Blick auf die gerne als „starr“ und „unemanzipiert“ gehämte Hannelore Kohl. Und meinen Blick auf den als „dickfellig“ und „unsensibel“ verlachten Helmut Kohl.

Alice Schwarzer

Der Text erschien zuerst im Kölner Stadt-Anzeiger

 

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Alice Schwarzer schreibt

Das Leben der Hannelore Kohl

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Fangen wir vorne an. Hannelore ist im deutschen Schicksalsjahr 1933 in Berlin geboren. Ihr ehrgeiziger Vater wurde früh Mitglied in der NSDAP, die nicht minder ehrgeizige Mutter gleich mit. Vater Wilhelm Renner machte rasch Karriere als Direktor einer Munitionsfabrik in Leipzig, die als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ galt. Die Familie Renner lebte nun im großbürgerlichen Stil, mit Personal und Automobil. Die Tochter war immer Klassenbeste.

In Vaters Betrieb werden auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Und Juden. Die werden, wenn sie kaputtgearbeitet sind, ins KZ geschickt. Es kommt auch schon mal vor, weiß der Chronist zu berichten, dass der Werkschutz in Vaters Betrieb Renitente oder Unbrauchbare gleich selber liquidiert, zu hunderten.

Da nimmt es nicht wunder, dass der „flüchtige Obersturmbannführer Renner“ nach dem Krieg von den Alliierten gesucht wird. Der „Wehrwirtschaftsführer“ gilt als „Kriegsverbrecher“, mehr noch: Er ist der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt.

In diesen Jahren ist die bei Kriegsende zwölfjährige Hannelore 14, 15 Jahre alt. Es kann ihr nicht alles verborgen geblieben sein. Vor allem, da die als „dominant“ geltende, lebenslang bei ihr lebende Mutter sich nie wirklich getrennt zu haben scheint von ihren früheren Überzeugungen.
Aber irgendwie schafft es der von der Tochter geliebte Vater, den sie als „warmherziger“ empfindet als die „kalte“ Mutter, abzutauchen. Doch er fasst nie mehr richtig Fuß. Als der nach dem Krieg in den Augen seiner Familie zu Unrecht Deklassierte 1952 stirbt, munkelt man, er habe Selbstmord begangen. Seine Tochter wird ihm 49 Jahre später folgen.

Das Mädchen Hannelore – und vermutlich auch ihre Mutter – bezahlt die Verbrechen der Väter hoch. Sie wird auf der Flucht Opfer einer oder gar mehrerer Massenvergewaltigungen durch russische Soldaten. Die richten sie körperlich so zu, dass sie im Krankenhaus nur mühsam wieder zusammengeflickt werden kann. Vom Seelischen ganz zu schweigen.

Ihr Biograf weiß das nicht so genau, sie hat es selbst dem relativ Vertrauten nie explizit gesagt. Aber ich wusste es schon lange. Helmut Kohl persönlich hatte es mir, der ihm eigentlich Unbekannten, 1998 am Rande eines TV-Interviews anvertraut. Wohl in der Hoffnung, dass ich mit seiner Frau sprechen würde. Ich hatte es damals in der Tat ernsthaft erwogen – aber dann doch verworfen. Sie war mir zu fremd. Und ich befürchtete, vermutlich zurecht, dass sie kein Vertrauen zu mir fassen würde. Emanzipierte Frauen waren ihr ein Gräuel.

Die Vergewaltigungen waren für Hannelore Kohl traumatisch. Wie für Millionen Frauen, die nie darüber gesprochen haben. Sie hatte schweren Schaden an Leib und Seele genommen. Wegen ihres angeknackten Rückgrats („Die haben mich wie einen Zementsack aus dem Fenster geworfen“) musste sie lebenslang Schmerzmittel nehmen. Und auch ihr Verhältnis zur Sexualität muss es belastet haben.

Dieses Trauma war hart. Aber mir scheint, in Bezug auf den Selbstmord war es nicht das Entscheidende. Es war vermutlich die Tatsache, dass zum zweiten Mal ein Mann, den sie liebte, dem sie vertraute und von dem sie abhängig war, moralisch versagt – und sie im Stich gelassen hatte.

Hannelores seit 1992 schwelende „Lichtallergie“ eskalierte, als Helmut Kohl 1998 die Wahl verlor. Doch er kam nicht, wie schon so lange ersehnt, endlich in den Ruhestand nach Oggersheim, zu seiner Frau, die seit ihrem 15. Lebensjahr an seiner Seite war, obwohl sie „die Politik“ doch lebenslang gehasst hatte. Nein, der Altkanzler rödelte weiter in Berlin, wo die Gerüchte über seine junge Geliebte immer lauter wurden (Er heiratete sie nach Hannelores Tod). Und dann kam auch noch die Spendenaffäre. Die gab Hannelore den Rest. Sie schämte sich für den immer so Bewunderten. Einmal musste sie sich gar auf der Straße als „Spendenhure“ beschimpfen lassen. Sie akquirierte nun selber Spenden, um den Schaden wieder gut zu machen.

Also auch er, ihr Ehemann, ein Missetäter? So wie der Vater – wenn auch objektiv keinesfalls vergleichbar, aber subjektiv für Hannelore nicht minder enttäuschend.

Hannelore klagte in ihren letzen Lebensjahren bei Freundinnen: „Ich verbrenne von innen.“ Von Ärzten, die die Diagnose „Lichtallergie“ infrage stellten, und versuchten, ihr zu erklären, sie habe kein physisches, sondern ein psychisches Problem und müsse sich dringend in therapeutische Behandlung begeben, trennte die Schwerkranke sich umgehend. Sie wollte die Wahrheit nicht wissen. Ihr Leben lang nicht.

Hat Hannelore selbst eigentlich je existiert? Ihr Biograf berichtet, dass sie in den dramatischen letzten Monaten ihres verschatteten Lebens noch nicht einmal mehr mit ihrem Namen angesprochen werden will. Auch nicht mit ihrem Vornamen.

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