Interview "Basler Zeitung"

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Frau Schwarzer, wie geht es Ihnen heute? Man schiesst in der Presse scharf auf Sie!
Danke, mir geht es gut. Und die Scharfschüsse bin ich ja seit längerem gewohnt. Diesmal ist es aber weniger die Presse, die schießt. Die ist meiner Meinung. Es sind 33 Unbekannte, die mir einen Maulkorb verpassen wollen.

Sind Sie tatsächlich überrascht, dass Kritikerinnen auf Grund Ihrer, sagen wir, transskeptischen Äusserungen Ihre Lesung am «Literarischer Herbst» in Leipzig verbieten wollen?
Ja, da bin ich nun doch überrascht – sogar sehr. Dass Menschen es wagen, mich allen Ernstes als «rassistisch» und «misogyn», also frauenfeindlich, zu bezeichnen, entbehrt ja nicht einer gewissen Komik. Das finden auch meine Kollegen und Kolleginnen in Deutschland. Die Medien haben sehr kritisch auf den Versuch reagiert, mir den Mund zu verbieten. Und das ist mir in der Tat in den fast 50 Jahren, in denen ich Lesungen und öffentliche Diskussionen mache, noch nie passiert.

Beim Lesben- und  Schwulenverband Deutschlands steht vor allem ihr Buch «Transsexualität: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?» in der Kritik. Sie verkaufen es in Leipzig am «Emma»-Stand trotzdem?  
Selbstverständlich verkaufen wir unser Buch über Transsexualität, das im letzten Jahr erschienen ist. Es ist ja die fundierteste Veröffentlichung, die es zu dem Thema gibt. Und darin kann man auch in aller Klarheit lesen, worum es mir und EMMA eigentlich geht. Ich persönlich setze mich tatsächlich schon seit 40 Jahren, seit 1983, öffentlich für die Rechte von Transsexuellen ein; also für Menschen, die ein irreparabel gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben und glauben, sie seien im «falschen» Körper geboren. Das Problem, das uns jetzt bewegt, ist ein anderes.

Welches denn?
Es geht bei diesem geplanten Selbstbestimmungsgesetz darum, dass junge Menschen in Zukunft schon ab dem Alter von 14 Jahren den Personenstand wechseln können sollen, also mitten in der Pubertät – und das ohne jede Prüfung und Begutachtung. Das halten wir für verantwortungslos. Wir meinen, dass gerade die jungen Frauen, die heutzutage zerrissen sind zwischen Emanzipation und Rosa-Influencerinnen-Kitsch und die verständlicherweise von der Freiheit träumen, die Männer haben, vor übereilten Schritten geschützt werden müssen. Außerdem, so lautet das feministische Credo: Eine Frau kann sich auch im Frauenkörper sogenannt männliche Freiheiten nehmen – und umgekehrt.

Der Verband wirft der «Streitschrift» vor, sie suggeriere zwei gefährliche Dinge: Es gäbe für Geschlechtsumwandlungen keine medizinischen Richtlinien, und solche Operationen kämen oft bereits vor dem 18. Lebensjahr vor. Beides stimmt nicht.
Beides stimmt.

Sie sind gegen das geplante «Selbstbestimmungsgesetzt» ab dem 14. Lebensjahr. In der Schweiz und anderen Länder gibt es das bereits. Seit Januar 2022 kann sich hier ein Kind mit der Diagnose «Geschlechtsinkongruenz» hormonell oder operativ helfen lassen. Das verurteilen Sie also?
Helfen lassen? Ein Kind? Da steht die seelische und körperliche Gesundheit eines Menschen für sein ganzes Leben auf dem Spiel. Und übrigens auch eine völlige Relativierung der Geschlechter. Wenn wir zulassen, dass das Geschlecht einfach auf Ansage gewechselt werden kann – und das laut Selbstbestimmungsgesetz jedes Jahr aufs Neue -, dann kann es auch keine Genderforschung mehr geben, keine Gendermedizin, keine Gewaltstatistiken nach Männern und Frauen – und damit auch keine Bekämpfung des Sexismus. Bei diesem Gesetz geht es also keineswegs nur um die extreme Minderheit der echt Transsexuellen, die etwa 0,002 Prozent in Deutschland betragen, sondern es geht um alle Frauen und Männer.

Manchmal denkt man: Frau Schwarzer will, dass die Fetzen fliegen. Richtig?
Wie bitte? Ich finde diese ganze Transdebatte lächerlich aufgeblasen. Haben diese Menschen eigentlich keine anderen Sorgen in diesen Zeiten?

Sie fordern die Abschaffung der Geschlechterrollen, jüngere Feministinnen das Gegenteil, die Differenzierung. Gibt es denn lediglich ein richtige und eine falsche Sicht?
Genau das ist der Unterschied. Ich fordere als Feministin die Abschaffung der Geschlechterrollen: Menschen sollen einfach Menschen sein können und sich je nach Begabung, Interesse und Möglichkeiten sogenannt «männlich» oder «weiblich» verhalten können. Schluss mit den Geschlechterschubladen! Diese Transideologen aber wollen allen Ernstes die biologischen Geschlechter abschaffen. Was nicht geht. Davon existieren eben einfach nur zwei. Wir können hier doch nicht allen Ernstes jenseits von Fakten und Wissenschaft reden. Demnächst erzählen solche Leute noch, die Erde sei eine Scheibe – und wir sollten aufpassen, nicht runterzufallen.

Ihre Aussage, «Transsexualität wird nicht länger als dramatischer Konflikt zwischen Seele und Geist verstanden, sondern als Trend», scheint klarzustellen: Alice Schwarzer streitet um die Deutungshoheit des Themas. Falsch?
Ja, falsch. Es geht hier nicht um «Deutungshoheit», also um Macht, es geht um Fakten und Aufklärung. Und genau das ist ja das Gefährliche in diesem Klima der Denk- und Redeverbote: Aufklärung wird verhindert. Wir leben in wahrhaft dunklen Zeiten. Es soll nicht mehr gewusst, nicht mehr argumentiert werden. Man soll nur noch glauben und fühlen dürfen. Das kommt aus Amerika und heißt Cancel Culture. Wir dürfen das bei uns gar nicht erst einreißen lassen! Was da mit etlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den vergangenen Monaten schon angestellt worden ist und nun auch mit mir, das ist der Anfang einer Cancel Culture in Reinkultur.

Sie unterteilen in «echte Transsexuelle» und solch, die einem «Trend» folgen? Wer bitte soll denn entscheiden, was an Gefühlen «echt» ist und was vom Zeitgeist mitbestimmt?
Das entscheiden Psychologen und Ärzte. Denn so ein sozialer Geschlechterwechsel ist eine ernste Sache, und dieser Schritt darf nicht übereilt gemacht werden. So manches Mal stecken zum Beispiel gerade bei jungen Mädchen ganz andere Probleme hintere dem vorgeblichen Transsein. Oft sind sie schlicht homosexuell und wollen das nicht zugeben.

Dabei sprechen Sie nicht von «Zeitgeist», sondern von «Transideologie» und von «Propaganda». Wer sollte in Deutschland von einer derartigen staatlich autorisierten Politik denn profitieren?
Zum Beispiel die Pharmaindustrie und Teile der Psychologen- und Ärzteschaft. In der aktuellen EMMA berichten wir genau darüber. In den USA hat man ausgerechnet, dass jeder transsexuelle Mensch - der dann lebenslang mit Hormonen behandelt und irgendwann auch operiert werden muss – rund eine halbe Million Dollar einbringt. Da werden Frauen die Brüste abgenommen und beiden Geschlechtern die Genitalien verstümmelt. Doch sie bleiben rein biologisch trotzdem in dem angeborenen Geschlecht.

Zum versöhnlichen Schluss: Ist es denn naiv zu sagen, soll sich doch jeder und jede so fühlen wie er und sie das will. Und sich auch entsprechend so bezeichnen!
Da bin ich dabei. Aber wir dürfen Menschen nicht leichtsinnig dazu verführen, ihre körperliche Gesundheit zu zerstören, nur weil ihnen die Geschlechterrolle zu einengend ist. Das lässt sich, feministisch gesagt, auch durch die Befreiung aus der Geschlechterrolle lösen. Und wir müssen auch nicht immer versöhnlich sein. Wir dürfen durchaus streiten. Aber mit Fakten. Und nicht mit Denk- und Redeverboten.

Das Gespräch erschien am 19. Oktober 2023 u.a. in der Basler Zeitung.

 

 

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