Alice Schwarzer schreibt

Elle: Ein feministisches Lehrstück

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Ich war mit einer jüngeren Freundin in dem Film, Ende dreißig, attraktiv mit eher munterem Sexualleben. Das vorneweg, bevor der eiserne Vorhang des Prüderie-Vorwurfs runterkracht.

Für die FAZ ist Elle ein "wunderbarer Ensemblefilm"

Als wir den Kinosaal verlassen, bleibt sie einen Moment lang sehr still. Und dann sagt sie: "Was für ein Grauen. Woran soll man sich denn überhaupt noch orientieren?" In der Tat: Was für ein absolutes Grauen. Aber nicht für alle. Für die FAZ ist es ein "wunderbarer Ensemblefilm", in dem die Hauptdarstellerin Isabelle Huppert uns "an die Grenzen einer komplexen Subjektivität"  führt. Und für den Spiegel ist es ein "Vergewaltigungsdrama, das zugleich märchenhaft und unterhaltsam ist".

Märchenhaft? Verstehe. Aber siegt im Märchen nicht immer letztendlich das Helle über das Dunkle? Und unterhaltsam? Kommt wohl auf das Geschlecht des Betrachters an. Denn auch zum Masochismus neigende Frauen wollen es so genau nun doch nicht wissen.

Ja, sicher, auch das Dunkle kann, ja muss thematisiert werde - aber nicht propagiert. Und das ist hier der Fall. Hier geht es nicht mehr um objektive Widersprüche, sondern nur noch um "subjektives Empfinden", genauer: um die Unterstellungen und Projektionen eines Mannes bezüglich des subjektiven Empfindens einer Frau. Objektiv ist der Plot heillos überfrachtet und die Botschaft ganz und gar unkomplex und eindeutig.

Regisseur Paul Verhoeven, 78 ("Basic Instinct"), hat eine Art feministischen Lehrfilm gedreht. Er zeigt uns, was Pornografie ist, lupenreine Pornografie: nämlich die Verknüpfung von sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt. Gewalt des Mannes.

Die Frau, die im Filmtitel "Elle" heißt - also "Sie" und damit für alle Frauen steht -, muss so eine Erfahrung des Erniedrigt- und Vergewaltigtwerdens natürlich letztendlich auch selber als lustvoll empfinden; sonst ist der Film nicht modern, nicht "komplex". Schließlich leben wir in Zeiten des Postfeminismus. Das mit der Eindeutigkeit ist durch, jetzt treten die Zweideutigkeiten zutage.

Und das geht in "Elle" so: Nach zig extrem gewaltvollen Vergewaltigungen durch einen durchs Fenster brechenden Mann mit schwarzer Maske und nachdem ihr Kopf immer wieder gegen die Wand geschlagen wird - was uns alles en detail gezeigt wird -, hat auch die von Huppert verkörperte Michelle den unvermeidlichen Orgasmus: Sie liegt im Keller geschändet auf dem Betonboden und hat, zur Verwunderung ihres Vergewaltigers, orgastische Kontraktionen.

Eine masochistische Reaktion, die gerade bei Michelle nicht wirklich überrascht. Schließlich ist sie die geächtete Tochter eines Massenmörders mit religiösem Wahn und einer mannstollen Mutter, die ihren 50 Jahre jüngeren Liebhaber heiraten will. Und sie ist die Chefin einer Game-Produktion, deren Spiele allesamt in sexualisierter Gewalt durch die Monster münden. Die penetrieren die Gegnerin mit ihren Tentakeln in After und Kopf. Sie ist auch eine kühle, herrschsüchtige Chefin - der wir es noch zeigen werden. Wir Männer.

Aber das genügt noch nicht. Dem Mann von Michelles bester Freundin und Geschäftspartnerin holt sie seit einigen Monaten im Büro so ganz en passant einen runter. Und bei Nachbarschaftsessen mit dem Ehepaar von gegenüber - sie eine frömmelnde Wallfahrerin, er ein biederer Bankbeamter - fummelt sie dem Nachbarn mit dem bloßen Fuß zwischen den Beinen.

Doch auch die Nachbarn haben es faustdick hinter den Ohren. Der Mann von nebenan entpuppt sich als das Monster.  Und seine Frau wusste immer bescheid. Sie wusste, dass ihr biederer Gatte doppelgesichtig ist und gleich gegenüber seine "gequälte Seele" auslebt.  Wie praktisch.

Dass Verhoeven nichts von Frauen versteht und auch nichts verstehen will, sehen wir gleich in den ersten Szenen: Nach der ersten Vergewaltigung, bei der sich der Maskenmann wie ein wildes Tier auf die Frau wirft. Danach kauft Michelle zwar Pfefferspray, aber sie schließt noch nicht einmal die eisernen Schlagläden der bodentiefen Fenster ihrer Vorort-Villa, die sie vor Blicken und Einbruch schützen würden. Das würde ja auch unseren Voyeurismus stören. 

Es ist die Phase, in der sie nur Angst vor dem Vergewaltiger hat - und sich noch nicht einlässt auf die Faszination des Überwältigtwerdens.

Es gäbe noch allerhand Tristes von den Nebenfiguren des Films zu erzählen. Doch auch das wäre keinesfalls so, wie das Leben eben so spielt. Denn das Leben ist nun doch etwas schlichter, als die Phantasien des 78-jährigen Regisseurs es sind.

Spiegel findet den Film "märchenhaft und unterhaltsam"

Dass eine Schauspielerin des Kalibers von Isabelle Huppert sich für so einen Film hergibt, das ist vielleicht das Erstaunlichste. Ohne sie wäre "Elle" nicht auf den Frontpages der Feuilletons gelandet.

Huppert, verheiratet und Mutter dreier Kinder, ist inzwischen 63 Jahre alt. Macht nichts. Sie muss sich immer wieder die Kleider vom Leib reißen lassen und enblößt mit gespreizten Beinen daliegen. Und sie darf sich auch mal als "verwelkt" bezeichnen lassen. Doppelte Erniedrigung: die der Frau - und die der älter werdenden Frau.

Wann sagt eigentlich endlich mal jemand: Der Kaiser hat gar keine Kleider an?! Hier handelt es sich nicht um hohe Kunst und Mut zur Ambivalenz - sondern um niedere Pornografie und Entschlossenheit zur Propaganda. Produziert mit Millionen, besetzt mit ernstzunehmenden SchauspielerInnen und bejubelt von den Feuilletons.

Woran wollen die sich eigentlich noch orientieren?
 
Alice Schwarzer

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Alice Schwarzer schreibt

Pornografie ist geil...

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Im Frühling 2007 schlug der Münchner Neuropsychologe Prof. Henner Ertel Alarm. Sein Institut für rationelle Psychologie macht seit 30 Jahren Langzeitstudien zu den Auswirkungen von Pornografie.

Bei der Auswertung der Daten aus den letzten 20 Jahren stellten die WissenschaftlerInnen "eine dramatische Entwicklung in den letzten fünf Jahren" fest: "Was da auf unsere Gesellschaft zukommt, ist das Grauen." Die Psychologen registrieren veränderte Verhaltensweisen - "Gewalt ist heute ein legitimes Mittel, Ansprüche durchzusetzen" - und die Neurologen Veränderungen im Gehirn: "Das Gehirn passt seine Verarbeitungsstrategien an und schützt sich gegen die Flut von Gewalt und Pornografie durch Abstumpfung."

Neuropsychologe Ertel: "Emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit haben bei den Jugendlichen enorm abgenommen. Sexualität ist heute für die Mehrheit der jungen Männer, aber auch für viele junge Frauen unlösbar mit Gewalt verknüpft. Wobei die Männer sich mit den Vergewaltigern identifizieren, die Frauen mit den Vergewaltigten."

Zusätzlich alarmierend: Nicht nur die sexuelle Kommunikation, auch das allgemeine Einfühlungs- und Mitleidensvermögen sinkt bei den KonsumentInnen von Pornografie rapide, und KonsumentIn ist heute die überwältigende Mehrheit unter den Jugendlichen. Verantwortlich sind die Medien, allen voran das Internet. Steuern wir auf eine herz- und seelenlose Zukunft zu, in der die Frauen Menschen zweiter Klasse sind?

Doch was ist eigentlich Pornografie? Woran erkennen wir, ob ein Bild oder ein Text pornografisch ist? An der Menge der Haut, die zu sehen ist? Nein. Daran, dass es um Sex geht? Nein. Am Grad der Erotik? Schon gar nicht, im Gegenteil. Wir erkennen Pornografie an der Verknüpfung von sexueller Lust mit der Lust an Erniedrigung und Gewalt - und zwar für Täter wie Opfer. Was das Gegenteil von Erotik ist, bei der es keine Hierarchie gibt, nichts festgelegt ist, sondern alles offen.

Der Begriff Pornografie stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich "Über Huren schreiben". In der Pornografie von heute geht es nicht mehr nur um "Huren", sondern um alle Frauen. Sind jetzt alle Frauen Huren? Ja, zumindest suggeriert uns das der pornografisierte Blick. Während die Frauen selbst zunehmend zum Subjekt ihres Lebens werden, macht der Blick der männerdominierten Kulturindustrie sie verstärkt zum Objekt. Wir kennen das aus der Politik: Propaganda kann schwerer wiegen als Realität. Und Pornografie propagiert nicht zufällig in Zeiten der zunehmenden Gleichberechtigung Frauenverachtung und Frauenhass - ihr liebstes Objekt ist dabei die Powerfrau. Und die soll die Erniedrigung auch noch genießen.

Vergewaltigung, Folter und Frauenmord grassieren seit Jahrzehnten in Popkultur, Film und Werbe- bzw. Modefotografie. Würden solche Fotos, Filme und Texte zum Beispiel mit Schwarzen inszeniert - also der augenrollende Neger mit dem Rhythmus im Blut, der gerne seinem Herrn dient und vom Ku-Klux-Klan ganz sexy aufgehängt oder von Glatzen dekorativ zusammengeschlagen wird -, dann kämen diese Bilder selbstverständlich gar nicht erst auf den Markt, sondern würden schon vorab als "rassistisch" indiziert, bzw. sie wären nur illegal zu konsumieren. Aber in dem Fall sind es ja nur Frauen, und das hat bisher bestenfalls ein paar Feministinnen und Gleichgesinnte empört.

Der größte Sex- und Pornomarkt ist heute das Internet. So fanden sich im März 2007 in der Internet-Suchmaschine Google unter dem Stichwort "Sex" 377 Millionen Links, bei Yahoo 499 Millionen; und unter "Pornography" 17 Millionen Links, bei Yahoo 80 Millionen! Prinzipiell könnte der virtuelle Raum auch im sexuellen Bereich neue Freiheiten eröffnen - aber er birgt eben auch neue Gefahren.

Die neue und gefährliche Dimension des Mediums ist die Interaktion. Hier wird Pornografie oft nicht mehr nur passiv konsumiert, sondern auch aktiv produziert und interaktiv konsumiert. Ein Effekt, der die Intensität der Wirkung verstärkt. Die Trennung zwischen "virtuell" und "real", wie sie von manchen noch gemacht wird, ist in Wahrheit unhaltbar. Denn das wichtigste menschliche Sexualorgan ist das Gehirn - und das ist im Internet voll im Einsatz.

Allerdings ist die Wirkung nicht bei jedem gleich. So veröffentlichte das Hamburger Institut für Sexualforschung 2006 ein Resümee internationaler Studien, die beweisen: Die Wirkung von Pornografie hängt von zahlreichen Faktoren ab. Angefangen bei der situativen Verfassung des Konsumenten (ob gelassen oder wütend, nüchtern oder betrunken) bis hin zum familiären Milieu und kulturellen Kontext (ob aus Gewalt- oder aus emanzipierten Verhältnissen, geliebt oder traumatisiert).

Die höchste Risikogruppe ist die mit einer "feindseligen Männlichkeit und Promiskuität", also Männer mit einem hohen Frauenkonsum plus niedriger Meinung und aggressiver Haltung zu Frauen. Eine amerikanische Studie von Malamuth/ Addison/Koss mit 1.713 repräsentativ ausgewählten Studenten ergab: Rund jeder achte Mann gehört zu dieser Höchstrisikogruppe. Übrigens, alle diese wissenschaftlichen Studien werden quasi ausschließlich mit Männern gemacht. Grund: Es sind fast nur Männer, die Pornografie konsumieren bzw. sexuelle Gewalt ausüben.

Doch erst ganz allmählich, nach der nicht mehr rückgängig zu machenden Pornografisierung mehrerer Generationen - und den alltäglichen Fällen vergewaltigender und mordender Männer, die die konsumierten Pornos spiegelgleich im Leben nachstellen -, erst jetzt kommt Sorge auf. Jetzt, wo es vielleicht zu spät ist.

Doch reden wir zunächst vom Geschäft. 1998 hat The Economist den weltweiten Handel mit Pornografie auf rund 20 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr geschätzt, das sind 20.000 Millionen. Seither boomt es. 2006 wurde allein für die USA der Umsatz nur mit Pornofilmen auf 9 bis 12 Milliarden Dollar geschätzt (ganz Hollywood setzt 9 Milliarden um).

Und, good news: Als zweitgrößter Pornomarkt der Welt gilt Deutschland, direkt nach den USA. Monatlich erscheinen in Deutschland über tausend neue Porno-DVDs. Der deutsche Jahresumsatz allein im DVD-Bereich wird zur Zeit auf 800 Millionen geschätzt, Tendenz steigend. Bei der - dank des billigen Menschenmaterials - branchenüblichen Gewinnspanne von 500-1.000 Prozent sind das Summen, die sich die Profiteure ungern entgehen lassen.

Und es erschließen sich immer neue Märkte. Zum Beispiel die Handypornografie, die stramm auf dem Vormarsch ist und für die Analysten für das Jahr 2009 einen Umsatz von zwei Milliarden Dollar prognostizieren. Klar, dass dieser Markt schon lange nicht mehr nur in Schmuddelhänden und auch nicht mehr nur Sache der Mafia ist. Pornoaktien werden inzwischen hoch gehandelt an den Börsen dieser Welt. Und der Boom ist dank der neuen Medien nicht aufzuhalten.

Genauer: Die neuen Medien verdanken überhaupt nur der Pornografie ihre Expansion. Ohne dieses lukrative Pornogeschäft hätten sich Video, DVD oder Internet gar nicht in dieser rasenden Geschwindigkeit entwickeln und verbreiten können.

In dieser rundum pornografisierten Kultur muss sich die eigentliche Pornoindustrie immer stärker spezialisieren. Neben den so genannten "Features", in denen die Geschlechtsakte noch mit einer dürftigen Story bemäntelt sind, machen heute vor allem "Gonzos" Kasse: In Gonzos wird nur noch gerammelt, in alle Löcher und in Nahaufnahme.

Versteht sich, dass die Auswirkungen auf die sexuellen Phantasien vor allem der noch formbaren Jugendlichen entsprechend sind, vor allem, da Pornogucken unter "echten" Jungen schon lange Pflicht ist: Wer nicht mitmacht, gilt als Memme bzw. als "schwul". PädagogInnen berichten heute von sechsjährigen Jungs, die Vergewaltigung spielen, und elfjährigen Mädchen, die beunruhigt sind, weil sie noch nie Sex hatten. Das ist kaum noch zurückzuholen.

Es hätte nicht so weit kommen müssen. Schließlich warnen nicht nur Feministinnen, sondern auch Pädagogen, Psychologen und Kriminologen schon seit langem, genau gesagt seit dreißig Jahren. Und nun kommen auch noch die Neurobiologen hinzu. So bestätigt Klaus Mathiak von der Universität Aachen dem Stern: Selbstverständlich sei die "Katharsis-Hypothese widerlegt", also die Annahme, dass der Pornokonsum die sexuelle Spannung abbaut.

"Wir wissen, solche Filme wirken eindeutig verstärkend." Auch das hätte man seit langem wissen können. Mathiak: "Vom Anblick leidender Menschen sexuell stimuliert zu werden, dazu muss man die Empathie ausschalten, sonst wirkt es nicht. Und das muss man erst lernen - indem man es immer und immer wieder anschaut."

Indem man immer und immer wieder Gewaltpornos konsumiert - oder im Internet surft, Computerspiele macht oder in Zeitschriften blättert, schon das genügt. Der permanente Pornokonsum prägt also nicht nur die Software, das Begehren, sondern wird auch auf der Festplatte gespeichert, im menschlichen Gehirn. Die Spuren des veränderten Begehrens nach Pornokonsum können heute physiologisch nachgewiesen werden. Und auch in dem Bereich gilt die permanente Wechselwirkung zwischen Prägungen und Festschreibungen.

Dass es einen Zusammenhang zwischen Phantasie und Tat gibt, ist beim Sexismus so selbstverständlich wie beim Rassismus oder Antisemitismus. Für die beiden letzteren Gruppen wird das auch schon lange nicht mehr geleugnet, Hasspropaganda gegen "fremde Rassen" oder Juden wird in Deutschland gesetzlich geahndet. Nur beim Sexismus scheint das dem Gesetzgeber bisher nicht der Rede wert, dabei ist gerade der das Fundament für das gesamte hierarchische Denken. Warum sollte ein junger Mann, der seine geprügelte Mutter und die missbrauchte Schwester verachte, Respekt vor Fremden haben?

Was ebenfalls bisher nicht bedacht wurde, ist: Der pornografisierte Mann desensibilisiert sich nicht nur gegenüber den Frauen (bzw. den in einen Frauenpart gestoßenen Männern), sondern er verliert die Empathiefähigkeit für alle Menschen und Lebewesen. Das zeigen nicht nur die Untersuchungen des Neuropsychologen Ertl. Die andere Seite der Medaille: Bereits die Gewalt an sich ist sexualisiert, dank der systematischen Verknüpfung von Sexualität & Gewalt. Darum spielt es zum Beispiel eigentlich auch keine Rolle, ob die Frauenleiche davor oder danach noch vergewaltigt wurde - es kann auch ohne diesen Akt ein "Lustmord" gewesen sein, wie es so nett heißt.

Das alles könnte seit langem im öffentlichen Bewusstsein sein, und entsprechende Maßnahmen hätten schon vor 30 Jahren ergriffen werden können. Denn bereits in den 70er Jahren reagierte die Wissenschaft auf den, nach de Sade Anfang des 19. Jahrhunderts, zweiten Schub der "Demokratisierung" von Pornografie mit ersten Erforschungen der Folgen. Zunächst in Amerika, wo die Sensibilisierung durch Feministinnen früher begann als in Europa.

Da machte zum Beispiel der Psychologe Prof. Edward Donnerstein eine Untersuchung mit männlichen Studenten nach dem bekannten Milgram-Experiment. (Dabei werden Menschen aufgefordert, ihnen Unbekannten für deren angebliches Versagen zur Strafe Stromstöße zu versetzen, sie wissen nicht, dass der Strom nicht angeschlossen ist.)

Donnerstein zeigte der ersten Gruppe vorher eine Szene aus einer Talkshow, der zweiten eine Sex-Szene und der dritten einen Hardcore-Porno mit Vergewaltigung. Die Probanden der dritten Gruppe "bestraften" ihr Opfer viel härter für deren "Versagen" als die der anderen Gruppen - allerdings bestraften sie nur die Frauen.

Später variierte Donnerstein das Experiment und zeigte zweierlei Pornos: solche, in denen Frauen ihre Schmerzen zugaben - und solche, in denen die Frauen die Gewalt "genossen". Mit dem Resultat, dass die Probanden der zweiten Gruppe ihre Opfer noch härter malträtierten als die anderen. Und genau das suggeriert ja auch der klassische Porno: dass die Opfer es auch noch genießen.

In den 80er und 90er Jahren gab es dann eine ganze Reihe von Wirkungsforschern, die viel über das Ausmaß des Pornokonsums und seine Auswirkungen herausfanden, auch in Deutschland. So belegte der Bamberger Psychologe Prof. Herbert Selg, wie unhaltbar der Kartharsis-Effekt ist und dass Pornografie keine Aggressionen abbaut, sondern sie im Gegenteil erzeugt.

Die immer wieder unterstellte Freude von Frauen an Pornografie hält sich bis heute in Grenzen. Wenn sie überhaupt gucken, dann meistens Männern "zuliebe". Laut einer Untersuchung des Hamburger Instituts für Sexualforschung hatten Anfang der 90er Jahre lediglich vier von zehn Frauen zwischen 18 und 65 schon mal einen Porno gesehen, zwei von drei fanden ihn "ekelerregend" und "abstoßend". Und die ab und an propagierten "Pornos für Frauen" sind genauso plötzlich wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

Sie sind auch ein Widerspruch in sich. Denn die rein genitale Sexualität ist traditionell eher Männersache, Frauen funktionieren erotisch komplexer. Das direkt Genitale und die Gewalt sind jedoch das Wesen von Pornografie - was sich für Frauen nicht einfach umdrehen oder unter Frauen kopieren lässt.

Dass der Pornoboom eine direkte Reaktion auf die Emanzipation ist, zeigt auch seine Geschichte. Der erste berühmte und gesellschaftsfähig gewordene Pornofilm war 1972 Deep Throat. In diese Zeit, in der der Women's lib Furore machte und die Frauen der westlichen Welt "ihre" Sexualität entdeckten - und mit ihr das zentrale weibliche Sexualorgan, die Klitoris -, war dies nicht zufällig die "Story" des Films: Die weibliche Hauptdarstellerin Linda Lovelace hatte die Klitoris nicht zwischen den Schamlippen, sondern - im Rachen. Es durfte ihr also das Maul gestopft werden. Der Film, dessen Produktion 25.000 Dollar gekostet hatte, spielte sechs Millionen ein. Und es galt als fashion, ihn zu sehen, also standen auch Jack Nicholson und Jackie Kennedy in New York in der Schlange an der Kinokasse.

Linda Lovelace alias Linda Boreman veröffentlichte zwanzig Jahre später in einer Autobiographie ihre Wahrheit. Das Mädchen aus strengem, puritanischem Hause hatte sich mit zwanzig in den Ex-Marine und Vietnam-Veteran Chuck Traynor verliebt. Der holte sie raus aus dem Elternhaus und rein ins Rotlicht-Mileu; das erste Mal mit fünf Geschäftsmännern in einem Hotelzimmer.

"Zieh deine Kleider aus, oder du bist eine tote Nutte", herrscht Traynor die ahnungslose Linda an. Von nun an wird sie unter seinen Schlägen sein williges Werkzeug. Er prügelt sie auch auf dem Set grün und blau und zwingt sie, mit vorgehaltener Pistole, zum Sex mit Hunden (eine in Diktaturen gängige Foltermethode für Frauen). Ihren Rachen weitet er für Deep Throat mit einem Gartenschlauch. Der Film gilt bis heute als Meilenstein im Kampf gegen das prüde Amerika - und wurde zum Auslöser des Protestes von Feministinnen gegen Pornografie.

34 Jahre später, im Oktober 2006, veranstaltete die Berliner Volksbühne, die sich als links und gesellschaftskritisch versteht, eine Post Porn Politics Conference. Denn so, wie in diesen Kreisen nicht mehr vom Feminismus, sondern vom Postfeminismus geredet wird, so heißt das jetzt auch nicht mehr Pornografie, sondern Postpornografie. Was damit gemeint ist?

Darauf gibt Veranstalter Tim Stüttgen Antwort: "Postpornografie behauptet mit performativer Übersteigerung kritisch-revolutionäres Potenzial im sexuellen Repräsentations-Regime. Doch Achtung: Die obige Behauptung ist Camp, eine brüchige Geste zwischen implizit kritischer, denaturalisierender Performance und glamouröser Affirmation (Brecht/Warhol). Das heißt aber nicht, dass sie nicht in der Realität wirksam werden kann." Alles klar?

Der ganz und gar unglamouröse Star dieses postpornografischen Volksbühnen-Spektakels war Annie Sprinkle, "die Mutter von Postporno". (Frauen können im Kulturbetrieb anscheinend immer nur Töchter, Mütter oder Großmütter sein.) Die frühere Prostituierte ("Sexarbeiterin", wie es im Volksbühnen-Jargon heißt) ist heute nicht nur offen lesbisch, sondern auch "Performancekünstlerin" und "Prosexfeministin". Sie setzte sich mit gespreizten Beinen auf einen Stuhl und ließ die ZuschauerInnen durch ein Spekulum in ihren Vaginalgang schauen.

Feministischen Pionierinnen wird das bekannt vorkommen. Denn das machten die frühen "Selbsthilfegruppen", um ihren "Körper zu entdecken". Sie machten es allerdings weder für Geld noch vor Publikum, sondern nur innerhalb kleiner, geschlossener Frauenzirkel. Es ist die traurige Wahrheit: Gerade ein Teil der sich als fortschrittlich verstehenden Kultur ist nicht etwa nur Mimacher, sondern Schrittmacher bei der fortschreitenden Pornografisierung der Kultur: von der Bildenden Kunst über das Theater und den Film bis zur Literatur. Und Frauen machen dabei mit, weil sie nicht prüde sondern "modern" sein wollen oder weil sie davon profitieren.

An der Ostberliner Volksbühne hielt man Ms Sprinkles Pervertierung frühfeministischer Aktionen für einen unerhörten Tabubruch. Und vielleicht stimmt das ja sogar. Nichts ist schließlich pornografischer als der entblößte Feminismus. Und das In-die-Körper-der-Frauen-Hineinkriechen wäre nur noch zu übertreffen durch die Demontage der Frauenkörper. Doch auch das ist schon gelaufen, wenn auch noch nicht in Berlin. In Amerika tauchten bereits Ende der 70er Jahre die ersten Snuff-Pornos auf, gedreht in Südamerika. Snuffs, das sind Pornofilme, für die Frauen und Kinder real getötet werden.

Snuffs werden weiterhin weltweit produziert, und die letzten Kriege haben kräftig Nachschub geliefert. Soldaten im Kosovo, in Afghanistan oder im Irak stellen Fotos und Filme von Vergewaltigungen, Tötungen und Leichen ins Internet bzw. kommerzialisieren sie via illegale DVDs. Wobei nicht immer sicher zu sagen ist, ob hier Kriegsgewalt pornografisiert - oder ob sie zu diesem Zweck ausgeführt wurde.

In Deutschland erfolgte der erste Pornoschub nach der Liberalisierung des Sexualstrafrechts 1976 mit der weitgehenden Freigabe von Pornografie. Nun kroch die Pornografie raus aus den Schubladen und Hinterstuben, rauf auf die Titelseiten und rein in die Wohnzimmer. Pornografie begann normal zu werden.

Zur Sensibilisierung gegen diese Entwicklung initiierte EMMA 1978 eine erste Aktion. Ich verklagte, zusammen mit neun weiteren Klägerinnen - darunter Inge Meysel und Margarete Mitscherlich -, den Stern wegen seiner sexistischen Titelbilder. Auslöser war, Ironie der Geschichte, ein Titelfoto von Helmut Newton: die nackte Grace Jones in schweren eisernen Fußfesseln mit Kugeln, Sklavenfesseln eben.

Unsere Anwältin Gisela Wild trug damals vor: "Die Beklagten (der Stern) verletzten fortgesetzt und sogar zunehmend die Menschenrechte von mehr als der Hälfte der Bevölkerung, der Frauen. In eklatanter Weise verstoßen sie gegen deren Recht auf Menschenwürde und auf Gleichbehandlung, was zugleich das Recht auf Freiheit vor Diskriminierung beinhaltet. Durch derartige Abbildungen werden Frauen nicht nur als Objekt männlicher Lust dargeboten, sondern darüber hinaus als Mensch erniedrigt."

Wir wussten, dass wir die Klage juristisch nicht gewinnen konnten, weil es für das, was wir da anklagten, noch gar kein Gesetz gab. Es ging uns um Sensibilisierung des öffentlichen Bewusstseins und Anregung zu einem Gesetz, das Pornografie nicht länger als den "Verstoß gegen Sitte und Anstand" definiert, sondern als "Verletzung der Menschenwürde". Außerdem erhofften wir die Einführung einer "Verbandsklage", nach der Organisationen im Namen aller Frauen gegen solche Bilder klagen könnten. Denn schließlich waren und sind ja auch alle Frauen von diesen Bildern betroffen.

Die Stern-Klage hatte offensichtlich einen Nerv getroffen. Sie bewegte über Monate die Nation. Kein Stammtisch, kein Friseursalon, keine Redaktion, in der nicht das Pro und Contra heftig debattiert wurde. Am 26. Juli 1978 gab Richter Engelschall den Klägerinnen moralisch recht - auch wenn er uns juristisch enttäuschen musste. Der Richter drückte seine Hoffnung aus, dass es "in zwanzig Jahren" das von uns gewünschte Gesetz geben würde, und erklärte: "Die Kammer verkennt nicht, dass es ein berechtigtes Anliegen sein kann, auf eine der wahren Stellung der Frau in der Gesellschaft angemessene Darstellung des Bildes der Frau in der Öffentlichkeit und insbesondere den Medien hinzuwirken. Soll - wie es die Klägerinnen wünschen - die staatliche Gewalt mobilisiert werden, dann sind indes dafür nicht die Gerichte zuständig. Mit einem solchen Anliegen müssten sich die Klägerinnen an den Gesetzgeber wenden."

Genau zehn Jahre später taten wir diesen Schritt. 1988 veröffentlichte EMMA einen Entwurf für ein neu gefasstes Anti-Porno-Gesetz, gemeinsam erarbeitet mit der späteren Hamburger und Berliner Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit, und eingebettet in die PorNO-Kampagne. Kern des Gesetzesvorschlags war die Definition von Pornografie als "Verstoß gegen die Menschenwürde". Doch bis heute, 30 Jahre nach dem Stern-Prozess und 20 Jahre nach der PorNO-Kampagne, hat der Gesetzgeber es nicht für nötig gehalten, die Pornografie als Tatbestand neu zu definieren.

Die PorNO-Kampagne löste Ende der 80er, ganz wie die Stern-Klage zehn Jahre zuvor, eine breite öffentliche Debatte aus, auch in den Medien; diesmal schon spürbar nachdenklicher. Die SPD, damals in der Opposition, berief ein Hearing ein, in dem die überwältigende Mehrheit der ExpertInnen aus Wissenschaft und Kultur die Auffassung vertrat, ein neues und wirkungsvolleres Gesetz gegen Pornografie müsse her. Folgen: keine.

Wiederum zehn Jahre später, 1998, forderte ein überparteiliches Bündnis von Spitzenpolitikerinnen - von Rita Süssmuth bis Ulla Schmidt - eine Neufassung des Pornografie-Gesetzes sowie die Einführung des juristischen Begriffes "Frauenhass" als "Volksverhetzung". Strafbar sollten danach der Handel mit und der Besitz von Pornografie sein; nicht nur der von "Kinderpornografie", sondern auch der, der Menschen über 14 Jahren missbraucht. Gleich nach den Wahlen 1998 kündigte Justizministerin Däubler-Gmelin (SPD) die Verabschiedung des "überfälligen Anti-Porno-Gesetzes" an, sowie die Verankerung des Begriffes "Frauenhass" im Gesetz, parallel zum "Fremdenhass".

Ihre Nachfolgerin, Brigitte Zypries (SPD), nahm diese Absichten bisher nicht wieder auf. Im Gegenteil: Sie machte sich Anfang 2007 zwar EU-weit für eine schärfere Verfolgung von Rassismus stark, den Zusammenhang mit dem Sexismus jedoch scheint sie noch nicht einmal wahrzunehmen.

Was also tun in dieser durch und durch pornografisierten Welt? Es gibt nur eine Antwort: Den Sexismus ernst nehmen. So ernst wie den Rassismus zum Beispiel. Wer das durchdekliniert - vom Theater und Museum über Mode und Werbung bis hin zur DVD und dem Internet -, der begreift, dass gehandelt werden muss. Auf allen Ebenen.

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