Eine Welt ohne Prostitution?

20 Jahre nach der UN-Resolution hat dann die „sexuelle Revolution“ der 68er-Linken Schranken eingerissen und dabei eigene Machtverhältnisse ignoriert: zwischen Frauen und Männern, zwischen Erwachsenen und Kindern. Von „Menschenwürde“ war von nun an in Sachen ­Prosti­tution nicht mehr die Rede. „Liberalisierung“ war ­angesagt. Die Profiteure der Prostitution sitzen nicht im Gefängnis, sondern in Talkshows. Zumindest in Deutschland, wo Prostitution jetzt als „Beruf wie jeder andere“ gilt. Und das zur Drehscheibe des Frauenhandels in Europa geworden ist. Was nicht nur an der zentralen geografischen Lage liegt, sondern vor allem an der liberalen Gesetzgebung. Die 2002 von Rot-Grün verabschiedete Reform des Prostitutionsgesetzes sollte vorgeblich den Prostituierten nutzen – sie hat jedoch, wie zu erwarten, den Frauen nur geschadet und lässt das Geschäft der Profiteure boomen. Und Vater Staat kassiert mit.

Prostitution und Frauenhandel sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts neben dem Waffen- und Drogenhandel weltweit das profitabelste Geschäft. Der Jahresumsatz wird allein in Deutschland auf 14,5 Milliarden Euro geschätzt (Quelle: ver.di), mit Profitraten von oft über tausend Prozent. Die kassieren allerdings nicht die Prostituierten, sondern die Menschenhändler, Zuhälter, ­Bordell­betreiber und Manager. Ihnen zur Seite steht eine Handvoll der seit Jahren immer gleichen Paradeprostituierten, die in den Talkshows und Illustrierten erzählen, wie gern sie es tun und wie gut sie dabei verdienen. Sie betreiben in der Regel längst selbst Bordelle oder Studios und lassen andere Frauen für sich anschaffen.

Wir reden bei der Prostitution nicht von Ausnahmen. Wir reden von einem Massenphänomen. Die Zahl der Frauen in der Prostitution wird heute allein in Deutschland auf zwischen 400 000 bis 1 000 000 geschätzt. Nehmen wir den Mittelwert, also 700 000, und gehen wir einmal davon aus, dass eine Prostituierte im Laufe eines Jahres im Schnitt mindestens 40 verschiedene Freier hat (dabei haben manche fünf Stammfreier, andere über hundert Gelegenheitsfreier). Gehen wir also davon aus, geht mindestens jeder zweite Mann in Deutschland gelegentlich oder regelmäßig zu ­Prostituierten – und jede zweite Freundin oder Ehefrau ist davon betroffen, moralisch wie gesundheitlich (die Zahl der Freier, die es ohne Kondom machen wollen, steigt).

Und all das passiert nicht in einem fernen Land, sondern gleich nebenan: auf dem Strich zehn Meter vom Supermarkt entfernt, in der Modelwohnung im Nebenhaus oder im Sauna-Club inmitten ländlicher Idylle. Wir könnten es sehen – wenn wir nicht länger wegsehen. Wir könnten die Männer sehen, die hinschleichen oder schlendern, und die Frauen, deren Pupillen oft geweitet sind von den Drogen, ohne die sie es nicht aushalten.

Die Realität der Mehrheit der Prostituierten sieht so aus: Etwa 90 Prozent sind Armuts- und Zwangsprostituierte. Mit welchen Illusionen Mädchen und Frauen in den goldenen Westen gelockt, mit welcher Gewalt sie von Menschenhändlern verschleppt und mit welcher Skrupellosigkeit sie von ihren eigenen Familien zum Anschaffen ­gezwungen werden, ist bekannt – doch die ­Empörung bleibt aus. Wie kann das sein?

Schon lange stellt sich die Frage, ob und wie die „Hurenprojekte“ von der Prostitutionslobby in Deutschland unterlaufen wurden, die Medien und Politik manipuliert. Bis heute hält Deutschland an seinem Sonderweg fest – trotz aller Warnungen von Justiz und Polizei, denen mit dieser Gesetzesreform die Strafverfolgung von Zuhälterei und Menschenhandel massiv erschwert wurde. Auch wenn inzwischen eine gewisse Verunsicherung bei der Politik aufkommt.

Die Niederlande, die zunächst ähnlich liberalisiert hatten, haben längst das Steuer herumgeworfen. Sie haben erkannt, dass sie mit der Liberalisierung nur den Händlern mit der Ware Frau genutzt und den Prostituierten geschadet haben. Skandinavien hat schon vor Jahren die Bestrafung des Frauenkaufs eingeführt, mit Billigung einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, inklusive der Männer. Und nicht nur das sozialistisch regierte Frankreich erwägt inzwischen, es Schweden gleichzutun.

Die Prostitution ist das Ende einer langen Kette, in der Männer glauben, das Recht zu haben, Frauen missbrauchen bzw. (ver)kaufen zu können. Entscheidend dabei ist der Freier. Ohne ihn, den ­Käufer, gäbe es keinen Prostitutionsmarkt. Vor 20 Jahren mussten deutsche Männer noch ins Ausland fahren, um ihre Fantasien schrankenlos ausleben zu können. Heute ist Deutschland ein „Sexparadies“ für Ausländer – dank der Reform von 2002, die Verhältnisse möglich macht, über die man in unseren Nachbarländern nur staunen kann: Großbordelle mit Kleinsttarifen und Flatrates, „Wellness“-Bordelle etc.. Die Ausländer reisen, von Skandinavien bis Frankreich, in ganzen Busladungen an.

Machtmissbrauch kennt kein Mitgefühl. Würden die Männer hinsehen, wessen Seele und ­Körper sie da für 100, 50, 30 oder auch nur 10 Euro (auf dem Drogenstrich) benutzen – sie könnten es nicht mehr tun. Sie müssen also wegsehen. Sie müssen die Prostituierten entpersonalisieren, was durchaus auch die Form von Verklärung ­annehmen kann. Und die Frauen machen mit, sie spielen ihren Kunden etwas vor.

Studien belegen: Über 90 Prozent der Prostituierten wurden schon als Kinder missbraucht. ­Mindestens drei von vier Frauen in der Prostitution greifen zu Drogen und Alkohol. Zwei von drei Prostituierten werden im Job vergewaltigt, jede zweite mehr als fünfmal. Zwei von drei (Ex-)Prostituierten leiden unter posttraumatischen Störungen, die mit denen von Folteropfern vergleichbar sind. Da ist es keine Überraschung, dass neun von zehn Frauen gerne aussteigen würden – wenn sie nur könnten.

In keiner westlichen Demokratie aber scheint der Ausstieg aus der Prostitution so schwer wie in Deutschland. Was auch daran liegt, dass ­Prostitu­tion nicht mehr geächtet wird, sondern toleriert, ja mehr noch: propagiert! Männer, die zu Prostituierten gehen, schämen sich heutzutage noch nicht einmal mehr. Sie finden das cool und „Promis“ ­erzählen es stolz in den Medien. Mit dem Resultat, dass die Frauen in der Prostitution mit ihrer ­Verzweiflung einsamer sind als je zuvor. Denn: „Warum stellt die sich denn so an? Es ist doch nichts dabei.“

„Das älteste Gewerbe der Welt“ darf in Deutschland nicht länger für selbstverständlich ­gehalten werden, sondern muss geächtet werden. Prostituierte müssen die Chance zum Ausstieg ­bekommen; Männer, die Frauen kaufen, dürfen nicht länger die Augen verschließen; Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber müssen zur Rechenschaft gezogen werden können; die Politik muss nicht nur das skandalöse deutsche Gesetz ­ändern, sondern auch die armen Länder dabei ­unterstützen, Existenzmöglichkeiten für ihre Mädchen und Frauen zu schaffen (indem zum Beispiel Entwicklungshilfe und Investitionen auch von Frauenrechten und Frauenförderung abhängig ­gemacht werden).

Prostitution ist ein fundamentaler Verstoß gegen die Würde des Menschen, des weiblichen wie des männlichen. Prostitution zerstört die ­Frauen. Prostitution zerstört die Sexualität. Prostitution überschattet die Beziehung der Geschlechter. Darum muss Prostitution endlich geächtet werden! Und zwar nicht aus Gründen der wie auch immer verstandenen „guten Sitten“, sondern aus Gründen der Menschlichkeit.

Wir wollen nicht, dass damit noch 30 Jahre ­gewartet wird, wie beim Missbrauch der Kinder. Der war von Feministinnen seit Mitte der 1970er-Jahre beklagt worden, wird aber erst ­neuerdings ernst genommen. Wir wollen das ­Bewusstsein jetzt ändern – und damit auch die Gesetze und Strukturen.

Ja, eine Welt ohne Prostitution ist denkbar.

Alice Schwarzer (Hg.): "Prostitution - Ein deutscher Skandal" (KiWi, 9.99 €). Im EMMA-Shop kaufen

 

"Prostitution - Ein deutscher Skandal", http://www.emma.de/thema/buecher-hoerbuecherdvds-185277
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