Alice Schwarzer in anderen Medien

Alice Schwarzer: Was ist ein Jude?

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Es war im Dezember 1988. EMMA hatte zwei Monate zuvor erstmals den von mir initiierten Fotografinnenpreis ausgeschrieben. Für die Jury hatte ich unter anderem Gisèle Freund gewinnen können. Die damals 80-jährige legendäre Fotografin war nie aus dem französischen Exil zurückgekehrt und lebte in Paris. In der Oktober-Ausgabe, in der die Jury vorgestellt wurde, hatte ich Freund als „Reporterin und Fototheoretikerin“ charakterisiert. Und als „Jüdin und Linke“.

Jetzt, wenige Wochen später, besuchte ich die alte Bekannte in ihrer Wohnung Rue Froideveaux, im 4. Stock eines Eckhauses mit Blick über den Friedhof Montparnasse. Freund, die sehr klein, sehr zierlich und sehr energisch war, öffnete die Tür. Ihr Blick war finster. Mürrisch bat sie mich rein. Das war ich nicht gewohnt. “Ist was, Gisèle?“ fragte ich. Auf Deutsch. „Nein“, murmelte sie. Doch ihre Laue wurde nicht besser. „Aber du hast doch was!“ insistierte ich. Nein! Das Stimmungsbarometer sank noch tiefer. Erst auf meinen dritten Anlauf hin platzte es aus ihr heraus: “Wie kannst du es wagen?!“  - „Bitte?“ – „Wie kannst du es wagen, mich als Jüdin zu bezeichnen? Das haben zuletzt die Nazis getan!“

"Wie kannst du es wagen, mich als Jüdin zu bezeichnen?"

Nein, ich erwiderte nicht: Aber du bist doch.... Nein. Immerhin. Ich verstand sofort. Nämlich, dass die 1909 in einer Berliner Großbürgerfamilie geborene Gisela, die in Frankfurt studiert und sich der „Roten Studentengruppe“ angeschlossen hatte, sich noch nie als „Jüdin“ gesehen hatte. Freund hat sich ihr Leben lang als Linke verstanden.  Und sie wollte sich auch als solche von den Nazis verfolgt sehen. 

1933 recherchierte sie gerade für ihre Doktorarbeit in Paris – und blieb gleich da. Berühmt wurde Freund durch ihre Porträts von Persönlichkeiten: von Evita Perón bis Virginia Woolf, von Simone de Beauvoir bis Franҫois Mitterand. Letzterer verlieh ihr den Orden der Legion d’honneur. Die Berlinerin war Französin geworden. Aber Jüdin? Dau haben die Anderen sie gemacht. Die Antisemiten.

Rund zwanzig Jahre zuvor hatte ich als Sprachstudentin in Paris gelebt. Nebenher jobbte ich in diversen Büros, darunter auch in der Kanzlei von Maître Muller in der Avenue de l’Opéra. Muller war Anwalt und Jude, unübersehbar. Auch im Haus trug der Patriarch mit dem schlohweißen Haar die Kippa. Er vertrat als Anwalt Menschen, die den Holocaust überlebt hatten, in sogenannten „Wiedergutmachungsverfahren“.

Damals sprach ich noch schlecht Französisch, vor allem aber: Maître Muller liebte es, mit mir Deutsch zu sprechen. Ich war zuständig für die Bearbeitung der deutschen Akten, kannte also die Schicksale der Überlebenden. Unter ihnen war eines, das mir ganz besonders nahe ging. Die Frau hatte Auschwitz überlebt, kehrte aber in ihren Alpträumen jede Nacht dahin zurück.

Man wird nicht als Jude geboren. Man wird dazu gemacht.

Eines Tages verließ ich gleichzeitig mit ihr die Kanzlei. Wir fuhren zusammen nach unten in einem dieser winzigen Pariser Aufzüge, die mit ihren Scherentüren aussehen wie Käfige. Vier Stockwerke lang. Sie schwieg. Da sprach ich sie an. Auf Deutsch. Sie antwortete nicht. Sie sah mich nur an.

Hätte ich zum dem Zeitpunkt nicht schon längst gewusst, nicht zuletzt dank meiner couragierten Großmutter, was das bedeutet für einen Deutschen, die „Kollektivscham“ – spätestens da hätte ich es begriffen.

Nur 50 Meter von Gisèle Freund entfernt wohnte damals noch Simone de Beauvoir. Die beiden kannten sich. Beauvoir hat 1949 im „Anderen Geschlecht“ den legendären Satz geprägt: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ (oder ...man wird dazu gemacht). Stimmt. Man wird auch nicht als Jude geboren. Man wird dazu gemacht. Von den Antisemiten.

Alice Schwarzer

Der Text erschien zuerst in der Welt am Sonntag.

 

 

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Antisemitismus & Islamismus

Elisabeth Badinter und Alice Schwarzer im Gespräch in Paris. © Michael von Aulock
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Führt Masseneinwanderung aus dem islamischen Kulturraum zu einem Erstarken der Judenfeindlichkeit in unseren Gesellschaften?

Elisabeth Badinter Die Antwort ist schwierig. Die erste Generation und auch die zweite Generation der Einwanderer in Frankreich sind überhaupt nicht durch eine antisemitische Haltung aufgefallen. Ein radikaler Antisemitismus hat sich erst in der dritten, in Frankreich geborenen Generation entwickelt, die sich zugleich zum radikalen Islamismus bestimmter Imame hingezogen fühlt. Es gibt heute in Frankreich keine andere Bevölkerungsgruppe, die wie die Juden ausschließlich aufgrund ihrer Religion schikaniert, gefoltert und sogar getötet wird. Diese Straftaten werden immer von Personen mit muslimischem Einwanderungshintergrund begangen, die sich dem Islamismus verschrieben haben.

Die kürzlich veröffentlichte Studie „Jüdische Perspektiven zum Antisemitismus in Deutschland“ kommt zu dem Ergebnis, dass drei Viertel der befragten Juden Antisemitismus als großes Problem wahrnehmen. Drohen Deutschland französische Verhältnisse?

Alice Schwarzer Das Phänomen ist neu, aber kein muslimisches. Bei den ersten beiden Generationen türkischer Einwanderer gab es weder verschleierte Frauen noch offenen Antisemitismus. Es kommt eher von jüngeren Arabern, die in Deutschland nicht immer, aber häufig neu zugezogen sind. Es scheint mir relativ wenig mit dem Islam an sich zu tun zu haben, sondern mit dem politisierten Islam, der offensiv antisemitisch beziehungsweise antizionistisch ist. Mich wundert also nicht, dass die wenigen Juden in Deutschland, die aus gutem Grund noch sensibler als die französischen sind, sich Sorgen machen.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet. Sollte der Vorwurf der Naivität angesichts des Islams ernst genommen werden?

Schwarzer Ich schätze Boualem Sansal sehr, seine Romane wie seine kritischen Analysen. Natürlich gibt es im Islam einen traditionellen Antisemitismus, aber – mit Verlaub – auch im Christentum. Es ist an den Muslimen selbst, selbstkritisch zu sehen, was sie bei sich ändern müssen. Doch ich bleibe dabei: Das Phänomen des Antisemitismus bei Muslimen ist in dieser Virulenz bei uns neu und geschürt vom politischen Islam.

Badinter Boualem Sansal kennt den Koran besser als ich. In jedem Fall erleben wir heute eine islamische Radikalisierung, die den Antisemitismus zu einer Art religiösen Pflicht erhebt. Das Beunruhigende dabei ist, dass in Frankreich zugleich der gesellschaftliche Konsens bröckelt, nach der Schoa nie wieder Antisemitismus – in welcher Form auch immer – zu dulden. Ein Teil der Linken bei uns jedoch lehnt es ab, den neuen Antisemitismus als solchen zu benennen, geschweige denn zu verurteilen. Es sind die gleichen Leute, die sich auf den Antizionismus berufen. Auch ich halte Kritik am Staat Israel für notwendig, aber Kritik kann nicht bedeuten, das Existenzrecht Israels zu leugnen. Antizionismus läuft aber im Kern genau darauf hinaus.

In Frankreich richtete sich 2016 jede dritte rassistische Straftat gegen Juden, obwohl sie nur knapp ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Wie schützt der Staat die jüdische Minderheit?

Badinter Der Staat schützt nicht. Genau das ist das Problem. Aber hat er überhaupt die Möglichkeit? Es gibt auch politische Gründe für die staatliche Zurückhaltung. Es soll vermieden werden, dass eine Ungleichbehandlung zwischen Juden und Muslimen entsteht. Denn Muslime sind natürlich auch Opfer von Rassismus. In Frankreich leben etwa 500.000 Juden und sechs Millionen Muslime.

Schwarzer Es kommt noch etwas hinzu. Die 500.000 verstehen sich ja eigentlich keineswegs alle vorrangig als Juden. Sie sind keine Community. Viele sind einfach Franzosen und wollen ihre Ruhe haben. Sie werden erst von den Antisemiten wieder zu Juden gemacht.

Eine Befragung von Berliner Lehrern durch das American Jewish Comitee hat jüngst ergeben, dass bei vielen Schülern antisemitische Feindbilder stark präsent sind. In Frankreich haben Lehrer in dem Sammelband „Die verlorenen Territorien der Republik“ bereits 2002 vom grassierenden Antisemitismus in ihren Klassen berichtet. Wie kann da gegengesteuert werden?

Schwarzer EMMA hat kürzlich eine Umfrage unter Lehrerinnen gemacht, und die stehen wirklich mit dem Rücken zur Wand. Diese Jugendlichen, die sich mit einer Attitüde der Gewalt inszenieren, schüchtern die anderen ein. Da braucht es nur vier, fünf Schüler in einer Klasse, die geben dann den Ton an, vor allem in Sachen Sexismus. Und da kommt neuerdings noch der Antisemitismus dazu. Auf den Schulhöfen sind „du Jude“, „du Schwuler“ oder „du Opfer“ heute Schimpfwörter. Lehrerinnen werden von Schülern als Nutten beschimpft. Doch die Schulleitungen und auch die Politik wollen jeden Konflikt vermeiden. Wenn die Lehrerinnen sich beschweren, heißt es: Setzen Sie sich mal durch, Sie haben anscheinend Ihre Klasse nicht im Griff.

Badinter Seit viele sozial benachteiligte Familien unter dem Einfluss der Salafisten oder der Muslimbruderschaft stehen, wiegt das Wort der Imame schwerer als das der Lehrer. In zahlreichen Klassenzimmern in den Vorstädten kann die Geschichte des Holocausts nicht mehr unterrichtet werden, so stark ist die Ablehnung der Schüler. Das Wort des Lehrers gilt als Ausdruck der dominanten Mehrheitsgesellschaft, von der sich manche Schüler ausgegrenzt fühlen. Manche Eltern bestärken ihre Kinder in dem Glauben, dass der Imam wichtiger als der Lehrer sei. Für die Lehrer ergibt sich daraus eine unglaublich schwierige Situation. Wir haben innerhalb kürzester Zeit 2500 Moscheen in Frankreich gebaut, und langsam entwickelt sich genau das, was radikale Islamisten fordern: ein Separatismus der muslimischen Minderheit gegenüber dem Rest der Nation. Wir haben diese Entwicklung hingenommen und das mit der Pflicht zur Toleranz gerechtfertigt.

Schwarzer Eigentlich hätte ich gedacht, dass die Situation in Frankreich und Deutschland sehr unterschiedlich ist, wir haben ja eine ganz andere Geschichte, schon allein wegen der kolonialen Vergangenheit Frankreichs. In Wahrheit jedoch gleicht sie sich frappant. Nur gibt es in Deutschland ein zusätzliches Problem, das ich seit über zwanzig Jahren sehe: Das sind die Islamverbände, allen voran der „Zentralrat der Muslime“, der sich in Anspielung auf den „Zentralrat der Juden“ so genannt hat. Die meisten dieser Muslimverbände sind schriftgläubig, orthodox, wenn nicht gar islamistisch. Sie waren bisher die privilegierten Gesprächspartner von Politik und Kirchen. Dabei repräsentieren sie nur ganz wenige Prozent der Muslime in Deutschland. Die Mehrheit der bei uns lebenden Muslime ist aufgeklärt und will keinen Gottesstaat, sondern die Demokratie, und nur eine von vier Musliminnen trägt ein Kopftuch. Nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel dankenswerterweise eine Solidaritätskundgebung vor dem Brandenburger Tor organisiert. Aber mit wem stand sie da Arm in Arm? Ich konnte es kaum fassen: mit Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des „Zentralrates der Muslime“.

Hat nicht vor allem die Gleichgültigkeit angesichts des Antisemitismus zugenommen? Frau Badinter, Sie haben Ende September in der Zeitschrift „L’Express“ einen Appell an alle Franzosen gerichtet, die Juden den Kampf gegen den Antisemitismus nicht allein bestreiten zu lassen.

Badinter Ja, das war ein Alarmschrei, der sich an alle Franzosen, aber besonders auch an die Journalisten richtete, die kaum über die jüngsten antisemitischen Vorfälle berichteten. Das führte dazu, dass die jüdischen Opfer der islamistischen Terroranschläge beinahe vergessen wurden. Der Mord an der Jüdin Sarah Halimi im Mai dieses Jahres in Paris durch einen radikalisierten muslimischen Nachbarn wurde heruntergespielt. Auch auf meinen Appell folgte ein seltsames Stillschweigen. Keine Zeitung, kein Sender berichtete darüber. Nichts! Nur in den sozialen Medien war es Thema. Aber ein paar Wochen später häuften sich in den Medien Berichte über den wachsenden Antisemitismus in Frankreich. Den Schlüssel zu dieser eigenartigen Reaktion habe ich in einem Kommentar gefunden. Da stand: Wir müssen aufpassen, wenn die Lage für die Juden noch schlimmer bei uns wird, werden auch wir Journalisten eines Tages zur Rechenschaft gezogen.

Schwarzer Die Herausforderung liegt darin, die Probleme nicht zu leugnen. Deutschland hat eine massive Zuwanderung von jungen Männern erlebt, die aus Ländern kommen, in denen Frauen völlig rechtlos sind, die tief patriarchale Traditionen haben und außerdem seit Jahren einer radikalislamischen Propaganda ausgesetzt sind. In ihrem Gepäck bringen sie, wie es der algerische Schriftsteller Kamel Daoud so treffend gesagt hat, all dies mit zu uns. Nimmt man diese jungen Männer ernst, muss man dafür sorgen, dass sich das ändert. Ich halte es auch gegenüber diesen jungen Männern für schlicht rassistisch, die Augen zuzumachen. Da sagt man, bei euch ist das nun mal so, für euch gelten andere Gesetze. Aber das ist menschenverachtend.

In Frankreich soll es inzwischen vereinzelt Viertel geben, in denen Männer arabisch-muslimischer Herkunft das Straßenbild dominieren und Frauen unerwünscht sind. Stimmt das?

Badinter Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Noch vor fünf Jahren konnte ich mich in Aubervilliers oder La Courneuve als Frau unbesorgt in ein Straßencafé setzen. Das ist vorbei. In den Cafés sitzen einfach keine Frauen mehr. Die Verschleierung der Frauen hat rapide zugenommen. Sie tragen das, was ich die Uniform der Muslimbruderschaft nenne. Das betrifft natürlich nur einige, ganz bestimmte Viertel. Aber ich beobachte, dass inzwischen schon kleine, fünf Jahre alte Mädchen mit einem Schleier verhüllt werden. Das Burka-Verbot ändert leider nichts daran.

Ist die jüdische Minderheit in Frankreich nicht auch dabei, eine Art religiöse Rückbesinnung zu erleben, sich immer stärker abzuschotten?

Badinter Es ist vor allem auf Sicherheitsbedenken zurückzuführen, wenn immer mehr Eltern ihre Kinder von öffentlichen Schulen an jüdische wechseln lassen. Aber es gibt natürlich auch ein Erstarken orthodoxer Lebensformen. Ich finde es zum Beispiel nicht normal, dass man Kinder mit der Kippa zur Schule schicken will. Nach einer Messerattacke auf einen Juden in Marseille hat der dortige Rabbi darum gebeten, auf die Kippa im öffentlichen Raum zu verzichten. Aber der Großrabbiner Frankreichs hat ihm umgehend widersprochen. Ich bedaure das sehr. Mein Vater, der sehr gläubig war, sagte immer: Die Kippa setzt man auf, wenn man die Synagoge betritt oder wenn man zu Hause betet. Aber niemals auf der Straße!

Schwarzer Man muss sich das mal vorstellen: Wir, Elisabeth Badinter und ich, werden beide wegen unserer kritischen Position zum politisierten Islam – dessen erste Opfer übrigens Muslime sind – von einem Teil der Linken und manchen jüngeren sogenannten intersektionellen Feministinnen als islamophobe Rassistinnen diffamiert, als weiße, bürgerliche Feministinnen, die nicht das Recht hätten, andere Kulturen zu kritisieren. Ich stand am Pranger, weil ich gewagt hatte, auf den Fakt aufmerksam zu machen, dass es überwiegend Männer aus dem Maghreb waren, die in der Silvesternacht in Köln Frauen sexuell belästigt hatten. Aber wie wollen wir die Realität ändern, wenn wir sie nicht benennen dürfen?

Die Fragen stellte Michaela Wiegel, Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris. Das Gespräch erschien zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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