Alice Schwarzer schreibt

Alice Schwarzer: Die Rebellin

Alice Schwarzer auf dem Symposium über "die Rebellin" Margarete Mitscherlich. - © Bettina Flitner
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Aus welchem Stoff sind Rebellinnen? Sie müssen stark sein, aber auch verletzlich. Sie müssen daneben stehen, aber auch handeln wollen. Sie müssen die Freude am Leben kennen, aber auch die Verzweiflung daran. Sie müssen ihr Streben nach Gerechtigkeit – „Wahrheit“ hieß das bei Margarete Mitscherlich – teilen wollen mit anderen. Und wenn sie Frauen sind, können sie als gesellschaftlich Agierende entweder versuchen, das auf Seite zu schieben – wie zum Beispiel Rosa Luxemburg es getan hat – oder sie können sich ihrem Frausein stellen. Wie Simone de Beauvoir.

In den 35 Jahren, in denen ich mit Margarete Mitscherlich befreundet war – mal näher, mal ferner, in ihren letzten Lebensjahren zum Glück ganz nah – habe ich sie in den unterschiedlichsten Situationen erlebt, ich habe sie vielfach interviewt und immer wieder über sie geschrieben: zum 70., zum 75., zum 80., zum 85., zum 90. Bei der Vorbereitung dieser Veranstaltung hatte ich also nicht erwartet, Neues zu entdecken – aber es ist dennoch geschehen!

Das Freud-Institut hat mir den so genannten „Personalbogen“ von Margarete Elisabeth Mitscherlich überlassen.

Und dem ist Folgendes zu entnehmen: Margarete hat als Ärztin und Analytikerin von 1955 bis 1974 nicht unterbezahlt, sondern unbezahlt gearbeitet. In der Behandlung, Forschung und Lehre. Warum? Weil sie eine Frau war, schlimmer noch: Weil sie die Frau des Chefs war. Sie war also zwanzig Jahre lang beruflich entwertet und vollständig ökonomisch abhängig von ihrem Mann.

Auch Margarete Mitscherlich arbeitete als Frau des Chefs zunächst ohne Lohn.

In der Psychosomatischen Klinik der Universität Heidelberg hatte sie zunächst, als Margarete Nielsen, von 1951 bis 1955 eine besoldete Stelle als wissenschaftliche Assistentin. Dann, als sie den Chef der Klinik, Alexander Mitscherlich, heiratete, arbeitete sie von 1955 bis 1967 weiter, aber nur unbesoldet. Zur Erinnerung: Das waren die Jahre, in denen das Wort „Quote“ noch in sehr weiter Ferne lag und Beamtinnen in Deutschland zwangsweise in den Ruhestand versetzt wurden, wenn sie heirateten. Dieses Gesetz, das so genannte „Beamtinnen-Zölibat“, wurde erst 1957 abgeschafft.

An dem von Alexander Mitscherlich – mit seiner Lebens- und Arbeitsgefährtin Margarete an seiner Seite – initiierten Freud-Institut in Frankfurt ging es dann so weiter. Auch da arbeitete die Frau des Chefs ohne Lohn, „mithelfende Familienangehörige“ hieß das früher.

Das Gesuch des stellvertretenden Direktors, Clemens de Boor, um die Sicherung der an dem aufstrebenden Institut unentbehrlichen Kompetenz einer Margarete Mitscherlich und ihre Anstellung wurde vom Hessischen Kultusministerium abgelehnt, mehrfach. Begründung: „mangelnde medizinische Erfahrung“ und „das Familienverhältnis zu Alexander Mitscherlich“. Erst am 13. März 1974 wurde Margarete Mitscherlich am Freud-Institut angestellt.

Wir reden hier von der Frau, die zusammen mit Alexander die Psychoanalyse aus dem Londoner Exil zurück nach Deutschland geholt hatte, die als Lehranalytikerin ganze Generationen von Analytikern und Analytikerinnen geprägt hat und die bis zu dem Zeitpunkt gemeinsam mit Alexander das Nachkriegs-Schlüsselwerk „Die Unfähigkeit zu trauern“ und alleine den psychoanalytischen Klassiker „Müssen wir hassen?“ veröffentlicht hatte.

Wir sehen, an Stoff zur Rebellion mangelte es auch dieser so starken und so frei aufgewachsenen Frau nicht.

Als Kind ist Margarete ein Tomboy, ein eher jungenhaftes Mädchen.

Und noch etwas ist mir erst jetzt so richtig deutlich geworden: Dass die Jahre, in denen Margarete Mitscherlich zur Ermutigung, ja zum Vorbild für so viele Frauen wurde, gleichzeitig die schmerzlichsten Jahre in ihrem Privatleben waren. Alexander Mitscherlichs Parkinson-Erkrankung hatte sich ab 1972 bemerkbar gemacht.

Es folgten zehn zunehmend schwere Jahre, in denen Margarete dem zwar mit ironischer Distanz, immer aber auch bewunderten geliebten Mann zur Seite stand und versinken sah.

Dennoch hat sie es in diesen schweren Jahren geschafft, sich gleichzeitig selber zu entwerfen: als Autorin wie als Intellektuelle. Margarete Mitscherlich wurde öffentlich eine der so raren konflikt- wie ambivalenzfähigen, glamourösen und so gar nicht friedfertigen Frauen in Deutschland.

Doch wie ist sie das geworden? Und was hat sie geprägt? Begeben wir uns noch einmal auf ihre Spuren.

Margarete Nielsen wird am 17. Juli 1917 im deutsch/dänischen Grenzgebiet geboren. Als sie auf die Welt kommt, ist ihr Heimatort noch deutsch und heißt Gravenstein, vier Jahre später wird er dänisch und heißt Gråsten. Doch die Grenze verläuft weiterhin mitten durch ihre Familie.

Die Mutter, eine resolute Schuldirektorin, die ihren Beruf bei der Eheschließung aufgibt, ist deutsch-national gesinnt. Sind dänische Nationalfeiertage angesagt, bekommt sie Migräne und verdämmert den Tag hinter zugezogenen Gardinen. Doch sie hisst frohgemut die Flagge, sobald es eines deutschen Tages zu gedenken gilt.

Der Vater hingegen, ein sanftmütiger Landarzt, ist ein nationalbewusster Däne. Er duldet diese Art von Demonstrationen seiner geliebten Frau.

Als Kind ist Margarete ein Tomboy, also ein eher jungenhaftes Mädchen, das auf die höchsten Bäume klettert. Gleichzeitig ist sie ein „Mutterkind“, das erklärt: „Ich will Kinder – aber heiraten werde ich nie! Das ist ja die reine Prostitution.“ Es sollte dann anders kommen, wie wir wissen. Die Schule mit ihren festen Zeiten und Disziplinarvorschriften ist Margarete ein Gräuel. Also unterrichtet die Mutter ihren Wildfang bis zum neunten Lebensjahr zuhause. Was nicht gerade zur Zähmung des Mädchens beigetragen haben dürfte.

Ihren Vater entdeckt Margarete erst spät. Eigentlich erst wenige Jahre vor ihrem Tod, als ihr ein Packen seiner Liebesbriefe an seine so geliebte Frau in die Hände fällt. Die rühren sie sehr und nähren ihren Verdacht: „Vielleicht war er der Einfühlsamere, Sensiblere von beiden.“ Die Mutter war auf jeden Fall die Herzlichere und Tatkräftigere. Sie war eine geborene Leopold und ihre Mutter eine geborene Freudenthal. Der Vater hatte ein Pelzgeschäft. Margarete ging davon aus, dass ihre Mutter jüdischer Herkunft war, die Familie dies jedoch verschleiert hatte, um der dräuende Diskriminierung zu entgehen.

Mitscherlich: "Ich bin Analytikerin geworden, um meine Mutter zu verstehen."

Die Ehe ihrer Eltern war für den Witwer mit vier Kindern eine Liebesheirat – für seine zweite Frau jedoch eine Vernunftehe. Sie trauerte einem früh verstorbenen, lebenslang idealisierten Verlobten nach und frequentierte weiterhin eifrig ihre frauenrechtlerisch engagierten Freundinnen. Was aber ging wirklich vor in ihr? „Ich bin Psychoanalytikerin geworden, um meine Mutter zu verstehen“, hat Margarete gesagt. Und: „Ich wollte meine Mutter glücklich machen.“

Auf Geheiß der Mutter geht Margarete in Flensburg auf ein Mädchenlyceum, wo sie sich prompt in die nächste "Mutter" verliebt: in ihre Lehrerin. Alle ihre Freundinnen schwärmen für diese Lehrerin. Sie ist „gar nicht schön, sie war dick und watschelte“, aber sie bringt den Mädchen die Leidenschaft für die Literatur und ein kritisches Denken nahe. Von dieser Lehrerin hat Margarete in den letzten Lebensjahren immer wieder gesprochen. Auch ihr scheint sie lebenslang nachsinniert zu haben.

Margarete erhält von ihren Müttern drei „Aufträge“, wie es in der Psychologie heißt: 1. Verstehe mich! 2. Liebe Deutschland! 3. Sei emanzipiert! Alle drei Aufträge hat sie erfüllt.

Es gab im Leben von Margarete nach ihren eigenen Worten zwei große Aha-Effekte: die Begegnung mit der Psychoanalyse und die mit dem Feminismus.

Beide haben nicht nur sie geprägt, sondern beide hat auch sie geprägt. Die Psychoanalyse bedeutete für Margarete das „Streben nach Wissen, Erkenntnis und Glück“. Und der Feminismus, der ihr quasi in die Wiege gelegt worden war, stand für ihr Streben nach Gerechtigkeit und Chancengleichheit auch für Frauen. Sicher, sie kannte den real existierenden Unterschied zwischen den Geschlechtern nur zu gut. Aber der war für sie nicht angeboren, sondern gemacht. „Mein Lebensziel war und ist die Befreiung von Denktabus, Vorurteilen und Ideologien“, hat sie einmal gesagt – und damit ernst gemacht.

Margarete Nielsen wird in Heidelberg studieren. Zunächst Literatur, zu der sie lebenslang eine Liebe hatte. Sodann Medizin, weil ihr das Fach weniger ideologielastig schien, hat sie später erklärt. Sie verkehrte in einem Kreis von Kommilitonen, denen die Nazis verhasst sind und die Radio London hören. „Ich habe die Kristallnacht erlebt“, erzählte sie. „Wir wussten auch, dass Geisteskranke umgebracht wurden. Und wir wussten von den Vergasungen. Aber wir ahnten nicht das Ausmaß…“

Margarete Mitscherlich: "Wir wussten von den Vergasungen. Aber wir ahnten nicht das Ausmaß."

Kurz vor Kriegsende kehrt Margarete Nielsen nach Dänemark zurück. 1946 geht sie als junge Ärztin ins Tessin, an eine anthroposophische Klinik. 1947 begegnet ihr das Schicksal in Gestalt von Alexander Mitscherlich. Der ist verheiratet und hat mit seiner zweiten Frau vier Kinder.

Die beiden verlieben sich dennoch. 1948 wird Margarete schwanger. „Ich hätte abtreiben können, alles war vorbereitet. Aber ich habe mich dafür entschieden, das Kind zu bekommen“, sagte sie im Rückblick. Und fügte hinzu: „Das war die richtigste Entscheidung meines Lebens!“

Alexander Mitscherlich denkt nicht an Scheidung. Die 31-jährige Margarete bekommt das Kind allein in Konstanz, unterstützt nur von einer Freundin. Auf dem Standesamt gibt sie den Namen des Vaters nicht an. Die Lebensbedingungen sind hart und ein uneheliches Kind ist damals in Deutschland noch eine große Schande. In Dänemark sieht man das zum Glück lockerer.

Margarete und Alexander werden erst 1955 heiraten, da ist ihr gemeinsamer Sohn Matthias schon sechs Jahre alt. In den ersten Jahren in Heidelberg müssen die beiden ihre Beziehung verheimlichen. Was sehr demütigend ist, vor allem für Margarete.

Beide sind auf ihre Art Rebellen. Er, der Großbürger und Arzt, hatte 1949 "Wissenschaft ohne Menschlichkeit" veröffentlicht. Darin prangerte er die Kollaboration der Ärzte mit den Nazi-Folterern an – und katapultierte sich so mit einem Schlag aus der eigenen Kaste. Sie, die Bürgerstochter und promovierte Ärztin, bekam als Ledige ein Kind, beides war keineswegs selbstverständlich für eine Frau in dieser Zeit.

Sein Interesse war eher sozialpsychologischer Natur, ihres individualpsychologischer. Das ergänzte sich.

Margarete Mitscherlich gehörte dazu - und stand zugleich daneben.

1952 geht Margarete zusammen mit Alexander für ein Jahr nach London, um sich zur Psychoanalytikerin auszubilden. Sie macht nun, nach zwei Anläufen in Deutschland, eine Lehranalyse bei Michael Balint. Und sie lernt sie alle, alle kennen, die von den Nazis Vertriebenen: Anna Freud, Melanie Klein, Margret Mahler… Eine aufregende, eine inspirierende Zeit.

Matthias ist währenddessen vier Jahre lang bei Margaretes Mutter und in der Familie ihres Halbbruders in Dänemark. Er ist das uneheliche Kind eines illegitimen Paares, dessen Vater nicht nur noch mit einer anderen verheiratet ist, sondern der auch der Vorgesetzte dieser Frau ist, die ein Kind von ihm hat. Es hätte beide ihre Stelle kosten können... Die Eltern holen ihren sechsjährigen Sohn 1955, nach der Eheschließung, zu sich. Der wäre eigentlich lieber in Dänemark geblieben: bei der Großmutter, die seine soziale Mutter war, sowie Onkel und Tante.

Margarete hat später immer mal wieder darüber gesprochen: Ihr schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht genug um ihr Kind gekümmert habe.

In ihren letzten 20 Lebensjahren hatte Margarete das Glück, dass ihr Sohn Matthias und seine Frau Milli ein anderes Modell gewählt hatten. So konnte sie jubelnd vier Enkelkinder und zwei Urenkel begrüßen. Und jedes jeweils Neugeborene war immer wieder das Schönste und Klügste. Zuletzt die inzwischen siebenjährige Pina, von der sie mir bei meinem letzten Besuch mit Stolz einen Stapel Fotos hinblätterte.

Doch zurück zu Margaretes Lauf des Lebens. 1967 ziehen Alexander und Margarete Mitscherlich nach Frankfurt. Sie arbeitet am Freud-Institut und ist unter anderem Leiterin des Unterrichtsausschusses der Psychoanalytischen Gesellschaft. In Frankfurt schließen die Mitscherlichs nun Freundschaft mit den Vätern der Frankfurter Schule, mit Adorno und Horkheimer. Und auch Habermas stößt dazu. 1963 veröffentlicht Alexander Mitscherlich unter seinem Namen den Bestseller „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, Margarete hatte an dem Buch maßgeblich mitgearbeitet. 1967 folgt „Die Unfähigkeit zu trauern“, diesmal unter dem Namen beider. Es geht darin um die Folgen der Nichtverarbeitung von Schuld. Und wie die Naziideologie, dieses Schwarz/Weiß-Denken und Abwerten des „Anderen“, bis ins Innerste der Menschen gekrochen war und in ihnen fortlebte.

Der Titelaufsatz war maßgeblich von Margarete geprägt, der deutschen Dänin, die dazugehörte und zugleich daneben stand. Eine solche Distanz schärft den Blick.

Sie war die erste Analytikerin von Rang, die sich offen zum Feminismus bekannte

Für die 68er war dieses Buch über eine „deutsche Art zu lieben“ ein entscheidender, wenn auch von den meisten nicht zuende gedachter Impuls. Und die Mitscherlichs? Die sympathisierten zwar mit den 68ern, gleichzeitig aber waren sie ihnen unheimlich. Denn genau das, was sie bei der Elterngeneration analysiert hatten, wurde nun von deren Kindern reproduziert. Vor allem Margarete fühlte sich von dem Freund/Feind-Denken der Genossen und deren Selbstgerechtigkeit (Im Namen der gerechten Sache ist alles erlaubt) fatal an die gehorsamen Väter & Mütter dieser protestierenden Söhne & Töchter erinnert. Von dem Sexismus der 68er und ihrem antisemitisch getönten Protest gegen das „imperialistische Israel“ ganz zu schweigen. Das muss in der Zeit auch Thema gewesen sein in Margaretes vielen Analysestunden mit KZ-Überlebenden und deren Kindern.

Anfang der 70er Jahre gehen die Mitscherlichs für ein Jahr nach Palo Alto. Dort begegnet Margarete dem neuen Feminismus – den alten kannte sie ja schon, dank ihrer frauenrechtlerischen Mutter und deren Freundinnen.

1972 veröffentlicht sie ihr erstes Buch unter eigenem Namen: „Müssen wir hassen?“, eine Einführung in die Psychoanalyse. Empathiefähigkeit sowie Bereitschaft zum Verzicht auf Machtausübung seien die beiden Grundvoraussetzungen für einen guten Analytiker, schreibt sie. Beides erfüllte sie selber in höchstem Maße.
Und übrigens: Auf die Frage „Müssen wir hassen?“ antwortete Margarete manchmal durchaus mit einem entschiedenen: Ja! Sie war keineswegs die „friedfertige Frau“, die sie in ihrem 1985 erschienenen Bestseller als gesellschaftlich erzwungen und unterschwellig aggressiv analysiert hatte.

Wir begegnen uns 1974 zum ersten und im Herbst 1975 zum zweiten Mal. Es ist Sympathie auf den ersten Blick, gegenseitig. 1975, nach dem Erscheinen vom „Kleinen Unterschied“, hatte das TV-Magazin TTT ein Gespräch zwischen uns in der Wohnung der Mitscherlichs in Höchst arrangiert. Dabei waren die Kollegen wohl davon ausgegangen, dass die Analytikerin mich in der Luft zerreißen würde. Denn erstens hatte ich mit dem Buch auf deren Terrain gewildert. Und zweitens hatte ich – so ganz en passant – sowohl ihrem geschätzten Lehranalytiker Balint wie auch ihrem geliebten Ehemann Alexander wg. Sexismus vors Schienbein getreten.

Doch siehe da. Margarete saß da, strahlte mich an und erklärte: „Ich bin ganz und gar Ihrer Meinung!“ Die Irritation war groß. Nicht nur beim Team, auch bei Alexander, der im Hintergrund hin und hertigerte. Mit steigendem Unbehagen sah er seine eigene Frau so fröhlich und einvernehmlich schwatzen mit dieser kämpferischen Feministin. Ein Unbehagen, das er leider nie mehr ganz verlieren würde – was der innigen Freundschaft zwischen ihr und mir jedoch keinen Abbruch tat.

1977 veröffentlicht Margarete in der ersten Ausgabe von EMMA ihr spektakuläres Bekenntnis: „Ich bin Feministin.“ Na, da war was los! Jetzt auch noch die! Die Provokation war unermesslich. Margarete Mitscherlich war weltweit die erste Analytikerin von Rang, die sich offen zum Feminismus bekannte (Was ja in Deutschland bis heute für eine Wissenschaftlerin quasi undenkbar ist – aber in Amerika zum Beispiel längst selbstverständlich). Die Provokation war beabsichtigt. Für Margarete war es, wie sie einmal gesagt hat, ein „richtiger Befreiungsschlag“.

Nach dem Tod des Lebensgefährten war die Jagd auf die Unangepasste eröffnet.

Eine wie Margarete konnte sich eben einfach nicht wohl fühlen im Establishment. Aber exakt da war sie inzwischen gelandet: im intellektuellen Establishment, das in der Zeit den Ton angab. Also katapultierte sie sich mit einem Schlag wieder raus – ganz wie einst Alexander aus seiner Kaste.

Egal, was sie tat: Ein so anarchischer, kreativer und hellsichtiger Mensch wie Margarete Mitscherlich hatte alle Angepassten sowie Bürokraten und Bürokratinnen zum natürlichen Feind. Die Rechnung dafür wurde ihr nach dem so frühen Tod von Alexander, 1982, präsentiert. Es folgte, wie sie es selber formulierte, eine „wahre Witwenverbrennung“.

Die Jagd auf die Unangepasste, die längst auch die „Bürokratisierung und Verschulung“ des eigenen Berufsstandes offen kritisierte, war eröffnet. Jetzt wird nicht nur mit ihr abgerechnet, sondern indirekt auch mit Alexander, den man zu Lebzeiten nicht gewagt hatte anzugreifen. Zwei Wochen nach dessen Tod findet im Freud-Institut eine Art Tribunal statt, unter dem Titel „Müssen wir hassen?“ – Margaretes Buchtitel. Die Antwort der Wortführer lautet: Ja! Nämlich Alexander und Margarete Mitscherlich.

Margarete gleitet in dieser Zeit in ein tiefes Loch, aus dem sie nur mühsam wieder herausfindet. Der Verlust des geliebten Gefährten plus der Ächtung aus den eigenen Reihen – das ist einfach zu viel. Doch irgendwann ist sie wieder da: strahlend und lebendig wie zuvor.

Ja, sie konnte heftig sein. Ja, sie konnte auch ungerecht sein. Aber: Sie war immer mutig. Und jederzeit bereit, Fehler einzugestehen. Vor allem: Sie war ganz und gar unrepressiv.

In all den Jahren, in denen wir befreundet waren, habe ich nicht einmal erlebt, dass sie ihre Macht als Analytikerin ausgespielt oder gar missbraucht, dass sie mich oder andere interpretiert oder gar manipuliert hätte. Hat man sie mal als Expertin funktionalisieren wollen und gefragt: Margarete, ich habe so was Bizarres geträumt – was soll das bedeuten?, dann hat sie gelacht und gesagt: Das musst du schon selber wissen! Sie war eine Antiautoritäre und Aufklärerin durch und durch.

Es gibt eine Episode, die ich mit ihr erlebt habe und die mir so charakteristisch scheint, dass ich sie hier noch einmal erzählen will. Wir schreiben das Jahr 1985 und machen zu sechs Frauen eine Chinareise, auf der Frauenschiene.

In Peking, Shanghai oder Kanton – überall empfangen uns am Gate oder auf dem Bahnsteig die örtlichen Frauendelegationen, allesamt Parteikader. Die stürzen immer auf Margarete zu, die eindeutig Älteste in unserer Gruppe, und das Ritual beginnt: Ehre, Sie kennenzulernen… Begegnung der Völker… Solidarität der Frauen der Welt… Voneinander lernen…

Margarete Mitscherlich: "Ich wollte nie so langweilig erwachsen werden."

Nach dem dritten Mal erklärt Margarete: „Ich mach das nicht mehr!“ Ich verstehe sofort, worauf das rausläuft und sage: „Was soll das heißen, Margarete?“ – „Ich mach das nicht mehr!“ – „Aber du weißt schon, dass du es machen musst? Denn du bist, mit Verlaub, die Älteste unter uns.“ – „Egal, ich mach das nicht mehr!“ – „Und wer soll es machen?“ – „Du!“

Dabei bleibt es. Und wenn jetzt die Delegationen auf Margarete zustürzen, schiebe ich mich vor und nehme, zur Irritation der Genossinnen, ihren Platz ein. So weit, so problematisch. Aber Margarete - der es nach ein paar Tagen gründlich reicht mit den erstarrten Ritualen der autoritätshörigen Chinesen - kennt da noch eine Steigerung. Sie schiebt sich mit der zweiten Wilden in unserer Gruppe, Franziska Becker, immer wieder mal hinter die Reihen der Chinesinnen und schneidet Grimassen – während ich routiniert die Solidarität der Frauen der Welt beschwöre. „Ich wollte nie so langweilig erwachsen werden“, hat Margarete mal gesagt. Das ist ihr gelungen.

In einem meiner Interviews hat sie mal zu mir gesagt: „Ich möchte untersuchen, welche Auswirkungen Männlichkeitswahn und Weiblichkeitswahn auf unser Leben und auf die Politik haben.“ Dazu hätte Margarete heute – in Zeiten von Trump und Erdogan - mehr Gelegenheit, als ihr lieb gewesen wäre.
„Wenn man tot ist, ist man weg“, hatte sie in der ihr eigenen, lakonischen Anti-Kitsch-Diktion wenige Jahre vor ihrem Tod gesagt.

Ja, sie ist weg. Doch für uns, die wir sie schätzen oder gar lieben, bleibt sie da.

Alice Schwarzer
 

Der Mitschnitt des Symposiums "100 Jahre Margarete Mitscherlich" sowie Gespräche und Artikel mit Mitscherlich und über sie auf www.margarete-mitscherlich.de.

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