Alice Schwarzer schreibt

Der gekränkte Mann

Foto: Patrick Lienin/photocase
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In Deutschland wurden im Jahr 2015 rund 117.000 Frauen vergewaltigt; jede Fünfte vom eigenen (Ex)Ehemann bzw. (Ex)Freund. Etwa 643.000 Frauen wurden Opfer von Gewalt in Beziehungen (verschleiernd „häusliche Gewalt“ genannt). Und 320 wurden getötet; jede Zweite vom eigenen Ehemann bzw. Freund. Woher die Zahlen kommen? Ganz einfach: Es handelt sich um reale Fälle (bei den Toten) oder um erstattete Anzeigen mal zwölf. Denn, so erforschte das Bundes­frauenministerium in einer breit angelegten Studie: Nur jedes zwölfte Opfer von ­(sexueller) Gewalt erstattet Anzeige.

Und da reden wir weder von Flüchtlingen, noch von Migranten, noch vom Islamismus. Diese epidemische, strukturelle Männergewalt in unserer christlich geprägten Demokratie ist hausgemacht. Sie ist das dunkle Geheimnis im Herzen des Machtverhältnisses der Geschlechter. Allerdings ist diese private Gewalt gegen Frauen sanktioniert in den westlichen Demokratien; doch auch hier seit noch gar nicht so langer Zeit (Das Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe zum Beispiel wurde erst 1997 eingeführt). Die Frau oder die Welt will nicht so, wie Er will. Also greift Er zur Gewalt. Der gekränkte Mann.

Hie immer mehr Staatschefinnen. Da immer mehr Frauen unter dem Schleier. Das zerreisst uns. 

Was aber ist der Unterschied dieser Gewalt zwischen den Geschlechtern zu dem, was wir an Silvester in Köln erlebt haben – und seither immer mal wieder auf öffent­lichen Veranstaltungen? Zuletzt im Juli bei einem Kulturfest in Bremen, wo 24 Anzeigen erstattet wurden wegen sexueller Übergriffe nach der Methode „Höllenkreis“ (Dabei umzingelt eine Gruppe von in der Regel jungen Männern eine Frau und ­begrabscht sie bis hin zur Vergewaltigung).

Was ist der Unterschied zwischen unserer alltäglichen Gewalt und den öffentlichen Gewaltorgien im Namen Allahs zum Beispiel in Ochsenfurt, wo der Täter seinem letzten Opfer die Axt ins Gesicht hieb und die Worte gerufen haben soll: „Ich mach dich fertig, du Schlampe!“?

Der Unterschied ist die weitgehende ­Legitimierung von Gewalt in den patriarchalen Herkunftsländern der Täter, sie kennen keine Frauenbewegung und keine Gleichberechtigung. In ihren Ländern sind Frauen rechtlos und ist Gewalt ein Herrenrecht. Verschärfend hinzu kommt die Befeuerung dieser traditionellen Frauenverachtung durch die islamistische Propaganda, sie gießt Öl ins Feuer. 

Die heimliche private Gewalt gilt nur dem einen Individuum – die demonstra­tive öffentliche Gewalt soll uns alle in Angst und Schrecken versetzen. Das gilt für islamistisch motivierte Attentäter ebenso wie für Amokläufer. In beiden Fällen ist der Täter der narzisstisch gestörte, der ­gekränkte Mann. 

Aber private und politische Gewalt können sich auch mischen. Wie im Fall des homosexuellen Omar Mateen. Dieser Sohn eines homophoben afghanischen Taliban-Anhängers ermordete im Juni in Orlando in der Schwulen-Disco, in der er selber verkehrte, 49 Menschen. Aus (Selbst)Hass. Im letzten Augenblick überhöhte er die Tat mit der Behauptung, er sei ein Soldat des IS (Wofür es bis heute kaum Belege gibt).

Oder wie im Fall des 21-jährigen Ahmed in Reutlingen. Der Syrer hatte zunächst seine Freundin erstochen, die ihn anscheinend verlassen wollte. Ein klassischer Fall „privater“ Beziehungsgewalt. Aber sodann war er mit dem Messer wild fuchtelnd und drohend durch die Straßen der schwäbischen Kleinstadt gerannt. 

Doch der Islam ist nicht der Grund für die Welle der öffentlichen Gewalt, auch wenn sie mit ihm begründet wird. Die islamistische Propaganda ist lediglich die Ideologie der Stunde, die diese Gewalt gegen Frauen und „Fremde“ rechtfertigt; implizit, also unterschwellig, oder aber explizit, also offensiv.

Implizit verstand es sich bei den jungen Männern aus Marokko oder Algerien an Silvester in Köln. Deren Länder sind in den vergangenen Jahren von einer gemäßigten Religiosität in einen maßlosen Islamismus gekippt. Diese verhetzten Männer kennen nur noch Heilige und Huren. Die Heilige ist zuhause eingesperrt und möglichst verschleiert – die Hure bewegt sich im öffentlichen Raum.

Warum ist die Tat von Ochsenfurt noch beunruhigender als die Massaker von Paris?

Explizit wurde die Gewalt in Ansbach wie Ochsenfurt gerechtfertigt. Diesen sich gedemütigt fühlenden Männern kommt Allah gerade recht. Der Islamismus bietet ihnen einen Kontext. Er ist, ganz wie der Faschismus, ein Hort von Männlichkeitswahn und Autoritätshörigkeit. Im Namen des „Vaters“ rotten sich die real wie vermeintlich gekränkten Söhne zusammen und schwören Rache.

Für seine Leader – vom Islamischen Staat bis hin zu den Ideologen im Westen – ist der Islamismus eine Machtstrategie; für ihr Fußvolk ist er das Gebräu, das sie trunken macht. Und hochmütig gegenüber Fremden und Frauen, diesen ersten „Fremden“ in der patriarchalen Hierarchie. Sicher, der Islamismus hat ganz wie der Faschismus komplexe Gründe, aber er ist ganz wie er auch eine Antwort auf die Erstarkung der Frauen. Hie immer mehr Staatschefinnen – da immer mehr Frauen unterm Schleier. Das muss unsere Welt ja zerreißen.

Die Tatsache, dass der Westen an der Entwurzelung der Menschen in Nahost und Nordafrika seinen satten Anteil hat, macht das Problem nicht geringer. In der Tat hat Amerika in den 1990er Jahren die Taliban in Afghanistan überhaupt erst ­aufgerüstet, für den Kampf gegen die Sowjetunion. Und der Westen hat die Kriege in Irak und Afghanistan angefangen und damit auch Syrien destabilisiert; um sodann, offensichtlich unfähig dazuzulernen, auch noch Libyen ins Chaos zu stürzen. Ohne Amerika kein Islamischer Staat, das räumen inzwischen sogar die Interventionisten selber ein. So gestand jüngst Obama, dass die Irakkriege „ein Fehler waren“. Sorry.

Doch als würde das alles nicht genügen, verschließen wir im Westen bis heute die Augen vor dem 1979 in Khomeinis Iran ­gestarteten, weltweiten Eroberungsfeldzug des politisierten Islam. Die Wirtschaft macht munter weiter Geschäfte mit Saudi-Arabien, Iran & Co., den Hauptfinanziers des Terrors. Und Politik wie Gesellschaft ignorieren oder verharmlosen seit Jahrzehnten die Offensive des politischen Islam mitten unter uns. 

Anstatt die aufgeklärten und fortschritt­lichen MuslimInnen zu unterstützen, führen wir verlogene „Dialoge“ mit rückwärtsgewandten, schriftgläubigen Muslimverbänden und deren Lobbyisten und Lobbyistinnen (die nicht selten KonvertitInnen sind). Mit dieser Strategie haben wir in den vergangenen 20 Jahren nicht zuletzt die Mehrheit der nicht-radikalen Muslime und ­Musliminnen im Stich gelassen. Die sind aus Angst vor den Radikalen verstummt – oder aber sie radikalisieren sich, wie wir bei der Pro-Erdoğan-Demonstration in Köln sehen konnten sowie in jüngsten Umfragen. Da erklären neuerdings sage und schreibe 50 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland, dass für sie die „islamischen Gebote“ über dem Gesetz stehen (das ergab eine aktuelle Emnid-Umfrage). 

Es ist also Zeit. Höchste Zeit, dass wir endlich unterscheiden lernen zwischen Islam und Islamismus, zwischen Glauben und Ideologie. Das eine ist eine Religion, bei der Selbstkritik und Reform nottut, aber das ist Sache der Muslime. Das andere ist eine totalitäre, faschistoide Ideologie, deren Kern die Frauen- und Fremdenverachtung sowie Autoritätshörigkeit ist. Und das fängt nicht erst beim offenen Terror an, sondern hat seine Wurzeln in der Schriftgläubigkeit und im Hochmut gegenüber den Frauen und „Ungläubigen“.

Die Probleme begannen ja nicht erst mit den Flüchtlingen, sondern schon in den 1990er Jahren. Stichwort: Kopftuch. Stichwort: Geschlechtertrennung in Schulen beim Schwimmunterricht. Stichwort: Halal und Ramadan. Doch die eine Million ­Menschen aus Kriegsgebieten, viele davon brutalisiert bzw. traumatisiert, haben das Problem dramatisch verschärft. 

Inzwischen wissen wir: Manche vor­gebliche Flüchtlinge wurden offensichtlich ­geschickt mit der Absicht, den Krieg nach Deutschland zu tragen. Es wird eine verschwindende Minderheit sein. Und es ist falsch, die Mehrheit dafür verantwortlich zu machen. Aber mit dieser Minderheit müssen wir uns beschäftigen. 

Als würde das alles nicht genügen, verschließen wir im Westen bis heute die Augen

Männer wie Riaz Khan Ahmadzai, dieser vielleicht beunruhigendste Terrorist von allen. Der angeblich 17-Jährige war vor einem Jahr nach Deutschland gekommen und zwei Wochen vor seiner Axtattacke zu einer Pflegefamilie gezogen. Im Haus dieser Familie, in seinem Zimmer, hat Riaz das Bekennervideo aufgenommen. Es wurde wenige Stunden nach seiner Tat von einem IS-nahen Sender verbreitet und rasch als ­authentisch identifiziert. Der Text, den der Täter mit einem Messer in der Hand deklamierte, weist den jungen Mann als islamistischen Vollprofi aus. Sein Bekenntnis ist von alttestamentarischer Wucht und strategisch auf den Punkt.

Riaz’ Videoappell benennt die neue Etappe der infamen IS-Strategie sehr klar: „Wie ihr seht, habe ich in eurem Land ­gelebt“, sagt er da. „Ich habe in euren Häusern meinen Plan gemacht und werde euch in euren Häusern und auf der Straße töten, sodass ihr Frankreich vergessen werdet. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit meiner Axt spalten, so Gott will.“

Von dem Terroristen in Ochsenfurt hieß es zunächst, er sei zuvor „unauffällig“ gewesen, und habe sich anscheinend „turbo-­radikalisiert“. Auch bei dem Tunesier in Nizza war am Anfang von einer „raschen Radikalisierung“ die Rede. Innerhalb von zwei Wochen sollte der 31-jährige Mohamed Lahouaiej-Bouhlel vom Drogen, Alkohol und Frauen wie Männer konsumierenden Tunichtgut zum bärtigen Gotteskrieger mutiert sein. Inzwischen ist klar: Beide hatten die Anschläge seit mindestens einem Jahr vorbereitet; anscheinend bis zur letzten Sekunde vor den Taten eng geführt von Strategen des Islamischen Staates.

Doch warum ist die Tat von Ochsenfurt noch beunruhigender als die Massaker von Paris, Brüssel oder Nizza? Weil sie aus ­unserer Mitte kam, aus unseren eigenen Häusern kroch! Und weil der junge Afghane ein Jahr lang als so besonders freundlich, nett und integrierbar galt.

Das Doppelleben war ihm offenbar selber zunehmend schwergefallen. Auf Facebook (wo er unter anderer Identität tausende von Beiträgen gepostet hatte) schrieb er am 24. April 2016: „Offener Hass ist besser, als heuchlerische Beziehungen zu pflegen.“ Es sollte noch drei Monate dauern, bis er die Maske fallen ließ. Aber ­immerhin: Er ließ seine Gastfamilie leben – und erfüllte damit den im Bekenner­video (selbst)erteilten Auftrag nicht in ­seiner ganzen grausigen Konsequenz. 

Auch bei David S. in München lag, vier Tage nach dem Attentat von Ochsenfurt, zunächst der Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund nahe. Doch nach wenigen Stunden war klar: Der Amokläufer war ein Einzeltäter und sein Vorbild war nicht der Islamische Staat, sondern waren so ­genannte Ego-Shooter wie „Counterstrike“; so wie Tim Kretschmer, der Amokläufer von Winnenden, und Anders Breivik in Oslo. Auch David S. hatte die Tat seit mindestens einem Jahr vorbereitet. Auch er war ein gekränkter Mann.

Bei fast allen Tätern, ob Gotteskrieger oder Amokläufer, lesen wir in den Medien gerne immer als erstes, die Täter seien „einsam“ gewesen und „depressiv“ (Das war 2015 auch bei dem Piloten Andreas Lubitz so, der 149 Menschen geplant mit in den Tod gerissen hat). Mag sein. Aber viele Menschen sind einsam. Und viele neigen zur Traurigkeit. Ein Zustand, der zweifellos verstärkt wird, wenn man aus einem (Bürger)Kriegsland kommt, seine Familie zurückgelassen hat und als Opfer oder/und Täter schon viel Traumatisches erlitten oder auch verbrochen hat.

Aber bedeutet eine solche Argumentation nicht, die wahren Gründe durch eine systematische Pathologisierung der Täter zu verschleiern? Wir sollten den Tätern nicht auch noch das letzte Stück Menschenwürde absprechen, das sie haben: die Freiheit der Verantwortung!

Es sind immer Männer. Es sind fast immer jüngere Männer, die nicht eingebunden sind in eine Familie. Es sind immer entwurzelte und gekränkte Männer. Erfahrene Psycho­logen diagnostizieren bei diesen Männern ­weniger eine Depression (die ja auch eher passiv macht), sondern eher eine „narzisstische Störung“. In den Augen der Umwelt sind sie klein, sie aber halten sich für groß. 

Eine solche narzisstische Kränkung in ­Aggression nach außen zu wenden, auch das ist typisch männlich. Narzisstisch gestörte Frauen wenden in der Regel ihre Aggressionen nach innen, gegen sich selbst.

Jetzt ist viel von Aufrüstung die Rede: der Polizei, der Sicherheitsmaßnahmen. Es ist richtig, dass Großveranstaltungen in diesen Zeiten besonders gesichert werden müssen. Aber das allein kann es nicht sein. 

Wir sollten den Tätern nicht die Verantwortung absprechen, ihr letztes Stück Menschenwürde

Auch die Prävention muss weit über das von Bundeskanzlerin Merkel geforderte „Frühwarnsystem“ hinausgehen. Sie darf nicht erst bei den ersten Anzeichen ansetzen, da ist es meist schon zu spät. Sie muss früher einsetzen. Und zwar sowohl bei den wütenden, herrschsüchtigen Männern aus den patriarchalen, ­islamischen (Bürger)Kriegsgebieten; wie auch bei der Minderheit der hier geborenen Söhne der Migranten, die sich radikalisieren. 

Was können wir tun? Der salafistischen Agitation in den Flüchtlingslagern und Parallel­gesellschaften muss strikt Einhalt ­geboten werden. Die Muslim-Verbände, die bisher mit ihrer rückwärtsgewandten, schriftgläubigen Propaganda eher den Islamisten in die Hände gespielt haben, müssen verpflichtet werden, aktiv zu Aufklärung und Integration beizutragen. 

Die „verlorenen Seelen“ (Kamel Daoud) schließlich müssen eine reale Chance zur Integration bekommen und verpflichtet werden, Rechtsstaat und Gleichberechtigung der Geschlechter zu respektieren. Gegen die unrettbar an die fanatischen Gotteskrieger „verlorenen Seelen“ allerdings muss in aller Entschiedenheit und mit allen Mitteln vorgegangen ­werden. Denn der gekränkte Mann kann gefährlich werden. Lebensgefährlich. 

Alice Schwarzer

Der Text erschien zuerst im "Spiegel".

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Alice Schwarzer schreibt

Frauenmacht & Männergewalt

Screenshot aus dem Video des Attentäters von Ochsenfurt: "Ich werde euch in euren Häusern töten."
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18. Juli. Im idyllischen fränkischen Ochsenfurt verlässt der vorgeblich 17-jährige Afghane Riaz Khan Ahmadzai das Haus seiner Pflegeeltern, wo er seit zwei Wochen lebt. Er nimmt eine Axt und ein Messer mit, steigt in den Zug nach Würzburg und attackiert im Abteil vier Menschen, denen er unter Allahu-Akbar-Rufen mit dem Beil auf den Kopf hackt. Auf der Flucht schlägt er einer 51-jährigen Spaziergängerin das Beil ins Gesicht mit den Worten: „Ich mach dich fertig, du Schlampe!“ Er wird von der Polizei erschossen.

22. Juli. In München ballert der 18-jährige David S., ein in Deutschland geborenes Kind von Iranern, in einem McDonald und dem daneben liegenden Einkaufszentrum des Olympiaviertels in Video-Spiel-Manier um sich. Am Ende werden neun Tote da liegen, überwiegend Minderjährige, und ein Selbstmörder.

24. Juli. In Reutlingen ersticht am Nachmittag ein 21-jähriger Syrer mit dem Dönermesser eine 45-jährige Polin in dem Imbiss, in dem beide arbeiteten. Auf der Flucht verletzt er wahllos fünf weitere Menschen schwer. Er wird von einem Autofahrer gestoppt, der ihn anfährt, um ihn tatunfähig zu machen. Er überlebt.

24. Juli. In Ansbach zündet Mohammad, Syrer, gegen 22 Uhr einen in seinem Rucksack verborgenen Sprengsatz, der Dutzende Menschen hätte töten können. Nur weil er keine Eintrittskarte hatte, war er nicht auf das Festivalgelände gekommen, auf dem rund 2000 Menschen feierten, sondern am Eingang geblieben. Der Mann selber wurde von dem Sprengsatz getötet, zwölf Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schwer.

Islamismus ist
keine Religion
sondern eine
Ideologie

Der Syrer in Ansbach hatte vor zwei Jahren Asyl in Deutschland beantragt, was vor einem Jahr abgelehnt worden war. Er hatte einen „Duldungsstatus“, da in Bürgerkriegsländer nicht abgeschoben werden darf, und er war schon mehrmals „strafrechtlich in Erscheinung getreten“, wegen Drogendelikten und Nötigung. Er wurde allerdings von einem Mitarbeiter des Sozialamtes als "freundlich, unauffällig und nett" geschildert.

Der Syrer in Reutlingen soll Mohamed heißen. Er habe mit der getöteten Frau in demselben Imbiss gearbeitet, wo er vor ein paar Wochen einen Job bekam. Die beiden sollen eine Beziehung gehabt, bzw. er soll sich für sie interessiert haben. In dem Restaurant hatte Mohamed „einen guten Eindruck“ gemacht. 

Bei David S. in München lag, vier Tage nach dem Attentat von Ochsenfurt, zunächst der Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund nahe. Plan A trat in Aktion: Stilllegung aller öffentlichen Verkehrsmittel, breite Mobilisierung von Polizei und GSG9, Warnung an die Bevölkerung. Doch nach wenigen Stunden war klar: Der Täter war ein Einzeltäter und sein Vorbild war nicht der Islamische Staat, sondern waren so genannte Ego-Shooter wie „Counterstrike“, sowie der Amokläufer von Winnenden (Wo der 17-jährige Schüler Tim Kretschmer acht Mitschülerinnen, einen Mitschüler und drei Lehrerinnen erschossen hatte). Er hatte die Tat seit einem Jahr vorbereitet.

Warum ist 
Ochsenfurt
beunruhigender
als Paris und Nizza?

Und Riaz Khan Ahmadzai? Die Folgen seiner Tat sind zwar Schwerstverletzte, aber keine Toten. Trotzdem ist er der vielleicht beunruhigendste Täter von allen. Der angeblich heute 17-Jährige war vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Seine Angaben sind bis zuletzt nie überprüft worden. In Ochsenfurt, das als vorbildlich gilt für seine einfühlsame Flüchtlingsarbeit, lebte er zunächst im Kolpinghaus, machte ein Praktikum in einer Bäckerei und hatte eine Lehrstelle in Aussicht. Vor zwei Wochen zog er zu einer Pflegefamilie.

Im Haus dieser Pflegefamilie, in seinem Zimmer, hat Riaz das Bekennervideo aufgenommen, das wenige Stunden nach seiner Tat von einem IS-nahen Sender verbreitet und rasch als authentisch identifiziert wurde. Der Text, den der Täter mit einem Messer in der Hand aufgezeichnet hatte (siehe unten), weist den jungen Mann als islamistischen Vollprofi aus. Sein Bekenntnis ist von alttestamentarischer Wucht und strategisch auf den Punkt.

Angefangen hatte es in Europa in Paris und Brüssel mit Maschinengewehren und Sprenggürteln. Die hat nicht jeder. Das muss kriegsmäßig vorbereitet werden. Weitergegangen war es in Nizza mit einem Lastwagen, den der Täter einige Tage zuvor gemietet hatte. Das können viele. Zunächst war bei dem Tunesier von einer überraschenden, „raschen Radikalisierung“ die Rede gewesen. Innerhalb von zwei Wochen soll der 31-jährige Mohamed Lahouaiej-Bouhlel vom Drogen, Alkohol und Frauen wie Männer konsumierenden Tunichtgut zum bärtigen Gotteskrieger mutiert sein. Inzwischen ist klar: Der Tunesier hatte die Tat seit mindestens einem Jahr vorbereitet. Und langsam sollten sogar die Deutschen begreifen: Es gibt auch saufende Islamisten. Denn der Islamismus ist keine Religion, sondern eine Ideologie.

Pathologisierung
spricht die Ver-
antwortung ab

Doch warum ist die Tat von Ochsenfurt noch beunruhigender als es die Massaker von Paris, Brüssel und Nizza sind? Weil sie aus unserer Mitte kam, aus unseren eigenen Häusern kroch! Und weil der junge Mann ein Jahr lang als freundlich, nett und besonders integrierbar galt. Das kann jeder.

Dabei war ihm selber das Doppelleben offenbar zunehmend schwer gefallen. Auf Facebook (wo er unter anderer Identität tausende von Seiten gepostet hatte) schrieb er am 24. April 2016: „Offener Hass ist besser, als heuchlerische Beziehungen zu pflegen.“ Es sollte noch drei Monate dauern, bis er die Maske fallen ließ.

Sein Videoappell benennt die neue Etappe der infamen Strategie sehr klar: „Wie ihr seht, habe ich in eurem Land gelebt“, sagt er da. „Ich habe in euren Häusern meinen Plan gemacht und werde euch in euren Häusern und auf der Straße töten, sodass ihr Frankreich vergessen werdet. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit meiner Axt spalten, so Gott will.“

Auch bei diesem jungen Mann hatte man zunächst von einer sehr überraschenden, „raschen Radikalisierung“ gesprochen. Verständlich. Es fällt schwer, den netten Praktikanten in der Bäckerei und den blutrünstigen Gotteskrieger als ein und dieselbe Person zu sehen. Sollen wir uns so getäuscht haben? Oder ist der junge Mann vielleicht schon als Gotteskrieger eingereist? Vielleicht. Wahrscheinlich sogar.

Es sind immer
"gedemütigte"
Männer

Bei fast allen Tätern, ob selbsternannte und geschickte Gotteskrieger oder Amokläufer, lesen wir in den Medien gerne immer als erstes, die Täter seien „einsam“ gewesen und „depressiv“. (Das war auch bei dem Piloten Andreas Lubitz so, der 149 junge Menschen geplant mit in den Tod gerissen hat). Mag sein. Viele Menschen sind einsam. Und viele neigen zur Traurigkeit. Ein Zustand, der zweifellos verstärkt wird, wenn man aus einem (Bürger)Kriegsland kommt, seine Familie zurückgelassen hat und als Opfer oder/und Täter schon viel Traumatisches erlebt bzw. getan hat.

Aber wollen wir den Tätern nun noch das letzte Stück Menschenwürde absprechen, das sie haben: die Verantwortung? Wollen wir durch die systematische Pathologisierung der Täter die wahren Gründe verschleiern?

Dabei liegt es doch klar auf der Hand: Es sind immer Männer. Es sind fast immer jüngere Männer (die noch nicht eingebunden sind in eine Familie bzw. von ihr getrennt). Und es sind immer entwurzelte (einsame) und gekränkte bzw. sich gedemütigt fühlende Männer. Sie sind, allen voran die Männer aus dem islamischen Kulturkreis, nicht zuletzt gekränkt von den erstarkenden, unabhängigen Frauen im Westen. Aber das ist ein neues Kapitel.

Zu erkennen, wer gefährlich und kaum noch rückholbar ist – aber auch, wer noch gestoppt bzw. auf einen besseren Weg gebracht werden könnte – das ist mindestens so dringend wie der polizeiliche Schutz von Großveranstaltungen. Diese entwurzelten, sich gedemütigt fühlenden Männer müssen präventiv gestoppt werden. Danach ist es zu spät.

Alice Schwarzer

 

 

Das Videobekenntnis des Attentäters von Ochsenfurt
Im Namen des allmächtigen Gottes: Ich bin ein Gotteskrieger (mujahed) des Islamischen Staates und heute werde ich einen Selbstmordanschlag in Deutschland verüben. Die Zeiten sind vorüber, in denen Nicht-Muslime in unsere Länder kamen, unsere Frauen und Kinder töteten und niemand Fragen stellte und diese Marionettenführer darüber schwiegen und Muslime Angst hatten, ihren Mund aufzumachen. Diese Zeiten sind vorbei. Nun ist der Islamische Staat in Irak, Syrien und Jemen errichtet worden.

Jeder Mujahed wird zu euch kommen und euch in euren eigenen Häusern töten. Die Mujahedin werden in euren Ländern und Flüchtlingsheimen leben, sie werden Unterschlüpfe errichten und euch auf euren Straßen und in euren Häusern, in den Provinzen und überall angreifen. Der Islamische Staat ist mächtig genug, um dies zu tun. Gott hat uns so viel Kraft gegeben, dass wir euch sogar in euren Parlamenten angreifen können. 

Wie ihr seht, habe ich in eurem Land gelebt. Ich habe in euren Häusern meinen Plan gemacht und werde euch in euren Häusern und auf der Straße töten, so dass ihr Frankreich vergessen werdet.

Ich werde euch so lange bekämpfen, so lange noch ein Tropfen Blut in meinem Körper ist. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit meiner Axt spalten, so Gott will. 

Ich rufe alle Muslime auf, sich dem Islamischen Staat anzuschließen und den Kalifen Abu Bakr al Bagdadi anzuerkennen. In jedem Land findet ihr Stellen, wo ihr euch dem Islamischen Staat anschließen könnt. Wenn ihr nicht nach Irak oder Syrien gehen könnt, tötet zumindest Polizisten und Soldaten in euren Regionen… HIER BRICHT DIE VIDEOBOTSCHAFT AB. 

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