Interview Weltwoche

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Angela Merkel ist vielleicht bald Deutschlands erste Bundeskanzlerin. Was löst das bei Ihnen aus, Frau Schwarzer?
Alice Schwarzer
Na, stellen Sie sich mal vor, in Amerika kandidiert ein Schwarzer für das Weiße Haus. Was löst das bei den Schwarzen aus? Genau. Ganz ähnlich sind die Gefühle von uns deutschen Frauen: gemischte Erregung. Erstmals in der Geschichte kandidiert eine von unserer Spezies für das höchste Staatsamt.

Wie gut kennen Sie Merkel? Gibt es ein Erlebnis mit ihr, das Sie für aussagekräftig halten?
Wir waren Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal zusammen essen und haben seither Kontakt gehalten. Da war sie Frauenministerin bei Helmut Kohl. Ich habe sie damals angerufen, weil der hämische Ton, in dem über sie geschrieben wurde - die ewigen Kommentare zu ihren "Blüschen" und Frisuren - mich hellhörig gemacht hatte. Getroffen habe ich eine kluge Wissenschaftlerin, die noch nicht so ganz begriffen hatte, was ihr da geschah.

Was geschah ihr denn?
Sie war ja auf dem Doppelticket Osten und Frauen ins Kabinett gekommen. Das war nach der Wiedervereinigung bei unseren Westpolitikern so eine Masche: So schlugen sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Außerdem hofften sie, dass die Frauen aus dem Osten nicht so lästige Emanzen sein würden wie ihre eigenen Parteifrauen.

Welche Stärken billigen Sie Merkel zu?
Ihre Stärke ist, dass sie aus dem Osten kommt. Dass sie also nicht das Trommelfeuer des Weiblichkeitsterrors hinter sich hat und eine selbstbewusste Berufsfrau ist.

Und ihre Schwächen?
Ihre Schwäche ist, dass sie aus dem Osten kommt. Dass sie also die Mechanismen der West-Machos nicht wie wir jahrzehntelang live studieren und unsere Siege über sie nicht mitfeiern konnte. Ihre größte Schwäche ist natürlich, dass sie eine Frau ist. Eine Frau wird in unserer männerdominierten Welt immer noch anders beurteilt als ein Mann. Das sehen Sie ja auch an Ihrer Außenministerin. Über Frau Calmy-Rey werden Dinge geschrieben, die man über einen Mann nie schreiben würde - und die interessanterweise, bei aller Unterschiedlichkeit der beiden, auch schon über Merkel geschrieben wurden. Da wird die "Beratungsresistenz" bemäkelt oder der "Führungsstil", und das Etikett "Mutter Teresa" kriegt Merkel sicherlich bald auch verpasst.

In den Achtzigern grassierte die Vorstellung, dass Frauen anders politisieren: irgendwie weicher. Was ist davon nach Margaret Thatcher geblieben?
Thatcher war doch ein formidables Lehrbeispiel für Frauen! Damals bin ich oft gefragt worden: Haben Sie das gewollt? Und ich habe immer geantwortet: Erstens ziehe ich Frau Thatcher in der Tat Herrn Thatcher vor. Denn zweitens stelle ich mir immer vor, wie die kleinen Mädchen in England vor dem Fernseher sitzen und überlegen: Werde ich nun Queen - oder Premierministerin? Und dann diese Gruppenbilder mit Dame und Handtasche von den Gipfeltreffen, und das dumme Gesicht von Kanzler Schmidt dazu. Wunderbar!

Angela Merkel als "Rollenmodell?
Selbstverständlich wäre eine Kanzlerin ein role model! Mädchen und Frauen würden dann ganz konkret erleben, dass auch diese Türe ihnen im Prinzip offen steht. Was allerdings keineswegs daran hindert, im gleichen Atemzug die Politik einer Kanzlerin Merkel zu kritisieren. Denn wer gleiche Rechte hat, hat auch gleiche Pflichten und kann, ja muss auch in die Pflicht genommen werden.

Wenn eine Frau die Parteienmühle durchlaufen hat, ist sie dann nicht als Frau zur Unkenntlichkeit zermanscht?
Natürlich brechen diese bürokratischen, männerbündelnden Parteien die wenigen Frauen an der Spitze vielfach - und passen die Parteifrauen sich leider ihrerseits meist vorauseilend an. Aber sie können machen, was sie wollen: In den Augen der anderen bleiben sie eine Frau, da gibt es kein Entrinnen. Lesen Sie nur die Analyse des TV-Gesprächs von ARD-Talker Reinhold Beckmann mit Kanzler Schröder und Angela Merkel (Is ja guuut, Frau Merkel, EMMA 2/05): wie beflissen Kollege Beckmann den Spitzenpolitiker abfragt - und wie gönnerhaft er die Spitzenpolitikerin runterputzt.

Hat Merkel vom Feminismus etwas mitgekriegt?
Und ob! Wenn auch bei ihrem Weg an die Spitze in den letzten Jahren leider der Eindruck entstand, sie habe das schon wieder vergessen. Bereits 1993 als Frauenministerin hat sie für EMMA das kluge Buch von Susan Faludi über den Backlash besprochen. Wir haben ihn gerade wieder ins Internet gestellt (Der Marsch zur Macht, EMMA 3/93 ). Darin beklagt die Christdemokratin Merkel die "erschreckende" Lage der Frauen, fordert Frauen in "Führungspositionen in allen Bereichen" und kündigt exakt den Weg an, den sie gerade bis zuende geht. Angela Merkel 1993 in EMMA: "Wir Frauen müssen weitergehen auf dem Marsch durch die Institutionen und teilhaben an der öffentlichen Macht!"

Merkel hat das tatsächlich beherzigt.
Nun wollen wir mal sehen, was sie aus ihrer Macht macht. Und hoffen, dass sie in den exklusiven Männerkreisen da oben die Frauen da unten nicht ganz vergessen hat.
Das Gespräch führte Thomas Widmer. Weltwoche, 26.5.2005

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