Über Alice

Oberbergische Volkszeitung: Füßchen auf dem Lande

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Wahl-Oberbergerin Alice Schwarzer las in Nümbrecht aus ihrer Autobiografie.

Es war keine Lesung, es war die Menschwerdung eines Idols. Auf der Bühne sprach eine bezaubernde, charmante, mit ungeheurem Wortwitz und Selbstironie ausgestattete Alice Schwarzer. An einem einzigen Abend in Nümbrecht widerlegte sie alle Zerrbilder, die, wer auch immer, von ihr haben mochte. Die Grande Dame des deutschen Feminismus war auf Einladung des Nümbrechter Büchervereins in die Aula des Schulzentrums gekommen, um aus ihrer ersten und einzigen Autobiografie "Lebenslauf" zu lesen.

Vor 30 Jahren siedelte die gebürtige Wuppertalerin, bis dahin in den Metropolen der Welt zu Hause, zurück in die Bergische Region und bewohnt heute zufrieden ein oberbergisches Fachwerkhaus "mit Blick auf die alte Linde". "Irgendwann wurde mir klar, ich wäre gerne mit einem Füßchen auf dem Lande und hier fühle ich mich einfach wohl", brach sie in einem Interview vor der Veranstaltung eine Lanze fürs Bergische Land.

Als die inzwischen 70-Jährige nach einer warmherzigen Begrüßung von Gisa Hauschild vom Nümbrechter Büchereiverein schließlich zur Bühne schritt, zeigte sie nach wenigen Sekunden wahres Talent: Mit ungeheurem Charisma zog sie ihre hauptsächlich weibliche Zuhörerschaft mit in ihr bewegtes Leben, das 1942 als uneheliches Kind begann und bis heute geprägt ist vom Kampf für Gerechtigkeit. Sympathisch offen, frei von Allüren und sehr menschlich, offenbart Schwarzer gänzlich unbekannte Seiten: "Für Elvis wäre ich zu Fuß bis ans Ende der Welt gegangen."

Und wer hätte es gedacht? "Frauenzentren sind nicht meine Sache, vor allem nicht das Stricken und das Ironieverbot." Stilistisch erfrischend und mit warmer Stimme, blitzt der Schalk auf, wenn sie verkündet: "Sie sehen, ich distanziere mich von der Frauenbewegung."

Alice Schwarzer ist wohl vor allem eine Frau, deren Leben, zumindest öffentlich, geprägt vom Kampf für die Rechte der Frauen und den damit einhergehenden Anfeindungen. Sie selbst geht rückblickend entspannt um mit Beleidigungen wie "frustrierte Tucke", doch sie bekennt auch, dass es ihr durchaus wehtue, in diffamierender Weise beschimpft zu werden. "Seit den 70er Jahren ging es nicht mehr um die Inhalte meiner Texte", so die Journalistin und Herausgeberin, "sondern nur noch um Projektionen meiner Person."

Anja Maria Dohrmann, Oberbergische Volkszeitung, 18.5.2013

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