Mit 83 immer noch streitbar
In "Feminismus pur. 99 Worte" reflektieren Sie über fast hundert Begriffe, über jeden kurz und bündig auf einer Seite. Ist es Ihr zugänglichstes Buch? Oder Ihr radikalstes?
Alice Schwarzer: Es ist sicher das zugänglichste meiner Bücher. Ich beschränke mich da bei Themen, über die ich schon ganze Bücher geschrieben habe oder EMMA riesige Dossiers veröffentlicht hat, auf eine Textseite, 1800 Zeichen je Begriff. Grund: Ich komme der Generation Z entgegen, die nicht mehr so viel liest, mit der ich aber genauso ins Gespräch kommen möchte wie mit ihren Eltern.
Überrascht hat mich das Stichwort "Gendern": Sie äußern Verständnis für dessen Kritiker. Hat sich die ursprünglich gut gemeinte Idee in ihr Gegenteil verkehrt?
Ja, das haben ja so manche gut gemeinten Ideen so an sich: Sie verkehren sich ins Gegenteil. Mit "Gendern" meinten die feministischen Linguistinnen ursprünglich ganz einfach, in der rein männlichen Sprache müssten auch die Frauen vorkommen. Wir sind schließlich die Hälfte der Welt. Also nicht nur "Lehrer", sondern auch Lehrerinnen, zum Beispiel so: LehrerInnen. Nun aber haben übereifrige Akademikerinnen die Sprache bis ins Unsprechbare zersplittert, mit Doppelpunkten, Unterstrichen und Sternchen. Und in diesem Wirrwarr kommen die Frauen nun gar nicht mehr vor. Das war nicht beabsichtigt.
Fürchten Sie, dass die neue Generation Feministinnen die Begriffe neu definiert? Schließlich feiern Linke das Kopftuch als Empowerment, während es für Sie das Gegenteil ist von allem, wofür der Feminismus steht.
Es geht nicht um sprachliche Definitionen. Es geht um die Realität. Und die wird im Namen der Ideologie geleugnet. Es ist einfach lächerlich, das Kopftuch zum Empowerment umzudeuten. Das Kopftuch ist eine patriarchale Tradition,
nach der die Haare und der Körper der Frau "Sünde" sind und sie diese zu verhüllen haben, weil nur der eigene Mann sie sehen darf. Der Körper seiner Frau ist sein Besitz. Nicht nur im Iran lassen die Frauen ihr Leben dafür, es abzuziehen. Das ist doch schlicht lachhaft und das Gegenteil von Emanzipation.
Seit 50 Jahren ertragen Sie Feindseligkeit. Früher skandierten Medien "Schwanz-ab-Schwarzer". Heute versuchen Linke, Ihre Auftritte mit Diffamierungen wie "transphob" und "islamophob" zu verhindern. Sind diese Angriffe anders und gefährlicher für die Debatte?
Zwischen der Linken und linken Feministinnen einerseits und den autonomen Feministinnen andererseits hat es immer schon große Spannungen gegeben. Die Neue Frauenbewegung war schließlich auch eine Reaktion auf den Sexismus der Linken. Die predigten noch die Befreiung des letzten bolivianischen Bauern und liessen ihre Frauen für sie Kaffee kochen, Flugblätter tippen und die Beine breit machen. Dass jüngere Feministinnen jetzt in das abgegriffene Horn tuten und den Feminismus erneut als Nebenwiderspruch deklarieren, rangierend hinter Rassismus, etcetera, das ist schlicht ein Rückfall.
Wo sehen Sie heute die größte Gefahr für Frauenrechte?
Aus meiner Sicht ist heute die Bedrohung von Demokratie und freier Meinungsäußerung durch die extreme Linke nicht geringer als durch die extreme Rechte. Die betonierte Selbstgerechtigkeit der Linken ist so erdrückend wie die dumpfe Wut der Rechten. Und der Schulterschluss der Islamisten und Gauchisten, dieser Islamogauchismus, ist schon seit Jahrzehnten hoch alarmierend. Angefangen hat das 1979 mit der Machtübernahme von Khomeini und der klammheimlichen Freude von Foucault und Co. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal in der Mitte wiederfinden würde. Aber das ist das, was jetzt bestärkt werden muss: die besonnene Mitte mit einem starken Sinn für soziale Gerechtigkeit.
Sie haben Frauen immer aufgefordert, ihre Stimme zu erheben. Haben Sie selbst schon gezögert, etwas auszusprechen – aus Angst vor den Folgen?
Nein. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich bin ja auch eine der Wenigen, die noch wagt, den politischen Islam zu kritisieren. Nicht den Islam, der ist Glaubenssache. Den Islamismus. Davor warne ich seit 1979, seit meiner Reise in den Iran nach der Machtergreifung durch Khomeini. Ich halte diese Ideologie, die Frauen und alle Andersdenkenden total entrechtet, für eine neue Variante des Faschismus.
Sie haben gesellschaftliche Debatten über Jahrzehnte geprägt. Wo würden Sie sagen: Da habe ich mich geirrt?
Da fällt mir nichts ein. Sagen Sie es mir.
Wenn Sie Ihrem Zürcher Publikum nur ein einziges, das hundertste Wort mitgeben, welches wäre es?
Frieden. Zwischen den Geschlechtern und Völkern.

