Über Alice

Der Kleine Unterschied in der Schweiz

Pia Horlacher, Larissa Bieler und Sylvie Durrer über den "Kleinen Unterschied"
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Pia Horlacher (65) war SRF- und NZZ-Redaktorin und ist Mitglied des Presserats: Ich wurde in der Frauenbewegung der 1970er politisiert und habe in der Beratungsstelle Infra mitgearbeitet. Wir haben damals Alice Schwarzer zu uns eingeladen – eine eindrückliche Begegnung. Mittlerweile haben Frauen in der westlichen Gesellschaft viel erreicht. Allerdings stelle ich einen gewissen Rückschritt fest, was die sexualisierten Frauenbilder in der Jugendkultur und den Boulevardmedien anbelangt. Solch reaktionäre Rollenbilder von Topmodel, Schlampe, Boxenluder etc. scheinen Mädchen und junge Frauen erstaunlich widerspruchslos hinzunehmen.

Ohnehin lassen wir in den Medien noch viel Sexismus zu, während man in andern Bereichen wie Rassismus, Homophobie oder Religionsfreiheit weit vorsichtiger ist. Alice Schwarzer ist ein journalistischer Glücksfall. Sie bringt sich unermüdlich in den öffentlichen Diskurs ein. So hat sie zum Beispiel schon vor Jahrzehnten vor einem Kulturrelativismus gewarnt, der blind ist für die Frauenunterdrückung gleich neben uns, in den tief patriarchalischen Parallelgesellschaften vieler westlicher Grossstädte. Dass wir hier und heute mit Themen wie Schleierzwang, Zwangsehen, Ehrenmorden oder Genitalverstümmelungen konfrontiert sind, hätten wir uns vor vierzig Jahren nicht vorstellen können.

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Larissa Bieler (38) ist Chefredaktorin Bündner Tagblatts und ab 2016 Chefredaktorin von swissino.ch
Als ich 14 Jahre alt war, habe ich in der Klosterschule Disentis GR die Emma abonniert. Dies war der Anfang meiner Auseinandersetzung mit der Feminismusdebatte. Es herrschte damals ein ganz anderer Diskurs im Vergleich zu heute. Über Alice Schwarzer wurde weniger zynisch und viel offener debattiert und es gab keine Männer, die sich beleidigt gefühlt hatten, wenn man sich für Frauenrechte einsetzt. Auch wurden wir nicht als Männerhasserinnen abgestempelt. Heute sagt man, Feminismus sei langweilig, er schaffe sich selber ab und wolle Frauen bevorteilen. Es geht jedoch um Gleichberechtigung. Männer, die sich dort angeschossen fühlen, nehmen sich zu wichtig.

Ich bin eine klare Befürworterin der Quote. Ich habe in meiner Arbeit so viele unqualifizierte Männer kennengelernt, da bin ich sicher: Es gibt viele Frauen, die das besser gekonnt hätten. Es ist zudem enttäuschend, wie viele Medien sexistische Rollenbilder derart stark und verantwortungslos zementieren. Ich muss heute noch erklären, dass wir Schülerinnen und Schüler schreiben. Bei swissinfo.ch werde ich mit vielen Kulturen konfrontiert sein - zum Beispiel aus dem arabischen oder osteuropäischen Raum, wo Frauenbilder anders sind. Das wird eine Herausforderung werden. Grundsätzlich bin ich bei jedem Medium mit unterschwelligem, subtilem, Sexismus konfrontiert. Aber: Veränderung braucht Zeit.

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Sylvie Durrer (55) ist die Vorsteherin des Eidgenössischen Gleichstellungsbüros 
Frauen wie Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir sind wichtige Personen, die eine wichtige Diskussion ausgelöst haben. In den letzten Dekaden hat sich in der Schweiz vieles zum Positiven verändert. Das Gleichstellungsgesetz von 1996 war ein Meilenstein für die Schweiz. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Mentalitäten geändert hätten. Da gibt es noch viel Arbeit zu tun.

Frauen sind im Gesundheits- oder Bildungswesen oder auch in der Sozialarbeit übervertreten. Dagegen sieht man wenige Frauen in technischen Branchen. Und für Männer ist es schwierig, in Pflegeberufe reinzukommen. Es ist wichtig, dass Frauen und Männer einen Beruf ausüben, der ihren Interessen und ihren Fähigkeiten entspricht – und nicht weil es für ihr Geschlecht normal ist. Ich habe grosses Vertrauen in die Zukunft. Und ich denke, dass eine gleichberechtige Gesellschaft eine bessere Gesellschaft ist.

Alle zehn Statements im Migros-Magazin

 

 

 

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