Alice Schwarzer schreibt

Strippenzieher der Burka-Offensive

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Den Kämpfen um das „Recht auf das Kopftuch“  folgen nun Kämpfe um das „Recht auf die Burka“.  Auffallend ist, dass die aktuellen Verschleierungs-Offensiven im Schatten der Großmoschee in Duisburg-Marxloh stattfinden. Alle drei Fälle spielen sich im Umkreis der größten Moschee in Deutschland ab: der Merkez Moschee in dem Duisburger Stadtteil Marxloh. Die war bei ihrer Eröffnung 2008 ein Ort der Hoffnung für viele echt an Integration interessierte Deutsche: Muslime wie Nichtmuslime. Inzwischen aber ist das vorbei, Merkez ist längst Erdogan-Land. 

Heute wird nicht nur im Pott von gewissen Kräften demonstrativ um Trennendes gekämpft statt um Gemeinsames. Aktuell fighten allein im Umkreis der Merkez Moschee: eine Burka-verhüllte Mutter eines Schülers der Grundschule von Essen-Altendorf; eine Burka-verhüllte Mutter eines Jungen in der evangelischen Kita im Essener Westen; sowie eine Kopftuch-tragende Krankenschwester in Bochum, die entschlossen scheint, für ihr „Recht auf das Kopftuch“ bis zum Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte zu gehen.

Es wird um
Trennendes gekämpft,
nicht um Gemeinsames

Zufall? Einzelkämpferinnen? Die bisherigen Erfahrungen lehren anderes. Denn quasi alle Kämpfe um das „Recht auf das Kopftuch“, bzw. das „Recht auf den Tschador“ (der das Gesicht noch frei lässt) oder gar das „Recht auf die Burka bzw. den Niqab“ (die das Gesicht voll verdecken) wurden von islamistischen Gruppen bzw. Organisationen initiiert und geführt, im Hintergrund. Das Beharren einzelner Frauen auf ihr angeblich individuelles Recht auf Verschleierung hat sich immer wieder als Vorwand entlarvt, mit dem organisierte Gottesstaatler die Islamisierung mitten in Europa vorantreiben wollen, sowohl rechtlich wie sittlich.

Dabei ist das Kopftuch nur ein erster Schritt – der nächste ist die Burka. Als Frankreich im Herbst 2008 das Verbot aller religiösen und politischen Zeichen, und damit auch das des Kopftuchs, für Lehrerinnen und Schülerinnen verabschiedete, drohte der damalige Al-Qaida-Führer Abou Moussab Abdoul Wadoud mit Attentaten. „Wir werden uns im Namen der Ehre unserer Töchter und Schwestern an Frankreich rächen“, tönte er und fuhr fort: „Heute ist es der Tschador, morgen ist es der Niqab.“ Und morgen die ganze Welt?

Die Prophezeiung des Gotteskriegers ging in Erfüllung. Drei Jahre später provozierte die fundamentalistische Minderheit unter den französischen MuslimInnen mit der Forderung eines „Rechts auf die Burka“. 

Damals zählte man rund 2.000 Burkaträgerinnen im Land der Egalité und Liberté, Tendenz steigend. Doch der französische Staat ließ sich nicht einschüchtern: Am 13. Juli 2011 – nicht zufällig dem Vorabend des Jahrestages der Revolution – stimmte eine überwältigende Mehrheit des Parlaments, von rechts bis links, für ein Verbot der Burka in der Öffentlichkeit (nur die Grünen stimmten dagegen).

Von diesem Schritt allerdings scheint man in Deutschland noch sehr weit entfernt. Als die Vize-Chefin der CDU, Julia Klöckner, jüngst ein Burka-Verbot für Deutschland forderte, schlug das hohe Wellen. Viel Zustimmung, aber auch scharfe Kritik, vor allem von links. Doch Klöckner ließ sich nicht verunsichern: „Man kann nicht für die Gleichstellung der Frau und die Quote kämpfen“, erwiderte sie, „und gleichzeitig wegsehen, wenn Frauen sich nur aus einem Grund verhüllen müssen: Weil sie keine Männer sind. Wieso sollen wir tolerant gegenüber Intoleranten sein?“ 

Das Kopftuch ist
nur ein erster Schritt -
die Burka der nächste.

Eigentlich einleuchtend, oder? Nicht für alle. Die Vorsitzende der Grünen lehnte prompt ein Burka-Verbot in Deutschland ab. Denn die Burka entspräche dem „Selbstverständnis“ dieser Frauen, erklärte Simone Peter. „Ich denke, dass wir den Widerspruch aushalten müssen.“ Und es geht noch toller: Klöckners Forderung nach einem Burka-Verbot sei „ein durchsichtiges rassistisches Manöver“, erklärte die Pressesprecherin der Partei Die Linke. Die Christdemokratin stelle sich damit „an die Spitze der derzeitigen Stimmungsmache gegen Muslime“ in Deutschland.

Bei Muhammet Balabon, dem Vorsitzenden der „Kommission Islam und Moscheen in Essen“, stoßen solche Töne auf Wohlwollen. Er ging so weit zu behaupten, dass „viele verschleierte Frauen ihren Ehemännern sogar oft damit drohen, sich scheiden zu lassen, wenn diese den Ganzkörperschleier nicht akzeptieren“. Aha. Er selbst, verheiratet mit einer nicht verschleierten Nicht-Muslimin, habe zwar „zwiespältige Gefühle“ beim Anblick der Burka, würde jedoch „die religiösen Gefühle“ der Verschleierten respektieren.

Religiöse Gefühle? Eine Langzeitstudie des deutschen Innenministeriums bei rund 7.000 MuslimInnen hat gezeigt, dass 7 von 10 Musliminnen in Deutschland noch nie ein Kopftuch getragen haben! Und selbst bei den (tief) Religiösen trägt nur jede zweite ein Kopftuch. Wir reden vom Kopftuch. Nicht von der Burka, diesem Leichentuch, unter das in den islamistisch beherrschten Ländern und Regionen, wie Afghanistan oder Nord-Syrien, Tag für Tag Frauen unter Todesdrohung gezwungen werden.

Wenn wir Musliminnen und Muslime in Deutschland wirklich respektieren wollen, wäre deren Schutz vor dem Burka-Terror der erste Schritt! Hannelore Herz-Höhnke, die beherzte Rektorin der Grundschule in Essen-Altendorf, hat der vollverschleierten Mutter eines ihrer Schüler das Betreten ihrer Schule, in der 96 von 100 Kindern einen „Migrationshintergrund“ haben, schlicht verboten. Nicht zuletzt, weil einige der Schulkinder beim Anblick der dunklen Gestalt „so erschrocken waren, dass sie anfingen zu weinen und davonliefen“. Und, ergänzt die in Marxloh geborene Pädagogin und Mutter von vier Kindern, weil „sogar muslimische Mütter, die selber Kopftuch tragen, damit gedroht haben, ihr Kind abzumelden, wenn die vollverschleierte Frau weiterhin die Schule betritt“. 

Kein Wunder. Ist doch so manche der Frauen mit ihren Kindern vor dem Burkazwang und genau diesen Fundamentalisten geflohen, die die Frauen entrechten, sie unter den Schleier und damit in die Unsichtbarkeit zwingen. Und die die Kinder in der Koranschule zu Suren-plappernden Robotern dressieren und die Jungen zu Killern aller „Ungläubigen“ verhetzen.

Übrigens hatte die Bodelschwinghschule von Herz-Höhnke schon vor Jahren die Schuluniform eingeführt – ein klares Zeichen für die Gleichheit aller Schüler und Schülerinnen. Dennoch: Jetzt steht diese unheimliche Burka-Gestalt vor dem Schultor, um einen kleinen Jungen abzuholen – was das Kind zum Gespött der anderen Kinder machen wird.

Doch weder von der NRW-Landesregierung noch von der Lehrergewerkschaft gibt es bisher klare Richtlinien, die die LehrerInnen in dem Konflikt der Einzelfälle entlasten und ihnen immer neue Bedrängnis ersparen würden. 

Immerhin „volles Verständnis“ zeigte diesmal der GEW-Lehrerverband für die Essener Schulleiterin, was neu ist. Ilse Führer-Lehner, zuständig für die Frauen- und Bildungspolitik der GEW, erklärte: „In der Schule können wir voll verschleierte Frauen nicht tolerieren.“ Und das rotgrüne Schulministerium in Düsseldorf? Das taktiert. In „begründeten Fällen“ dürfe eine Schulleiterin ihr „Hausrecht“ ausüben, hieß es aus Düsseldorf.

Im Fall der Kita hat man sich jetzt so geeinigt, dass die vollverschleierte Mutter des kleinen Jungen in einem geschlossenen Raum in Gegenwart einer Kindergärtnerin den Schleier lüpft. Schließlich sei es auch „juristisch völlig untragbar“, dass die KindergärtnerInnen ein Kind an eine Unbekannte (oder einen Unbekannten?) übergeben.

Doch eines ist klar: Solange der Westen das Scheinargument hinnimmt, Kopftuch und Burka seien „religiöse Kleidungsstücke“, bleibt er auf verlorenem Posten. Nirgendwo im Koran steht, dass gläubige Musliminnen Kopftuch oder Burka tragen müssen. Doch selbst wenn das in diesem 14 Jahrhunderte alten Buch stünde, müssten in unserem Rechtsstaat - der für alle gilt, auch für Musliminnen! - die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Menschenrechte bzw. Menschenwürde der Frauen Vorrang haben. Werte, die der Westen sich hart errungen hat, und die er nicht einfach preisgeben sollte.

Menschenrechte 
und Menschen- 
würde der Frauen
haben Vorrang.

Solange allerdings die politische Linke so borniert und die politische Mitte so gleichgültig ist, wird die politische Rechte davon profitieren. Denn das Unbehagen der Menschen – ob Muslime, Christen oder Nicht-Gläubige – ist ja durchaus berechtigt. Die demokratischen Parteien aber nehmen das nicht ernst.

In Deutschland marschieren neuerdings Tausende hinter den Transparenten von PEGIDA, der Vereinigung der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Deren Motto lautet: „Gewaltfrei & vereint gegen Glaubenskriege auf deutschem Boden.“ Wogegen eigentlich nichts zu sagen ist. Was allerdings auch schnell einen falschen, einen wirklich fremdenfeindlichen Zungenschlag kriegen könnte. Das wäre fatal.

In Frankreich zittern heute die herrschenden politischen Klassen davor, dass bei den nächsten Präsidentschaftswahlen, 2017, Marine le Pen vom rechtspopulistischen Front National in den Élysée-Palast einziehen könnte. Ausgeschlossen ist das in der Tat nicht. Und sollte es passieren, läge das nicht nur an der französischen Depresse und der Europamüdigkeit. Es läge auch und vor allem an der Ignoranz aller anderen Parteien der berechtigten Malaise vieler Citoyens an der falschen „Toleranz“: gegenüber der Agitation der Islamisten mitten unter uns. Und das seit sage und schreibe über 30 Jahren.

Alice Schwarzer

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Friedensnobelpreis für Malala!

Malala Yousafzai: Kämpferin für das Recht auf Bildung. - © Reuters/Luke MacGregor
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Sie galt schon im letzten Jahr als Favoritin. Dass die 17-jährige Malala Yousafzai jetzt den Friedensnobelpreis bekommt, ist ein Zeichen: Ein Zeichen gegen die fanatischen Islamisten, die den Frauen Bildung und Gleichberechtigung verweigern. Denn es war die Sehnsucht nach Bildung, die die Lehrerstochter vor zwei Jahren in Lebensgefahr gebracht hatte: Auf dem Weg zur Schule schossen Taliban im Swat-Tal dem Mädchen am 9. Oktober 2012 in den Kopf. Sie hätte es beinahe nicht überlebt.

Eine mutige Kämpferin für Menschenrechte - und ein junges Mädchen.

Die Familie flüchtete mit Malala nach London, wo man der zunächst Gelähmten und Sprachlosen nicht nur das Leben, sondern auch die Gesundheit rettete. Seither fightet sie nicht nur weiter für das Recht aller Mädchen auf Bildung, sondern schwärmt auch für Twilight oder telefoniert schon mal mit Justin Bieber. Sie ist eben nicht nur eine mutige Menschenrechtlerin, sondern ebenso noch ein schwärmerisches, junges Mädchen.

Den Friedensnobelpreis erhält Malala Yousafzai zusammen mit dem Kinderrechtler Kailash Satyarthi. Das Komitee will mit der Ehrung einer Muslimin aus Pakistan sowie eines Hinduisten aus Indien ein Zeichen „gegen religiösen Fanatismus“ setzen.

Ministerpräsident Nawaz Sharif begrüßte die Ehrung Malalas, die der „Stolz aller Pakistanis“ sei. Die Heldin des Westens gilt in ihrer Heimat offiziell als „Netzbeschmutzerin“ und „Marionette des Westens“. Dennoch träumt Malala davon, eines Tages zurückzukehren nach Pakistan – und dort Präsidentin zu werden. Wir träumen gerne mit.

Sie bloggte schon mit elf - ermutigt vom Vater, einem Lehrer.

Das Zeug dazu hätte sie. Schon als Elfjährige hat Malala gebloggt und öffentlich kritisiert, dass die Taliban die Mädchenschulen in ihrer Heimat, dem Swat, geschlossen hatten. Der BBC bot ihr daraufhin an, auf seiner Webseite ein Tagebuch über ihr Leben als Mädchen unter der Taliban-Herrschaft zu schreiben. Der Vater, Direktor einer privaten Mädchenschule, ermutigte seine Tochter. Nun berichtete auch das pakistanische Fernsehen über Malala. Sie wurde Sprecherin eines Kinderparlaments.

Letztendlich hat dieses öffentliche Engagement Malala zwar gefährdet, aber gleichzeitig geschützt. Denn ohne ihre Bekanntheit hätte man sie nach dem Attentat wohl kaum nach London ausgeflogen, um sie zu retten. Seither wurde die Pakistanerin weltweit zum Symbol für die Mädchen- und Frauenrechte im islamischen Kulturraum. Sie hat eine Autobiografie veröffentlicht („Ich bin Malala“), den Sacharow- und den Simone-de-Beauvoir-Preis erhalten und am 13. Juli 2013 eine Rede vor der UNO gehalten. „Lass uns zu Büchern und Stiften greifen, das sind unsere mächtigsten Waffen“, sagte sie in New York. „Denn die Extremisten fürchten sich vor gebildeten Frauen.“

Bis wohin diese Furcht führen kann, sehen wir gerade mal wieder in Syrien. Da ist es gut, wenn eine Stimme wie die von Malala gestärkt wird durch einen so renommierten Preis wie den Friedensnobelpreis. Er wird Malala am 10. Dezember in Oslo verliehen.

(aktualisiert  am 13.10.2014)

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