Alice Schwarzer schreibt

Alice Schwarzer: Hillary greift nach den Sternen!

© Irfan Khan/ Getty Images
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Sie war 13 Jahre alt, als sie der NASA schrieb, sie wolle Astronautin werden, was sie dafür tun müsse. Die US-Weltraumbehörde antwortete dem Mädchen, das sei nicht möglich: Frauen könnten keine Astronautinnen werden. In der Tat sollte es noch zwei Jahre dauern, bis die erste Frau ins Weltall flog (die Russin Valentina Tereschkowa, 26, saß allein in der Rakete und umrundete 46 Mal die Erde). Und es sollte noch zwanzig Jahre dauern, bis die erste Amerikanerin gen Himmel startete.

Heute ist Hillary 69 – und greift wieder nach den Sternen. Sollte sie es schaffen, wäre sie, nach 44 Präsidenten, die erste Präsidentin der USA. Bis dahin war es ein weiter Weg. Hillarys Mutter Dorothy war vor deren Geburt Dienstmädchen und als ein von den Eltern früh verlassenes Kind im Waisenhaus aufgewachsen. Irgendetwas muss diese Frau ziemlich richtig gemacht haben bei der Erziehung ihrer einzigen Tochter.

Die Jahre zwischen 13 und 69 waren eine einzige Achterbahn für Hillary. Mal ganz oben – Jahrgangsbeste als Stipendiatin des Elite-Frauencollege Wellesley und höchstbezahlte Juristin Amerikas – mal ganz unten: betrogene und gedemütigte Ehefrau von Bill Clinton.

Clinton, Merkel, May - ein buntes Trio zwischen grauen Anzügen

Ich verfolge aus der Ferne den Weg dieser Frau nun seit 25 Jahren. Und ich muss sagen: Ich kenne keine Frau, die öffentlich so vorgeführt und gedemütigt worden ist wie Hillary Clinton. Es ist ein Wunder, dass sie nicht schon längst resigniert hat oder in der Psychiatrie gelandet ist.

Als sie mit Bill am 3. November 1992 ins Weiße Haus geschickt wurde, gratulierte ihr eine Schulfreundin mit den Worten: „Keine von uns ist überrascht, dich im Weißen Haus zu sehen. Wir sind nur erstaunt, dass du diesen Typen im Schlepptau hast.“ Dieser Typ mag sie hundertfach betrogen haben, aber er nimmt sie immerhin ernst. 1992 lautet sein Wahlslogan: „Wählt einen – und ihr kriegt zwei dafür.“

Dieses Paar, das seit seiner Begegnung 1969 „in einem Dialog (ist), der bis heute anhält“ (Hillary 2016), hatte also tatsächlich die Chuzpe, gemeinsam regieren zu wollen – rund 20 Jahre nach Aufbruch der Frauenbewegung. Viele AmerikanerInnen haben das vor allem sie teuer ­bezahlen lassen. Die einst hochrenommierte Juristin und unter Gouverneur Bill Clinton couragierte Bildungspolitikerin musste es von nun an Millionen amerikanischer Hausfrauen und deren nervös werdenden Gatten recht machen. Gefühlt im Wochenrhythmus wechselte Hillary Frisur und Brille, sie trug Doris-Day-Kostüme und brillierte in Ortsvereinen mit ihrer Fertigkeit als Cookie-Bäckerin.

Die Lewinsky Affäre hatte Hillary im Visier, nicht Bill.

Und von Anfang an gab es Gerüchte um Bills Affären. Er scheint von einem ­pathologischen Don Juanismus gehetzt zu sein. 1998, in der Mitte von Bills zweiter Amtszeit als Präsident, platzt der Skandal. Die Weltöffentlichkeit erfährt, dass der Präsident es über Monate im Oval Office mit der Praktikantin Monica Lewinsky ­getrieben hatte. Und Bill machte alles noch schlimmer. Er leugnete, „richtigen Sex“ mit Monica gehabt zu haben (nur oral) und belog seine Ehefrau bis zur letzten ­Minute. Die hatte sich, zusammen mit ihren feministischen Freundinnen, von Gloria Steinem bis Barbara Streisand, empört vor ihn gestellt und erklärt, das sei nur wieder eine der vielen Verleumdungskampagnen gegen den Präsidenten. „Er hat mir das Herz gebrochen“, gestand sie später.

Ich bin übrigens bis heute überzeugt, dass die Lewinsky-Affäre eigentlich Hillary im Visier hatte und nicht Bill. Denn er kam aus der Affäre zwar leicht verfleckt, aber doch als potentes Mannsbild raus. Sie war die Blamierte und Gedemütigte.

Lieferte Bill der Männerwelt doch mal wieder den Beweis: So eine, die einen Kopf hat, hat keinen Körper. Mit so einer diskutiert man über Politik, geht aber nicht mit ihr ins Bett. Und vielleicht hat er – vermutlich unbewusst – mit seinem notorischen Fremdgehen auch das Gleichgewicht wieder herstellen wollen: Das Gleichgewicht zwischen dieser Frau, die als klüger und taffer gilt als er, und ihm, dem Präsidenten.

Doch die verhinderte Astronautin stand wieder auf und marschierte weiter. Als erste First Lady in der Amtszeit ihres Mannes wird Hillary 2001 in ein hohes politisches Amt gewählt: zur Senatorin des Bundesstaates New York. 2008 unterliegt sie als Bewerberin um die Präsidentschaftskandidatur Barack Obama. Wenig später wird sie seine Außenministerin."

"Keine von uns ist überrascht, dich im Weißen Haus zu sehen."

Und der Feminismus? Alles klar. Der ist Hillary quasi in die Wiege gelegt worden. Sie gehört zu der Generation der ­feministischen Pionierinnen. Auf deren Höhepunkt, 1969, heiratet Hillary Rodham zwar Bill, behält jedoch ihren Namen. Zunächst. 1974 initiiert sie als Jura-Professorin in Arkansas (wohin sie wegen Bills Politiker-Karriere gezogen war) die erste Anlaufstelle für missbrauchte Mädchen und vergewaltigte Frauen. 1995 hält sie auf der Weltfrauenkonferenz in Peking ihre legendäre Rede, die in dem Satz gipfelt: „Frauenrechte sind Menschenrechte“. Und Freund wie Feind versichern bis heute: Hillary hat lebenslang Frauen gefördert.

Warum also wird ausgerechnet diese Hillary Clinton von manchen Frauen – zur Freude ihrer Gegner – so gehasst? Und zwar sowohl von Frauen ihrer Generation wie von jüngeren?
Ich vermute: Bei den älteren Frauen ist es der Neid und das schlechte Gewissen. Diese Frau, die trotz aller Tiefschläge ihren Weg gegangen ist, zeigt, dass es möglich ist. Sie straft allein durch ihre Existenz den Selbstbetrug, das Gejammer mancher Frauen Lügen: „Ich würde ja so gerne, aber man lässt mich nicht …“.

Und die Jüngeren? Die sind naiv und sich ihrer eigenen Geschichte nicht bewusst. Sie haben noch nicht begriffen, dass Menschen, die keine Geschichte haben und keine Macht, auch keine ­Zukunft haben. Sie gehen den Spaltungsmanövern in Sachen Frauengenerationen auf den Leim. Sie halten sich für emanzipiert und begehrt – im Gegensatz zu den „Alt-Feministinnen“ von gestern.

Vor allem linke junge Frauen, wie die Bernie-Sanders-Anhängerinnen, giften ge­gen Hillary mit dem Verweis auf ihre ­politischen Fehler. Die sie in der Tat ­gemacht hat. Die allerdings nicht speziell Hillary anzulasten sind. Die ganze große Nation ist so drauf. Doch gerade die Linke hat es schon immer vortrefflich verstanden, Frauen auseinander zu dividieren. Das stärkt ihr linkes Patriarchat.

Ein Wunder, dass sie nicht resigniert hat oder in der Psychiatrie gelandet ist

Ja doch, auch ich hätte so einiges zu kritisieren an der Präsidentschaftskandidatin. Sie hat dem Irakkrieg zugestimmt. Sie hat die Afghanistan-Intervention gut geheißen. Sie hat die Ermordung von Bin Laden beklatscht (Man hätte ihn auch festnehmen können). Und sie hat scheinbar nichts aus all diesen außenpolitischen Fehlern gelernt, sondern auch noch die fatale Intervention in Libyen befeuert. (Der Merkel sich als einzige widersetzt hat!) Kurzum: Diese Frau hat ihren Anteil daran, dass die Amerikaner die Welt in Flammen gesetzt haben.

Aber: Hätte irgendein männlicher ­Präsident – egal ob demokratisch oder ­republikanisch – diese unter dem Deckmäntelchen des Weltenretters betriebene Interventionspolitik der Weltmacht nicht mitgemacht? Leider nein. Also bleibt auf dem speziellen Konto von Hillary der Rest – und der ist respektabel. Vielleicht stoppt sie als Präsidentin ja sogar die Kumpanei mit der Wall Street, wie versprochen. Die hat uns ihr Mann Bill mit seiner Lockerung der restriktiven Gesetze für die Finanzwelt eingebrockt und konnte auch Obama nicht stoppen.
Und vielleicht schafft Hillary es ja sogar, die steigende soziale Ungerechtigkeit nicht nur abzubremsen, sondern sogar umzudrehen. Denn auch das ist es, worunter die Weltmacht ächzt: Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Inzwischen können manche Familien noch nicht einmal mehr anständig leben, wenn Mutter und Vater je zwei bis drei Jobs haben.

Der Milliardär Donald Trump zieht ironischerweise gerade diese Klientel der Verlierer an. Aber einmal ganz davon ­abgesehen, dass er ein Psychopath und bekennender Frauenverachter ist, wird gerade von ihm nicht ernsthaft mehr ­soziale Gerechtigkeit zu erwarten sein. Wenn überhaupt, ist es von einer Präsidentin Hillary Clinton zu erhoffen.

Ich setze darum 1.000-prozentig auf Hillary Clinton! Und ich bin schon voller Vorfreude auf die Bilder vom Weltgipfel. Viele, viele graue Anzüge – und in der Mitte ein buntes Trio: Hillary Clinton, Angela Merkel und Theresa May.

Da dürften sich die Mädchen dieser Welt freuen. Sie können nicht nur Kanzlerin von Deutschland, sondern sogar Präsidentin von Amerika werden.

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