Alice Schwarzer schreibt

Warum Pola Kinski so lange schwieg

Pola Kinski: "Ich hatte immer nur Angst". © Stefan Klüter/Insel Verlag
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Das offene Gespräch, das EMMA im März 1977 mit der Schauspielerin Pola Kinski geführt hat, die gerade einen neuen Film gemacht hatte, legte den Verdacht auf Missbrauch bereits sehr nahe. Und als ich die damals 25-Jährige wenig später in Berlin traf, hat sie mir auf Nachfrage ohne Zögern und explizit bestätigt: "Mein Vater hat mich jahrelang missbraucht." Man muss nur fragen. Doch als EMMA dann ein Jahr später ein ganzes Dossier über Inzest und Missbrauch veröffentlichte ("Das Verbrechen, über das niemand spricht") - kamen da all diese Väter ins Gefängnis? Nein. Niemand wollte die Opfer hören.

Sexueller Missbrauch, das war eines der größten Tabus. Sowas gab es einfach nicht. Das hatte es nicht zu geben. Und all diese Väter und Onkel, die sich die kleinen Mädchen nahmen (und manchmal auch Jungen) - konnten sicher sein, dass ihre Opfer schwiegen und die Mütter wegsahen. Und hätte doch einmal eine geredet, wäre sie die Schlampe gewesen. So wie heute noch in manchen Kulturkreisen die Vergewaltigte verstoßen wird oder gar getötet - es sei denn, der Vergewaltiger hat die Gnade, sie zu heiraten. Von den Töchtern gar nicht zu reden, die sind Eigentum des Vaters.

Der sexuelle Missbrauch und die Vergewaltigung waren vor der Frauenbewegung kein Verbrechen, sondern ein Herrenrecht. Erst dank der Frauenbewegung sind sie zum Skandal geworden. Erst seit recht kurzer Zeit also müssen sich nicht mehr die Opfer schämen, sondern die Täter.

Anfang der 1970er Jahre kamen erste Texte über den sexuellen Missbrauch von Opfern aus der Frauenbewegung. Mitte der 1970er Jahre öffneten die Frauenhäuser ihre Pforten und hatten die Opfer damit erstmals Schutzräume, innerhalb der sie wagen konnten zu reden: all diese geschlagenen Frauen und missbrauchten Kinder.

Im April 1978 veröffentlichte EMMA ein erstes Dossier (von vielen folgenden) über den sexuellen Missbrauch von Kindern, überwiegend Mädchen, durch die eigenen Väter. Das war in einer Zeit, in der EMMA auf Berichte über die genitale Verstümmelung zum Beispiel (ebenfalls ein Tabu, schlimmer noch: als "kulturelle Eigenart" toleriert) Waschkörbe von Briefen erhielt. Und zu unserem Dossier über Inzest? Kein Wort. Nicht eine einzige Reaktion. Das Tabu über die sexuelle Verstümmelung nebenan war noch größer als das über die Verstümmelung in Afrika.

Doch bis heute begegne ich Frauen, auf Veranstaltungen oder auf der Straße, die zu mir sagen: "Damals, als ich das in EMMA gelesen habe, war ich endlich nicht mehr allein. Ich habe Mut gefasst."

Ende der 1970er Jahre bildeten sich die ersten "Wildwasser"-Initiativen, Selbsthilfegruppen von inzwischen erwachsenen, sexuell missbrauchten Kindern, die auch zehn, zwanzig, dreißig Jahre danach noch verletzte Seelen und geschundene Körper hatten. Die Reaktion ließ nicht lang auf sich warten. Makabererweise im Namen des Fortschritts und der Aufklärung. In den 1980er Jahren machte der hämische Slogan vom "Missbrauch des Missbrauchs" die Runde, lanciert von taz & GenossInnen und von so manchen Liberalen freudig aufgegriffen. Anything goes - ausgeblendet dabei wurde das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Wir sind so frei.

Und heute? Heute steht beides im öffentlichen Raum: Die Realität der sexuellen Gewalt gegen Frauen und Kinder, in drei von vier Fällen durch Menschen, die sie lieben - und die Gegenpropaganda, die systematisch alle Opfer unter Generalverdacht stellt. Dabei ist längst statistisch bewiesen: Sexuelle Verbrechen haben die niedrigste Rate von Falschanschuldigungen, nämlich nur drei Prozent. Warum? Das liegt auf der Hand. Man muss sich nur die Prozesse und Berichte ansehen, die auch die echten Opfer zunächst einmal zu Verdächtigen machen.

Polas Halbschwester Nastassja Kinski – die beiden haben denselben Vater, aber verschiedene Mütter - nennt ihre Schwester heute eine "Heldin". Sie sagt: "Ich bin stolz auf ihre Kraft, ein solches Buch zu schreiben. Und ich habe lange geweint."

Wie viel Kraft hat Nastassja? Sie war im Alter von 14/15 das Lieblings-Fotomodell von Roman Polanski und hat auch mit ihm zusammengelebt. Der Regisseur, bis heute für sein Faible für "Nymphen" berüchtigt, war jüngst in der Schweiz wegen der eingestandenen aber nie gesühnten Vergewaltigung der 13-jährigen Samantha Geimer verhaftet worden. Dank des öffentlichen Drucks von vor allem KünstlerInnen und Intellektuellen kam er rasch wieder frei. Die pro Polanski Argumentierenden fanden entweder, das Mädchen habe es ja nicht anders gewollt oder aber, das Ganze sei längst verjährt. Man möge den genialen Regisseur doch endlich in Ruhe lassen. Schließlich sei das alles schon 35 Jahre her.

Pola Kinski hat ihr Buch über 40 Jahre danach veröffentlicht. Dass sie es gewagt hat, wird hoffentlich zur Bewältigung ihres bis heute andauernden Schmerzes beitragen.

Es ist traurig, daran erinnern zu müssen, aber es ist die bittere Wahrheit: Hätte Pola schon damals, 1978 - oder etwa sogar 1957, als sie fünf Jahre alt war - geredet, keiner hätte ihr geglaubt. Und die, die ihr geglaubt hätten, hätten geschwiegen. Und ihr so bewunderter Vater hätte sie zermalmt.

Wie gut, dass die Zeiten sich geändert haben. Heutzutage kann ein missbrauchtes Kind den Täter anklagen oder sogar anzeigen. Auch wenn es immer noch schwer ist, sehr schwer. Und zwar nach innen, nämlich in Bezug auf die eigenen ambivalenten Gefühle zwischen Liebe und Hass der Abhängigen, wie auch nach außen: in Konfrontation mit einer Gesellschaft, die von Tätern beherrscht ist.

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