Alice Schwarzer schreibt

Offener Brief an Moser-Pröll

Foto: Andreas Schaad/Schaadfoto/Imago
Artikel teilen

Liebe Annemarie Moser-Pröll,

Sie haben in letzter Zeit viel Energie darin investiert, zu beteuern, dass das mit den Mannsbildern in der Skiwelt ja gar nicht so war, wie manche Ihrer Kolleginnen im Zuge der MeToo-Debatte im vergangenen Jahr öffentlich gemacht hatten.

Nämlich, dass so etliche Kollegen, Trainer und Sportfunktionäre ihre Machtposition dazu benutzt hätten, junge Skiläuferinnen zu bedrängen, ja zu vergewaltigen – wie es nun unter anderem über den Skihelden und Mädchenschwarm Toni Sailer öffentlich wurde (und wohl schon damals bei der Polizei aktenkundig war).

Es ist gewiss schwer, von Helden Abschied zu nehmen

Sie aber wollen von alldem nichts gewusst und auch nie etwas gemerkt haben. Und Ihnen selber ist sowieso nie etwas passiert. Wenn das wirklich so wäre, das wäre schön. Für Sie.

Was Ihre Kolleginnen da über die Zustände in den Trainingslagern zu berichten haben, bezeichnen Sie in der Tiroler Tageszeitung als „üble Nachrede“. Ihnen tun „die Männer langsam leid“. Denn Sie finden: „Unsere Helden sollen auch unsere Helden bleiben!“

Ja, gewiss, es ist schwer, von Helden Abschied zu nehmen. Das geht nicht nur Ihnen so. Aber es ist offensichtlich noch schwerer, die Wahrheit zu sagen. Oder haben Sie ein so schlechtes Gedächtnis bzw. eine so blühende Fantasie?

Ich jedenfalls weiß, dass Sie lügen! Denn Sie sagen in dem Interview auch Folgendes: „Als ich 1971 an die Weltspitze fuhr, bekam ich jeden Monat von Alice Schwarzer einen Brief. Sie suchte Prominente, damit sie in Sachen Gleichberechtigung unterstützt wird.“

Liebe Annemarie Moser-Pröll, ich habe es seit Jahrzehnten mit Projektionen, Unterstellungen und Diffamationen zu tun. Und ich weiß, dass in keinem Bereich so viel gelogen wird wie in dem Bereich der Sexualgewalt. Aber ich käme gar nicht mehr zum Leben, wollte ich all das immer richtigstellen. Doch diesmal muss es sein. Sie lügen einfach zu dreist.

Und offen-
sichtlich noch schwerer,
die Wahrheit
zu sagen.

Denn erstens ist es nicht meine Art, „Prominenten“ zu schreiben, damit sie meine Sache unterstützen. Und zweitens und vor allem war ich 1971 ganze 28 Jahre alt, lebte in Paris und hatte gerade erst gelernt, dass man Feminismus mit F schreibt.

Und außerdem kannte ich Sie überhaupt nicht. Da ich mich wenig für Sport – und schon gar nicht für Skisport – interessiere, hatte ich keinen Schimmer, wer da an der „Weltspitze“ über den Schnee rast. Begegnet bin ich Ihnen zum ersten – und letzten – Mal in den 80er Jahren. Das war in einer Samstagabend-Spielshow von Blacky Fuchsberger. Und da musste ich mir vor Beginn der Sendung noch rasch erklären lassen, wer denn die Dame sei, mit der ich da auf der Bühne sitzen sollte. Ich kannte Sie einfach nicht.

Liebe Annemarie Moser-Pröll, Sie kennen sicherlich die Volksweisheit: Wer einmal lügt … Ja, wer einmal lügt.

Alice Schwarzer

PS: Um tausend Ecken erfahre ich gerade, es soll Rosi Mittermaier gewesen sein, mit der ich in der Spielshow bei Fuchsberger saß. Auch recht. Wie schon gesagt, ich kenne mich im Skisport nicht aus - und habe weder eine sehr deutliche Vorstellung von Rosi Mittermaier noch von Annemarie Moser-Pröll. Aber eines weiß ich: Dass ich Menschen, die ich nicht kenne, keine Briefe schreibe. Und für die von mir angezettelte Selbstbezichtigung der 374 Frauen im Stern, die am 6. Juni 1971 erklärt hatten: „Ich habe abgetrieben und fordere das Recht für jede Frau dazu“, habe ich damals von Paris aus nur einem einzigen Menschen geschrieben: nämlich Romy Schneider. Die kannte ich. Aber gewiss nicht Annemarie Moser-Pröll. Es bleibt dabei, Frau Moser-Pröll: Sie lügen.

Artikel teilen

Werdenigg: Sie schweigt nicht

Nicola Werdenigg: Das ist erst der Anfang! Foto: Heribert Corn
Artikel teilen

Sie ist so zierlich, nicht größer als 1,65, ihre unbändige Lockenmähne nicht mitgerechnet. Dabei hätte man sie sich wie ein Mannsweib vorgestellt. Sie, die den Machos im österreichischen Skisport Paroli bietet.

Nicola Werdenigg, ehemalige Skirennläuferin und Olympia-Vierte von 1976, war es, die letzten Herbst mit einem mutigen Interview in der Wiener Tageszeitung Der Standard das Tabu sexueller Übergriffe und Machtmissbrauch im österreichischen Skisport brach. Sie sprach darüber, wie zwei ihrer Kollegen aus dem Ski-Kader sie in den 1970er-Jahren zuerst betrunken gemacht und dann einer von ihnen sie vergewaltigt hatte. Sie erzählte von einer Kollegin, die erst vor ein paar Jahren sexuell belästigt und deren Fall vertuscht wurde, obwohl er ans Management des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) herangetragen wurde.

Ihr ist es zu verdanken, dass es in der Tiroler Kriminalpolizei jetzt eine eigene Taskforce zur Aufklärung von Übergriffen in den Skihauptschulen in Neustift und in anderen Tiroler Ausbildungsstätten gibt. Und dass der Mann, der als ehemaliger Leiter der Skihauptschule Jugendliche in den 1990er-Jahren jahrelang belästigt und missbraucht hatte, endlich suspendiert wurde. Er hatte danach eine steile Karriere in der Bildungsbürokratie gemacht.

Einer ihrer Kollegen aus dem Ski-Kader hatte sie vergewaltigt

Weg von den Kindern, dafür rauf in die Hierarchie oder Wechsel in eine andere Sportart, einen anderen Verband oder in ein anderes Land – nach diesem Muster überleben viele Belästiger im Umfeld des Spitzensports. Werdenigg wird man irgendwann auch zuschreiben, dass im Jahr 2017 die Macho-Strukturen im ÖSV endlich hinterfragt wurden und sich das Ende der 27-jährigen Ära von Präsident Peter Schröcksnadel abzeichnete.

Aber Werdenigg will mehr. Gemeinsam mit der Sportwissenschaftlerin und Psychologin Chris Karl gründete sie Anfang des Jahres den Verein „WeTogether“. Das „Institut zur Prävention von Machtmissbrauch im Sport“ soll als unabhängige Anlaufstelle für Opfer von Missbrauch jeder Form arbeiten. In Österreich, in Deutschland, in Europa. ­Jeder Fall wird protokolliert, für jede Person psychologische und juristische Betreuung ­gesucht. Die Vernetzung ist wichtig, damit Täter sich nicht nach oben oder jenseits der Grenze schummeln können. Wie so oft. ­Offizielle Unterstützung gibt es noch keine, Anerkennung durch die Politik auch nicht. Österreichs Sportminister ist Heinz-Chris­tian Strache, Chef der rechtspopulistischen FPÖ.

Nicola Werdenigg verstehen heißt, sich auf eine Reise zu begeben durch ein Leben, das weder Langeweile noch Stillstand kennt. Dass sie ihre persönliche Missbrauchsgeschichte öffentlich machen wollte, wusste sie schon vor einem Jahr, nachdem sie sie mit Hilfe einer Therapie aufgearbeitet und abgeschlossen hatte. Als im Herbst letzten Jahres die #MeToo-Bewegung weltweit Schlagzeilen machte und der alljährliche Skipatriotismuszirkus im Anlaufen war, spürte sie, dass es der richtige Moment war, um das Tabu zu brechen.

Ein doppeltes Tabu. Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch in totalitären Systemen, wie es der Spitzensport schnell sein kann, sind das eine. Das andere ist Österreich und sein Verhältnis zum Skisport. Die Siege im Winter sind patriotische Akte, Momente der Selbstvergewisserung, hochgejazzt vom staatlichen Rundfunk und den Boulevardmedien. Wer da „reinspuckt“, muss mit besonderem Widerstand rechnen.

Sie bricht ein doppeltes Tabu - der Widerstand ist groß

Auch Werdennig erlebte umgehend das, was Soziologen „Victim Blaming“, also Opfer-Beschämung, nennen. Man lasse sich nicht pauschal beschmutzen, sie solle Namen nennen, und zwar dalli, sonst gäbe es eine Anzeige, tönte ein offensichtlich überforderter ÖSV-Präsident Schröcksnadel. Inzwischen setzt er auf „konstruktive Aufarbeitung“. Denn noch mehr Negativ-Schlagzeilen kann die umstrittene Rechts-Regierung nicht gebrauchen.

Werdenigg stammt aus heimischem Skiadel. Ihre Mutter Erika, gerufen Rikki, war eine der bekanntesten Skisportlerinnen der Nachkriegsjahre; ihr Vater Trainer des österreichischen Damen-Ski-Nationalteams; ihr Bruder Uli Spieß erfolgreicher Rennläufer. Nicola wuchs im Zillertal auf, den Eltern gehörte eine der größten Skischulen Österreichs in Mayrhofen. Für sie prägend sind nicht nur die skifanatischen Eltern, sondern vor allem die Großmutter väterlicherseits. Die war, mitten im erzkonservativen Tirol, eine glühende Anhängerin des sozialdemokratischen Kanzlers Bruno Kreisky, las die Arbeiter-Zeitung und hatte etwas Widerspenstiges an sich, das der kleinen Nicola imponierte.

Die Enkelin hat jetzt immer zwei Handys in ihrer geräumigen Handtasche, die unentwegt läuten. Journalisten, die etwas wissen wollen; Freunde, die ihr Mut zusprechen; und Sportlerinnen und Sportler, die sie anrufen, um über ihren eigenen Missbrauch zu erzählen. Was endlich kein Tabu mehr ist.

Weiterlesen
 
Zur Startseite