Alice Schwarzer schreibt

Holocaust-Überlebende ermordet

Mireille Knoll, Französin und Jüdin, hatte die Nazis überlebt - und wurde in Paris ermordet.
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Die 85-jährige Französin und Jüdin hatte die Nazis überlebt: Sie floh mit ihrer Mutter nach Portugal und kehrte nach 1945 zurück. Ihr im Jahr 2000 gestorbener Ehemann hatte Auschwitz überlebt. Am Abend des 23. März wurde Mireille Knoll von der Feuerwehr in ihrer brennenden Wohnung gefunden: Ihr Körper war übersät mit elf Messerstichen und halb verkohlt.

Die mutmaßlichen Täter waren rasch gefasst. Es handelt sich um einen 28-jährigen Franco-Marokkaner, der mit seinen Eltern im selben zehnstöckigen Sozialbau im 11. Arrondissement von Paris lebt und um den Knoll sich seit Kindesbeinen liebevoll gekümmert hatte, sowie einen Kumpanen.

Der junge Mann drohte ihr mehrfach, sie
zu verbrennen

„Sie hat ihn behandelt wie ihren eigenen Sohn“, erklärte nach der Tat der leibliche Sohn des Opfers. Doch in der letzten Zeit habe der junge Mann ihr „mehrfach gedroht, sie zu verbrennen“. Darüber habe ein Familienmitglied auch die Polizei informiert. Hat die Polizei reagiert? Anscheinend nicht. In die brennende Wohnung im zweiten Stock kamen Feuerwehrleute nur, weil Nachbarn sie alarmiert hatten.

Mireille Knoll ist seit 2003 das elfte Opfer eines wieder aufflammenden Antisemitismus in Frankreich, der vor allem aus Kreisen von Nordafrikanern und Arabern kommt. Zuletzt war im April 2017 die 65-jährige Sarah Halimi von einem 27-jährigen Nachbarn einer Familie aus Mali zu Tode geprügelt und aus dem Fenster geworfen worden, unter lauten Allahu-Akbar-Rufen. Auch dieser Mord passierte im 11. Arrondissement.

Am Morgen desselben Tages erschoss der 25-jährige Franco-Marokkaner Radouane Lakdim in Trèbes vier Menschen. Lakdim war als radikaler Islamist polizeibekannt und von 2016 bis 2017 vom Verfassungsschutz beobachtet worden. Reporter, die nach der Tat in dem Vorort von Carcassonne recherchiert hatten, in dem Lakdim wohnte, waren von jungen Männern mit dem Tode bedroht und mit Steinen beworfen worden.

Wir stehen entfesselten jungen Männern gegenüber

Nur ältere Frauen in dem Viertel reagierten anders, berichtete ein Reporter von Le Parisien. Sie vertrauten dem Reporter ihre Ohnmacht an: „Diese Taten sind unverzeihlich. Das war wieder einer, der Hirnwäsche bekommen hat. Vielleicht im Internet, wo sie diesen Islam des Hasses lehren. Wir verstehen sie (die Jugendlichen) nicht mehr - und sie hören nicht mehr auf uns. Unsere Männer haben schon lange ihre Familien im Stich gelassen. Und wir stehen diesen entfesselten jungen Männern gegenüber.“

Die Täter kommen aus dem immer selben Milieu: zwischen Kleinkriminalität und islamistischer Hetze, verkündet im Internet und in radikalen Moscheen. „Sie alle verkehrten in einem von Judenhass durchtränkten, islamistisch aufgeladenen Milieu“, schreibt der deutsche Infodienst www.hagalil.com.

Elisabeth Badinter und Alice Schwarzer im Gespräch in Paris. © Michael von Aulock
Elisabeth Badinter und Alice Schwarzer im Gespräch in Paris. © Michael von Aulock

Ende Dezember hatte ich mit Elisabeth Badinter über das Problem des steigenden Antisemitismus für die FAS ein Gespräch geführt. Wir kamen beide zu dem Schluss, dass der Antisemitismus in Frankreich wie Deutschland solange verurteilt worden ist, wie er von rechts kam – dass aber über den seit Jahren steigenden Antisemitismus in islamischen Ländern und den muslimischen Communities mitten in Europa Schweigen herrscht. Es soll nicht sein, was nicht sein darf.

In Frankreich, wo die meisten Juden außerhalb von Israel und Amerika leben, steigt seit langem die Angst. Und selbst in Deutschland, wo aufgrund des Holocaust heute sehr viel weniger Juden leben, lassen sich antisemitische Ausfälle in Schulen und auf den Straßen nicht länger vertuschen.

Die Politik
muss diese Entwicklung stoppen

„Die Entwicklung in Frankreich ist ein Menetekel für unser Land“, klagte Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München, heute auf Facebook. „Das belegen alarmierende Erfahrungen in allen jüdischen Gemeinden. Die Politik in Deutschland muss diese Vorzeichen aus Frankreich nicht nur sehr ernst nehmen, sondern schnell und schlagkräftig alles daran setzen, diese Entwicklung bei uns noch rechtzeitig zu stoppen.“

In dem so besonders tragischen Fall von Mireille Knoll wird es aufschlussreich sein zu erfahren, wie aus dem kleinen Nachbarjungen, um den die alte Dame sich gekümmert hat, der Hasser wurde, der sie niedergestochen und angezündet hat. Es darf vermutet werden, dass die islamistische Judenhetze – immer begründet mit dem Leid, das Palästinensern vom Staat Israel angetan wird – dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Es ist anzunehmen, dass der Fall Knoll konsequent aufgeklärt werden wird. Über den Fall Halimi hatten Medien und Politik in Frankreich zunächst noch einen Mantel des Schweigens gebreitet, ja sogar das eindeutig antisemitische Motiv des Täters geleugnet. Jetzt wird das in Frankreich nicht mehr möglich sein.

Am Mittwoch protestierten Tausende
in Paris

Im 11. Arrondissement leben sowohl besonders viele Juden, wie auch besonders viele Nordafrikaner und Araber. Bis vor einigen Jahren gab es da „nur“ Zusammenstöße, wenn die Politik des Staates Israel und die Interessen der Palästinenser mal wieder eskalierten.

Doch inzwischen sind nicht einmal mehr alte Frauen wie Mireille Knoll oder Sarah Halimi in ihren Wohnungen vor dem selbstgerechten Hass und der Mordlust dieser verhetzten jungen Männer sicher.

Tausende gingen in Paris auf die Straße und protestierten gegen den virulenten Antisemitismus.
Tausende gingen in Paris auf die Straße und protestierten gegen den virulenten Antisemitismus.

Aktualisierung vom 29. März:

Am Mittwochabend gingen Zehntausende in Paris auf die Straße und protestierten gegen den virulenten Antisemitismus in Frankreich. Präsident Macron erklärte: „Mireille Knoll“ sei „ermordet worden, weil sie Jüdin war“.

Über die mutmaßlichen Täter weiß man inzwischen Folgendes: Der 28-jährige Yacine M. lebte als Kind und Jugendlicher im selben Haus wie Mme Knoll und verkehrte auch in ihrer Wohnung. Wegen einer „sexuellen Aggression“ gegen die Tochter der Krankenpflegerin von Mireille Knoll war Yacine vor einiger Zeit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, davon 14 Monate auf Bewährung.

Im Gefängnis lernt Yacine den 21-jährigen Alex C. kennen. Der beschuldigt ihn heute, Anstifter der Tat gewesen zu sein und, als er eingestochen habe auf die alte Frau, „Allahu Akbar“ gerufen zu haben. Die beiden jungen Männer behaupten, sie seien zunächst bei Mme Knoll eingebrochen, um sie zu bestehlen.

Der Schock über diese antisemitische Eskalation ist nicht nur bei den Juden in Frankreich groß.

Alice Schwarzer

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Badinter: Darum schweigen alle!

Foto: Imago/Leemage, Confédération des Juifs de Frande et des amis d'Israël
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Am 4. April 2017 drang der 27-jährige Kobili Traore aus Mali in dem Pariser Quartier Belleville gegen vier Uhr nachts in die Wohnung seiner Nachbarin Sarah Halimi ein. Er folterte die 65-Jährige fast eine Stunde lang (später werden rund zwanzig Brüche an ihrem Körper und im Gesicht festgestellt). Die Schreie von Sarah ­Halimi hallen durch das ganze Haus, längst haben Nachbarn die Polizei alarmiert. Drei Beamte sind angerückt und stehen vor der verschlossenen Wohnungstür der Frau. Sie bleiben untätig.

Nach etwa einer Stunde stößt Traore die sterbende Halimi aus dem Fenster im dritten Stock in den Innenhof. Dazu ruft er: „Allahu Akbar“ und „Das ist die Rache für mein Volk“. Danach betet er. Jetzt erst dringt die Polizei in die Wohnung ein. Traore lässt sich ohne Widerstand verhaften.

Der Mörder wird nicht ins Gefängnis, sondern als „psychisch gestört“ in die Psychiatrie eingewiesen. Obwohl sich herausstellt, dass Traore vielfach vorbestraft ist, Drogen und Gewalttaten, und dass er den Tag vor der Untat in einer als radikal-islamistisch bekannten ­Moschee im 11. Arrondissement verbracht hat.

Doch die Staatsanwaltschaft kann „kein antisemitisches Motiv“ erkennen. Frankreich steckt mitten im Wahlkampf. Die Medien werden über das Verbrechen an Sarah Halimi erst zwei Monate später, Ende Mai berichten. Und bis heute hat es keine öffentliche Debatte über den Fall gegeben – und schon gar keine öffentlichen Proteste.

Im Oktober ergriff die französische Philosophin und Schriftstellerin Elisabeth Badinter, deren jüdische Familie vom Holocaust betroffen war, in dem Magazin L’Express das Wort. Die 73-Jährige äußert sich zum ersten Mal in ihrem Leben öffentlich zum Antisemitismus.

PS: Am 4. Oktober wurden in dem Pariser Vorort Noisy- le-Grand antisemitische Parolen an das Haus einer ­jüdischen Familie geschmiert. Kurz zuvor hatten Mitschüler in Paris eine Zehnjährige krankenhausreif ­geschlagen. Begründung: Sie sei Jüdin.

Sie haben sich noch nie zum Antisemitismus geäußert. Warum tun Sie es heute?
Elisabeth Badinter Ausschlaggebend ist für mich das, was mit Sarah Halimi passiert ist. Das mediale und politische Schweigen über das Martyrium der Frau macht mir schwer zu schaffen. Ich habe nicht verstanden, wie Frankreich zwei Monate lang dazu schweigen konnte. Ich halte Frankreich nicht für antisemitisch, aber nach Sarah Halimi spüre ich das Bedürfnis zu reden.

Die Staatsanwaltschaft war zunächst ­zurückhaltend.
Man wusste sehr früh, dass die 65-jährige Frau geschlagen und aus dem Fenster gestoßen worden war. Zeugen haben Sätze gehört wie „Das ist die Rache für mein Volk“. Und da recherchiert die Presse nicht? Befragt nicht die Nachbarn? Am Anfang dachte ich sogar, es handele sich um eine Fake News – so ungeheuerlich war das Verbrechen, und vor allem dass niemand darüber sprach.
Im Mai 1990 sind 34 Grabsteine in Carpentras vandalisiert worden. Da haben 200.000 Menschen in Paris demonstriert, darunter Präsident Mitterand. 2006 hat die Folterung und Ermordung eines jungen Juden, Ilan Halimi, kaum noch Reaktionen hervorgerufen. Warum?
Ilan Halimi war von einer selbsternannten „Gang der Barbaren“ getötet worden mit dem Argument: „Juden haben Geld“. Die Täter waren keine Rechten, sondern Muslime. Die Linke sah also keine Notwendigkeit zu protestieren. Es gab keinen großen Schulterschluss von Republikanern und Universalisten wie früher, nur die jüdische Gemeinde protestierte.
In diesen 16 Jahren – zwischen Carpentras und dem Fall Ilan Halimi – ist für einen Teil der jungen Generation, und vor allem die Linken, der Antizionismus wichtiger geworden als der Antisemitismus. Das ist eine historische Zeitenwende. Seit der Affäre Dreyfus (1894) waren sich linke Kräfte mehr oder weniger einig in ihrer Kritik des Antisemitismus. Heute ist Israel für dieselben Kräfte das Böse an sich. Und alle Juden werden automatisch mit der Politik Israels in Verbindung gebracht. Daneben gibt es eine schweigende Mehrheit, die diese Übergriffe bedauert, aber keine Notwendigkeit sieht, dagegen zu protestieren.

Wie kann man sich das erklären?
Die häufigsten Gewalttaten gegen Juden werden heute von Islamisten begangen. Die Linke fürchtet die Stigmatisierung ­aller Muslime – und schweigt lieber, statt „Öl ins Feuer zu gießen“. Sie wollen auf der Seite der ärmsten Opfer sein, und die Muslime sind ihrer Meinung nach die neuen Verdammten dieser Erde. Lassen Sie mich klarstellen: Selbstverständlich sind auch arabo-muslimische Franzosen Opfer von Rassismus, was man in aller Entschiedenheit verurteilen muss. Und selbstverständlich kann man auf keinen Fall alle Muslime des Antisemitismus ­bezichtigen. Das versteht sich von selbst. Aber wie kann man das Schweigen der Linken nach Ilan Halimi, Mohamed ­Merah und Sarah Halimi erklären?

Und die Intellektuellen?
Muslimische Intellektuelle haben in Frankreich am 26. Juli 2016 ein Manifest veröffentlicht. Das war ein guter Text, über die Notwendigkeit der Reform des Islam in Frankreich und ihre eigene Verantwortung. Aber in der Liste der von ihnen aufgezählten Opfer der letzten Jahre – Karikaturisten, feiernde Jugendliche, ein Polizisten-Ehepaar, Kinder; die Frauen und Männer, die den 14. Juli feierten; ein Priester, der die Messe zelebrierte – da fehlten die jüdischen Opfer: die im ­Supermarkt Hyper Cacher (am Tag des ­Attentates von Charlie Hebdo) oder die von Merah.
„Ein bedauerliches Versehen“, hieß es anschließend. Aber so ein Vergessen hat eine Bedeutung. Man vergisst keine Rendez-vous d’amour, aber man vergisst manchmal den Termin bei einem Zahnarzt. Dann hieß es, man habe die Juden vermutlich nicht erwähnt, um die Mehrheit der Muslime nicht vor den Kopf zu stoßen.

Wenn vom Antisemitismus die Rede ist, ist oft zu hören, dass die jüdische Gemeinde „übertreibe“ bzw. „dramatisiere“. Was meinen Sie?
Erinnern Sie sich an die propalästinensische Manifestation im Juli 2014? Da hörte man Rufe wie „Juden raus!“ und „Tod den Juden!“ Hat man jemals solche Rufe über eine andere Kategorie Franzosen gehört? In so manchen Quartiers ist man heute besser kein Jude. Und Rektoren öffentlicher Schulen schicken inzwischen jüdische Kinder „aus Sicherheitsgründen“ auf jüdische Schulen. Man hält den Antisemitismus für ein Problem der Juden. Aber ich sage meinen Mitbürgern: Lasst die Juden in diesem Kampf nicht allein! Sonst haben wir ihn schon verloren.

Das hier gekürzte Interview erschien in dem Wochenmagazin L‘Express

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