Alice Schwarzer schreibt

Silvester: die Hintergründe

Artikel teilen

Jüngst war ich in Algerien. Um Freunde zu besuchen. Aber auch, um zu erfahren, wie man das Flüchtlingsdrama und die Silvesternacht eigentlich von Algerien aus sieht. Denn die Horrornacht von Köln wird im Ausland bis heute leidenschaftlich diskutiert: als „Kulturschock“, eine Wende, nach der nichts mehr ist wie vorher. Und in der Tat, auch in Algerien sind die Menschen fassungslos, mehr noch: Es ist ihnen peinlich. Sie schämen sich für ihre Landsleute.

Anzeige

Mounia: "Es ist beeindruckend, wie großzügig Merkel ist - aber ist sie nicht etwas naiv?"

Am Samstagvormittag hatten Kollegen für mich eine Führung in der Kasbah organisiert, der Altstadt von Algier. Die wurde seit dem 16. Jahrhundert von den vor der spanischen Inquisition geflüchteten „Ungläubigen“ und Juden bevölkert. Ihre festungsartigen Häuser, verwinkelten Gassen und Treppen spiegeln die Geschichte des Landes.

Im algerischen Befreiungskampf gegen die französischen Kolonialherren versteckten sich hier in den 1950er Jahren die Resistance-Kämpfer und flüchteten von Dach zu Dach; in den so genannten „Schwarzen Jahren“ in den 1990ern, in denen das von Islamisten angezettelte Massaker 200 000 Menschen das Leben kostete, bildeten Kasbah-Bewohner eine eigene Bürgerwehr und holten nachts die marodierenden und mordenden Fundamentalisten aus den Betten.

An diesem friedlichen Samstagmorgen im April 2016 schien die Sonne, der Himmel über „La Blanche“ war strahlend blau, das Brot duftete, und nur die wenigen Bärtigen, die in langen Fundi-Gewändern durch die Gassen huschten, sahen mich finster an. Alle anderen freuten sich über den Besuch. Denn in das so schöne Algerien mit seinen Traumstränden und dramatischen Landschaften wagen sich heute kaum noch Touristen.

Mounia, meine Führerin, erwartete mich oben auf dem Hügel, neben einem der zerfallenen Paläste mit ihren Harems (in denen die Herrscher sich nicht etwa ein paar Dutzend, sondern jeweils ein paar hundert Frauen hielten). Mounia, arbeitslose Akademikerin, Mitte 40 und Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter, in Hosen, einem leichten Mantel und mit Kopftuch (die Tochter ist unverschleiert), hatte einen sehr selbstbewussten Auftritt. Ihre ersten Worte nach der Begrüßung der Deutschen waren: „Ich bewundere Merkel! Was für eine fantastische Frau! Großartig, wie selbstbewusst sie zwischen den anderen Staatschefs auftritt! Und wie sie angezogen ist! Toll! Was für ein Vorbild für uns Frauen!“

Die Täter der Silvesternacht waren nicht
“die Muslime“ von nebenan.

Ich nahm die Komplimente stellvertretend und dankend entgegen. Und dann ging es los, durch die Gassen und auf die Dächer (auf denen sich früher traditionell das Leben der ans Haus gefesselten Frauen abspielte). Irgendwann kamen wir auf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu sprechen. Da zögerte Mounia leicht, und dann sagte sie: „Ich finde es beeindruckend, wie großzügig sie ist – aber ist sie nicht ein bisschen naiv? All diese Flüchtlinge, das könnt ihr doch gar nicht verkraften. Und wer weiß, wer da alles nach Deutschland kommt.“

Ja, wer weiß. Ein bisschen wissen wir es inzwischen. Es kommen hunderttausende Frauen, Männer und Kinder auf der Flucht vor Krieg und Gewalt. Aber es kommen auch andere. Die zum Beispiel, die sich in der Silvesternacht allein in Köln auf mindestens 627 Frauen gestürzt haben (so viele Anzeigen sind inzwischen eingegangen). Die heute 130 Beschuldigten sind alle Ausländer (plus drei Männer deutscher Nationalität): 42 sind Marokkaner, 39 Algerier und neun Syrer. Und ausnahmslos alle sind entweder Asylsuchende oder Illegale.

Das hat auch mich überrascht und mir keine Ruhe gelassen. Ich habe angefangen zu recherchieren, weit über die Berichterstattung in EMMA hinaus. Ich habe mit Frauen gesprochen, die heute noch unter Schock stehen, wenn sie darüber reden – darunter eine Familienmutter, die mit ihrem 14-jährigen Sohn und ihrer 15-jährigen Tochter fast eine halbe Stunde lang in dem Inferno der Bahnhofshalle steckte. Ich habe die Erkenntnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft Schritt für Schritt verfolgt. Und ich habe mich entschlossen, ein Buch über diese Nacht zu machen, über die Hintergründe und die Folgen. „DER SCHOCK“ ist gerade im Druck und wird am 12. Mai erscheinen.

Welche Schlüsse müssen wir daraus für die Zukunft ziehen?

Für dieses Buch habe ich mehrere arabische und türkische KollegInnen um Mitarbeit gebeten, sowie eine Islamwissenschaftlerin, die das doppelzüngige, rückwärts gewandte Agieren des „Zentralrates der Muslime“ analysiert – der ist skandalöserweise bis heute der Hauptgesprächspartner für Medien wie Politik. Und selbstverständlich sind auch zwei Algerier als AutorInnen im SCHOCK vertreten.

Nein, die Täter der Silvesternacht waren nicht „die Araber“ oder “die Muslime“ von nebenan. Es war die Sorte Mann, für die die Scharia über dem Gesetz steht und die Frau unter dem Mann. Und sie hatten sich verabredet. Das sagt inzwischen auch der (neue) Kölner Polizeipräsident. Im SCHOCK geht es um die wahren Gründe, die zu dieser Nacht geführt haben – und um die Schlüsse, die wir daraus für die Zukunft ziehen müssen. Es ist hoffentlich ein Buch geworden, das auch die Billigung von Mounia in Algier finden würde.

Alice Schwarzer

Weiterlesen
Alice Schwarzer (Hg).: „DER SCHOCK – die Silvesternacht von Köln“ (KiWi, 7.99 €). Im EMMA-Shop

 

Artikel teilen
 
Zur Startseite