„Die Kritik einer Frau schmerzt“
Bei der Vorstellung Ihres Buches „Feminismus pur. 99 Worte“ im Hamburger Schauspielhaus kam es zu lautstarken Protesten. Wie gehen Sie mit den Vorwürfen um, Sie diskreditierten Trans-Menschen, würden sich gegen die Selbstbestimmung des Menschen stellen und alten Geschlechterbildern nachhängen?
Ich setze mich mit den Vorwürfen seit Jahren detailliert auseinander. 2022 habe ich sogar ein ganzes Buch zu dem Thema veröffentlicht („Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“). Das Thema ist auch eines der 99 Worte im Buch. Und da ist zu lesen, dass ich seit 1983 für eine Akzeptanz der extremen Minderheit Transsexueller bin. Seit einigen Jahren aber grassiert in der ganzen westlichen Welt ein regelrechter Hype um Transsexualität, vor allem bei den jungen Mädchen. Wenn sie irritiert sind über die Frauenrolle, verständlicherweise, sich also als Mädchen unwohl fühlen, wird ihnen suggeriert, dann seien sie eben ein Mann! Die Folgen sind: Personenstandswechsel, schwere Hormongaben und nicht selten sogar eine Brustamputation. Und das ist eine sehr ernste Sache!
Es gab schon vorab einen Brief von 340 Theatermachern, die Ihren Auftritt kritisierten. Empfinden Sie das als eine Kampagne – oder ist es Ausdruck einer Debatte, die offene Meinungsfreiheit kaum zulässt?
Eher zweiteres. Die meisten Betroffenen schweigen aus Angst. Aber wir müssen endlich darüber reden: Es gibt für Intellektuelle an Universitäten und in Verlagen seit einigen Jahren massive Einschüchterungen. Das grassiert in der ganzen westlichen Welt, auch in Deutschland. Das kommt von der sogenannten Woke-Bewegung. Die behaupten von sich, die Stimme der Jugend zu sein. Sie sind: pro Kopftuch, pro Prostitution und pro Trans. Auch die Medien lassen sich davon beeindrucken.
Sie haben im neuen Buch zu 99 Stichworten, die Ihnen wichtig sind, kürzere Texte geschrieben. Haben Sie dabei auch über sich selbst noch mal etwas Neues erfahren?
Ja, schon. Ich musste über etliche Themen neu nachdenken, die sehr persönlich sind – wie Liebe und Freundschaft. Auch darum habe ich mich in einemText auch meinem früheren Lebensgefährten Bruno gewidmet.
Bruno kam ja auch schon in Ihrer Autobiografie vor. Ist er jetzt wieder wichtiger geworden?
Ja. Es gibt diese turbulente Mitte des Lebens, in der man sich trennt und so weiter. Aber mit einigem Abstand ist sein zentraler Platz jetzt ganz klar.
Der Titel des Buches ist „Feminismus pur“. Gibt es denn auch so was wie einen Feminismus light? Oder ist das dann kein Feminismus mehr?
Ja, leider gibt es heutzutage sehr viel Feminismus light – und bei näherem Hinsehen ist das dann nicht selten eigentlich Antifeminismus. Man kann einfach nicht alles zum Feminismus erklären.Wenn jemand wie die Rapperin Shirin David sagt, ich bin Feministin, dann ist das vielleicht lieb gemeint; aber es wäre gefährlich, das durchgehen zu lassen. Ich kritisiere sie nicht als Person, sondern ihre Botschaft. Feminismus, das ist eine stolze Theorie und Praxis seit über 200 Jahren. Dafür – für uneingeschränkt gleiche Rechte und Pflichten! – ist Olympe de Gouges schon 1793 aufs Schafott gestiegen und sind deutsche Feministinnen 1933 ins Exil geflüchtet.
Ihr Verlag hat das Buch als ein Mosaik eines Weltbildes angekündigt. Das ist ein bisschen pompös, oder?
Es klingt in der Tat ein bisschen sehr groß. Doch ich denke schon, dass ich damit meinen Horizont abgesteckt habe. Aber ich wollte das im Kleinen definieren.
Das Buch beginnt mit dem ersten Buchstaben des Alphabets. War es schwierig, über „Altfeministinnen“ zu schreiben?
Das ist mir überhaupt nicht schwergefallen. Im Gegenteil! Weil man darüber reden muss. Es gibt eine Altersdiskriminierung in unserer Gesellschaft, die ist hemmungslos. Jüngst wurde ich in einem TV-Interview von einem jüngeren Mann allen Ernstes gefragt, ob ich junge Frauen beneiden würde? Man muss sich erst mal die Dreistigkeit dieser Frage vorstellen! Die stellt man einer 83-Jährigen ins Gesicht. Sollte ich damit beschämt werden, so alt zu sein? Eine Frau wie ich, die ihr Leben mehr als satt gelebt hat und noch lebt, die beneidet doch nicht junge Frauen, sondern die macht sich Sorgen um die jungen Frauen. Die sieht all die Fallen und Gefahren und würde gerne aus ihrer eigenen Erfahrung dazu beitragen, dass einiges den jungen Frauen erspart bleibt.
Ihre letzten Stichworte im Buch sind der Selbstzweifel und die Selbstkritik. Wie gehen Sie mit Kritik um, die unberechtigt ist? Haben Sie ein dickes Fell?
Ja, ich habe ein sehr dickes Fell! Und es kommt immer darauf an, von wem die Kritik kommt und in welcher Form. Wobei für eine Feministin und auch für mich ganz persönlich die Kritik von Frauen härter ist. Das ist ganz klar. Die Kritik einer Frau schmerzt, weil man ja doch will, dass sie eine Gleiche ist und man zusammen nach vorne geht.
Kritik treibt Sie nachts also nicht um?
Nein, um Gottes willen, da gäb‘s mich ja gar nicht mehr.
Ein Stichwort in Ihrem Buch hat mich überrascht; eins habe ich vermisst. Überrascht hat mich die Handtasche.
Witzigerweise habe auch ich ein Faible für Handtaschen. Also ich habe eindeutig zu viele Handtaschen inmeiner Kleiderkammer, aber ich würde natürlich nie Prada und so einen Quatsch kaufen. Aber mir ist das irrationale Verhalten von Frauen mit ihren Handtaschen aufgefallen. Wie sie sich damit rumschleppen und was sie alles darin reinstopfen. Und dann sind die Handtaschen der Frauen auch immer etwas Geheimnisvolles; sie geben sie auch nie ab. Als hätten sie das Gefühl, man würde darin sonst was entdecken.
Und vermisst habe ich das Stichwort Kirche.
Das wäre mir zu groß gewesen für ein Stichwort. Ich sehe ja, wie die katholische Kirche in Deutschland sich bemüht, das Thema Missbrauch nach hinten und das Thema Frauenordination irgendwie nach vorne zu bringen. Ich glaube nur, dass das hoffnungslos ist. Ich halte die Kirche für einen sehr soliden Männerladen, in der Frauen Fremdkörper wären.
Woran glaubt denn Alice Schwarzer?
Ich bin ein Kind der Aufklärung, eine Tochter des Düsseldorfers Harry Heine, ich glaube an das Verstehen und an das Wissen.
Und worauf hoffen Sie?
Ich hoffe auf ein Ende der Kriege. Ich bin wirklich fast entmutigt, was nicht meine Art ist, zu sehen, was jetzt in der Welt los ist. Das ist unglaublich. Und wie selbstverständlich wir Kriege wieder feiern, wie wir wunderbare Panzer herstellen und Milliarden ausgeben. Auch die Militarisierung der Gesellschaft beunruhigt mich sehr. Ich hatte eigentlich gehofft, es ginge in eine andere Richtung. Es ist wirklich zum Verzweifeln. Sie waren 1979 im Iran, haben erlebt, wie das Regime von Schah Reza Pahlavi gestürzt wurde.
Wie nehmen Sie im Moment die Situation im Iran wahr? Und haben Sie noch Kontakte zu einigen Menschen dort?
Ich habe immer den Kontakt zum Iran gehalten, vor allem auch zu den Frauen und Nasrin Sotoudeh, der Menschenrechtlerin, der ich 2023 meinen „Heldinnen Award“ verliehen habe und die daraufhin aufgrund der internationalen Berichterstattung zwei Tage später aus dem Gefängnis freigelassen wurde. (Anm.: Inzwischen wurde Nasrin Sotoudeh wieder inhaftiert. Sie sitzt seit dem 2. April im Evin-Gefängnis, genauso wie ihr Ehemann Reza Khandan.) Man kann also durchaus hier und da etwas tun. Im Moment aber bin ich doch sehr bedrückt, weil ich gar keine Perspektive für den Iran sehe. Ich trauere zwar nicht dem Ajatollah hinterher, am Ende aber bleibt die Frage: Wo führt das eigentlich hin? Es gibt keine Opposition im Land, keinen Aufstand, kein Aufbegehren der bewaffneten Sicherheitskräfte. Amerika hat gebombt wie so oft, aber offensichtlich ohne Plan. Und ich fürchte, es könnte im Iran zu einem Bürgerkrieg kommen. Denn es gibt eine tiefe Kluft zwischen den Städtern und der Landbevölkerung, von der wir wenig erfahren. Die Lage der Frauen im Iran wird sich jedenfalls, so fürchte ich, auf absehbare Zeit nicht ändern.
Sie sind eine überzeugte Pazifistin. Hätte es denn Ihrer Überzeugung nach einen anderen Weg als den militärischen gegeben, das Regime ernsthaft zu bedrohen? Sie haben den Islamismus mal einen Faschismus des 21. Jahrhunderts genannt. Und ohne Krieg wäre der deutsche Faschismus nie besiegt worden.
Auch ich hatte eine Stimmung der Erleichterung, als diese Verbrecher erledigt waren. Aber wenn man dann einen Moment besonnen nachdenkt, erkennt man, dass es überhaupt keine strukturierte Opposition im Iran und auch keine strukturierte iranische Opposition im Ausland gibt.
Der Sohn des Schahs vielleicht …
… er ist das einzige Gesicht der Opposition. Eine tragische Pointe. 47 Jahre nachdem das iranische Volk den autokratischen Monarchen verjagt hat, ist sein Sohn der einzige Hoffnungsträger. Ich glaube durchaus, dass der Schah-Sohn lautere Absichten hat. Doch die iranische Opposition hat es leider nicht geschafft, irgendwas auf die Füße zu stellen. Insgesamt bin ich darum nicht optimistisch.
Darf man sich Alice Schwarzer als eine glückliche Frau vorstellen?
Absolut. Also glücklich im Sinne eines erfüllten, sinnvollen Lebens. Doch, das kann ich uneingeschränkt von mir sagen.
Das Gespräch führte Lothar Schröder für die Rheinische Post.
DAS GESPRÄCH.

