Alice Schwarzer schreibt

Die Kanzlerin verneigt sich

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Erinnern wir uns, wie es anfing, 2001, nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Das war auch ein US-Import. Denn da fiel dem US-Präsidenten Bush plötzlich ein, die unterdrückten Frauen in Afghanistan müssten dringend befreit – und bei der Gelegenheit auch Bin Laden dingfest gemacht werden. Bin Laden trotzt bis heute erfolgreich der Weltmacht. Und von den Frauen redet inzwischen noch nicht einmal mehr die Kanzlerin. Sie behauptet zwar, in Afghanistan hätten „Frauen heute mehr Rechte als früher“ und könnten „Mädchen zur Schule gehen“ - was wunderbar wäre, aber vermutlich eine Illusion ist. Doch selbst wenn es so wäre, fuhr die Kanzlerin fort, „rechtfertigt das unseren Einsatz nicht“.

Wohl wahr, denn dann hätten wir bereits in den 1980er Jahren in Iran und Pakistan einmarschieren müssen. Und in alle Länder, die unter islamistischem Terror sind. Ganz zu schweigen davon, dass innere Gerechtigkeit selten durch Intervention von außen zu diktieren ist. Parteiübergreifend – und mit Blick auf die SPD – zitierte die Kanzlerin zustimmend den SPD-Ex-Verteidigungsminister Struck mit den Worten: „Unsere Freiheit wird am Hindukusch verteidigt.“ Doch auch das ist falsch. Denn die erste massive Unterwanderung des Westens durch die „Gotteskrieger“ verdanken wir dem 1999 von Rotgrün befürworteten Kosovo-Krieg. Und die bisher gefährlichsten potenziellen Terroristen in Deutschland, die Konvertiten der so genannten Sauerlandgruppe, planten ihre Anschläge nicht trotz sondern wegen der Kriege in Afghanistan oder Irak. Denn, wie Experten seit Jahren warnen: Für jeden toten Gotteskrieger stehen zwei neue Kämpfer auf. Nichts dient der weltweiten islamistischen Propaganda so, wie die vom Westen geführten Kriege im Namen der „gerechten Sache“.

Nein, diese Kriege haben wenig mit der Verteidigung von Menschenrechten und Demokratie zu tun und viel mit ökonomischen und geopolitischen Interessen. Und ob sie geführt werden oder nicht, entscheiden die USA – und wir gehorchen unserem lieben „Bündnispartner“. Muss wirklich daran erinnert werden, dass Deutschland damit einem Bündnispartner folgt, der in den vergangenen Jahrzehnten wenige Gelegenheiten verpasst hat, sich jenseits seiner nationalen Grenzen zu irren? Ich rede noch nicht einmal von Vietnam. Ich rede von den 1980er Jahren, in denen die USA die islamistischen Terroristen mit Geld und Waffen unterstützte, um die Sowjetunion mit dem so genannten „grünen Gürtel“ einzukreisen. Grün ist die Farbe der islamistischen Gotteskrieger. Die Rechnung ging auf: Die Sowjetunion musste nicht nur wegen der ökonomischen Misere in die Knie gehen, sondern auch, weil sich die grüne Schlinge immer enger um sie zog (und weiter zieht).
In Afghanistan jagten die vom Westen aufgerüsteten Taliban die sowjetischen Besatzer zum Teufel – und handelten uns so den Belzebub Islamisten ein. Und das Land des vom Westen zunächst hofierten und dann dämonisierten Saddam Hussein - in dessen weltlich regiertem Irak vor dem Krieg übrigens mehr Frauen studierten als Männer - gilt heute als Drehscheibe des östlichen Islamismus. In Afghanistan - wo vor dem Krieg die Frauen in den Städten so wenig Kopftücher trugen wie in Berlin oder Zürich - sind die Taliban seit einigen Jahren wieder in der Offensive. Und die Frauen unter der Burka.

Angefangen hat Deutschland mit den „gerechten Kriegen“, die immer vor allem das Leben der Anderen kosten, 1999 im Kosovo. Die rotgrüne Regierung ließ einmarschieren – eine schwarze Regierung hätte das in Deutschland wohl niemals durchbekommen – um „ein zweites Auschwitz zu verhindern“ (Außenminister Joschka Fischer). Und obwohl bekannt war, dass die albanische UCK längst islamistisch unterwandert war, hievte man sie an die Macht – und sah die UN tatenlos zu, als die „befreiten“ Albaner den Serben sowie den Sinti und Roma gleich mit den Garaus machten.

In Afghanistan sind heute insgesamt 70.000 internationale SoldatInnen stationiert. Deutschland hat 6.600 Soldatinnen und Soldaten in elf „Auslandsmissionen“, wie es so nett heißt. Diesen Soldaten würde die Kritik im eigenen Land am Krieg das Leben in den Krisengebieten nur noch schwerer machen, heißt es. Sie bräuchten unsere Unterstützung, also eine uneingeschränkte Bejahung ihrer „Mission“.

An was erinnert uns das? War es nicht bei allen Kriegen so? Wurde Soldaten nicht immer schon erzählt, sie seien Helden im Dienste der guten Sache und würden für uns ihr Leben lassen? Werden die KriegsgegnerInnen nicht immer als Träumer verlacht? Und kommen Besinnung und Reue nicht immer zu spät?

Die Anzahl der Toten in den beiden Irak-Kriegen wird in Amerika heute auf zwischen 180-655.000 Toten geschätzt, darunter 4.387 tote GIs und 318 weitere Soldaten. Warum die Zahl so extrem schwankt? Weil die Anzahl der toten Iraker und Irakerinnen die "Befreier" herzlich wenig interessiert und die Bush-Regierung ein Interesse daran hatte, die Folgen runterzuspielen.

Wer denkt eigentlich wirklich an die Toten und die Traumatisierten? Allein in Afghanistan sind es bisher 1.728 Tote auf der Seite der UN – und Abertausende, Soldaten wie Zivilisten, auf afghanischer Seite. Gerade appellierten hundert afghanische und internationale Hilfsorganisationen „mit großer Sorge“ an die Schutztruppe ISAF und die US-geführte „Anti-Terror-Koalition“: Noch nie war der Krieg in Afghanistan so blutig wie heute, noch nie gab es so viele zivile Opfer. Dabei weiß niemand, was wir da eigentlich wirklich tun, niemand durchschaut die Strukturen und Interessen in diesem Land. So kann zum Beispiel keiner ausschließen, dass die afghanischen Soldaten und Polizisten, die wir heute ausbilden, nicht morgen schon an der Seite der Taliban ihr Gewehr auf ihre Ausbilder richten.

Unsere Soldaten seien „Opfer hinterhältiger Anschläge“ geworden, sagte SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel in der Aussprache. Merke: Die Anderen sind immer „hinterhältig“, wir aber haben immer edle Motive. Doch Gabriel sagte auch: „Wir dürfen uns nicht an tote Soldaten gewöhnen.“ Ein wahres Wort. Aber welche Konsequenz zieht die SPD daraus? Der SPD-Vorsitzende: „Wir wollen das Mandat nicht ändern. Wir fordern aber die Überprüfung des Mandats vor der Entscheidung zur Verlängerung in einem Jahr.“ Warten wir also erstmal ab. Die NRW-Wahlen? Die Stimmung im Wahlvolk? Oder beides? Eines ist sicher: Derweil wird weiter gestorben.

In dem gerade erschienenen Buch „Ich krieg mich nicht mehr unter Kontrolle“ berichten Kriegsheimkehrer der Bundeswehr von ihrer Verstörung, und wie sie durch den Krieg aus der Welt gefallen sind. Auch zuhause verändert sich durch den Einsatz vieles. Die selbstständig gewordenen Frauen trennen sich von den irritierten Männern. Und die existenzielle Realität des Krieges überschattet den Alltag der Ex-Soldaten auch im Frieden.

Am Vietnam-Krieg, so weiß man heute, starben mehr GIs durch Selbstmord als an der Front. Die schockierende Zahl von 58.000 Veteranen überlebten zwar den Krieg in Vietnam, aber nicht seine Nachwehen zuhause. Eine ähnliche Selbstmordwelle unter US-Soldaten wird in Folge der Irak- und des Afghanistan-Krieges festgestellt. Amerika ist so alarmiert, dass man ein Gesetz für "Suizid-Prävention" nach Auslandseinsätzen plant.

Krieg befriedet nicht, sondern brutalisiert. Und zwar alle Beteiligten, Angreifer wie Angegriffene. An letzter Stelle der Opfer stehen die Frauen und Kinder, die nicht nur den Angreifern wehrlos ausgeliefert sind, sondern auch den gebrochenen und brutalisierten eigenen Männern und Vätern, wenn die Kämpfe vorbei sind. Für sie geht der Krieg weiter.

Experten schätzen: Jeder vierte Soldat, jede vierte Soldatin kommt traumatisiert aus Afghanistan zurück. Und was passiert? Wenig bis nichts. Dabei ist es relativ neu, dass von den traumatisierten Soldaten überhaupt geredet wird – die Soldatinnen schweigen bisher ganz. Sie gehen vermutlich davon aus, dass sie es sich als Frauen schon gar nicht erlauben können, unter dem Krieg zu leiden. Sonst heißt es gleich wieder: Krieg ist eben Männersache.

Und noch etwas erzählen die befragten Soldaten: Dass sie in Afghanistan ungern in amerikanischen Konvois mitfahren. Denn das sei nicht nur sehr gefährlich, sondern auch sehr bedrückend. Das soll im Kosovo noch anders gewesen sein. Doch jetzt scheinen die Amerikaner – die von noch weiter herkommen und deren Boys und Girls noch weniger wissen, warum sie da sind – besonders abgestumpft und brutal mit Einheimischen zu verfahren. Denn in der Mehrheit der Fälle gehen gerade die US-SoldatInnen natürlich nicht in den Krieg, um die Demokratie zu retten, sondern aus beruflicher Perspektivelosigkeit. Und auch bei so manchem europäischen Soldat mag das ein Motiv sein.

Nein, ich verneige mich nicht in Hochachtung vor unseren SoldatInnen – ich bin entsetzt über das unnötige Leid. Nur, weil wir aus einem Bündnis nicht rauskommen, das leichtfertig einen sinnlosen Krieg angezettelt hat – und dort eines bitteren Tages noch mehr verbrannte Erde hinterlassen wird, als schon vorgefunden wurde – nur darum müssen heute auch Deutsche wieder ihr Leben und ihre Seelenruhe in „kriegsähnlichen Verhältnissen“ riskieren.

Und ein deutscher Hauptfeldwebel kann unter allgemeinem Beifall in den Medien erklären: „Ja, ich habe ihn erschossen. Er oder ich.“ Hoffen wir nur, dass er den Richtigen getroffen hat - falls es den Richtigen zum Töten überhaupt gibt. Und hoffen wir auch, dass diesen Hauptfeldwebel das Töten nicht in seinen Alpträumen verfolgt – oder er sich eine so radikale Lösung von Konfliktsituationen angewöhnt. Wie diese durchgeknallten GIs, die zu Hause weiter morden und Amerika zu recht zutiefst beunruhigen.

Übrigens: In der im Fernsehen übertragenen Regierungserklärung der Kanzlerin zu Afghanistan und der darauf folgenden Debatte war fast immer nur entweder eine Pro-Krieg klatschende Mehrheit zu sehen (CDU/CSU und SPD) oder eine Anti-Krieg trotzig schweigende Minderheit (Die Linke – die Grünen waren kaum im Bild). Als sei die Haltung zum Afghanistan-Konflikt eine Lagerfrage. Dabei ist die Mehrheit der Deutschen längst gegen diesen Krieg – unabhängig von Parteipräferenzen.

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