EMMA 2/2002
Hommage an Hilde
Sie war meine erste Liebe. Lange vor Jimmy. Da saß ich in Reihe drei, zu einszehn im Modernen Theater. In der Hand eine süßsaure Gurke aus dem Kaufhof, zu dreißig Pfennig, lose. Damals zählten noch die Pfennige. Und die Jahre. Die Filme waren ab zehn, ich aber war erst acht oder neun. War mein erster Knef-Film "Die Mörder sind unter uns" oder "Alraune" oder gar "Die Sünderin"? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich den ganzen Nachmittag lang (14-Uhr-Vorstellung) nur auf eines lauerte: auf sie! Wie sie sich bewegte, wie sie redete - wunderbar!
Zu Hause war sie auch im Gespräch. Klar, schließlich komme ich aus einer Cineastinnenfamilie. Drei Filme, das war der Wochendurchschnitt meiner Großmutter. Am Wohnzimmertisch waren die Stars mit von der Partie: Elisabeth Bergner, Brigitte Horney oder Marlene Dietrich. Das verzeihen die Deutschen ihr nie, dass sie nach Amerika gegangen ist, pflegte meine Großmutter zu sagen. Genauso wenig wie der Dietrich. Und als die Knef dann Triumpfe als Ninotschka am Broadway feierte, da hieß es bei uns: Das werden sie ihr auch nicht danken, dafür sind sie viel zu spießig.
Es war die hohe Zeit des Försters im Silberwald, die falsche Zeit für eine wie Knef. Weltstar hätte sie werden können, aber es war eben nicht der Moment für so eine. Dieses Androgyne, bei aller Weiblichkeit. Dieses Starke, bei aller Verletzlichkeit. Dieses Intellektuelle, bei aller Leidenschaft. "Eine Marlene Dietrich für intelligente Männer" hat die Knef mal einer genannt. Für intelligente Frauen auch.
Doch wie das so ist mit den Jugendlieben: Ich habe sie aus den Augen verloren, bin untergetaucht in all den Elvis', Jimmys und Anthonys. Aber im Augenwinkel habe ich sie weiter verfolgt. Und zunehmend mehr von ihr begriffen.
1925 geboren und bei einem geliebten Großvater aufgewachsen. Als Kind einsam und zunehmend verzweifelt. Auf der Flucht trägt die 19-Jährige eine Soldaten-Uniform ("Sollte ich warten, bis ich vergewaltigt werde?") und kommt zusammen mit 40.000 deutschen Männern in russische Gefangenschaft. Als einzige Frau. Spätestens da wird sie gelernt haben, die Stimme, mit der sie später "der größte Sänger der Welt ohne Stimme" wurde (Ella Fitzgerald), so runterzudrücken.
Gleich 1946 spielte die Ex-Ufa-Schauspielerin dann in den noch rauchenden Trümmern von Berlin mit dem damals interessantesten Regisseur, mit Wolfgang Staudte. Sie ist die Frau in "Die Mörder sind unter uns", wo es vor allem um einen Mann geht. Schon da ging es los mit der Brechung der spröden, androgynen Schönheit.
Staudtes Story: Ein deutscher Soldat wird mit der Schuld nicht fertig, zugesehen zu haben, wie seine Kameraden in Russland Widerständler exekutieren. Der Mann quält sich bis zum bitteren Ende, und noch nicht einmal Hildegard, die die gemeinsame Trümmerwohnung fegt und ihm mit vorgebundener Schürze das Essen serviert, kann den Verstörten retten. Nur ganz en passant und wie zufällig erfahren wir, dass sie ihrerseits eine KZ-Überlebende ist - was weder mit ihm, noch überhaupt weiter thematisiert wird. Unser Mitgefühl gilt dem Mann, nicht der Frau; gilt dem Mittäter, nicht dem Opfer.
1949 geht die "Vaterlandsverräterin" mit dem amerikanischen Besatzungs-Film-Offizier Kurt Hirsch nach Hollywood. Dort wird das deutsche "Fräulein" prompt kaltgestellt. Warum? Die Knef im Rückblick über Hollywood: "Die haben 45 ganz klar die Weltherrschaft übernehmen wollen, und das ist ihnen ja auch prima gelungen, außer bei den Franzosen". Im Ausland zu deutsch, in Deutschland zu fremd. So erging es nicht zufällig allen drei deutschen Filmstars mit Weltformat: Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Romy Schneider.
In den Jahren darauf spielt die Knef in diesem oder jenem Film, wartet im sissiseeligen Deutschland jedoch vergeblich auf eine Rolle, die ihr gemäß ist. 1961 klagt sie in einem Interview: "Ich habe das Pech, dass zur Zeit nur Rollen für Mädchen geschrieben werden - aber ich bin eine Frau."
Mitte der 60er weicht die Schauspielerin auf das Chanson aus, ganz wie zuvor die Dietrich, mit der sie sich in Hollywood eng befreundet hatte. Aber im Unterschied zu Marlene schreibt Hilde ihre Lieder selbst, schöpft aus ihrem Leben und ihrem Talent. Und die in Hollywood und Paris hart Geforderte und Geschulte kreiert mit einem Schlag ein neues Genre, irgendetwas zwischen Chanson, Blues und einem Hauch von Rap (der damals noch nicht erfunden war). Ihre Konzerte werden Triumpfe, ihre Schallplatten Bestseller.
Wenig später, 1970, eröffnet das Multitalent sich ein drittes Terrain: das der Schriftstellerin. "Der geschenkte Gaul" erscheint. "Ich hatte nicht die Absicht, zu schreiben, wie Tante Hilde zum Film kommt", erklärt sie. "Ich wollte über eine Generation in Deutschland schreiben, die noch im Kindergarten war, als Hitler kam."
Das ist ihr gelungen. Die mitreißende Erzählerin schaut dem geschenkten Gaul tief ins Maul, ihr Debütbuch wird in 17 Sprachen übersetzt und drei Millionen mal verkauft.
Geld hat die Knef trotzdem nie, weil "kein Verhältnis zu Zahlen", dafür aber beste Kontakte zu Männern, die zählen konnten. Die Ehe mit dem gutaussehenden David Cameron scheitert just in dem Moment, wo sie an Krebs erkrankt. Ihr bleibt die späte Tochter Tinta, mit der sie Mutterliebe öffentlich aufführt. Heute pflegt die Tochter in Kalifornien wilde Tiere.
Es ist nicht leicht zu verstehen, dass eine so kluge und (selbst)ironische Frau wie die Knef gleichzeitig so kitschig und masochistisch sein konnte. Diese Zirkusmaskeraden, diese Affenmutterliebe, diese öffentlichen Krankheiten (60 Operationen haben wir mitgezählt). Es war wohl ihre lebenslange Zerrissenheit - die Zerrissenheit einer Zu-früh-Emanzipierten.
Alice Schwarzer, EMMA 2/2002




