EMMA 3/2005
Eine moderne Liebe
Als der Erzbischof von Canterbury die Frage an das Paar stellte: "Wollt ihr in guten und in schlechten Tagen zueinander stehen?" und die beiden sichtbar aufgeregt nickten, da sagte eines der raren Hochzeitspaare Ja, das es nicht nur sehr ernst meint, sondern das auch sehr genau weiß, was es da sagte. Denn schlechte Zeiten haben diese Frau und dieser Mann in den letzten 35 Jahren reichlich erlebt - und dennoch durch alle Widernisse zueinander gestanden.
Sie ist in der Tat "die große Liebe seines Lebens", wie Freunde versichern - und er die ihre. Und die beiden besiegelten diesen Bund fürs Leben nicht am Anfang ihrer Verliebtheit, sondern in der Mitte ihrer Liebe und mit der Art von Schüchternheit, die noch immer auf ungläubiges Staunen deutet darüber, dass es den anderen gibt. Wenn eine Traumhochzeit eher eine Frage der Tiefe der Gefühle ist denn der Glitzerroben, dann war die in Windsor eine - und die Roben glitzerten noch dazu.
"Was hat die, das Di nicht hatte?" Auf diese Frage von Bild gibt es Antworten. Jugendfreunde des Paares, wie der deutsche Prinz von Anhalt, erzählen, dass damals, als alles anfing, "alle hinter Camilla her waren - aber Charles hat sie gekriegt". Kein Wunder, Camilla war: spontan, witzig, sinnlich - und ist es noch. Aber, so die Freunde: Camilla wollte nicht. Sie hatte einfach keinen Bock auf diesen öden Nick-Tanten-Job einer Königin. Und die Königin war auch not amused. Wie es dann weiterging, ist hinlänglich bekannt.
Es hätte eigentlich ein cooles Arrangement werden können: Begehrter Kronprinz heiratet dekorative Jungfrau, die ihm nicht nur zwei Prinzen schenkt, sondern in den Medien auch als "Königin der Herzen" Karriere macht - und begehrt gleichzeitig weiterhin seine Geliebte, die auch ihrerseits ein vernünftiges Ehe-Arrangement eingeht (Und das praktischerweise mit dem Mann, in den Charles Schwester Anne verliebt ist, der jedoch für die Prinzessin als nicht standesgemäß empfunden wird - obwohl es sich selbstverständlich aus Volkes Sicht bei allen Beteiligten um ziemlich feine Kreise handelt).
Dass es dann kein cooles Arrangement wurde, sondern eine heiße Kiste, hat etwas mit der modernen Liebe zu tun. Denn in der modernen Liebe beherrscht der moderne Mensch die traditionell männliche Trennung zwischen Ehefrau und Geliebter nicht mehr ganz so perfekt, wie noch sein Großvater das tat. Darum heiratet der ganz moderne Mann auch gerne vier, fünf Mal, statt sich in sozialer Treue zu üben, unabhängig von jeweiligen Begehrlichkeiten.
Auch die moderne Frau ist letztendlich nicht mehr so einfach zufriedenzustellen wie einst mit der Teilung in hie Ehegespons und da Mätresse. Sie will heute beides in einer Person sein: die Mutter seiner Kinder und seine Geliebte, die Frau an seiner Seite und sein Abenteuer, die Umsorgte und der Kumpel. Und nun haben wir den Salat. Sogar bei Royals. Denn dieser Anspruch ist so schwer zu erfüllen, wie er zu ignorieren ist.
Das so besonders Anrührende im Fall von Charles & Camilla ist, dass ihre Lovestory umgekehrt zu dem hinlänglich vertrauten Muster gelaufen ist: Nicht alternder Mann trennt sich von Gleichaltriger und nimmt sich eine - oder auch zwei bis drei bis vier - Jüngere, sondern: Alternder Mann kann und kann sich mit der Jüngeren nicht abfinden und bleibt der Gleichaltrigen treu. Denn sie erfüllt seine tiefste Sehnsucht: die nach einer wirklichen Gefährtin.
Bleibt nur die Frage: Warum haben sich die Medien auch noch Jahre nach dem Tod der so profitabel verwertbaren Medien-Prinzessin und bis zum letzten Tag so hämisch auf diese Verbindung gestürzt? Von Bild bis FAZ tönte es: der Prinz, die Flasche; Camilla, der Rottweiler; die Pannenhochzeit; die Horror-Hochzeit; der Senioren-Bund blahblahblah...
Warum nur? Was störte die Herren der Medien so an dieser Frau und dieser Verbindung? Dass Camilla so spürbar in sich ruht, so selbstbewusst ist und das ganze Brimborium nicht braucht, um ihren Weg zu gehen. Dass Charles nicht auf Schwäche, sondern auf Stärke fliegt, sie braucht und ihr gegen alle Widerstände treu blieb. Dass die beiden ein Paar auf Augenhöhe sind, sie nicht zu ihm hochblinzelt und er nicht auf sie runterschaut. Dass also hier öffentlich demonstriert wurde, wie öde die Kombi Männermacht & Frauenohnmacht sein kann - und wie sexy Gleichheit und Geschwisterlichkeit!
However, das Exempel von Camilla & Charles ist ein Parade-Beispiel für die wirklich moderne Liebe, nicht für die postmoderne, die weibliche Goldfische und männliche Hechte feiert, sondern für die echt moderne, in der Gleichheit glamourös ist. Genau das ist es wohl, was die oldfashioned boys and girls so irritiert. Zu recht.
Alice Schwarzer, EMMA 3/2005


