EMMA 11/1991

Sieh mich an!

Es ist fast 14 Jahre her. Damals, im Mai 1978, erschien in EMMA ein Artikel über das „Tabu Inzest: Das Verbrechen, über das niemand spricht". Ich glaube, es war in Deutschland die erste Veröffentlichung aus der Sicht der Opfer. Ich erinnere mich so genau, weil ich selbst den Schwerpunkt betreut und zum Teil auch geschrieben habe — und ich fassungslos war, als damals nicht eine einzige Reaktion darauf kam, kein Anruf, kein Brief, keine Folgeartikel. Und dennoch war ich sicher, dass Millionen Mädchen und Frauen Inzest-Opfer sind, es täglich tausendfach neu passiert.

Die Jahre vergingen. Und langsam, ganz langsam, kamen sie, die Reaktionen. Ein Gespräch am Rande einer Veranstaltung, ein Brief mit einem PS: „Übrigens, ihr habt damals über Inzest geschrieben. Das war das erste Mal, dass ich darüber etwas gelesen habe — und das erste Mal, dass ich mir eingestanden habe, dass ich selbst Opfer bin..." Heute wissen wir, dass mindestens jedes dritte Mädchen Opfer sexueller Gewalt ist, dreiviertel von ihnen sogar durch den eigenen Vater oder einen Mann an Vaters statt, also Inzest-Opfer.

Hier, in der Familie, wird der weibliche Mensch zum ersten Mal gebrochen, seelisch und körperlich. Die meisten Frauen kommen ein Leben lang nicht über diesen Verrat, diese Demütigung, diese Gewalt hinweg. Die ersten Untersuchungen über die Folgen liegen vor, sie zeigen den Zusammenhang von Frigidität und Inzest, von Selbstverachtung und Inzest, von Depression und Inzest, von Essstörungen und Inzest, von psychischer Erkrankung und Inzest, von Sucht und Inzest, von Selbstmord und Inzest. Doch das wirkliche Ausmaß der Zerstörung durch die Übergriffe des geliebten Vaters oder vertrauten „Onkels" auf Leib und Seele der kleinen Mädchen ahnen wir erst. Wahrscheinlich ist die sexuelle Ausbeutung des weiblichen Kindes einer der Hauptgründe für die lebenslange, tiefe Verunsicherung und Verstörung vieler Frauen.

98,5 % der Täter sind Männer, laut Bundeskriminalamt. 75,6 % ihrer Opfer sind Mädchen. Nur jeder fünfte der angezeigten Täter (von der Mehrheit der anderen ganz zu schweigen) landet im Gefängnis. Die Zahl der angezeigten Fälle von sexuellem Missbrauch steigt.

Nur 1,5 % der Täter sind also Frauen. Sind Väter die schlechteren Menschen? Nicht zwangsläufig. Sie haben nur zuviel Macht — und das verführt zum Missbrauch.

Sind Frauen die besseren Menschen? Nicht unbedingt. Sie sind nur zu ohnmächtig, und darum nimmt ihre Gewalt über andere meist psychologische Formen an. Auch ist durch die erotische Prägung Sexualität von Frauen nicht so abgründig mit Dominanz und Gewalt verknüpft wie bei Männern (und das zunehmend, dank Pornographie). Kurzum, Frauen sind im Bereich der Sexualität so gründlich zum Objekt gemacht worden, dass Übergriffe ihrerseits eher die Ausnahme sind.

Nicht selten sind die Täter-Mütter auch Mittäterinnen, lassen sich von ihren Männern dazu bringen oder zwingen, mitzumachen. Nein, die wirklich fatale Rolle spielen Mütter beim Inzest nicht als Täterinnen, sondern als Mitwisserinnen. Sie wollen „nicht merken", sie sehen weg, sie schweigen. Aus Angst. Aus Erleichterung (selber nicht „ran" zu müssen). Aus Eifersucht (auf die Töchter). Aus Ohnmacht. Aus mangelndem Stolz. Aus Scham.

Dabei könnten so viele es wissen. Zu viele. Die meisten Inzestverbrechen könnten verhindert werden, wenn Mütter, Nachbarn, Lehrerinnen nicht länger wegsehen würden. Vor allem Mütter. Gerade sie müssen eine Chance für mehr Stolz und Kraft zum Widerstand bekommen! Doch wie oft waren sie selbst Opfer, wie oft wurden auch sie schon als kleine Mädchen gebrochen...

Es ist ein Teufelskreis. Und solange dieser Kreis der sexuellen Gewalt gegen Mütter und Töchter nicht unterbrochen, solange die Mauer der Familienburg der Väter nicht niedergerissen ist — solange werden Männer die Seelen und Körper ihrer Frauen und Töchter missbrauchen.

Vor der Neuen Frauenbewegung haben es nur ganz wenige geschafft, das Grauen zuende zu denken. Virginia Woolf ist eine von ihnen. Sie machte zu einer Zeit, in der es zwar die historische Frauenbewegung gab, die sexuelle Gewalt aber noch tabu war, als eine der ersten den Skandal öffentlich. Sie redete über den von ihr selbst erlittenen sexuellen Missbrauch durch ihre beiden Halbbrüder (und vielleicht auch durch den Vater). Virginia Woolf war kein Einzelfall: Ihre Familie war eine klassische viktorianische Familie, in der alle Frauen den sexuellen Aggressionen aller Männer ausgeliefert waren. Es war selbstverständlich, dass die älteste Halbschwester Stella nach dem Tod der Mutter diese zu ersetzen hatte, auch im Bett des Vaters.

Virginia Woolf überlebte, indem sie — ganz wie Ingeborg Bachmann — das Ungeheuerliche wagte: Sie ging der Sache auf den Grund. Beide erkannten, wie untrennbar die „private und öffentliche Tyrannei" miteinander verbunden sind. Und beide, die Engländerin in den 40er und die Deutsche in den 60er Jahren dieses Jahrhunderts, sprechen unverhüllt vom „Faschismus" in der Familie: diesem alltäglichen privaten Faschismus der Männer gegen die Frauen, der den öffentlichen Faschismus zwischen Klassen, Rassen und Völkern überhaupt erst möglich macht.

Der Krieg in der Familie und der Krieg in der Welt — sie stehen in einem direkten Zusammenhang. Denn die Familie ist der intimste Ort zur Einübung des Umgangs von Menschen mit Menschen. Solange hier Hierarchie, Besitz und Gewalt die Männer zu Herrenmenschen und die Frauen zu Untermenschen macht, solange wird es auch auf der Straße und in der ganzen Welt so funktionieren. Die Täter, über deren Unmenschlichkeit wir Opfer manchmal fassungslos sind, diese Täter werden in unseren Familien produziert. Und wir kennen sie gut.

Jugendliche stoßen Ausländer aus der fahrenden U-Bahn, Nachbarn stecken Asylantenheime an, US-Soldaten bomben flüchtende Soldaten platt wie „Kakerlaken". Unbegreiflich? Keineswegs. Welchen Umgang erwarten wir vom starken Geschlecht mit dem „Feind", wenn schon der Umgang mit der „Freundin" (Frau, Tochter) von Dominanz, Verachtung und Gewalt geprägt ist? Welche Form soll Hass annehmen, wenn schon die „Liebe" Zerstörung bedeutet?

Menschen, die schon als Kinder an Seele und Körper angefasst und missbraucht wurden — und zwar nicht vom „bösen Fremden", sondern vom lieben Nächsten — solche Menschen können nicht vergessen. Sie haben ein Leben lang gegen die Folgen zu kämpfen. Denn sie leiden an dem, was Jean Amery im Zusammenhang mit der selbst erlittenen Nazi-Folter einen Verlust des „Weltvertrauens" genannt hat: den Verlust des Vertrauens in eine Welt, in der nicht alles möglich ist.

Sieh mich an. Du bist doch ein Mensch. Ein Mensch wie ich. Es kann doch nicht sein, dass Du mich überhaupt nicht respektierst, dass Du alles mit mir tust...? Doch, es kann sein.

Alice Schwarzer, 11/1991

  • Vergewaltigung ist ein Politikum - 3/2011
  • Das Gesetz des Stärkeren - 2/2011
  • Die PID und die Heiligkeit des Lebens - 1/2011
  • Es geht um viel mehr als zwei Menschen - 4/2010
  • Die Kanzlerin verneigt sich - 3/2010
  • Wie es geschehen kann - 2/2010
  • Was steckt hinter dem Minarettverbot? - EMMA 1/2010
  • Tage in Burma - EMMA 4/2008
  • Reaktionen auf Burma
  • Gabriele Pauli - EMMA 3/2007
  • Recht auf Abtreibung in Gefahr - EMMA 6/2006
  • Von Huren und Hurensöhnen - EMMA 1/2006
  • Ein Mann sieht rot - EMMA 6/2005
  • Wir sind Kanzlerin! - EMMA 6/2005
  • Eine moderne Liebe - EMMA 3/2005
  • Westerwelle, der Papst & ich - EMMA 5/2004
  • Foltern Frauen wie Männer? - EMMA 4/2004
  • Borys B., Michel F. und Ewa - EMMA 1/2004
  • Von Herren und Untermenschen - EMMA 4/2002
  • Hommage an Hilde - EMMA 2/2002
  • Was ziehst du an? - EMMA 5/2001
  • 90er Jahre
    • Liebe Frau Schröder-Köpf! - EMMA 2/1999
    • Erotik-Killer Viagra - EMMA 4/1998
    • Märchen oder tödlicher Politskandal - EMMA 6/1997
    • Die SS des Patriarchats - EMMA 6/1994
    • Lächerliche Tierliebe - EMMA 1/1994
    • Adieu, Woody Allen - EMMA 10/1992
    • Warum musste Angelika B. sterben? - EMMA 12/1991
    • Sieh mich an! - EMMA 11/1991
    • Bomben auf Bagdad - EMMA 3/1991
  • 80er Jahre
  • 70er Jahre

 

Die Autobiografie

 

Vom ersten Tag Alice bis zum ersten Tag EMMA. In großer Offenheit erzählt Alice Schwarzer ihren "Lebenslauf". Über ihre Kindheit & Jugend; über Arbeit, Liebe & Politik.

Jetzt das Buch im EMMA-Shop bestellen: 22.99 Euro. Frei Haus

weitere Publikationen

 

Lesungen zum "Lebenslauf" 2012

 

23.2. Leipzig, Hauptbahnhof/Hist. Speisesaal. 24.2. Dresden, Hauptbibliothek. 9.3. Duisburg, Zentralbibliothek. 23.4. Darmstadt, Centralstation. 24.4. Heidelberg, Neue Aula. 25.4. Tübingen, Kreissparkasse.

alle Termine

 

 

Das Hörbuch zum Buch

 

Lebenslauf. Gesprochen von Alice Schwarzer. 6 CDs mit 474 Minuten. Preis 24.95 €. Hörprobe: "Aufbruch nach Paris"

im EMMA-Shop kaufen

Cover der aktuellen EMMA-Ausgabe

EMMA zum Kennenlernen!

3 Ausgaben für 10 € (statt 19,60 €). Jetzt bestellen!

EMMAonline!

Nach dem Relaunch jetzt tagesaktuell!
zu EMMAonline

Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.