EMMA 4/1998
Erotik-Killer Viagra
Zur Zeit hat "die schönste Pille für den Mann", der Fußball, die hitzige Debatte um Viagra aus den Schlagzeilen verdrängt. Elf Jungs im schwitzigen Clinch mit elf anderen Jungs, das ist eben noch schöner als ein Mann in der Horizontale mit einer Frau. Doch kommt aus den USA die frohe Kunde, dass die Männerpille schon bis zu 100.000 mal täglich verschrieben wird. Da schrecken auch die Nebenwirkungen nicht, im Gegenteil: der tödliche letzte Schuss, die Verbindung von Koitus und Exitus ist ja eine besonders heiße Phantasie des koitierenden Abendländers.
In der Europäischen Gemeinschaft wird für September mit der Zulassung des Potenzmittels gerechnet. Brechen dann amerikanische Verhältnisse aus? Nein, hofft Gunter Schmidt, für den "diese aufgedonnerte Aufregung, die bombastische Mystifizierung der Pille was Groteskes" hat. Der Sexualforscher mutmaßt kühl, das ganze Medientheater liege nur daran, dass "ältere Männer noch immer das Sagen haben in den Redaktionen". Da mag was dran sein. Aber Viagra ist nicht nur ein Old-boy-Problem. Viagra, das ist auch die Stunde der Wahrheit.
Die überraschendste Wahrheit ist das epidemische Ausmaß der männlichen Impotenz — fünf bis acht Millionen sollen allein in Deutschland betroffen sein (das wäre jeder fünfte Mann). Die erfreulichste Wahrheit ist das epidemische Ausmaß der weiblichen Skepsis. Die Frauen halten überhaupt nichts vom Gerammel um jeden Preis. Für sie ist Viagra 23 Jahre nach der Aufregung um den "kleinen Unterschied" schlicht ein Erotikkiller.
Auch so mancher Mann scheint von einer gewissen Nachdenklichkeit erfasst. Zwar titeln Old-boy-Blätter wie Focus ("Die Sexrevolution") und Stern ("Die Potenzpille") mit angegrauten Adonissen, die matt der Wunderpille entgegenträumen. Das wie so oft nicht zu untertreffende Hamburger Magazin schickte sogar seinen Reporter Röhl zum Schlucken an die Viagra-Front (der meldete stramm Erfolg). Doch schlug zum Beispiel der Spiegel schon in seiner ersten Coverstory einen kritischen, um nicht zu sagen feministischen Ton an: "Macho auf Rezept" lautete der Spiegel-Titel, und entsprechend spöttisch war die Story. Und nicht nur in Hamburg, auch in Paris hämen Journalistinnen über "Viagra mon amour".
Wird der Potenzverstärker aus dem Land der Powerboys, die immer alles können, in Old Europe zur peinlichen Pille? Geschluckt nur heimlich von Dumpflingen? Nicht auszuschließen. Viagra birgt schließlich nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Gefahren. Vor allem für die "impotenten" Männer. Denn Viagra kann das Feuer nur nachladen, aber nicht entzünden. Konkret: die Potenzpille kann das schon vorhandene Blut in den Schwellkörpern stärker stauen, die Erregung jedoch nicht auslösen. Für diesen Knopf gibt es keine Pille - und wird es nie eine geben.
Alarm also für die Millionen armer impotenter Männer, von denen die Forschung weiß, dass nur jeder zehnte aus Krankheitsgründen schlapp ist — die anderen haben schlicht keine Lust. Mit Viagra aber gibt es nun keine Ausrede mehr. Damit wird klar, ob der Mann nicht kann - oder ob er nicht will.
Vier bis sieben Millionen körperlich gesunder deutscher Männer leisten sich heute die "Impotenz" - so wie Frauen die „Frigidität". Was psychische Gründe hat. Neun von zehn frigiden Männern könnten, aber sie wollen nicht. Was ihr gutes Recht ist. Ihre Gründe gehen vom passiven bis zum strafenden Nicht-Begehren. Gerade emanzipierte Frauen können ein Lied davon singen: Vom Mann, der die erstarkte Frau abstraft, indem er sich ihr entzieht oder verweigert (und es entweder vorwurfsvoll gar nicht mehr treibt oder heimlich mit einer anderen).
Den wahren Gründen dieser männlichen Frigidität auf die Spur zu kommen — das wäre sicherlich spannend für alle Beteiligten, für Männer wie Frauen. Aber da hilft ein offenes Gespräch mehr als das stumme Schlucken der blauen Pille.
Und selbst wenn es beim tendenziell lustlosen Mann dank Viagra doch irgendwie klappen sollte, ist er noch lange nicht am Ziel. Denn Erektion und Ejakulation sind nicht automatisch identisch mit orgiastischen Gefühlen. Ein Mann kann eine Ejakulation haben und dennoch gefühlsmäßig kalt bleiben. Ganz wie die Frau, deren Geschlechtsorgane den männlichen ja sehr ähnlich sind. Auch Frauen haben Schwellkörper, auch Frauen haben einen "Penis", die Klitoris. Und auch bei Frauen ist der Ablauf der körperlichen Erregung quasi identisch mit dem des Mannes: Blutstau in den Schwellkörpern und Entspannung durch Abfluss des Staus.
Die "sexuelle Performance" aber, die kann ganz klein oder ganz groß sein, orgiastisch oder mickrig. Denn Sexualität ist nicht nur eine Frage mechanischer körperlicher Abläufe, sondern eine sehr komplexe Angelegenheit. Uns Frauen, dem auf Gefühle abonnierten Geschlecht, ist das längst klar. Was Frauen früher heimlich und privat darüber gedacht haben, haben Feministinnen Anfang der 70er Jahre politisch analysiert und öffentlich gemacht: Wirklich guter Sex ist nicht auf zwei mal zwei Schwellkörper fixiert, Hau-ruck-Sex ist öde, und das reine Rein-raus macht den Körper und die Seele wund.
Bisher hat nur eine Frau öffentlich behauptet, dass sie Viagra "super" findet. Verona Feldbusch im Stern: "Dann brauchen wir uns nicht mehr mit den Männern rumzuschlagen, die mies drauf sind, nur weil es bei denen untenrum nicht funktioniert." Untenrum... Wer nur gibt den Veronas dieser Welt und ihren miserablen Lovern endlich mal den heißen Tip, dass gerade beim Sex das "Obenrum" entscheidend ist?
Für selbstbewusste Frauen und sensible Männer wird Viagra nichts ändern, sie bleibt in der Schachtel. Nur — was ist mit den anderen Männern? Was ist mit den saufenden und prügelnden Rammlern? Was ist mit den Potenzhörigen unter den Homosexuellen? Was ist mit den pornographisch angetörnten Jungs? Und was ist mit den Männern, in deren Köpfen Lust und Gewalt schier unlösbar verknüpft sind? Für sie alle ist der Penis kein Körperteil, sondern eine Waffe. Und die wird mit Viagra so richtig geladen.
Alice Schwarzer, EMMA 4/1998



