EMMA 6/1978
Frauen ins Militär?
Zu der Fernseh-Debatte "Pro und Contra" versammelten sich - unter großzügigem Verzicht auf die Alibifrau - exklusiv männliche Diskutanten. Nur auf den Zuhörerbänken lockerten einige wenige Frauen die Mannschaft auf, sichtbar in ihrer Funktion als Gattinnen. Männer unter sich. Diesmal beim männlichsten Thema überhaupt: beim Soldatentum. Anlass war die jüngste Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes, der — unter Berufung auf angebliche Verfassungsfeindlichkeit — die von der SPD/FDP-Fraktion verabschiedete Gesetzesreform zur Erleichterung der Wehrdienst-Verweigerung wieder aufhob.
Nun, wäre ich ein Mann, ich wäre auch Wehrdienst-Verweigerer. Das war für mich schon immer klar, schon als junges Mädchen empörte mich die Wiederaufrüstung, schockierten mich Kasernendrill und Waffengeprotze. Genauso fühle ich auch heute noch. Aber ich habe seither dazulernen müssen. Ich habe begreifen müssen, dass Ideal nicht immer gleich Realität ist, dass, wer den Frieden will, ihn notfalls auch verteidigen oder gar erkämpfen muss. Ich habe auch gelernt, dass Waffen Macht, und wie sehr Waffengewalt und Männlichkeitswahn miteinander verquickt sind: Als französische Feministinnen 1970 zum ersten Mal demonstrierten, schleuderte ihnen eine Gruppe linker Studenten in Abwandlung eines Mao-Wortes vom "Lauf der Gewehre" entgegen: "Die Macht liegt im Laufe des Phallus!" Und die Amerikanerin Susan Brownmiller beweist in ihrer umfassenden Analyse der Funktion von Vergewaltigungen ("Gegen unseren Willen"), dass Vergewaltigungen auch in Kriegszeiten nicht die Untat Einzelner, sondern systematisch eingesetzte Waffe eines Männerbundes ist, der hier in höchster Potenz seinen Männlichkeitswahn austobt.
Fast ein Fünftel des gesamten Haushalts-Budgets (nämlich 35 Milliarden Mark!) gehen in die Verteidigung. Es zeichnet die neuen Emanzipationsbewegungen seit 1968 aus — auch die der Frauen —, dass sie nicht nur in Zahlen und Machtkategorien denken. Sie interessieren sich vor allem für den Menschen und darum auch für seine Veränderung, die Voraussetzung für die Veränderung unmenschlicher Verhältnisse ist. Der Kampf auf der Bewusstseinsebene ist darum gut und wichtig — nur: er allein, ohne den Kampf um Macht, ist gefährlich. Was nutzt schon das schönste Bewusstsein angesichts blanker Gewehrläufe? Und was nutzt der lauterste Friedenswille, wenn der, der die Waffen hat, nicht mitspielt?
Es ist also kein Zufall, dass das Thema Frauen und Waffen so tabuisiert ist. Unsere Ausschaltung aus diesem Bereich ist nicht etwa Galanterie, sondern eine reine Machtfrage. Das signalisiert schon die Art der Argumentation. Frauen und Waffen? — lächerlich. Flintenweiber. Frauen sind von Natur aus friedfertig, heißt es. Dabei weiß jeder Mann, der den Frieden will, dass der ihm selten geschenkt wird. So leitete zum Beispiel Verteidigungsminister Leber die Broschüre "Bundeswehr 77" mit den hehren Worten ein: "Wir wollen nichts anderes, als in Freiheit und in Frieden unser Leben nach unseren eigenen Vorstellungen ohne Druck und Nötigung von außen gestalten." — Wir auch. Nur wird uns Frauen das Recht auf vorsorgliche Verteidigungsmaßnahmen als "widernatürlich" versagt.
Mehr noch: Frauen wird die Fähigkeit zur Verteidigung und zum Kampf überhaupt abgesprochen. In Kriegs- wie in Friedenszeiten. Dabei beweisen Frauen ohne Unterlass, dass sie — im Guten wie im Bösen — durchaus so militant handeln können wie Männer. An "Heimatfronten" halten Frauen die Stellung und dürfen, wenn sie die Bombardierungen und Vergewaltigungen überleben, die Trümmer wieder aufschichten. Und im Notfall müssen sie sowieso mannhaft ans Gewehr. Von ihrer "natürlichen" Friedfertigkeit und Häuslichkeit redet da niemand mehr — die fällt den Männern immer erst nach dem Sieg wieder ein. Nämlich dann, wenn sie mit diesem Argument die Frauen zurück ins Haus schicken wollen.
Linke argumentieren da wie Rechte. Bezeichnenderweise wurde in kaum einem sich als sozialistisch begreifenden Land die Frage nach einer gleichberechtigten Integration von Frauen in die Armee auch nur gestellt. Und schon Sozialisten-Vater Bebel schrieb um die Jahrhundertwende in seiner in vielen Punkten durchaus emanzipierten "Frau im Sozialismus": "Auch wir glauben, dass es eine zweckmäßige Arbeitsteilung ist, den Männern die Verteidigung des Landes zu überlassen, den Frauen die Sorge für Heimat und Herd."
Mit derselben Radikalität, mit der wir Frauen uns gegen die Festlegung auf den heimischen Herd wehren, und Zugang zu allen wesentlichen gesellschaftlichen Bereichen fordern, müssen wir uns darum die Frage nach unserem Verhältnis zum Militär stellen. Denn der von uns so selbstverständlich hingenommene Ausschluss hat frauenfeindliche Gründe:
Erstens geht es um Macht: und da, wo es um Macht geht, glänzen Frauen in Männergesellschaften generell durch Abwesenheit. Zweitens geht es um die Verfestigung des Männlichkeitswahns. ("Der muss zum Bund, damit ein richtiger Mann aus ihm wird"), Frauen bleibt durch ihren Ausschluss nicht nur absurder Drill erspart, sie lernen im Gegensatz zu den Männern auch weder Selbstverteidigung noch den Umgang mit Waffen — und bleiben rührend hilflos wie eh und je. Drittens ist das Männer-Militär extremster Ausdruck der Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen: hier steht ein Jahr Wehrdienst gegen 20 Jahre Mutterdienst.
Es muss uns also um die grundsätzliche Forderung des Zugangs für Frauen zu allen Machtbereichen gehen, auch zum Militär! Mir ist klar, wie ungewohnt und zunächst schockierend dieser Gedankengang für die meisten ist. Doch ich meine: Frauen und Frieden — ja. Aber die Bemühungen um Frieden sollte eine menschliche und nicht nur eine "weibliche" Qualität sein. Und von der Möglichkeit, den eigenen Frieden auch selbst verteidigen und notfalls sogar erkämpfen zu können — davon können und dürfen Frauen sich nicht länger ausschließen lassen!
Alice Schwarzer, EMMA 6/1978



