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14.05.2010

Sind Klischees stärker als Realitäten?

Am 12. Mai habe ich im Rahmen der Mediendozentur an der Tübinger Universität einen Vortrag gehalten, Titel: „Eine Frage der Haltung – Plädoyer für einen Journalismus mit Leidenschaft“. Schon die Hinfahrt hat, trotz Nieselregen, Spaß gemacht: vorbei an den leuchtenden Rapsfeldern des Rheingaus und des Schwabenlandes. Noch größer war meine Freude bei der Ankunft: Da drängelten sich im Audimax so viele Menschen, dass spontan beschlossen wurde, in den gegenüber liegenden Festsaal zu ziehen, wo sich dann über tausend Frauen und Männer bis hinauf auf die Galerien und in den Gängen schoben. Gut 80 Prozent der Frauen waren unter 25. Und mitten in diesem Gewusel stellte mir, sehr freundlich, eine SWR-Reporterin die Frage: „Frau Schwarzer, erreichen Sie eigentlich auch noch die jungen Frauen?“ Ich musste lachen.
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10.05.2010

Bettina Rheims: Der schlagende Beweis

Helmut Newton, der Erfinder der Pornografisierung der Modefotografie, hatte immerhin die Ehrlichkeit, nie den Anspruch zu erheben, „Kunst“ zu machen. Seine Imitatorin, Bettina Rheims, eine Art weiblicher Billig-Newton, ist da schon unbescheidener. Die Ex-Werbefotografin beschwerte sich jetzt allen Ernstes in Focus, dass sie in der Jahrhundertausstellung zeitgenössischer Künstlerinnen, Elles, im Pariser Centre Pompidou nicht vertreten ist. Sie fände es „unendlich öde, Kunst mit Schmerz zu verknüpfen“, erklärte das ehemalige Model. Auf dem Niveau plappert Rheims sodann weiter und versucht, für ihr neues Buch – in dem ganz wie in den alten mal wieder frierende Nackte im Prostituierten-Outfit durch ein Kitsch-Postkarten-Paris staksen müssen - Aufmerksamkeit zu erregen. Was könnte da mehr ziehen als Pöbeleien gegen Schwarzer?
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22.04.2010

Die Kanzlerin verneigt sich

„Deutschland verneigt sich mit Dank und Hochachtung“, sagte die Kanzlerin. Da ging es noch um die Soldaten Nummer 37, 38 und 39. Wenige Tage darauf folgten die Nummern 40, 41, 42 und 43. Sie alle starben „im Dienst der freiheitlichen und demokratischen Werte dieses Landes“, versicherte die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung. Denn: „Gingen wir planlos aus Afghanistan raus, würde die Gefahr steigen, dass Nuklearmaterial in falsche Hände gerät.“ Aha, so lautet also die neueste Variante. Imported from USA. Erinnern wir uns, wie es anfing, 2001, nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Das war auch ein US-Import. Denn da fiel dem US-Präsidenten Bush plötzlich ein, die unterdrückten Frauen in Afghanistan müssten dringend befreit – und bei der Gelegenheit auch Bin Laden dingfest gemacht werden. Bin Laden trotzt bis heute erfolgreich der Weltmacht. Und von den Frauen redet inzwischen noch nicht einmal mehr die Kanzlerin. Sie behauptet zwar, in Afghanistan hätten „Frauen heute mehr Rechte als früher“ und könnten „Mädchen zur Schule gehen“ - was wunderbar wäre, aber vermutlich eine Illusion ist. Doch selbst wenn es so wäre, fuhr die Kanzlerin fort, „rechtfertigt das unseren Einsatz nicht“.
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22.03.2010

Aus Liebe

In diesen Tagen erreicht mich eine Flut von Briefen: allesamt zum sexuellen Missbrauch. Erschreckend viele sind betroffen, sind selber missbraucht worden: in der Odenwaldschule, in Heimen, in Klosterschulen – in der Familie. Sie scheint weiterhin die dunkelste Bastion und ein Tabu zu bleiben. Dabei passieren drei von vier sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen dort: in der Familie! Eine Ex-Odenwaldschülerin schickte mir ihren offenen Brief an den „lieben Gerold“, an Gerold Becker, den Leiter der Odenwaldschule zwischen 1969 und 1985, der Hochzeit der „sexuellen Revolution“. Sie ist eine von vielen, die den renommierten Pädagogen in den vergangenen Wochen anflehten, sich wenigstens bei den Opfern zu entschuldigen. Becker hat das gerade getan. Jahrzehnte nach dem Geschehen, von dem über hundert Jungen betroffen sein sollen, und elf Jahre nachdem der Skandal zum ersten Mal öffentlich wurde. Damals folgenlos. Es tut ihm leid, sagt er heute. Er bitte um Verzeihung.
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03.03.2010

Zweiter offener Brief an Margot Käßmann

Liebe Margot Käßmann,
dies ist mein zweiter offener Brief an Sie innerhalb weniger Wochen. Doch auch in meinen kühnsten Vorstellungen hätte ich mir Anfang des Jahres – als ich Ihnen meinen Respekt für Ihre so klaren Worte zum Krieg in Afghanistan ausdrückte – nicht vorstellen können, dass Sie nur acht Wochen später nicht mehr im Amt sein würden. Denn dass ein Mensch wie Sie nichts tun würde, was ihn zwingt, dieses Amt aufzugeben, war anzunehmen. Und Ihre Gegner – diese nicht zu unterschätzenden ewig Gestrigen in Ihrer Kirche, die finden, dass eine Frau, und eine geschiedene dazu, als EKD-Vorsitzende unpassend ist – die hatten Sie ja gerade so strahlend überwunden. Grund zu eitel Freude also. Freude darüber, dass ein halbes Jahrhundert nach der ersten Pfarrerin endlich auch an der Spitze der Evangelischen Kirche Deutschlands eine Frau ist! War.
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Alice on tour

DONNERStag, 9. September, 19.30 UHR

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Alice Schwarzer ist zu Gast an der CJD Christopherusschule Königswinter und spricht über die sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder, anschließend Diskussion mit dem Publikum.

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Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und heute beim Betrachten des neuen Becker-Cartoons (mit Margitta Hösel).

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Alice Schwarzer

Journalistin aus Passion

Das Selbstverständnis von Schwarzer als Journalistin und ihr Weg Von der Volontärin zur Blattmacherin. Die Herzl-Dozentur in Wien jetzt als Buch.
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