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22.03.2010

Aus Liebe

In diesen Tagen erreicht mich eine Flut von Briefen: allesamt zum sexuellen Missbrauch. Erschreckend viele sind betroffen, sind selber missbraucht worden: in der Odenwaldschule, in Heimen, in Klosterschulen – in der Familie. Sie scheint weiterhin die dunkelste Bastion und ein Tabu zu bleiben. Dabei passieren drei von vier sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen dort: in der Familie!

Eine Ex-Odenwaldschülerin schickte mir ihren offenen Brief an den „lieben Gerold“, an Gerold Becker, den Leiter der Odenwaldschule zwischen 1969 und 1985, der Hochzeit der „sexuellen Revolution“. Sie ist eine von vielen, die den renommierten Pädagogen in den vergangenen Wochen anflehten, sich wenigstens bei den Opfern zu entschuldigen.

Becker hat das gerade getan. Jahrzehnte nach dem Geschehen, von dem über hundert Jungen betroffen sein sollen, und elf Jahre nachdem der Skandal zum ersten Mal öffentlich wurde. Damals folgenlos. Es tut ihm leid, sagt er heute. Er bitte um Verzeihung.

Wenige Tage zuvor noch hatte sein langjähriger Lebensgefährte und Mentor, Hartmut von Hentig, alles geleugnet. Der „große Aufklärer“ und Nestor der Reformpädagogik beteuerte fragenden Journalisten gegenüber, sein Freund sei nicht nur ein „begnadeter Lehrer“, sondern auch ein „besonders feinsinniger Mensch“, und er könne sich maximal vorstellen, dass „mal ein Schüler seinen Lehrer Becker irgendwie verführt habe“ (Süddeutsche Zeitung). Das alte Lied vom Opfer, das eigentlich der Täter ist.

Doch erstmals hören wir auch andere Töne. Dabei geht es leider nicht nur um individuelle Vergehen bzw. Verbrechen Einzelner. Es geht um ein strukturelles Problem. Es geht um Machtverhältnisse. Macht, die Pädagogen alten Stils offen und brutal ausgenutzt – und Pädagogen neuen Stils geleugnet aber ausgeübt haben.

Was noch übler ist. Denn der offene Missbrauch von Körper und Seele lässt sich von einem Kind wenigstens noch als solcher erkennen; der verdeckte, unter dem Mantel der vorgeblichen „Gleichheit“ aber, vermengt mit „Liebe“, ist für das abhängige, getäuschte Kind nur schwer als Übergriff erkennbar. Es ist verwirrt – und gibt sich im schlimmsten Fall auch noch selber die Schuld.

Das ist die Infamie der Moralisierer im Namen Christi oder im Namen der Revolution. In der Verurteilung der katholischen Kirche, die zu lange geschwiegen hat, sind sich alle einig. Über die „Reformpädagogen“ aber sind jetzt erstmals kritische Artikel erschienen (z.B. in der FAZ von Heike Schmoll oder in der SZ von Tanjev Schultz).

Schmoll erinnert daran, dass nicht die gesamte „Reformpädagogik“ auf der Anklagebank sitze, sondern nur eine Strömung: die 68er. Und sie zitiert als Beleg den als „konservativ“ geltenden, im 20. Jahrhundert mit prägenden Reformpädagogen Wilhelm Flitner mit dem so wahren Satz: „Erziehung bedeutet die Ausübung von Macht über Menschen“. Macht, die auch Verantwortung in sich birgt. Verantwortung, Stellung zu beziehen und Grenzen zu setzen.

Doch genau diese Verantwortung hatte die sich als „progressiv“ deklarierende Strömung der 68er Pädagogik offensichtlich nicht. Und es fällt schon auf, wie viele mehr oder weniger offen Pädophile in ihr das Sagen haben. Subjektiv haben sie das Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern geleugnet, objektiv jedoch haben sie diese Macht ausgeübt.

In dieser Tradition der verantwortungslosen Reformpädagogik, die den sexuellen Missbrauch jahrzehntelang verharmloste oder gar propagierte, stehen Leute wie der Pädagoge Prof. Reinhart Wolff oder die Lehrerin Katharina Rutschky ("Falsche Kinderfreunde"), die zusammen in den 80er Jahren den fatalen Slogan vom angeblichen „Missbrauch des Missbrauchs“ erfanden – und so die frühe Aufklärung über sexuellen Missbrauch von Kindern durch Feministinnen systematisch in Misskredit brachten (indem sie behaupteten, dies sei vor allem eine Erfindung von Feministinnen, die unschuldigen Männern übel nachredeten).

Es ist gut, sehr gut, dass jetzt alles auf den Tisch kommt. Dass die Opfer wenigstens die späte Genugtuung erfahren, ernst genommen zu werden. Und es ist zu hoffen, dass auch in der kleinsten Zelle, in der Kinder Erwachsenen ohnmächtig ausgeliefert sind, nicht noch weitere 30 Jahre ungestört missbraucht werden kann.
Alice Schwarzer

PS: Zum Weiterlesen empfehle ich nicht nur die zahlreichen Artikel in EMMA von vor 10, 20, 30 Jahren – nicht zuletzt über die zahlreichen Hilfen von Feministinnen für missbrauchte Kinder – sondern auch die erhellende Analyse von Judith L. Herman: „Die Narben der Gewalt“ (Junfermann).

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  • 3 Kommentar(e)
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Gravatar: rascvhidarascvhida
08.06.2010
07:54
werde wieder schwach...

hi,...ich kann auch nicht begreifen, bis heute, dass ich alleine dastehe und die komplette familie mit allen tätern in der lage sind, alles von sich fernzuhalten. Ich weiss nicht, aber ich bekomme immer mehr das kindliche gefühl zu spüren, dass ich ein nichts eine null ein niemand oder ein keiner bin ... gruss raschida Ps.....wäre vor zwei jahren www.schotterblume.de nicht gewesen, ich hätte das nicht nocheinmal überlebt..

Gravatar: Therese KosowskiTherese Kosowski
19.07.2010
01:47
Pädagogischer Eros

Erst jetzt lese ich Ihren Blog-Eintrag, das Thema ist aber nach wie vor aktuell. Was mich am meisten empört ist das durch und durch falsche Verständnis für den Begriff "pädagogischer Eros" in der deutschen Reformpädagogik und das mit nichts gerechtfertigte sich Berufen auf Platon und die griechische Kultur. Ich habe selbst darüber auf meinem Blog geschrieben: http://blog.therese.kosowski.net/2010/03/21/wie-platon-missbraucht-wurde-2/ Darüber hinaus habe ich diese Reformpädagogik mit der Reformpädagogik von Janusz Korczak verglichen: http://blog.therese.kosowski.net/2010/05/08/janusz-korczak-2/ Viele Grüße, Therese Kosowski

Gravatar: anja und coanja und co
26.08.2010
00:39
Traumafolgen

Vielleicht ist es ein wenig Genugtuung. Aber die Traumafolgen sind der Alltag. Gute therapeutinnen, die Traumaausgebildet sind, mangelware. Ist die traumafolge dann noch eine DIS oder DDNOS dann ist noch viel schwerer therapeutische Begleitung zu finden. Viele denken immernoch das das es diese Traumafolge nicht gibt - das es eine "Glaubensfrage" ist. Beantragt man dann noch die Anerkennung nach dem OEG beim Amt für Soziales.... spätestens dann ist klar das es bei der Opferhilfe noch viel zu tun gibt. Ich (wir) sind seit fast 7 Jahren dabei - inzwischen Gerichtlich- um die Anerkennung zu kämpfen. Viele geben vorher auf oder trauen sich erst gar nicht einen Antrag zu stellen. Es ist gut das das Thema wieder stärker in der Öffentlichkeit ist. Und sicher hat sich ein bisschen was getan. Aber es gibt noch sooo viel zu tun. hoffe ist ok das wir jetzt hier so dazu geschrieben haben. Passt nicht direkt, aber musste raus ;-) Herzliche Grüße anja und co

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Die Würde des Menschen ist unantastbar

Alice Schwarzer ist zu Gast an der CJD Christopherusschule Königswinter und spricht über die sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder, anschließend Diskussion mit dem Publikum.

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