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Hatun & Can, Nr. 3
Als ich gestern im Saal 537 des Berliner Landgerichtes in Moabit saß, habe ich mich wieder einmal gefragt, wie ich überhaupt auf diesen Typ in ausgebeulten Trainingshosen und mit kurzärmeligen RTL-Shirt hatte reinfallen können. Dass ich nicht die Einzige war, ist dabei wenig tröstlich.
Über den Skandal von Hatun & Can schreibe ich heute zum dritten Mal. In meinem ersten Blog vom 7.4.2010 hatte ich nach der Verhaftung des Vereinsgründers Udo D., alias Andreas Becker, geschildert, wie es zu meiner 500.000 Euro-Spende aus „Wer wird Millionär?“ für den Verein gekommen war – und warum ich misstrauisch wurde. Der Verein war angeblich im Angedenken an Hatun Sürücü, die 2005 Opfer eines so genannten Ehrenmordes wurde, gegründet worden, um anderen jungen Frauen zu helfen. Und der Gründer sei der Ex-Lebensgefährte der Toten, wurde geraunt.
Da saß er nun, der Frauenfreund. Neben ihm sein Anwalt, Hubertus Dreiling, ein in Berlin berüchtigter Krawalleur, der wohl eher zu einer Verschärfung der Strafe von Udo D. beitragen wird als zu einer Linderung, so, wie er sich aufführt. Die Methode Schwenn passt eben nicht immer.
Hätte ich nicht – zusammen mit Necla Kelek, eines der vielen zahlenden Mitglieder des Vereins, und der RTL-Stiftung – im Dezember 2009 Anzeige erstattet, würde Udo D. vermutlich immer noch frei rumlaufen (siehe auch Prozessbeginn Hatun & Can vom 29.10.2010). Und er würde wohl weiterhin seine Reisen, Freundinnen und Bordellbesuche aus der Vereinskasse begleichen (wie der Stern im April 2010 behauptete). Denn die Gutgläubigkeit ist groß in Bezug auf Vereine, die es angeblich gut meinen. Und die Kontrolle gleich Null. Sowohl seitens der SpenderInnen als seitens des Staates.
Ich bin allerdings sehr rasch misstrauisch geworden bei Hatun & Can. Zunächst hielt ich bei näherem Hinsehen den Verein für überfordert; dann begann ich, mir Fragen zu stellen – schließlich gelangte ich zu der Überzeugung, dass hier etwas ganz extrem nicht stimmen könne.
Zunächst hatte ich geglaubt, Udo D. sei der Lebensgefährte der ermordeten Hatun Sürücü gewesen. Entsprechend gerührt war ich. Dass der so was macht: anderen jungen Frauen in Not helfen. Hinzu kam meine Begeisterung über eine scheinbar so flexible Bürgerinitiative, die jenseits aller bürokratischen Regeln auch mal schnell helfen kann.
Nur: Diese Hilfe wurde eben nicht in tausenden von Fällen geleistet, wie behauptet, sondern offensichtlich nur bei einer handvoll. Und auch da nur höchst unzureichend: verdreckte „Fluchtwohnungen“, alleingelassene „Gerettete“, verantwortungsloser Umgang mit den jungen Frauen.
Doch das Allerschlimmste ist: All das hätte man sehen können, wenn man nur gewollt hätte. Wenn man sich nur Mühe gemacht hätte, nicht nur glauben, sondern wissen zu wollen. Aber es lief anders: Ein Journalist verließ sich auf den anderen, ein Vereinsmitglied auf das nächste. Es wäre ja auch zu schön gewesen…
Walter Wüllenweber, der über Hatun & Can für den Stern geschrieben hat, ist seither der ganzen „Sozialindustrie“ auf die Schliche gegangen. Und er hat herausgefunden, dass wir uns in sehr vielen Fällen Fragen stellen müssten. Dabei geht es um enorme Summen: 2 Milliarden Euro spenden Private alljährlich in Deutschland für die gute Sache – und der Staat legt nochmal 117 Milliarden Euro dazu! Aber was geschieht wirklich mit diesen Unsummen? Diese Frage müssen wir uns leider stellen. Auch wenn es viel bequemer wäre, einfach nur an das Gute zu glauben - und ab und zu zu spenden.
Übrigens: Trotz der offensichtlichen Fragwürdigkeit im Falle Hatun & Can ist mir gestern ein Journalist im Gericht begegnet, der immer noch felsenfest davon überzeugt scheint, dass es sich um einen gewaltigen „Justizirrtum“ handele und Udo D. bald frei sein werde. Ist dieser Journalist blind? Nein, vermutlich nur eitel. Eher lässt er im Namen des Guten weiterhin Schlechtes geschehen, als sich und anderen einzugestehen, dass er sich geirrt hat.
Sicher, auch ich ärgere mich darüber, dass ich mich habe täuschen lassen. Aber ich habe daraus gelernt. Und hoffentlich nicht ich allein.
EMMA berichtet weiter über den Skandal von Hatun & Can.
Weiterlesen
Prozessbeginn gegen Hatun & Can (Blogeintrag vom 29.10.2010)
Lernen von Hatun & Can (Blogeintrag vom 7.4.2010)
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"Sozialindustrie"
Auch ich kümmerte mich einmal mehr um die sogenannten "Gutmenschen" der "Sozialindustrie". Da fing ich mit dem "WWF" an, da mir die riesigen Plakatwerbungen für Tiger & Co doch sehr suspekt wurden, das Geld kann man doch nun wirklich sinnvoller anlegen. Jedenfalls schaute ich mir deren letzten, nur kümmerlich veröffentlichten, Jahresabschluß 2009 an: http://www.wwf.de/der-wwf/jahresbericht/ Entgegen den Vorgaben, daß Spenden unverzüglich als solche für den Zweck einzusetzen sind, erfährt der geübte Leser, daß Rückstellungen in Millionenhöhe ausgewiesen sind, die auf der Aktivseite natürlich irgendwie angelegt sein müssen, richtig, in Kapitalanlagen ... weiterhin bietet der WWF für Privatstifter, die Gründung von Privatstiftungen an, was an sich nicht Aufgabe solch einer Spendeneinrichtung sein darf, das sind schlichte Steuersparmodelle für Großkopferte, mehr nicht! Das sind die Steuern, die der Gesellschaft fehlen, um eben unseren Planeten zu retten. Allein die Personalkosten belaufen sich auf einige millionen Euro. Das ist in der Tat eine "Industrie", die Profitorientiert ist, und mit der viele Leute, sehr viel Geld einsacken...man braucht sich nur einmal die Protagonisten des WWF anzuschauen, wer dort alles mitmischt. Da habe ich ganz großes Bauchgrummeln bekommen. Milliarden Euro von Spenden heißt auch: milliarden Euro von Steuern gehen verloren!
KOMPLIMENT
SEHR geehrte Frau Schwarzer, Kompliment! Ich finde, besser hätten Sie es nicht machen können! Den Vorwurf, das Sie zuerst ein wenig auf diesen selbsternannten "Helden" in ausgebeulten Hosen herein gefallen sind, sollten Sie sich nicht machen. Denn nur dadurch, das Sie eine grössere Spende getätigt haben, konnten Indizien gegen die "Bande" gesammelt werden und Sie diese dingfest machen. Oder sagen wir die Handschellen anlegen lassen. In jedem anderen Fall wäre es bei Unterstellungen und Misstrauensbekundungen geblieben, und es wäre schwieriger geworden, gegen diese vorzugehen. Weiterhin würden diese ihr Unwesen treiben auf kosten anderer, der Spender sowie der hilfesuchenden jungen Frauen. Auch wenn es vielleicht ein wenig umständlich ist für solch eine Angelegenheit soviel Aufwand in kauf zu nehmen. Aber Berlin ist immer eine Reise wert.