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Sind Klischees stärker als Realitäten?

- Alice Schwarzer an der Uni Tübingen. - Foto: Sommer
Am 12. Mai habe ich im Rahmen der Mediendozentur an der Tübinger Universität einen Vortrag gehalten, Titel: „Eine Frage der Haltung – Plädoyer für einen Journalismus mit Leidenschaft“. Schon die Hinfahrt hat, trotz Nieselregen, Spaß gemacht: vorbei an den leuchtenden Rapsfeldern des Rheingaus und des Schwabenlandes.
Noch größer war meine Freude bei der Ankunft: Da drängelten sich im Audimax so viele Menschen, dass spontan beschlossen wurde, in den gegenüber liegenden Festsaal zu ziehen, wo sich dann über tausend Frauen und Männer bis hinauf auf die Galerien und in den Gängen schoben. Gut 80 Prozent der Frauen waren unter 25. Und mitten in diesem Gewusel stellte mir, sehr freundlich, eine SWR-Reporterin die Frage: „Frau Schwarzer, erreichen Sie eigentlich auch noch die jungen Frauen?“ Ich musste lachen.
Denn um mich herum waren ja fast nur sehr junge Frauen – ganz wie vor einem Jahr bei meiner Herzl-Dozentur der Publizisten in Wien. Es waren vor allem Studentinnen, aber auch Angereiste oder Einwohnerinnen von Tübingen, wie die Frauenbeauftragte und die Grünen-Abgeordnete. Die Frage der wirklich netten Kollegin, die es gar nicht böse gemeint hatte, ging also total an der Realität vorbei.
Das Klischee, das sie im Kopf hatte, war stärker als die Realität. Und auch darum ging es in meinem Vortrag: Dass wir Journalistinnen nicht voreingenommen sein dürfen, sondern offen und neugierig bleiben müssen. Dass wir keine Meinung haben sollen – außer in Kommentaren – sondern eine Haltung. Der Unterschied ist: Jemand mit einer vorgefassten Meinung blendet alles andere aus – jemand mit einer Haltung aber ist bereit, diese auch zu korrigieren, wenn nötig. In meinem Buch über die Wiener Vorlesungen, „Journalistin aus Passion“, gehe ich ausführlicher auf diese Fragen ein.
Natürlich sind solche Klischees – wie das, Schwarzer & EMMA seien nichts für junge Frauen – kein Missverständnis. Sie sind eine politische Strategie, auch wenn das den einzelnen gar nicht immer bewusst sein muss. Denn schließlich sind die Realitäten viel zu eindeutig, um irgendetwas wirklich missverstehen zu können.
Auf meinen Veranstaltungen drängeln sich seit Jahrzehnten bis heute vor allem junge Leute. Und EMMA hat laut Leserinnenanalyse die jüngsten Leserinnen aller deutschen Frauenzeitschriften (mit einem Altersdurchschnitt von 39 Jahren – Brigitte 49 Jahre). Wer einen Blick in die LeserInnenbriefe im Heft oder ins EMMA-Forum wirft, dem springt ins Auge: Hier debattiert vor allem eine junge LeserInnenschaft über die Fragen von heute. Frauen, die sich für Inhalte und Engagement über die eigene Betroffenheit hinaus interessieren.
Dennoch wird gebetsmühlenartig allerorten wiederholt: EMMA & Schwarzer seien „von gestern“ – und nichts mehr für die Jugend von heute. Preisfrage: Warum wohl?
Gespannt auf eure Antworten
und mit herzlichen Grüßen
Alice Schwarzer
- 2 Kommentar(e)


Wer ist wirklich von gestern??
Liebe Alice!! Aus welchen Ecken kommen meistens diese Vorwürfe?? In der Regel aus denen, die die Gesellschaft wieder ins gestern führen wollen oder wie Sie, liebe Alice einmal sagten, in die Steinzeit. Erzkonservative, rechtskatholische oder evangelikale Kreise. Und genau das ist der Trick. Es wird immer wieder argumentiert, dass die Frauenbewegung früher zwar ihre Berechtigung hatte, nun aber Zeit für neue Ideen gekommen wäre. Mit neuen Ideen meinen diese nichts anderes, als das alte verkrustete Familien-und Gesellschaftsbild wieder einzuführen, nur modern verpackt. Eva Herman ist dafür ein gutes(schlechtes) Beispiel. Nicht umsonst wird diese in genau diesen Kreisen als neue Märthyrerin und Heldin gefeiert. Auch in vielen Männerkreisen erlebt man immer noch eine starke Feindschaft gegenüber emanzipierten und selbstbewußten Frauen. Und um ihren Frust auf diese loszuwerden, machen sie sich dann lustig über diese "schrecklichen Emanzen, auf die die Welt schon lange gewartet hat". Auch auf zwiespältigen Internetseiten erlebt man es immer wieder. Zum Beispiel "FreieWelt.net", ein Treff ewig gestriger und unbelehrbarer Konservativer. Da kommen Leute zu Wort, die dem "bösen,längst überholten Feminismus" und natürlich "Gender Mainstreaming" den Kampf angesagt haben: Maria Steuer, Gabriele Kuby, Christa Meves, Christl Vonholdt, Arne Hoffmann, Hedwig von Beverfoerde und und und... Die Argumente dieser Leute sind immer die gleichen. "Die Frauenbewegung ist überhohlt. Jetzt braucht es neue Ideen!!". Leider muß man aber auch sagen, dass es wirklich eine ganze Menge junger Leute gibt, die dieses überhohlte Gedankengut toll finden. Ich erlebe dies manchmal. Da sollte es vielleicht viel mehr Aufklärung schon an den Schulen geben. Liebe Alice, Sie und die EMMA sind keineswegs von gestern. Im Gegenteil!! Gerade wenn man wie ich viel mit solchen besagten Internetseiten zu tun hat, ist es wie eine erdrutschartige Befreiung, wenn man dann auf Ihre Internetseiten kommt. Viele Grüße
Frank/Erzgebirge
Damit hatte keine/r gerechnet. Oder doch?
Liebe Alice, rund 1.000 Zuhörerinnen und Zuhörer haben Dich zu Deinem Vortrag im Festsaal der Neuen Aula in Tübingen mit einem rauschenden Applaus begrüßt. Glückwunsch! Allein schon mit dieser hohen Zahl an Interessierten bist Du in den TOP 10 der am besten besuchten Veranstaltungen im universitären Kontext gelandet. Das Klischee, dass Du junge Frauen nicht erreichst, sollte damit ja vom Tisch sein. Aber wie wir wissen, halten Klischees sich hartnäckig, auch wenn sie widerlegt werden. Das ist vielleicht so ähnlich wie mit den Begriffen der "Feministin" oder der "Emanze". Wie wirksam ist es, hier für Gelächter zu sorgen und ein Klischee zu bedienen - und damit aufkommendes Begehren gleich im Keim zu ersticken. Das ist natürlich bequem. Und so einfach. Und so effektiv. Aber da ist ja auch die andere Seite. Sichtbar. Bei Deinem Vortrag hunderte junger, neugieriger Studentinnen, die erkennen, dass in diesem Festsaal sonst meist Männer ihr Publikum finden sowie Preise verteilen oder entgegen nehmen. Die auf der Suche nach Vorbildern feststellen, dass weitaus weniger Professorinnen als Professoren an der Uni zu finden sind. Hier sind wir dann doch in der Realität angekommen, in der es noch sehr viele Elfenbeintürme zu erobern und Berge zu erklimmen gibt. Es lohnt sich, eine streitbare Frau zu sein, diese Wege unermüdlich zu gehen und Klischees lustvoll über Bord zu werfen! "Feministische" Grüße aus Tübingen, Diane