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27.07.2010

Parade der Liebe?

Es ist mehr als richtig, so entschieden nach den Verantwortlichen zu fragen. Nach denjenigen, die in der 490.000-Einwohnerstadt Duisburg eine Millionen-Parade genehmigt haben. Und es ist schockierend, dass der zumindest politisch verantwortliche Oberbürgermeister der Stadt, Adolf Sauerland (CDU), nicht schon längst zurückgetreten ist. Denn selbst wenn er nicht persönlich die Loveparade wenige Stunden vor Start genehmigt hätte, wie es jetzt heißt, wäre das eine Frage des Taktes.

Aber mich beschäftigt seit Samstagabend noch eine ganz andere Frage. Wie funktioniert das eigentlich: Auf Menschen so lange drauf treten bzw. gegen sie quetschen, bis sie tot sind? So schnell stirbt man doch nicht. Schreien die Getretenen und Gestoßenen nicht? Spüre ich nicht, dass ich da auf Menschen trete?

Hat es eigentlich von Einzelnen Impulse gegeben, dagegen zu halten? Oder ist die Panik – Nichts wie weg hier, egal wie! – ungebremst eskaliert? Wie verhalten sich junge Leute, die zum Feiern auf eine „Liebesparade“ gekommen sind, in einer solchen Situation, in der ja nicht scharf geschossen wird und es auch nicht brennt?

Unter den 21 Toten sind acht Männer und dreizehn Frauen. Ein weibliches Übergewicht, aber es sind nicht nur gut trainierte Jungs über modisch-magersüchtige Mädchen hinweg gegangen. Hier haben sich Menschen gegen Menschen nach der Devise verhalten: Du oder ich!

Wobei so mancher, der andere mit tot getreten oder tot gequetscht hat, sicherlich selber ebenso hilflos war, weil er oder sie geschoben und gedrängt wurde. Aber irgendwo muss sie doch angefangen haben, die Rücksichtslosigkeit.

Es ist von 500 Verletzten die Rede. Wir dürfen gespannt sein, was die zu erzählen haben.    

Aktualisiert am 28.7.2010

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  • 27 Kommentar(e)
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Gravatar: SH LouisSH Louis
27.07.2010
15:26
Der Aufzug

Stellen Sie sechs Frauen und sechs Männer in einen handelsüblichen Aufzug, schließen Sie die Tür, machen Sie das Licht aus, beschallen Sie die Eingeschlossenen mit lauter Musik, reichen Sie Alkohol und Rauch verschiedener Sorte, warten Sie jetzt eine Stunde, öffnen Sie dann die Tür des Aufzugs einen Spaltbreit für weitere sechs Menschen, die schon seit zwei Stunden davor auf Beförderung warten.

Gravatar: petrapetra
28.07.2010
07:57
tierisch

Ich glaube, dass der Mensch ab einem bestimmten Moment wahrscheinlich zum Tier wird... Da ist dann nix mehr mit "Love". Das bei sich selbst feststellen zu müssen, das muss eigentlich das wahre Trauma sein. Was ich mich immer frage: Warum dreht man nicht rechtzeitig um und geht, wenn man sieht, dass da zu viele Menschen sind? Ich setze mich nicht mal in einen überfüllten Zug...

Gravatar: NelchenNelchen
28.07.2010
09:46
(Schutz-)reflex?

Ich glaube, dass niemand, der in dieser Menge steckte, rücksichtslos gehandelt hat. Jeder schob und wurde geschoben, jeder hatte Interesse, sein Leben zu retten und das ist selbstverständlich. Man hat nicht die Pflicht, sein Leben für andere zu riskieren / zu opfern und darf sich (mit Gewalt) verteidigen, das ist Notwehr. Zumal hatte niemand die Absicht, irgendjemanden zu töten oder zu verletzen. Es war ein Ausnahmezustand. Man verfolgt eine eiskalte Spur, wenn man die Schuld bei Loveparade-Besuchern sucht, viel wärmer ist die, die zu den Veranstaltern und der Stadt führt. Für mich ist es nebensächlich, wie viele Frauen und Männer gestorben sind. Schlimm ist es, dass 20 Menschen gestorben sind. Dass mehr Frauen gestorben sind, hat weder mit ihrem Geschlecht noch der Kraft noch sonstigem zu tun.  Den Absatz mit dem "ausgewogenen Geschlechtsverhältnis" von Frau Schwarzer finde ich etwas fragwürdig. Entschuldigung, aber für mich liest sich das ein bisschen wie nach dem Motto: "Na wenigstens haben die Mädchen auch ein paar Jungs plattgetrampelt". Es gibt übrigens auch gut trainierte Mädchen und modisch-magersüchtige Jungs. Die Geschlechter sollte man nicht mit Klischees behaften und sie doch einfach nur mal als Menschen auf gleicher Ebene bezeichnen. Tut mir Leid, Frau Schwarzer, die Kritik musste mal sein, ich mag Sie trotzdem noch. Weiß ja, dass Sie (manchmal) provokant schreiben. Hoffentlich mögen Sie mich auch noch und vielleicht habe ich ja auch etwas falsch verstanden. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Gravatar: RikeRike
28.07.2010
15:42
Ohne Chance

Ich habe mir anfangs auch die Frage gestellt, wie man überhaupt totgetrampelt werden kann. Irgendwie muss man doch wieder hochkommen! Irgend jemand müsste einem doch helfen! Ein Teilnehmer beschrieb die Situation in etwa so: "Man steht dermaßen eng beieinander, dass man seine Füße keinen Zentimeter nach vorn oder hinten bewegen kann. Dennoch wird man oben aber wie ein Kegel vor und zurück geschoben. Je mehr man gekippt wird, umso größer wird die Gefahr unter andere zu geraten. Und da auch diese anderen vorwiegend passiv bewegt werden, hat niemand eine Chance, dieser Situation zu entkommen. Ich tat alles dafür, bloß stehen zu bleiben." Für mich war es eine einleuchtende und erschreckende Erklärung. Sie sprechen von Rücksichtslosigkeit. Auf den vielen Privatvideo-Dokumentationen der Katastrophe fiel mir indes auf, dass Menschen sich gegenseitig halfen. An der sogenannten "Todestreppe" brachten sich Menschen nicht nur selbst in Sicherheit, sondern hingen an dem dünnen Geländer und zogen andere aus der Masse, hoben sie nach oben. Meines Erachtens bemerkenswert.

Gravatar: malealeamalealea
29.07.2010
15:08
Sorry,

aber das muss ich leider kommentieren, auch wenn ich Sie, Frau Schwarzer, sehr schätze und meistens ähnlicher Meinung bin wie Sie. Ich war Mitte der Neunziger Jahre bei dem sog. Münchner "Union Move" (kleinere Ausgabe der Loveparade, gab es damals in mehreren Städten) in einer ähnlichen Situation: Die Parade startete auf dem Odeonsplatz - Platz: d.h. man ist eingekeilt von Häusernzeilen und es gibt nur vier schmale Zugänge. Wir kamen mit der U-Bahn vom Hauptbahnhof, minütlich hielten völlig überfüllte U-Bahnen, deren Gäste nach oben drängten, es wurde voller und voller und enger und enger, wir konnten beim besten Willen nicht steuern, in welche Richtung wir "gingen" bzw. geschoben wurden, irgendwann hatten wir dann keinen Boden mehr unter den Füßen. Dann wurde die Lunge gequetscht und anschließend wurde es mir schwarz vor den Augen. In DEM Moment hat bei mir ein instinktiver Überlebenswille eingesetzt, ich fing an zu rudern und schaffte es irgendwie (wie, weiß ich bis heute noch nicht), mich an den Rand des Platzes zu "kämpfen". Im wahrsten Sinne des Wortes. Und, glauben Sie mir: sollten Sie einmal in einer solchen Lage sein, werden auch Sie kämpfen. Wetten?

Gravatar: JJJJ
07.08.2010
12:48
Leider lebensfern

Liebe Alice Schwarzer, Ihre Verdienste in allen Ehren, an dieser Stelle und zu diesem Thema fürchte ich, fehlt Ihnen die "Fronterfahrung" Selbst wenn einige Menschen innerhalb der Menschenmenge sich rücksichtsloser oder helfender als andere verhalten, ist die Dynamik der Menschenmasse von Einzelnen überhaupt nicht zu steuern oder zu bewegen. Das ist ja eben der Grund für eine Massenpanik! Das Gefühl des völligen Ausgeliefertseins und der Machtlosigkeit, sich selbst aus der Situation zu befreien. Der Einzelne wünscht sich doch nur noch, quasi nach oben zu verdampfen, weil kein Weg aus der Masse herausführt. Hier einen Unterschied zwischen Männern und Mädchen herbeizustilisieren grenzt schon an Demagogie. Meinetwegen für die gute Sache, aber haben Sie das (noch) nötig? Wir wissen, auf wessen Seite Sie stehen und wofür sie kämpfen. Da braucht es nicht in jedem Zusammenhang einen Querverweis, um das eigene Profil zu schärfen. Jede/r, die/der bereits ähnliches erlebt hat, weiß oder ahnt zumindest, was in den Menschen vor Ort vorgegangen sein muss. Dass Sie, liebe Alice Schwarzer es nicht wissen, kann man Ihnen nicht übel nehmen, ist aber schlicht dem Umstand zuzuschreiben, dass Sie sich (aus verständlichen Gründen) nicht in derartige Pulksituationen bringen. Ergo fehlt Ihnen hier, sorry, das Urteilsvermögen. Daher ist eine auch nur angedeutete Schuldzuweisung an die Opfer nicht nur taktlos sondern vor allem ahnungslos. Nehmen Sie den Kommentar bitte als das was er ist: Gerade wenn die, die wir bewundern fehl gehen, tut es besonders weh!

Gravatar: HortonHorton
29.07.2010
19:18
Danke, Frau Schwarzer!

Nachdem ich eben erst von Eva Hermans Stellungnahme zu dem Unglück der Loveparade erfahren habe, bin ich direkt zu AliceSchwarzer.de gesurft, um zu sehen, was "meine Alice" zum Thema zu sagen hat. Während Eva Herman äußerst takt- und pietätlos die Ereignisse mit Sodom und Gomorra vergleicht (ihr Origialartikel lässt sich selbst nach langer Recherche im Netz nicht mehr finden, wie praktisch, denn schließlich ist sie wieder mal "aus dem Zusammenhang gerissen" worden, wie es auf ihrer Internetseite heißt), freut es mich, dass Alice Schwarzer ein menschliches Thema anschneidet. Denn wie konnte es dazu kommen? Menschen werden ohnehin immer rücksichtsloser. Leider. Das beobachtet man alleine jeden Tag im Straßenverkehr. Und überall. Danke, Alice für deine Beobachtungen. Ich bin ohnehin ein jahrelanger Fan. Bitte mach weiter so!

Gravatar: Olaf SchmidtOlaf Schmidt
29.07.2010
22:15
Verantwortung der Besucher

Sehr geehrte Frau Schwarzer, ich bin Ihrer Meinung. Natürlich war Rücksichtslosigkeit im Spiel. Dass alle Besucher der Love-Parade unverantwortlich seien, glaube ich nicht. Schließlich kommt so ein Gedränge nicht von alleine zustande. Ich war selber mal in so einem Gedränge, man ist völlig passiv, man kann weder vor noch zurück, zeitweise hatte ich den Bodenkontakt verloren. Ursächlich verantwortlich für so eine Enge sind die Menschen, die etwas außerhalb stehen, noch über Bewegungsfreiheit verfügen und gnadenlos ihren Vordermann (-frau) schieben und drücken. Aber auch im Gedränge gibt es meiner Meinung die Möglichkeit einer gefallenen Person zu helfen. Es müssten alle Personen zusammenarbeiten, einen Kreis bilden um einen halben Quadratmeter Raum zu schaffen, in dem sich die Person aufrichten kann. Als ich damals in der Menge stand, war es mir, als nicht besonders kräftigem Mann (außerdem war ich erst 14 oder 15) wichtig, die Heißsporne, die Hitzekopfe und die latent Aggressiven (die schon ankündigten gleich aus zurasten) zu beruhigen. Gott sei Dank ist es mir und anderen gelungen, es gab Verletzte aber keine Toten, obwohl es ein Schwermetall-Konzert war. Ich denke, dass es selbst in einer kippenden Menge nicht zu Toten kommen müsste, wenn alle ruhig und besonnen blieben. Nein, den ängstlichen und zugleich aggressiven und gewalttätigen ist das Unglück zu verdanken, wie auch alle beschissenen und unnützen Kriege. Ich bin der Meinung, dass man die Video-Aufnahmen penibel auswerten sollte und die Täter, die andere rücksichtslos nieder getrampelt und getötet haben zur Verantwortung zieht und zwar vor Gericht. Mit freundlichen Grüßen. Olaf Schmidt

Gravatar: ulliulli
30.07.2010
00:38
ich kann das sehr gut nachvollziehen

hallo, wenn man sich einfach mal in die ersten reihen von einem pop/rockkonzert stellt(z.B. Rock am Ring o.ä.), kann man das schon sehr schnell nachvollziehen. erst wartet man ewig, bis es mal anfängt (auf der loveparade, darauf, dass man aufs gelände konnte). davon ist man dann schon ziemlich fertig. dann drängen die hinteren reihen nach vorne, die selber nicht sehen, was vorne passiert. weil sie ja gerne aufs gelände wollen. vielleicht ist weiter vorne schon jemand vor erschöpfung umgekippt. dann wird man selber von hinten so geschoben, und kann gar nichts mehr selber steuern. wenn dann schon ein erschöpfter mensch (wie bei der lopa) vor einem liegt, heißt es: auch 'hinlegen' und die nächsten hinter einem fallen auf einem selbst noch drauf, oder eben sich selbst in der senkrechten halten und notgedrungen auf den vor einem liegenden treten. es geht einfach nicht anders, wenn es so dermaßen überfüllt ist und nicht alle stocksteif stehen bleiben. auf der lopa war zum unglückszeitpunkt der zugang zum gelände zu und raus konnte man auch nicht, da dort auch dicht gemacht wurde, damit erstmal keiner mehr rein kommt (weil ausgang=eingang). vorne wusste man aber nicht, was hinten passiert. deshalb haben sich alle bewegt. ich war selbst nicht dabei. aber ich erinnere mich nur gut an meine konzertbesuche, wo es nie soweit gekommen ist, aber man das im ansatz fühlen kann, wenn 300 leute oder mehr auf den eigenen körper pressen, deshalb habe ich da auch viel drüber nachgedacht und mir ganz viel über den unfall in duisburg angesehen und durchgelesen. dass ausgang und eingang (wie bei jedem kleinen konzert mittlerweile) nicht getrennt waren, ist meiner ansicht nach einer der vielen entscheidenden fehler bei der planung. viele grüße aus essen/ruhr

Gravatar: LuiseLuise
01.08.2010
22:29
Panik

ich konnte mich an einen Moment der Panik, Anfang der 80er bei einem Rock-Konzert in Rotterdam erinnern. Erst kommt die Hitze, dann der Druck, dann Angst, noch mehr Angst. Und wenn man nicht die Ruhe bewahrt, gibt man auf. Ich hatte panische Angst und konnte das Ganze nicht mehr steuern. Irgendwie wurde ich heraus gezogen. Wenn hundert Menschen von hinten und von der Seite pressen, gibt es keine Logik mehr. Die Luft bleibt weg, man wir ohnmächtig, der Durst kommt hinzu. Es gibt da keine Logik. Es ist nur der Druck der Massen, nicht des Einzelnen.

Gravatar: CarolineCaroline
02.08.2010
13:26
Brutal

Genau diese Fragen stelle ich mir auch immer wieder. Man muss schon zwischen der Verantwortung und der persönlichen Schuld im Sinne des StGB unterscheiden. Sicherlich waren die, die Verantaltung organisiert haben auch für die Sicherheit der Besucher verantwortlich. Die Organisatoren haben das Konzept erstellt und auch durchgeführt und nicht die Besucher. Daher ist der Rücktritt des OB für mich auch keine ernsthafte Frage. Aber wer ist denn wirklich schuld an dem Tod? Doch zunächst der unmittelbar Handelnde. Dass es auch in diesem Fall so sein könnte, zeigt sich daran, dass es Menschen gegeben hat, die sich in dem Moment der Panik anders entschieden haben. Diejenigen haben nämlich geholfen und Menschen hochgezogen, um sie zu schützen. Doch dies wird durch die Staatsanwaltschaft geklärt werden müssen. Mein Mitgefühl ist jedenfalls bei den Angehörigen der Verstorbenen, die sich die Frage nach den unmittelbar Handelnden sicherlich auch stellen werden. Die werden sich wohl nicht mit Frau Hermanns These, ihre Kinder seien Opfer göttlicher Gewalt gewesen, zufrieden geben. Wie zynisch.

Gravatar: CarolineCaroline
02.08.2010
13:27
Brutal

Genau diese Fragen stelle ich mir auch immer wieder. Man muss schon zwischen der Verantwortung und der persönlichen Schuld im Sinne des StGB unterscheiden. Sicherlich waren die, die Verantaltung organisiert haben auch für die Sicherheit der Besucher verantwortlich. Die Organisatoren haben das Konzept erstellt und auch durchgeführt und nicht die Besucher. Daher ist der Rücktritt des OB für mich auch keine ernsthafte Frage. Aber wer ist denn wirklich schuld an dem Tod? Doch zunächst der unmittelbar Handelnde. Dass es auch in diesem Fall so sein könnte, zeigt sich daran, dass es Menschen gegeben hat, die sich in dem Moment der Panik anders entschieden haben. Diejenigen haben nämlich geholfen und Menschen hochgezogen, um sie zu schützen. Doch dies wird durch die Staatsanwaltschaft geklärt werden müssen. Mein Mitgefühl ist jedenfalls bei den Angehörigen der Verstorbenen, die sich die Frage nach den unmittelbar Handelnden sicherlich auch stellen werden. Die werden sich wohl nicht mit Frau Hermanns These, ihre Kinder seien Opfer göttlicher Gewalt gewesen, zufrieden geben. Wie zynisch.

Gravatar: David SchmitzDavid Schmitz
02.08.2010
22:52
Verachtenswert

Sehr geehrte Frau Schwarzer, sie nennen ihr neustes Buch "Journalistin aus Passion" und verfassen gleichzeitig diese Zeilen!? Ich mein, Journalist darf sich ja jeder nennen in diesem Land. Von daher seis drum - auf die Qualität kommt es an, wie immer im Leben. Und eben nicht auf die Quantität - das gilt übrigens auch für das Geschlechterverhältnis bei Opfern einer Massenpanik. Wieso stinkt jede ihrer Zeilen nach Gender-Blabla? Wieso benutzen SIE dieses Ereignis für unterschwellige Schuldzuweisungen an die Opfer der Katastrophe? Ja, genau. An die Opfer. Denn auch die, die gestorben sind, haben sich gewehrt. Völlig egal ob Männlein oder Weiblein, liebe Frau Schwarzer. Es sind nämlich Menschen, und Menschen sind Tiere, sie handeln in Gefahrsituationen instinktiv und eben nicht rational. Verstehen sie das, oder müssen sie den Biounterricht nochmal wiederholen? Übrigens, der wesentlichste Trieb/Instinkt des Menschen ist es sein eigenes Leben zu erhalten - auch wenn andere dafür sterben müssen. Verstehen sie das? Ich schon, denn deshalb habe ich ab und an Hunger und Durst. Verstehen sie das?  Mit großer Verachtung, David Schmitz

Gravatar: AlexandraAlexandra
03.08.2010
01:03
Augenzeugenberichte

Liebe Frau Schwarzer, ich als einzelne Frau (mit 56 Kilo Fliegengewicht) könnte Sie sicherlich nicht zu Tode quetschen, selbst wenn ich das vorsätzlich wollte. Wenn Sie und ich jedoch nebeneinander in einer Menschenmenge eingepfercht sind, kann das tatsächlich passieren. Es sind dann aber nicht meine lächerlichen 56 Kilo, die auf Ihren Brustkorb einwirken, sondern die Tonnen der Menschenmassen. Ich würde Sie also im Zweifel zerquetschen, ohne dazu allein jemals in der Lage gewesen zu sein. Und wenn Sie sich ein Bild von der tatsächlichen Panik in der Masse machen möchten, empfehle ich Ihnen dieses Augenzeugenvideo, bei dessen Anblick zumindest mir schon gegraust hat http://www.youtube.com/watch?v=9DvH1BYFVCQ Sonnige Grüße
Alexandra

Gravatar: MartinaMartina
03.08.2010
02:55
eine Frage von Physik und Technik

sicher haben Menschen dagegengehalten. Sonst wären weitere Tote zu beklagen. Alles andere ist eine Frage der Physik, denn der Mensch, der ohne Informationen im Dunkeln steht, kann sich gar nicht anders verhalten als ein Teilchen in der Masse, die durch eine Tube gequetscht wird. Vollkommen willenlos und ungefragt. Es war wahrscheinlich noch nicht mal eine Frage von "Du oder Ich", es war einfach Reibung und Kraft. Auf youtube gibts die entsprechenden (Handy)filme. Ich kann nirgendwo ein wissentliches Draufrumtrampeln entdecken.

Gravatar: WalchyWalchy
03.08.2010
10:31
Ich finde es unfassbar zynisch...

...den Besuchern und Opfern eine Mitschuld geben zu wollen. Es stellt die Verantwortlichkeiten auf den Kopf. Ab einer gewissen Dichte hat der Einzelne keinen Einfluss mehr. Es entstehen Kräfte und Bewegungen, die auch bei bestem Verhalten der Menschen zwangsläufig zu solchen Katastrophen führt.

Gravatar: KallieyKalliey
03.08.2010
22:43
Zitat

"Auf Menschen so lange drauf treten bzw. gegen sie quetschen, bis sie tot sind? So schnell stirbt man doch nicht. Schreien die Getretenen und Gestoßenen nicht? Spüre ich nicht, dass ich da auf Menschen trete?"
Das frage ich mich auch. Unfassbar was da passiert ist.

Gravatar: TheKTheK
04.08.2010
08:29
vorher informieren

Beschäftigen Sie sich bitte einmal damit, was bei einer Massenpanik passiert. Oder mit den Augenzeugenberichten. Danach werden Sie ihren Artikel wahrscheinlich verschämt löschen. Die Personen, die auch nur theoretisch die Chance hätten, irgendetwas zu ändern sind von den Opfern weit weg.

Gravatar: AndreasPAndreasP
04.08.2010
09:03
Handlungsoptionen

Der Mensch ist nicht in der Lage, alle seine Handlungen selbst zu bestimmen. Wer das glaubt, soll mal versuchen, mit dem Atmen aufzuhören.

Gravatar: FeuerengelFeuerengel
04.08.2010
11:10
Haftung?

Ihr wollt allen ernstes Menschen zur Verantwortung ziehen die 1. um ihr eigenes Überleben gekämpft haben und 2. zum großen Teil gar nicht die Kraft hätten aufbringen können sich gegen den Druck der Masse zu wehren? Es ist beängstigend wenn ich mir vorstelle in einem Gedränge zu stehen und mich dieser Masse und diesem Druck erwehren zu müssen. Wenn ich dann noch berücksichtige, dass ich für eine Frau zwar sehr groß aber trotzdem nicht wirklich schwer bin und davon ausgehe, dass der Großteil der getöteten Frauen vermutlich unter 1,70 m groß und eher leicht waren, dann ist es ein physikalisches Gesetz, dass sie von dem Druck der Massen heruntergedrückt wurden und sich nicht dagegen stemmen konnten. Aber Schuld ist faktisch niemand. Oder soll der haften, der am Ende der Masse gestanden hat und nichts mitbekommen hat? Weil er nicht umgedreht und gegangen ist?

Gravatar: NeleNele
04.08.2010
13:03
Wie es sich anfühlt andere tot zu treten...

...möchte ich bestimmt nicht wissen! Ich finde es unpassend, dass Sie hier andeuten, die Leute seien eventuell zum Teil selber schuld. Ich komme aus Duisburg und kenne die Unglücksstelle. Es ist dort einfach ZU ENG für soviele Menschen. Der Rest ist bekannt. Und nein, Menschen, denen ganz langsam immer mehr die Luft genommen wird, die schreien nicht. Die werden ohnmächtig.

Gravatar: MariaMaria
04.08.2010
19:29
diese Frage stellt sich nicht

Können Sie ermessen, wie es in einem so engen Tunnel zugeht? Natürlich will man auf niemanden drauf gehen, aber wenn hinter einem gedrückt wird, kommt man nicht nach hinten. Es geht nicht, keine Chance. Daher ist die Frage pietätlos und unfair allen denen gegenüber, die mit Wasserflaschen und ihrer eigenen Kraft versucht haben Leben zu retten!

Gravatar: KallieyKalliey
04.08.2010
21:43
Organisation

Spannen ist doch auch die Frage der Organisation, wieso ist ein 12-Jähriger in der Lage eine maximale Anzahl an Teilnehmern für das Gelände zu berechnen, aber die verantwortlichen Köpfe bei der Stadt / Polizei / dem Veranstalter nicht?

Gravatar: SteffenSteffen
05.08.2010
03:34
Schuld vs. Verantwortung

Nach dem ich gerade für meinen Blog einen längern Artikel über Schuld verfasst habe, bei dem es unter anderem auch um das Thema Loveparade ging, habe ich mich gefreut hier im Blog nicht nur von Frau Schwarzer, sondern auch von einigen Kommentierenden diese Unterscheidung wiederzufinden. Es steht ebenso ausser Frage, wer die rechtliche Verantwortung übernehmen bzw. zu teilen hat, wie die Tatsache, dass es (auch Frau Schwarzer) natürlich völlig egal ist, ob hier Frauen oder Männer gestorben sind. Interessant und unterstreichenswert ist der Absatz "Wobei so mancher, der andere mit tot getreten oder tot gequetscht hat, sicherlich selber ebenso hilflos war, weil er oder sie geschoben und gedrängt wurde. Aber irgendwo muss sie doch angefangen haben, die Rücksichtslosigkeit.". Genau darum ging es auch mir in meinem Artikel im Bezug auf das Beispiel Loveparade, im Bezug auf die von Frau Schwarzer zu recht zynisch titulierte "Liebesparade". Auf zahlreichen Konzerten erlebe ich, dass es trotz Gedränge, trotz "ruppiger Tanzweisen" immer möglich ist, dass mehrere Leute zugleich instinktiv die anderen Beiseite drücken um einem Umgefallenen zu helfen. Natürlich reden wir hier von anderen Dimensionen von Menschenmassen - aber wir reden hier auch von einer Liebesparade, von einem gemeinsamen "Happening" - nicht von einer aggressiven und brutalen Metalveranstaltung, bei der die Leute das auch hinkriegen. Mir geht es hier weniger um eine Schuldzuweisung, sondern um ein Pladoyer gegen das "Schuld von sich weisen". Natürlich wäre dieses traurige Ereignissen an vielen Stellen der Planung verhinderbar gewesen - aber meine These (die ich bei Frau Schwarzer ebenso heraushöre): mit einem tatsächlichen Geist eines "Miteinanders" wäre es nicht soweit gekommen. Das dieser Geist vieler Orts fehlt hat sich an dieser Stelle auf schreckliche Art und Weise gezeigt. Wer nicht bereit ist seine eigene Position in der Verantwortungskette zu reflektieren macht sich automatisch mitschuldig - ob an diesem oder dem nächsten vergleichbaren Ereignis!

Gravatar: Conny DudenConny Duden
05.08.2010
11:28
Ort oh Graphie

"tot getreten" war die Reform von gestern, heute schreibt man richtigerweise wieder "totgetreten".

Gravatar: M a r i u sM a r i u s
05.08.2010
12:58
Reisst den Horizont auf

Duisburg sehen und dann sterben - wie es zynisch als Überschrift auf einer der grössten Zeitungen prangt. 21 Tote sind 21 Tote zuviel. Ich kann nur ahnen, was in den Hinterbliebenen vorgeht. Aber bitte halten Sie inne und versuchen Sie, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Über tägliche Tragödien. Alle 5 Sekunden wird ein Kind ermordet. Seriöses Zahlenmaterial. So Jean Ziegler (Imperium der Schande) in der ARD zur besten Sendezeit. Es geht auch um das Verscherbeln jedes afrikanischen Trinkwasserbrunnens an einen Konzern am Genfer See. Trinkwasser sei Handelware, so behaupten sie. Denken Sie an die Feuerinfernos in Russland zur Zeit, die Zahl der Opfer ist noch unbekannt. Denken Sie an die aus heiterem Himmel tödlich verunglückten Menschen im Strassenverkehr. Ich weiß nicht, ob es Statistiken gibt, wieviele Menschen täglich auf Erden gewaltsam sterben (müssen). Ist es auszuschliessen, daß manche Medienbosse klammheimlich die Loveparade - Tragödie begrüssen, so mitten im Sommerloch ? Ich rege an, sich Dimensionen vor Augen zu halten. Und nach einer Analyse vermutlich jegliche Genehmigung zu Großveranstaltungen zu verweigern, bei denen ein minimales Restrisiko überschritten wird. Zu Adolf Sauerland. Wird er abgewählt, heisst es, gibt es bis ans Lebensende eine satte monatliche Pension, höher als das monatliche Gehalt mancher Spitzenverdiener. Tritt er selbst zurück, gibts nichts. Vielleicht irgendwann einmal Hartz IV. Grimms Märchen. So einen einsichtigen "Sonderfall" lässt die Partei nicht hängen. Er würde lukrativ untergebracht. Irgendeine Funktion würde dann über Nacht aus dem Boden gestampft.

Gravatar: Christian SchmidtChristian Schmidt
06.08.2010
17:35
Und was sagt das Geschlechterverhältnis aus?

Das Geschlechterverhältnis dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Frauen im Schnitt kleiner und schwächer sind und daher auch leichter umgestoßen werden. Was genau wollen Sie aber aus dem geschlechterverhältnis herleiten? Hätten die Männer ritterliche Rettungsversuche machen müssen? Oder denken Sie, dass frauenfeindliche Gründe am Werk waren? Müssen Frauen in der Masse besser geschützt werden und wie soll das möglich sein?

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