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06.07.2010

Hatun & Can: Die bittere Wahrheit

Am 31. März wurde Udo D., alias Andreas Becker, verhaftet. Am 10. Mai wies das Berliner Kammergericht dessen Haftbeschwerde zurück. Grund: Es besteht „dringender Tatverdacht auf gewerbsmäßigen Betrug in einem besonders schweren Fall“. Der Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins Hatun & Can wird also wohl im Moabiter Gefängnis bleiben, bis nach den Sommerferien der Prozess eröffnet wird. Es drohen ihm mehrere Jahre Gefängnis.

Bereits vor Weihnachten 2009 war der Löwenanteil der halben Million Euro, die ich bei „Wer wird Millionär?“ erspielt und an den Verein gespendet hatte, beschlagnahmt worden: 382.000 Euro auf dem Konto und der 60.000-Euro-BMW. Doch allein im Jahr 2009 fehlen 164.067 Euro auf dem Vereinskonto – rund 60.000 aus meiner Mammut-Spende und der Rest aus den vielen großen und kleinen Spenden, die engagierte Frauen und Männer dem Verein gespendet hatten, der angeblich muslimischen Mädchen in Lebensgefahr half.

Wo das Geld geblieben ist? In den Eskapaden des Hartz-IV-Empfängers Udo D. und seinen diversen Freundinnen, die er als angeblich gerettete Opfer deklariert hat. Die wahren Opfer erhielten, selbst wenn sie in Lebensgefahr waren, abwiegelnde Routineschreiben, ob sie „den Schritt denn wirklich wagen“ wollten. Insgesamt hat der Verein, der in drei Jahren angeblich Hunderten geholfen hatte, maximal elf Mädchen zwischengeparkt: in einer Flucht-Wohnung. Doch selbst die bezahlte nicht etwa Hatun & Can, sondern die „Französische Kirche“, der Weiße Ring oder das Job-Center.

Die geretteten Mädchen blieben in der verwahrlosten Wohnung sich selbst überlassen und mussten – oft gegen ihren Willen – für Pressetermine zur Verfügung stehen. Steckte ein mitleidiger Journalist ihnen mal einen Hunderter zu, kassierte selbst den noch Udo D. Er hatte ja so viele „Auslagen“ für die Mädchen.

Die Polizei und der Stern-Reporter Walter Wüllenweber recherchierten, was Udo D. aus Neukölln von Anbeginn an wirklich mit dem Geld anstellte: Er schmiss Runden in seinen Stammkneipen, finanzierte das Leben der einen Freundin und lud eine andere zum Luxustrip ein, kaufte sich eine goldene Uhr und ging ins Thai-Bordell oder auf den Straßenstrich. Erstaunlich nur, dass in all den Jahren nie jemand bei den zahlreichen Medien anrief, die immer nur Gutes über Hatun & Can zu berichten hatten und wiederholt zu Spenden aufriefen, wie der Berliner Tagesspiegel und der RBB oder in Folge auch SpiegelOnline und EMMA.

Der Initiator von Hatun & Can sei der ehemalige Freund von der von ihrem Bruder 2005 ermordeten Hatun Sürücü, wurde geflüstert. Entsprechend taktvoll recherchierten wir alle. EMMA inbegriffen. Der wahre Freund von Hatun, Timor S., zuckt heute nur mit den Schultern und erklärte dem Stern: „Udo hat sie exakt einmal getroffen (…) Von Hatuns Freunden macht niemand bei diesem Verein mit. Die wissen alle, dass der Udo nur Geld mit ihr verdienen will.“ Das Bedürfnis allerdings, den Betrüger zu stoppen, scheint nicht sehr groß gewesen zu sein.

EMMA brachte im März 2008 erstmals eine Meldung über Hatun & Can und, nach einem Hilferuf im Sommer 2008, einen ausführlichen Bericht im September 2008. EMMA-Redakteurin Chantal Louis hatte recherchiert: Beim Vereinsvorsitzenden persönlich (dem angeblich gramgebeugten Freund von Hatun), bei Vereinsmitgliedern sowie bei anderen Hilfsprojekten. Alle waren des Lobes voll über die Wohltaten des Vereins. Hunderte von Frauen hätten die gerettet aus „lebensgefährlichen Situationen“ und sie „neu integriert“, laut Hatun & Can waren es innerhalb von zwei Jahren 170 Frauen.

Also spendete auch ich im Sommer 2008 Hatun & Can 3.000 Euro. Ein Jahr später erhielt ich einen erneuten Hilferuf von „Andreas Becker“. Der Verein habe kein Geld mehr und könne ohne meine Hilfe nicht weiterarbeiten. Ich beschloss, nochmal zu helfen – nicht ohne vorher ein zweites Mal nachzuhören bei Vereinsmitgliedern und KollegInnen. Wieder waren alle in Berlin des Lobes voll.

Am 25. September 2009 machte ich bei "Wer wird Millionär?" öffentlich, dass mein Gewinn an Hatun & Can, die verfolgten muslimischen Frauen helfen, gehen würde. Ich hatte nicht damit gerechnet, eine halbe Million zu erraten – habe mich aber dann umso mehr gefreut.

Gleich am Tag nach der Sendung begann ich, nachzuhaken, was denn nun mit dem Geld geschehen würde. Ich erhielt nur ausweichende Antworten. So vage, dass ich Anfang November nach Berlin fuhr. Zusammen mit dem Vereinsmitglied Necla Kelek traf ich „Verantwortliche des Vereins“. Neben „Andreas Becker“ saß ein schweigsamer Kumpane, der als „Bodyguard“ vorgestellt wurde (weil es ja so gefährlich sei, jungen Musliminnen zu helfen); gegenüber eine junge Frau, die eher den Eindruck vermittelte, selber dringend Hilfe zu benötigen; sowie Anwältin Olga V.M., die sich als „Mitglied“ von Hatun & Can sowie der „Französischen Kirche“ vorstellte und sich auffallend zurückhielt.

Die „Französische Kirche“ organisiert ebenfalls Fluchtwohnungen für Asylsuchende. Im Stern wurde Olga V.M., Vorstandsmitglied der „Französischen Kirche“, als „enge Vertraute“ von Udo D. bezeichnet. Auch gegen sie ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft.

Nach dem einstündigen Gespräch mit den Vieren von Hatun & Can wusste ich: Hier stimmt etwas nicht! Von nun an setzte ich alle Hebel in Bewegung. Und was ich erfuhr, war nicht gerade beruhigend. Niemand wusste in Wahrheit Konkretes aus eigener Erfahrung, alle beriefen sich immer nur auf die anderen. Und die angeblich hundertfach Geretteten waren über Monate die immerselben drei jungen Türkinnen.

Außer den Vieren – von denen zwei inzwischen bei der Polizei gestanden haben – schien es keine weiteren aktiven Vereinsmitglieder zu geben, nur gutgläubig Zahlende. Ein Beirat, wie rechtlich vorgesehen? Nie gesehen. Die beiden anderen Vorstandsmitglieder? Unsichtbar. Vereinstreffen? Nie stattgefunden.

Bereits Anfang November 2009 hatte RTL „Herrn Becker“ aufgefordert, das Geld bis zur Klärung zurückzuzahlen. Keine Reaktion. Dann erschien am 20.11.2009 im Berliner Tagesspiegel, – dem Blatt, das bis zuletzt am meisten und euphorischsten über Hatun & Can berichtet hatte, – eine Dankesanzeige. Hatun & Can dankte „Alice Schwarzer und RTL“ für die Spende. Doch von den mir bekannten Hatun & Can-Mitgliedern war kein einziges unter den Unterzeichnern, auch Frau V.M. nicht. Die allerdings hatte zusammen mit ihrem Mann anscheinend die meisten bzw. alle diese Unterschriften persönlich akquiriert. Die ahnungslosen UnterzeichnerInnen hielten es für eine gute Sache.

Noch wenige Tage zuvor hatte die Anwältin mir geschrieben, es dürfte auf keinen Fall ihr Name genannt werden, denn Hatun & Can hätte „Sicherheitsregeln, die denen des israelischen Geheimdienstes nicht nachstehen“. Was sie, Olga V.M. jedoch nicht daran hindern konnte, unter ihren Freunden und Bekannten für die Unterzeichnung der Anzeige zu werben, und das, ohne sie über die längst offenen Probleme zu informieren.

Der Stern schreibt jetzt, dass die von ihm überprüften UnterzeichnerInnen noch nicht einmal von ihrer Unterschrift unter dieser Anzeige wussten.
Die verlogene Anzeige brachte für mich das Fass zum Überlaufen. Ich erstattete, zusammen mit Necla Kelek und RTL, Anzeige gegen Hatun & Can. Udo D. wurde ab sofort beschattet, und es stellte sich heraus, dass er und seine Komplizin Tag für Tag Tausende von Euro an diversen Bank-Automaten von dem Vereinskonto abhoben. Noch vor Weihnachten 2009 wurden die Konten und das Auto beschlagnahmt.

Was passierte nun? Erstaunliches! KollegInnen, die ganz wie EMMA in der Vergangenheit positiv über Hatun & Can berichtet hatten, riefen mich an. Doch sie fragten nicht etwa, warum ich Anzeige erstattet hatte – sondern sie versuchten mich zu bremsen, wenn nicht gar einzuschüchtern. Stil: „Wie stehen Sie denn dann da, Frau Schwarzer!“ oder „Sie ruinieren ja mit ihrem Vorgehen den Verein!“ – Ich antwortete: Hoffentlich!

Ganz offensichtlich wollten viele lieber weiter glauben anstatt endlich zu wissen. Und interessierte es sie wenig, was mit den Spenden geschah.
Zum Glück hielt ich durch – und behielt leider Recht. Heute stellen sich für mich vor allem zwei Fragen:

1. Was eigentlich ist ein Vereinsrecht wert, nach dem jeder sich selbst als „gemeinnützig“ deklarierter Verein mit Spenden schalten und walten kann, wie ihm gutdünkt – ohne von irgendjemandem kontrolliert zu werden?
2. Welche Rolle spielen wir Medien eigentlich bei dem Missbrauch von Spenden? Können wir es überhaupt verantworten, zu Spenden an Vereine und Organisationen aufzurufen, bei denen wir uns nicht höchstpersönlich überzeugt haben – und weiter kontrollieren – was mit den Geldern geschieht?

Udo D. hat im Namen der guten Sache nicht nur meine halbe Million kassiert, sondern auch die von so manchem Gutgläubigen 10 oder 20 vom Mund abgesparten Euro im Monat. Wir alle wollten helfen. Wir alle wünschten uns, dass er existiert, so ein unbürokratischer Verein, der Gutes tut und Leben rettet.

Ich bin sehr erleichtert, dass das Treiben von Hatun & Can endlich gestoppt ist. Aber dieser Verein wird nicht der einzige sein … Sobald das Geld nach Verurteilung von Udo D. zurückgeflossen ist, werde ich es neu an verschiedene Projekte verteilen. Doch diesmal mit Auflagen. Denn das habe ich nun gelernt: Auch bei einer scheinbar guten Sache geht Kontrolle über Vertrauen.

Alice Schwarzer

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  • 4 Kommentar(e)
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Gravatar: S.H.S.H.
03.07.2010
18:54
Frau

Millionen und Milliarden werden auf dieser Welt für gute Zwecke gespendet, doch ich habe den Eindruck, daß alles eher schlimmer als besser wird. Diese Geschichte zeigt doch, wie einfach es scheinbar ist, einen "gemeinnützigen" Verein zu gründen und abzukassieren. Wer soll das kontrollieren? Die Medien auf jeden Fall, bevor sie zu Spenden aufrufen bzw. selber Spenden verteilen. Immer nach dem Staat rufen hilft da auch nichts. Die einzelne SpenderIn muß sich natürlich auch selbst über die Institution informieren, welcher sie spenden möchte. Wenn jedoch die Medien eine gute Recherche betreiben oder zumindest auch ehrlich informieren, wenn etwas nicht o.k. ist, hilft das doch der Wahrheit weiter. Darum geht es doch wohl und nicht um die falsche Scham derjenigen, die dann nicht berichten, wenn was falsch läuft. Damit wird den Betrügern dieser Vereine der Betrug erst richtig ermöglicht.

Gravatar: SandraSandra
15.07.2010
10:08
Schockieren...

...wie man nicht nur die Betroffenen so ausnützen kann, um selbst Profit zu machen. Solche Menschen können kein Gewissen haben. Denkt man an die Menschen, die wirklich diese Hilfe benötigen, ist es umso trauriger, dass Personen wie dieser Becker solche Situationen und Missstände missbrauchen kann. Ich bin echt schockiert und werde es auch immer wieder sein, denn - wie Sie schon sagten - es wird nicht der einzige vermeintlich gemeinnützige Verein sein.

Gravatar: AberhalloAberhallo
11.08.2010
11:24
Hatun und Can: Die bittere Wahrheit

Ach Frau Schwarzer, es tut mir leid, dass Sie das jetzt durchleben müssen. Sie wollten es gut machen, das glaube ich Ihnen. Trotzdem möchte ich Sie kritisieren. Ich freue mich, wenn Sie es als Anregung nehmen. Sie sagen, Ihre Autorin hätte ausgiebig recherchiert. Das sehe ich nicht so, denn dann müsste ihr auffallen, dass etwas mit dem U.D. nicht stimmt. dann hätte Louis mal bei anderen organisationen, die ebenfalls hilfe auf diesem gebiet leisten, nachfragen sollen. ich unterstelle ihr und Ihnen, dass Sie in diesen kulturellen themen/ migrantengeschichten nicht sensibilisiert sind. lesen Sie mal bei www.gladt.de nach. um ein feingefühl dafür zu bekommen. wieso haben Sie sich einen verein ausgesucht, der von einem deutschen, von einem mann, ohne kulturelle kompetenz, ohne fachwissen gegründet wurde...warum? wenn ich mir einen laden anschaue, dann gucke ich zuerst nach folgenden offensichtlichen punkten, die übrigens viel über die politische und soziale einstellungen aussagen: 1) wieviele frauen sind beschäftigt? in welchen positionen sind frauen beschäftigt? 2) welche kulturellen kompetenzen haben sie: alles weiße deutsche? migrationshintergrund? ich finde Sie gut. mit ein wenig mehr feingefühl in kulturellen themen würde ich Sie natürlich noch besser finden;-) weiterhin viel erfolg!

Gravatar: NeleNele
30.08.2010
22:49
Warum erst jetzt?

Vor ca. 5 Jahren hatte ich mich bei denen gemeldet, um ein Plätzchen in der Not anzubieten, falls jemand schnell untergebracht werden müsste. Als Antwort kam eine Dankes - Sammelmail mit allen Mailadressen und Namen derer, die den Verein unterstützen wollten - ich hatte eigentlich gedacht, dass so einer offensichtlichen Luschentruppe der Vereinsstatus längst hätte entzogen werden müssen?

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