Blog

19.05.2010

Die Pille - was für eine Befreiung!

Die Pille wird 50. Auf dem Papier. Denn bis diese revolutionäre amerikanische Erfindung auch uns Frauen in Deutschland erreicht hatte, bis die Ärzte bereit waren, sie uns zu verschreiben, und bis wir uns trauten, sie auch zu nehmen – das dauerte nochmal ein paar Jahre.

Ich habe die Pille ab Mitte der 60er Jahre genommen, also mit 22, 23. Über etliche Jahre. Und ich bin eine von vielen Millionen Frauen, die die Pille für ein Geschenk Gottes halten, wenn ich das in dem Zusammenhang so sagen darf. Und das trotz gewisser Einschränkungen, die sehr rasch klar wurden.

Denn die Zeit vorher, das war einfach die Hölle. Entweder hatten Frauen mit Männern zu tun, die gar nicht verhüteten. Oder aber Verhütung war – bei einer Minderheit der Paare – zwar ein Thema, aber die Fehlerquellen waren immens. Zyklus ausrechnen. Temperaturen messen. Verschämt Präservative kaufen. Das alles war ein ewiger Krampf und über allem schwebte die unbeschreibliche Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft.

Sicher, diese Angst ist immer noch existenziell für jede Frau, die nicht bzw. nicht nochmal Mutter werden will und Sexualität mit Männern lebt. Damals aber war sie eine Frage auf Leben und Tod. Und eine uneheliche Mutterschaft eine Schande für Mutter und Kind.

Also jetzt, oh Wunder: Die Pille! Was für eine Befreiung. Die Pille kam wenige Jahre vor der Frauenbewegung. Und zweifellos ist sie einer der Zündfunken, die das Feuer der Forderung nach gleichen Rechten für Frauen mit angefacht haben.

Doch nach der ersten Euphorie kamen gerade den bewussten Frauen auch die ersten Bedenken. Was war mit den medizinischen Nebenwirkungen dieser Pille, die dem Körper hormonell eine permanente Schwangerschaft vortäuschte? Sie waren enorm. Und es ist nicht zuletzt – ja vermutlich vor allem – der Kritik von Feministinnen zu verdanken, dass sie heute minimal sind. Die Pille wurde in den letzten 50 Jahren entscheidend verbessert.

Und was war mit den psychologischen Nebenwirkungen der Pille? Auch die konnten ernorm sein. Denn statt der permanenten Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft drohte nun die Gefahr der Erwartung einer permanenten Verfügbarkeit der Frauen. Wenn also die Frauen nicht selbstbewusst und stark genug waren, konnte das auch umschlagen in die Forderung von Männern, Frauen hätten selbstverständlich zu verhüten.

Auch diese Sorge formulierten allen voran Feministinnen schon sehr früh. Gleichzeitig mit den Bedenken um die mögliche Ausnutzung des Rechts auf Abtreibung von Frauen.

Heute ist die Einnahme der Pille für eine Mehrheit der Frauen eine Selbstverständlichkeit. Und das ist auch gut so. Umso überraschter war ich, im Editorial des Stern-Chefredakteurs Thomas Osterkorn zur Titelgeschichte über die Pille folgende seltsame Passage zu lesen:

„Auch von Alice Schwarzer kam Kritik. Die Pille sei ‚eine mechanistische Männererfindung zur Instrumentalisierung der Frau’, sagte Deutschlands Oberfeministin.“

Da das Stern-Zitat mir sowohl in seiner Denkungsart wie in seiner Diktion sehr, sehr fremd ist, hörte ich nach beim Kollegen, woher er denn diese verschrobenen lebensfernen Sätze habe. Und siehe da:

Der Stern-Chefredakteur hatte das angebliche Schwarzer-Zitat u.a. von babycaust.at, der Website christlicher Fundamentalisten, für die Frauen, die abtreiben, „Mörderinnen“ sind. Und die wiederum hatten es von PM History, ein Magazin, das ebenfalls bei Gruner & Jahr erscheint.

Doch selbst die Babycaust-Fanatiker hatten nicht gewagt, mir einen so hanebüchenen Unsinn in den Mund zu legen. Sie hatten lediglich unterstellt, Alice Schwarzer würde „sinngemäß“ so denken… Beim Stern jedoch landete die Unterstellung ungebremst als Originalzitat zwischen zwei Anführungsstrichen. Die Recherchewege unserer auflagenstarken Brüder gehen offenbar manchmal sehr seltsame Wege…

Nun, lieber Kollege Osterkorn, eigentlich ist es ganz einfach: Alice Schwarzer denkt schon länger exakt das über die Pille, was die von Ihnen zitierte 20-jährige Lara Keuthen heute denkt: Die Pille ist für Frauen ein Segen – aber sie kann auch Nachteile haben.

Also, lassen Sie doch beim nächsten Mal, wenn Sie Schwarzer zitieren wollen, einfach beim Original nachschlagen statt beim politischen Gegner. Zum Beispiel in meinen Büchern oder Artikeln. Oder auch, weil’s ja eilig ist, auf www.aliceschwarzer.de.


  •  
  • 2 Kommentar(e)
  •  
Gravatar: LavaLava
31.07.2010
16:37
Wirklich "gut so"?

"Heute ist die Einnahme der Pille für eine Mehrheit der Frauen eine Selbstverständlichkeit." Genau da liegt aber auch das Problem, es ist nämlich nicht nur für die Frauen eine Selbstverständlichkeit, sondern auch für viele Männer und Gynäkologen. Auch wenn die Pille in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessert wurde, hat sie leider immer noch sehr viele Nebenwirkungen und aus eigener Erfahrung muss ich leider sagen, dass man nicht unbedingt auf Verständnis stößt, wenn man sich gegen die Pille entscheidet. Sehr viele Gynäkologen sind mittlerweile so festgefahren was hormonelle Verhütungsmethoden angeht, dass für sie in der Beratung nichts anderes mehr in Frage kommt. Und was die Männer angeht: manche bedauern, dass es ohne Pille eben nicht mehr so einfach und Frau nicht ständig verfügbar ist...

Gravatar: MelvenueMelvenue
03.08.2010
20:28
Pille: Segen und Fluch

Auch ich sehe in der Pille einen wahren Segen, wobei es zwischenzeitlich was hormonelle Verhütung betrifft langfristig noch "einfachere" Lösungen gibt, die auch verhindern dass man die Pille mal vergisst, wie zum Beispiel das Stäbchen. Auf der anderen Seite birgt sich in meinen Augen in der Pille aber auch eine große Gefahr. Grad viele junge Mädchen verlassen sich ausschließlich auf die Pille, schließlich schützt sie ja vor einer Schwangerschaft, dass sie allerdings vor Gesclechtskrankheiten nicht schützt, das lassen leider viele Mädchen außer Sicht und verzichten auf eine zusätzliche Verütung.

Mein Kommentar

Zurück

EMMA zum Kennenlernen!

2 Ausgaben für 10 € (statt 19,60 €). Jetzt bestellen!

EMMAonline!

Nach dem Relaunch jetzt tagesaktuell!
zu EMMAonline

Alice on tour

DONNERStag, 9. September, 19.30 UHR

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Alice Schwarzer ist zu Gast an der CJD Christopherusschule Königswinter und spricht über die sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder, anschließend Diskussion mit dem Publikum.

alle Termine

Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und heute beim Betrachten des neuen Becker-Cartoons (mit Margitta Hösel).

Bücher, Hörbücher, DVDs

Alice Schwarzer

Journalistin aus Passion

Das Selbstverständnis von Schwarzer als Journalistin und ihr Weg Von der Volontärin zur Blattmacherin. Die Herzl-Dozentur in Wien jetzt als Buch.
(Picus, 14.90 €)

Publikationen