Die Zukunft ist menschlich

Es gab mal einen Slogan, der hieß: Die Zukunft ist weiblich. Ich fand den immer schrecklich. Denn so wenig, wie ich die männliche Gegenwart wünschenswert finde, so wenig hoffe ich auf eine weibliche Zukunft. Ich glaube nicht daran, dass Frauen das bessere Geschlecht sind (und Männer das schlechtere). Es sind einfach die (Macht)Verhältnisse, die den einen mehr Gelegenheiten zu Übergriffen geben als den anderen. Ich wünsche mir also ganz einfach eine menschliche Zukunft.

Wir Pionierinnen der Frauenbewegung sind seit Anfang der 70er Jahre gegen Ungleichheit und (Ohn)Macht angetreten. Zehn Jahre später war die Frauenbewegung am Ende. Nicht, weil sie tot oder überholt gewesen wäre sondern weil es in der Natur einer Bewegung liegt, dass sie zeitliche Grenzen hat. Eine Bewegung ist nur eine solche, solange sie in Bewegung ist, gemeinsame Ziele und einen organisatorischen Zusammenhalt hat. Die aber sind Anfang der 80er Jahre auseinander gefallen.

Aus der Frauenbewegung wurde ein allgemeiner Bewusstseinszustand, der in die Köpfe und Herzen zog; in die Schulen, Universitäten, Parlamente, Büros, Studios und Schlafzimmer. Der Feminismus ist heute allgegenwärtig. Mehr können wir uns eigentlich nicht wünschen.

Aber: Der Feminismus ist keine organisierte, fassbare, quantifizierbare gesellschaftliche Kraft. Das ist seine Schwäche. Die Frauenbewegung hat die traditionellen Organisationsformen abgelehnt ohne neue einzuführen; hat weder Parteien noch Aktiengesellschaften gegründet. Sie hat auf Bewusstseinswandel statt Besitzstände gesetzt. Was nicht falsch war und sehr sympathisch. Was aber nicht genügt.

Jetzt stehen wir da. Wir sind viele. Aber wir haben keine Lobby. Die Stimmen der Frauen wiegen nicht bei Entscheidungen und sind nicht organisiert bei Wahlen.

Die Gretchenfrage, auf die wir bewussten Frauen in den kommenden Jahren eine Antwort finden müssen, lautet darum: Wie können wir einerseits unseren individuellen Weg weitergehen andererseits aber gleichzeitig den Schulterschluss machen, um zum gesellschaftlichen Machtfaktor zu werden?

Alice Schwarzer in "Alice im Männerland - eine Zwischenbilanz" (Kiepenheuer & Witsch, 2002).

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