Warum Krieg?

Über das Sterben der Anderen - und die Folgen für uns.

Ich bin gegen einen Krieg im Irak. Wie so viele. Allein am 15. Februar gingen in 60 Städten auf der ganzen Welt Millionen Menschen auf die Straße. Und die Umfragen bestätigen den Eindruck einer stündlich steigenden Friedenswoge, die in Europa besonders hohe Wellen schlägt. Allein in Deutschland sagten Mitte Februar 80 % der Männer und 90 % aller Frauen Nein! zu dem von Amerika angekündigten Krieg.

Doch geht es nicht nur um Krieg oder Frieden, was genügen würde, es geht auch um die Demokratie, diese "Herrschaft des Volkes". Die findet in den kriegslüsternen Ländern zur Zeit weniger in der Regierung und eher auf der Demo statt. Würden Länder wie Amerika, England (wo 68 % gegen den Krieg sind) oder Spanien (91 %), die von ihnen so gerne beschworene Demokratie selbst ernst nehmen, müssten sie ihren Kriegskurs um 180 Grad drehen auf Friedenskurs.

In Deutschland waren die rund 500.000 Menschen vor der Siegessäule bis zum Alex die mächtigste Antikriegs-Manifestation der Nachkriegszeit. Und wenn unser von der Diplomatie als Trampel verspotteter Kanzler zur Zeit im Ausland tourt, wird er vom Volk als Friedensheld bejubelt: "Bravo Schröder!" oder "Wir sind stolz auf Deutschland" ist da auf den Transparenten zu lesen. Da reiben wir uns die Augen. Was ist passiert?

Es ist erst 60 Jahre her, da überzogen die Deutschen halb Europa mit Grauen. Danach wollten sie "Nie wieder Krieg". Dann kamen Auf- und Nachrüstung, immer im Schlepptau des großen Bruders Amerika. Er war der Gute; die anderen waren die Bösen. Nun ist nur noch unser guter großer Bruder erhalten geblieben. Beim näheren Hinsehen allerdings sind seine Motive als Weltpolizist keineswegs nur edel. Und wir sind nicht mehr das Hätschelkind an der Nahtstelle des Kalten Krieges zwischen West und Ost. Wir sind im Abseits gelandet. Die Militärmusik spielt längst woanders, nämlich zwischen der ökonomischen, kulturell und militärisch überwältigenden Weltmacht Amerika und dem Rest der Welt. Als künftige feindliche Brüder schälen sich zwei Kräfte heraus, die beide Fundamentalisten sind und im Namen ihres jeweiligen Gottes vom "gerechten Krieg" schwafeln (im Weißen Haus beginnt jeder Tag mit einer Morgen- andacht).

Warum will Amerika den Irak bombardieren? Weil das Land Bin Laden finanziert? Nein, das tut Saudi Arabien. Weil aus dem Land die Attentäter vom 11. September kommen? Nein, die kommen aus Ägypten und Deutschland. Weil Saddam Hussein die moslemische Welt fanatisiert? Nein, der ist zwar auch ein Schurke, aber immerhin ein weltlicher - für die ideologische und militärische Aufrüstung zum Dschihad zeichnet der Iran verantwortlich. Weil im Irak die zweitgrößten, vielleicht sogar die größten Ölvorkommen der Welt sind? Ja. Weil die Weltmacht USA an einer Bastion mitten in Nahost interessiert ist? Ja. Weil Amerika seine schon jetzt überwältigende Hegemonie ein für allemal festschreiben will? Ja.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Amerika ein anderes Land via Geheimdienste undercover destabilisiert oder via Truppen offen überfällt. Aber einen Unterschied zu früher gibt es: Es wäre das erste Mal, dass die USA gegen die offensive Missbilligung der Weltöffentlichkeit ein Land überfiele. Und es ist schwer vorstellbar, dass das ohne Folgen bliebe. So wenig, wie letztendlich der Vietnam-Krieg ohne Folgen blieb.

Ein Alleingang der USA gegen den Irak wäre nicht nur das Ende des Völkerrechts. Er wäre auch das Ende des Zweistromlandes, dieses einstigen Paradieses, in dem nach der biblischen Legende Eva Adam den Apfel reichte und das noch vor 20 Jahren als das fortschrittlichste und blühendste Land der Region mit beispielhaftem Gesundheitssystem und höchsten Alphabetisierungsraten galt. Internationale Hilfsorganisationen rechnen im Kriegsfall nicht nur mit Tausenden von Toten, sondern auch mit vier Millionen Flüchtlingen, einer zerstörten Infrastruktur und noch mehr toten irakischen Kindern, von denen schon heute jedes achte am Golfkrieg und seinen Folgen stirbt.

Aber das ist noch längst nicht alles. Ein so offensichtlich ungerechtfertigter Krieg gegen den längst am Boden liegenden Irak würde die ganze arabische und muslimische Welt in Flammen setzen. Die Bombardierung des entwaffneten Landes würde zurecht als finale Unmenschlichkeit und Demütigung empfunden - und entsprechend quittiert: Öl auf die Flamme der Gotteskrieger.

Wir alle würden den Preis dafür zahlen. Doch diese Gedanken macht die US-Regierung sich offensichtlich nicht. Sie plant schon jetzt für "die Zeit danach" eine mindestens "zweijährige Militär-Übergangs- regierung" sowie die "Instandsetzung" der Ölfelder. Und sie baut gerade den türkischen Präsidenten, einen in der Wolle gewaschenen Fundamentalisten, auf. Aus ihren bisherigen Fehlern scheinen sie nichts gelernt zu haben, diese Herren. Und das wird nicht nur auf Kosten der Frauen gehen.

Wieviel Krieg mit Geschlecht zu tun hat, verrät uns schon das aktuell kursierende Vokabular. Für uns sind die Amerikaner "Cowboys", für die sind wir Europäer "Eunuchen" oder "warme Brüder" (sic). Krieg ist und bleibt Männersache, auch wenn mal eine Pilotin mitfliegen darf. Und eines der zentralen Motive aller Kriege ist die Reaffimation von Männlichkeit - was weder den Frauen noch den Männern gut tut.

Alice Schwarzer, EMMA 2/2003

Zum Thema u.a. von der Autorin: Die Mutter aller Schlachten 1/1999  (und "Alice im Männerland", 2002), Der gerechte Krieg  3/99

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