So geht das. bzw. Die Mutter aller Schlachten

In den ersten 16 Tagen fliegen sie genau 44.000 Bombereinsätze, jede Minute einen, flächendeckend, so wie damals in Vietnam, und zum Teil mit den gleichen Flugzeugtypen. Allein in der ersten Nacht fallen mehr Bomben auf Bagdad als auf Dresden im ganzen zweiten Weltkrieg. Am 22. Tag legen sie die dritte Brücke über den Euphrat in Schutt und Asche am helllichten Nachmittag und just in dem Moment, in dem dort die Männer auf dem Nachhauseweg sind, die Frauen einkaufen und die Kinder spielen. Allein diese Brücke begräbt Hunderte von Toten unter sich. Gegen Ende der dritten Kriegswoche sprechen Experten von mindestens 30.000 Toten die Verletzten, Hungernden, Heimatlosen, die verendeten Tiere und die zerstörte Natur nicht mitgezählt.

Und das ist erst der Anfang. "Abschneiden und Vernichten", so lautet die Parole von Stormin Norman, dem kriegführenden US-General Schwarzkopf. Nur drauf mit der westlichen Wunderwaffe auf den arabischen Untermenschen. Das macht Spaß, Mordsspaß. Wie sie so war, die erste Bombennacht? "Phantastisch! Wie Weihnachten ... Aber jetzt gehe ich erst mal frühstücken und dann mach ich wieder meinen Job" (ein britischer Bomberpilot nach seinem ersten Einsatz über Bagdad). Was vom Feind zuhalten ist? "Es ist so, wie wenn man nachts das Licht in der Küche anknipst: Die Kakerlaken fangen an zu rennen, und wir töten sie" (US-Luftwaffenkommandant Dick White nach den ersten Luftangriffen auf irakische Bodentruppen). Und warum das alles? "Wir sind hier nicht nur wegen der Benzinpreise. Wir legen die Zukunft der Welt für die nächsten 100 Jahre fest" (US-Hauptfeldwebel J. Kendall).

So ist es, Colonel Kendall. Hier geht es um die Eroberung der Welt. Drei Lektionen sollen der Welt dabei eingebombt werden. Erstens: Die USA sind im nächsten Jahrhundert die Führungsmacht. Zweitens: Der Westen hält die Kontrolle über die arabischen Ölfelder. Drittens: Der weiße Mann bleibt der Größte. Seit dem 17. Januar 1991 befinden wir uns im Dritten Weltkrieg. Nach der Auflösung der Ost-West-Blöcke, deren Satelliten die Dritte Welt-Länder waren, gilt es die Welt neu aufzuteilen. Der (ex)kommunistische Teufel hat seine Fratze abgelegt und versucht mitzufahren auf dem Karussell der ganz und gar freien Marktwirtschaft. Neue Feindbilder müssen her. Denn nur so kann die pathologisch patriarchalische Weltordnung weiter funktionieren, die vom Oben und Unten, vom Wert und Unwert, vom Gut und Böse. Da bietet sich dem nordischen Herrenmenschen der südliche Bastard an: Schwarze, Asiaten und Araber. Letztere sind eh noch vom Stiefeltritt der Kolonialherren gebeugt. Und neue Märkte können auch nichts schaden. Am liebsten solche, die man erst für Milliarden aufrüstet, dann für Milliarden zerbombt und sodann für Milliarden wieder aufbaut.

Der Konflikt entzündete sich nicht zufällig in einer Region der Dritten Welt, in der das meiste Öl gepumpt wird. Und er entzündete sich nicht zufällig an einer Nahtstelle: Hier prallen Norden und Süden aufeinander, Christen und Moslems, Abendland und Morgenland. Das ist in der Tat ein "Krieg der Kulturen". Bagdad ist die Wiege der morgen- und der abendländischen Kultur. Hier erzählte einst Scheherazade 1001 Nacht lang dem mächtigen Harun al Raschid Geschichten, um ihren Kopf zuretten. Und hier reichte Eva Adam den Apfel. Der Irak, so will es die alttestamentarische Legende, ist das Gebiet, in dem einst das Paradies lag. Jetzt werden die Menschen dort ein zweites Mal vertrieben.

Aber diesmal hat Gott nicht die Hand im Spiel. Diesmal sind es die Herren der Welt, die uns zeigen, wozu so ein echter Kerl fähig ist. Und bevor sie in ihre mit Computern und Videokameras ausgerüsteten Cockpits steigen und aus ihren Spielchen blutiger Ernst wird, nehmen sie einen letzten Schluck Cola und machen sich im Wüstenzelt mit Porno-Videos scharf.

Und die Medien? Sie liefern uns seit Wochen einen sauberen Krieg. Das Fernsehen feiert Triumphe über das Kino. Kein Kriegsfilm ist so spannend, wie die Nachrichten von CNN es sind. Alltäglich feiert der Männlichkeitwahn 24-Stunden-Orgien. Und die sich Bekriegenden stehen sich wenig nach in Sachen Selbstgerechtigkeit, Nationalismus und Blutrünstigkeit. Nur einen kleinen Unterschied gibt es da: Präsident Bush scheint stärker darum hat auch er den Krieg gewollt. Und da Manipulation und Meinungsmache so extrem sind, lohnt es sich, kurz an die Vorgeschichte des Krieges zu erinnern.

Solange Saddam Hussein Krieg gegen den fundamentalistischen Iran führte (1980-1988), war er der Darling von Ost und West. Wie grausam der pseudosozialistische Militärdiktator dabei gegen seine Feinde drinnen und draußen vorging, dass er Oppositionelle folterte und Kurden wie Iraner mit Giftgas erstickte das störte in all diesen Jahren nicht nur keinen, es galt sogar als förderungswürdig. Der Irak wurde von der Sowjetunion wie vom Westen aufgerüstet: zur viertstärksten Militärmacht der Welt. Allein in der Bundesrepublik kaufte Saddam Hussein im vergangenen Jahr Waren im Wert von über einer Milliarde DM - und die Bundesregierung übernahm dafür auch noch die Bürgschaft.

Nach Beendigung des Iran-Krieges blieb der Irak hochverschuldet zurück. Aber die Gläubiger, darunter die Golfstaaten, drängten auf Zahlung. Am 25. Juli 1990 ließ Saddam Hussein bei der amerikanischen Botschaft in Bagdad vorfühlen, wie die USA wohl auf seinen Einmarsch in Kuwait reagieren würden. Die inzwischen vielzitierte Antwort lautete: "Unsere Seite hat keine Meinung zu innerarabischen Konflikten." Damit war Saddam grünes Licht gegeben zur Besetzung seines Nachbarn, bei dem der Irak dick in der Kreide stand.

Am 2. August 1990 marschierte Saddam Hussein in Kuwait ein - und saß damit in der Falle. Denn ab jetzt gaben die USA ihm nicht mehr die geringste Chance zu einem Kompromiss. Am 17. Januar eröffneten die Amerikaner ihren "Blitzkrieg". Zwölf Tage später hielt der Präsident eine denkwürdige Ansprache zur "Lage der Nation": Bush wörtlich: "Heute Abend trete ich vor dieses Haus und vor das amerikanische Volk mit einem Aufruf zur Erneuerung. Denn auf dem Spiel steht mehr als ein kleines Land, es ist eine große Idee, eine neue Weltordnung, in der unterschiedliche Nationen in einer gemeinsamen Sache zusammenstehen." Unter der Führung der USA, denen sich nur noch die Bush-Frage stellt: "Wer von unseren Bürgern wird uns in das nächste amerikanische Jahrhundert führen?"

Auch der Feldherr, der die Mutter aller Schlachten führt, Saddam Hussein, ist nicht faul. Der einst sozialistische Staatschef hat sich neuerdings zu einem muslimischen Führer gemausert und offeriert sich den gedemütigten Arabern als Rächer gegen die verhassten Imperialisten. Mit Erfolg. Die absolute Mehrheit aller Araber, Männer wie Frauen, stehen hinter Saddam Hussein.

Dieser Mann, der heute für die Westler ein "Irrer" ist, ein "Satan", ja sogar ein "zweiter Hitler", ist für die Araber ein Held. Und das nicht nur in den Augen des verführten Volkes, sondern auch in denen der kritischen Intellektuellen. Wenn also jetzt westliche Intellektuelle hergehen und das demagogische Bush-Wort vom "zweiten Hitler" unreflektiert übernehmen, so zeigt das nur, wie wenig auch sie gewillt sind, ihr privilegierte weiße Position zu hinterfragen und die Dinge einmal nicht nur mit eigenen Augen, sondern auch mit den Augen der anderen zu sehen. Und die Medien spielen mit.

Tröstlich, dass es trotzdem mehr und mehr Deutsche gibt, die das so nicht mehr mitmachen wollen. Vor allem die Jungen (inklusive unserer so sympathischen "unmännlichen" Soldaten) und die Frauen wollen diesen Krieg nicht! Sie erteilen der martialischen Kriegshetze der Konservativen und den intellektuellen Winkelzügen des 68er Establishments eine klare moralische Absage. Denn für sie, für uns gibt es keinen gerechten Krieg. Es gibt nur ungerechtfertigtes Leid.

"Die Welt steht hinter uns", verkündet Bush an dem Tag, an dem er den Krieg erklärte. Welche Welt steht hinter Bush? Die der einen Milliarde Moslems (ein Fünftel der Weltbevölkerung - davon allein in der Sowjetunion 50 Millionen)? Die der Milliarden Schwarzen, Asiaten und Südamerikaner? Wer sind hier "wir"? Und wer sind "die Anderen"?

Die Lage der Frauen in den islamischen, zum Fundamentalismus neigenden Ländern war schon vor Beginn des Krieges dramatisch. Jetzt aber werden die gedemütigten Moslems ihren Hass noch mehr auf die eigenen Frauen abladen und auch das ist mit die Schuld der weißen Herren.

Alice Schwarzer im EMMA-Sonderband Krieg und EMMA 3/1991. Veröffentlicht in "Alice im Männerland - eine Zwischenbilanz" (Kiepenheuer & Witsch, 2002)

  • Gleiche Rechte, gleiche Pflichten!
  • Für ein Burka-Verbot!
  • Polanski: Die Schweiz ist eingeknickt
  • Leugnung der Machtverhältnisse
  • NZZ: Was Polanski und Röhl gemeinsam haben
  • Les Temps: Non, Polanski n’a pas payé sa dette
  • Emanzipiert Pädophilie?
  • Missbrauch - die frühe Brechung
  • Weltwoche: Alice Schwarzer über Islamismus
  • Integrationsministerium
  • Integration ist möglich!
  • Unerhörtes Selbstbekenntnis
  • Kein Zwang zur Mutterschaft
  • Motiv: Frauenhass
  • Biografie-Vorwort Marion Dönhoff
  • Über Frauen und die Welt
  • Gedenkrede Irmtraud Morgner
  • Börne-Preis-Rede
  • Die Gotteskrieger & der Schleier
  • Die falsche Toleranz
  • Tage in Teheran
  • Skandalöser Richterinnenspruch
  • Feminismus-Debatte
  • Kernthemen
    • Abtreibung
    • Pornografie & Frauenhass
    • (Sexual)Gewalt gegen Frauen
    • Sexualität & Liebe
    • Die neue Weiblichkeit
    • Die Gotteskrieger & der Schleier
    • Krieg & Frieden
    • Zukunft ist menschlich
    • Bundeskanzlerin
  • Archiv

EMMA zum Kennenlernen!

2 Ausgaben für 10 € (statt 19,60 €). Jetzt bestellen!

EMMAonline!

Nach dem Relaunch jetzt tagesaktuell!
zu EMMAonline

Alice on tour

DONNERStag, 9. September, 19.30 UHR

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Alice Schwarzer ist zu Gast an der CJD Christopherusschule Königswinter und spricht über die sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder, anschließend Diskussion mit dem Publikum.

alle Termine

Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und heute beim Betrachten des neuen Becker-Cartoons (mit Margitta Hösel).

Bücher, Hörbücher, DVDs

Alice Schwarzer

Journalistin aus Passion

Das Selbstverständnis von Schwarzer als Journalistin und ihr Weg Von der Volontärin zur Blattmacherin. Die Herzl-Dozentur in Wien jetzt als Buch.
(Picus, 14.90 €)

Publikationen