Krieg & Frieden
Wer dieses Kapitel liest, wird es vielleicht auf den ersten Blick paradox finden: In Zeiten der Friedenseuphorie kritisiere ich einen allzu blauäugigen Pazifismus und warne vor einer Befriedung der Frauen. In Zeiten der Kriegsführung kritisiere ich eine allzu rasche Bereitschaft zur gewaltvollen Konfliktlösung - und warne vor einer Militarisierung der Männer.
Doch die Kritik an der Frauen - Schwarzen oder Juden nur allzu gern zugeschriebenen natürlichen Friedfertigkeit einerseits und der allen Männern zugeschriebenen natürlichen Aggressivität andererseits gehört natürlich zusammen. Das eine bedingt das andere. Beides hat seine Funktion.
Kriegszeiten sind Männerzeiten, die Sache der Frauen hat da zurückzustehen. Das war schon immer so. Und auch die Mehrheit der Feministinnen hat sich in der Geschichte diesem obersten Befehl gebeugt. Es war immer nur eine Minderheit, die selbst in Zeiten der Kriegseuphorie der Entmenschlichung des Gegners ihr Mitfühlen auch mit den Anderen entgegensetzte.
Die Pionierinnen dieser feministischen Tradition, in der ich stehe, waren immer militante Kriegsgegnerinnen. Im 1. Weltkrieg war die Radikale Feministin Lida Heymann die erste kritische Stimme überhaupt, die sich öffentlich gegen den allgemeinen Kriegstaumel erhob. Sie und ihre Mitstreiterinnen waren, neben einer kommunistischen Minderheit, die Einzigen, die sich über alle Grenzen hinweg weiterhin die Hände reichten und mitten im Krieg Friedenskongresse veranstalteten was damals lebensgefährlich sein konnte.
Was aber nur konsequent ist. Denn wer auf der Mikroebene der Geschlechter gegen Gewalt und für Gleichheit ist, der muss auch auf der Makroebene der Völker gegen Krieg sein.
Alice Schwarzer in "Alice im Männerland - eine Zwischenbilanz" (Kiepenheuer & Witsch, 2002).



