Alice im Männerland
Die neue Weiblichkeit
Kaum waren die Weiblichkeit und mit ihr zwangsläufig auch die Männlichkeit - von den neuen Feministinnen als Rollenzwang für die Geschlechter in Frage gestellt worden, da wurde auch schon die neue Weiblichkeit lanciert (und die neue Männlichkeit folgte mit nur leichter Verzögerung). Nur wenige Jahre nach dem Aufbruch der Frauen rollte mit Wucht die neue (alte) Weiblichkeitswelle an. Und je emanzipierter die Frauen wurden, umso stärker wird der Druck auf sie, ganz Frau zu bleiben (was immer das heißen mag). Mit Highheels macht frau eben keine so großen Schritte.
Nicht zufällig läuft die Linie der stärksten Auseinandersetzungen, auch unter Feministinnen, entlang dieser Front. Auch die Frauenbewegung war sich nur im Moment des Aufbruchs einig, zerfiel dann aber rasch in zwei große Lager (das war historisch schon so): in hie Differentialistinnen und da Anti-Differentialistinnen. So heißt das heute. Früher hießen sie Biologistinnen und Anti-Biologistinnen oder Reformistinnen und Radikale. Doch immer geht es dabei um dieselbe fundamental verschiedene Grundauffassung.
Die Differentialistinnen sind überzeugt von einem irreversiblen, erhaltenswerten Unterschied zwischen den Geschlechtern (und damit zwischen Menschen überhaupt). Die Universalistinnen glauben an eine ursprüngliche und erstrebenswerte Gleichheit der Geschlechter (und damit aller Menschen). Woraus sich zwangsläufig ergibt: Wenn alle Menschen von Geburt aus gleich sind, so sind auch die Menschenrechte unteilbar.
Ich stehe in der Tradition der Universalistinnen. Alle meine politischen Positionen von der Hausarbeit bis zum Waffendienst ergeben sich zwangsläufig aus dieser Grundhaltung. So war es selbstverständlich für mich, die Renaissance der Weiblichkeit von Anbeginn an kritisch zu begleiten. Dazu gehört die Analyse der Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit ebenso wie die Entlarvung des Versuchs einer Feldbuschisierung unserer Gesellschaft.
Alice Schwarzer in "Alice im Männerland - eine Zwischenbilanz" (Kiepenheuer & Witsch, 2002).
Weitere Texte zum Weiblichkeitswahn
Die Feldbuschisierung (EMMA 5/2001)
Moderne Verschleierung (EMMA 1/2003)



