Bund, 7.9.05
Viele Küchenmesser im Rücken
Das nachfolgende Interview erschien am 7. September 2005 in der Schweizer Zeitung Bund.
Angela Merkel präsentiert sich im Wahlkampf nur wenig pointiert als Frau, die es schaffen will. Warum setzt sie nicht stärker auf diese Trumpfkarte?
Alice Schwarzer "Frauen" sind in der Berliner Republik das Unwort der Saison. Eine Frau, die sich für Frauen einsetzt, wird von den Herren sofort in die Frauenecke manövriert. Also hat Merkel, die Kanzlerin werden will, sich gehütet, über Frauen zu sprechen. Das aber nehmen ihr verständlicherweise wieder die Frauen übel. Ein Dilemma, das nicht zu lösen ist. Wir werden sehen, was sie tut, wenn sie es ins Kanzleramt geschafft hat. Wenn dann die Frauen immer noch kein Thema sind - und die Ossis auch nicht - dann verrät sie sich selbst, leugnet ihre eigenen Wurzeln.
Im Kampf um die Kanzlerkandidatur hat Angela Merkel all ihre männlichen Rivalen in der Union ausgeschaltet und besiegt. Wenn es stimmt, dass der Männerclub der Landesfürsten so mächtig ist: wie hat sie das geschafft? Und muss sie sich als Kanzlerin fürchten, weil sie eine Frau ist?
Wenn der SPD-Kanzler nicht so überraschend den Bettel hingeworfen hätte, wäre Angela Merkel vielleicht nie Kanzlerkandidatin geworden. Die Männerbünde der CDU/CSU hätten sich schon noch einiges einfallen lassen bis 2006. So ist es eine Ironie der Geschichte, dass Schröder der eigentliche Kanzlerinnenmacher ist. Aber einmal an der Macht, werden die Herren nicht schlafen. Eine Kanzlerin Merkel wird viele Küchenmesser im Rücken haben.
Würde sich, allein durch die Tatsache, dass Deutschland eine Bundeskanzlerin hat, etwas Wesentliches in der Bundesrepublik verändern?
Ja, es ist ein großer Sieg für die Frauen, wenn über ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Bundesrepublik und über 30 Jahre nach Aufbruch der Frauenbewegung jetzt erstmals eine Frau das bedeutendste Amt im Staate besetzen würde. Das zeigt allen Frauen, dass Frauen im Prinzip alles können. Eine Kanzlerin wäre ein ermutigendes Rolemodel für alle kleinen Mädchen in Deutschland!
Sind Ihnen in diesem Wahlkampf Dinge aufgefallen, die trotzdem darauf hinweisen, dass es den „kleinen Unterschied“ eben doch noch gibt? Hinweise darauf, dass der Kampf zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder nicht gleichgewichtig ausgetragen wird?
Es gab unübersehbare Unterschiede im Stil beim Duell. Sie wandte sich mehrere Male ihm zu und sprach ihn direkt an. Er blickte zu den InterviewerInnen und redete über sie in der dritten Person. Aber so ein Duell funktioniert in der Wahrnehmung noch nach traditionellen Männerspielregeln: sonore Stimme, patriarchaler Stil. Also fanden viele, dass er die bessere Figur gemacht hätte - aber sie eben auch eine viel bessere als erwartet.
Was fanden Sie?
Mich haben beide überrascht. Der Kanzler war nicht so herablassend, wie ich befürchtet hatte, ja er war in der ersten Hälfte sogar spürbar verunsichert. Offensichtlich ist er den Umgang mit einer Frau auf Augenhöhe und einer weiblichen Herausforderin nicht gewohnt. Die Kandidatin hingegen war sehr offensiv und bis zum Schluss auch sehr sicher. Ihre größte inhaltliche Schwäche war Amerika, zu dessen Präsident sie eine scheinbar bedingungslose Loyalität hat. Beim Stichwort New Orleans wich Merkel aus, hatte nicht ein Wort für die Tausenden von Toten. Anscheinend will sie nicht wissen, warum mitten in Amerika Menschen verdursten und verhungern und Opfer roher Gewalt werden können. Liegt das vielleicht daran, dass in den USA die Aktienkurse wichtiger geworden sind, als das Mitgefühl? Und dass der weißen Elite in Washington die schwarzen Armen in Mississippi gleichgültig sind? Ich meine, dass die westlichen Demokratien sich dringlich die Frage nach ihren Werten stellen müssen, die ja nicht nur materieller Natur sein können. Schröders größte Schwäche war die Frauenpolitik. Was nach sieben Jahren rotgrüner Männerbündelei keine Überraschung ist. Auf die Frage nach der Kritik seiner Ehefrau an Angela Merkel wegen ihrer Kinderlosigkeit hatte er keine andere Antwort als eine sehr private: Eine Liebeserklärung an seine Frau. Das war Kitsch pur.
Der „Macho“ Gerhard Schröder politisiert mit diesem Etikett ganz gern, während seine Herausforderin in der Öffentlichkeit seltsam neutral wahrgenommen wird.
Nun, eine Frau kann stolz darauf sein, die Frau an der Seite eines bedeutenden Mannes zu sein und ihren Beruf für den Job einer Hausfrau aufzugeben. Sowas macht natürlich kein Mann für eine Frau. Schon gar nicht ein international renommierter Wissenschaftler wie Prof. Sauer, der Ehemann von Frau Merkel. Mir allerdings scheint so eine partnerschaftliche Ehe, wie die konservative Kandidatin sie führt, das Modell der Zukunft - und die Hausfrauenehe des sozialdemokratischen Kanzlers ein Modell von Gestern.
Ist es in Ihren Augen sexistisch, dass die Linkspartei kalauert, mit der Wahl Merkels würde es im Kanzleramt lediglich einen Frisurwechsel geben, aber keinen Politikwechsel?
Ja. Aber das sind wir Frauen aus der Ecke ja gewohnt.
Sozialdemokraten und Grüne engagieren sich traditionell für die Rechte der Frauen, was sich auch im Wahlprogramm ausdrückt. Andererseits ist Angela Merkel alles andere als eine Frauenrechtlerin. Wie entscheiden Sie sich bei dieser Wahl?
Genau das ist die Frage, die es zu entscheiden gilt. Was wiegt schwerer: die Frauenpolitik von Rotgrün - oder das Geschlecht der Kanzlerkandidatin der Konservativen? Nun, es ist schon beschämend für die Sozialdemokraten, dass sie selber nicht bereit sind, eine Kandidatin zu präsentieren - und übrigens auch für 2009 weit und breit keine in Sicht ist. Verschärfend kommt hinzu, dass Rotgrün die Frauenpolitik in ihren Wahlprogrammen zwar groß schreibt - real aber immer nur einen Bruchteil des Versprochenen realisiert hat. Die Konservativen allerdings haben die Frauen noch nicht Mal im Programm - mal abgesehen von dem Versprechen, künftig Freier von Zwangsprostituierten bestrafen zu wollen. Es gilt für die WählerInnen also, abzuwägen. Was wiegt schwerer: der bedauerlich geringe Unterschied in der Frauenpolitik der beiden Volksparteien - oder das Geschlecht der Kanzlerkandidatin?
Das Interview führte Fritz Dinkelmann. Bund, 7.9.05



