Alice im Männerland

(Sexual)Gewalt gegen Frauen

Wenn heute in Deutschland ein Mann seine Frau oder seine kinder schlägt und missbraucht, so müssen die das weder erdulden, noch müssen sie fliehen. Ein Anruf bei der Polizei genügt - und der Täter wird aus den gemeinsamen vier Wänden verbann. Das macht seit dem 1. Januar 2002 das so genannte "Wegweisungsgesetz" möglich, nach dem familiäre Gewalttäter aus der Wohnung gewiesen werden können.

Als das Gesetz verabscheidet wurde, war es 26 Jahre her, dass in Deutschland das erste "Haus für geschlagene Frauen" in Berlin eröffnet worden war. Seine feministischen Initiatorinnen argumentierten mit schockierenden Zahlen: Jede zweite Frau kennt sexuelle Gewalt aus eigener Erfahrung; etwa jedes dritte Mädchen ist sexuell missbraucht; drei von vier Tätern sind die eigenen Männer, Väter, Onkel. Sie ernteten dafür im besten Falle ein ungläubiges Kopfschütteln.

Auch ich selbst wurde mir des Ausmaßes dieses Problems erst Mitte der 70er Jahre bewusst. Bis dahin ahnte ich nichts von dem Ausmaß der Gewalt. Erst die Begegnung mit den Opfern hat mich sensibilisiert.

Männergewalt. Das ist einerseits das größte Problem von Frauen, andererseits ihr größtes Geheimnis. Wer ist schon gerne Opfer? So ist es eigentlich keine Überraschung, dass die Backlash-Strategie der Einteilung des Feminismus in hie den so genannten "Opferfeminismus" und da den "Powerfeminismus" auch unter Frauen viele Anhängerinnen fand. Dabei werden als "Opferfeministinnen" all diejenigen abgetan, die es noch immer wagen, auch von dieser dunklen Seite des Frauseins zu reden. Als "Powerfeministinnen" hingegen bezeichnen sich diegenigen, für die nur die strahlende Seite der Siegerinnen noch Thema ist.

Diese Spaltung ist natürlich so verlogen wie gefährlich. Denn auch die vielen Frauen, die in ihrem Leben schon mal Opfer waren, können morgen Siegerinnen sein - und umgekehrt kennt auch so manche Powerfrau die Abgründe von Demütigung und Schmerz.

Veröffentlicht in "Alice im Männerland - eine Zwischenbilanz" (Kiepenheuer & Witsch, 2002)

 

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Zur Person

Alice im Alter von acht Jahren, mit 27 als Pardon-Reporterin – und bei der Buchpremiere in Berlin im September 2011.

 

Das Hörbuch zum Buch

 

Lebenslauf. Gesprochen von Alice Schwarzer. 6 CDs mit 474 Minuten. Preis 24.95 €. Hörprobe: "Aufbruch nach Paris"

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